Freitag, 27. März 2026

Fühlen statt Wegdenken

 

                                                               Foto: A.Wende

 
Viele von uns kennen das: Ein unangenehmes Gefühl taucht auf, vielleicht Angst, Traurigkeit oder Wut und fast automatisch beginnen wir, dagegen anzudenken. Wenn wir zum Beispiel versuchen, unsere Angst „wegzudenken“, sagen wir uns: „Das ist doch irrational“ oder „Stell dich nicht so an“. Wir sagen uns, dass es keinen Grund gibt, so zu fühlen, dass wir uns zusammenreißen sollen oder dass es doch gar nicht so schlimm ist. Für den Moment entsteht vielleicht kurz das Gefühl von Kontrolle, doch die Angst löst sich nicht wirklich auf, sie zieht zurück, wird leiser, verschiebt sich und kommt an anderer Stelle wieder zum Vorschein, nicht selten auch in körperlichen Symptomen.
Ähnlich ist es mit Traurigkeit, Wut oder Scham: Je mehr wir versuchen, sie mit Gedanken zu übergehen oder sie zu verdrängen, desto mehr verlieren wir den Zugang zu dem, was in uns gesehen werden möchte und desto mehr sammelt sich das Ungefühlte in unserem Seelenhaus.
Ein Verständnis von seelischem Schmerz ist, dass wir fühlen, was wir fühlen, weil wir denken, wie wir denken. Daraus entsteht die Annahme, dass Veränderung über das Denken möglich ist, also indem wir unser Denken ändern, wenn wir seelisch leiden. Das ist zum Teil wahr – unsere Gedanken beeinflussen unsere Gefühle, aber es ist auch wahr, dass unsere Gefühle unsere Gedanken beeinflussen.
Also was jetzt?
 
Viele von uns erleben, dass das mit dem Wegdenken oder anders denken, nicht wirklich nachhaltig funktioniert. Wir können unsere Gefühle nicht einfach „wegdenken“. Gefühle sind da, sie haben einen Grund und ihre Berechtigung. Heilung beginnt dann, wenn wir beginnen, unsere Gefühle ernst zu nehmen, sie zu verstehen und ihnen Ausdruck zu geben, statt gegen sie anzukämpfen.
Viele psychische Probleme entstehen, wenn wir keinen Kontakt zu unseren grundlegenden Gefühlen und Bedürfnissen haben. Dabei tragen wir alle von Anfang ein breites Spektrum von Emotionen in uns. Die sogenannten Grundgefühle, auch Basisemotionen genannt, sind universell und bei allen Menschen vorhanden, unabhängig von Kultur oder Herkunft. Dazu zählen Freude, Traurigkeit, Angst, Wut, Ekel, Scham, Liebe und Zuneigung. Jedes dieser Gefühle erfüllt eine wichtige Funktion. Freude zeigt uns, was uns gut tut, Traurigkeit hilft uns, Verluste zu verarbeiten, Angst schützt uns, indem sie uns auf mögliche Gefahren aufmerksam macht, Wut signalisiert, dass unsere Grenzen überschritten wurden und gibt uns die Kraft, für uns einzustehen, Ekel bewahrt uns vor Schaden, Scham hilft uns unser Verhalten im sozialen Miteinander einzuordnen, Liebe und Zuneigung ermöglichen Bindung, Nähe und Vertrauen. All das sind zutiefst menschliche Emotionen und jede von ihnen hat eine Bedeutung und einen Sinn. Sie weisen uns darauf hin, was uns wichtig ist und was wir brauchen.
 
Diese Grundgefühle sind weder richtig noch falsch, nch gut oder schecht, sie sind wertvolle innere Signale. Warum sollten wir sie also in gut oder schlecht unterscheiden und uns die schlechten wegdenken?
Weil die meisten Menschen Unangenehmes nicht fühlen wollen. Das ist verständlich, weil es weh tut. Aber genau dieses „weh tun“ ist ein Signal, das ernst genommen werden will. Wenn wir bereit sind diese inneren Signale wahrzunehmen und auf sie zu hören, kommen wir uns selbst ein Stück näher, wir erlangen Selbstkenntnis und Selbst - Bewusstsein.
Es ist heilsam, uns mit unseren Emotionen verbinden. Es ist heilsam unsere Gefühle bewusst wahrzunehmen, sie zu akzeptieren und zu verstehen, was sie uns sagen wollen. Es ist heilsam zu lernen, sie zu regulieren und auf eine angemessene Weise auszudrücken. 
 
Heilung ist ein Prozess in dem wir uns bewusst auch dem Schmerzhaften in uns zuwenden, nicht, um darin stecken zu bleiben, sondern um zu verstehen, wie es uns prägt und unser Leben beeinflusst. Indem wir uns erlauben, unsere Gefühle zu durchfühlen, entsteht ein Raum der Veränderung möglich macht. Das bedeutet, dass wir uns bewusst dem Schweren sanft annähern, um in echten Kontakt mit uns selbst zu kommen und das, was uns schmerzt auf einer tieferen Ebene zu wandeln. Erst wenn wir uns unseren Emotionen wirklich zuwenden, wird echte Veränderung möglich, nicht durch Weg- oder Schöndenken, sondern durch das bewusste Erleben und Verstehen dessen, was in uns vorgeht.
 
"Das Poetische heißt: sammeln", schreibt Alexander Kluge.
Vielleicht lässt sich genau darin auch innere Arbeit verstehen: als ein Sammeln dessen, was in uns ist. Wir sammeln unsere Gefühle, statt sie wegzuschieben. Wir sammeln unsere Erfahrungen, auch die schmerzhaften, und geben ihnen Raum. Und nach und nach ensteht ein Zusammenhang, ein inneres Verstehen, das nicht durch Kontrolle, sondern durch Zulassen wächst.
 
Was du fühlst darf sein. 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

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