Donnerstag, 21. Mai 2026

Alt genug für die Schublade

 



 
Gestern bei der Physiotherapie lächelt mich der Therapeut breit an und sagt: „Für ihr Alter sehen sie noch verdammt gut aus.“
Ups!, Ich lächle irritiert, atme kurz ein und aus und sage: „Hm, interessant!, für mein Alter?“ 
Ihm rutscht das Lächeln aus dem Gesicht.
 
Was will er mir mit dem Satz sagen, und was sagt der Satz wirklich?
Er klang fast wie ein Kompliment, aber eben nur fast. Seine Stimme war warm, die Situation entspannt, sein Verhalten überaus charmant. Aber der Satz hat etwas in mir ausgelöst. Nicht laut, nicht dramatisch, eher wie ein kleiner innerer Stich, eine Mikrokränkung.
Während der Satz oberflächlich Anerkennung ausdrückt, ist da noch etwas anderes - eine Einordnung. Nicht einfach „Sie sehen gut aus“, sondern „sie sehen noch gut aus, trotz ihres Alters. Noch gut. Heißt das, eigentlich müssten sie in ihrem Alter hässlicher aussehen? Genau dieses „trotz“ ist der Stich. Es schränkt das Gesagte ein, es verschiebt es aus der Ebene einer direkten Wahrnehmung in eine Bewertung innerhalb einer Norm. Gutes Aussehen wird nicht als unmittelbare Eigenschaft meiner Person beschrieben, sondern als etwas, das im Vergleich zu meiner Altersgruppe beurteilt wird.
Mal ehrlich. Welche Frau will so was hören, egal wie alt sie ist? Das klingt wie eine Herabsetzung mit rosa Blümchen verziert. 
 
Jungsein ist der Maßstab für gutes Aussehen, vor allem was uns Frauen betrifft. Die Abwertung älterer und alter Frauen in unserer Gesellschaft ist nichts Neues und zeigt wie tief diese Abwertung ins kollektive Gedächtnis eingebrannt ist, es zeigt, dass Frauen noch immer mehr als Männer an altersbedingten Schönheitsnormen gemessen werden. Wer als Frau alt ist hat das gesellschaftlich gesetzte Verfallsdatum überschritten. Alt sein ist übel und wer als Frau nicht jünger und besser aussieht, als sie alt ist, wird sowieso unsichtbar. Attraktivität ist etwas für junge Frauen in den Köpfen der meisten Zeitgenossen.
 
Der Satz ist sozial grob. Ein echtes Kompliment klingt schlicht so: „Sie sehen gut aus.“ Punkt. Der Zusatz bewertet, relativiert und kategorisiert. Ich spüre am Abend, als ich mein altes, noch, gut aussehendes Gesicht, abschminke, wie mich das getroffen hat. Nicht, weil ich mich selbst nicht realistisch sehe, aber ich wurde durch eine Brille gesehen, die mich in eine Schublade einordnet. Vielleicht war es nicht seine Absicht. Vielleicht war es sogar als freundliches Kompliment gemeint. Aber Wirkung und Absicht sind nicht dasselbe. Und die Wirkung war, dieses Gefühl nicht wirklich gesehen zu werden - als weibliches Individuum.

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