„Es ist erstaunlich, wie sich das Bewusstsein aufspalten kann: in einen überwältigten Teil, der vor einem Schmerz, einer Angst kapituliert. Und in einen funktionierenden, der angemessene Reaktionen – Reden, Handeln – simuliert, als sei die Welt noch in Ordnung. Meine Welt war in den vergangenen Jahren zerbrochen. Was zuvor nur eine Tendenz zur Isolation gewesen war, hatte sich in tiefe Einsamkeit verwandelt.“
Diese Worte aus dem Buch "Einsamsein" von Daniel Haas treffen mit erschreckender Präzision was viele Menschen erleben.
Der Einstieg in das Buch fällt mir zunächst schwer. Fast lege ich es wieder zur Seite. Zu Beginn entsteht der Eindruck, hier gehe es weniger um Einsamkeit als um die literarische Aufarbeitung der Beziehung des Autors zu seiner Mutter, einer außergewöhnlich schönen Frau, von ihm zugleich bewundert und rätselhaft. Erst allmählich wird klar, dass diese Mutter-Sohn Beziehung der Schlüssel zum eigentlichen Thema ist. Auch die Mutter war eine Einsame. Jahre nach dem Suizid des Vaters entscheidet sie sich ebenfalls für den Freitod – mithilfe einer Sterbehilfeorganisation. Sie lässt ihren Sohn zurück: elternlos, traumatisiert.
„Aber was ist, wenn es ihr gelungen war, den Ärzten ein Krankheitsbild zu vermitteln, das diesen Schritt rechtfertigte? Wenn sie in Wirklichkeit einfach keine Lust mehr auf ein Leben hatte, in dem sie nicht mehr als Schönheit und Respektsperson auftreten konnte, sondern nur noch eine alte Frau unter vielen war – schwach und, in ihren eigenen Augen, unansehnlich?“
Haas beschreibt den Verlust der Mutter ohne Pathos, aber mit großer analytischer Schärfe. Mit der Zeit entfaltet das Buch eine Sogwirkung. Haas erzählt nicht nur die Geschichte seiner Mutter, sondern auch seine eigene – die Geschichte eines Menschen, der in die Einsamkeit hineingerät und sich darin fast verliert. In Interviews spricht er von einer Art „Erbe der Einsamkeit“, das in seiner Familie weitergegeben worden sei. Dieses Erbe zu verstehen, wird zum Antrieb des Buches. Jahre vor dem Freitod der Mutter gerät der Autor immer tiefer in die Isolation. Er verliert seinen Job, wird suchtkrank und verliert beinahe sich selbst. "Einsamsein" erzählt davon mit einer schonungslosen Offenheit, die stellenweise schmerzhaft ist.
Haas beschreibt nicht nur ein persönliches Schicksal, sondern ein gesellschaftliches Phänomen. Einsamkeit ist längst kein Randproblem mehr, sondern eine stille Epidemie der Gegenwart. "Einsamsein" ist ein eindringliches, erschütterndes und zugleich ein aufrüttelndes Buch. Vor allem aber ist es ein wichtiges Buch.
Daniel Haas findet schließlich einen Weg aus der Dunkelheit. Viele andere schaffen es nicht und bleiben in chronischer Einsamkeit gefangen.
„Ich glaube, wir werden irgendwann alle Einsamkeitsexperten und -expertinnen sein und verlernen, Gesellschaftlichkeit konkret und real zu gestalten sowie zu erfahren. Wir sind so vernetzt wie nie, aber die konkrete Begegnung wird als belastend und befremdlich empfunden“, sagt Haas in einem Interview.
Man liest diesen Satz und spürt, wie sehr er unsere Gegenwart beschreibt.
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