Freitag, 22. Mai 2026

Die Seele hungert nicht nach Perfektion, sondern nach Wahrheit




Viele Menschen leidet nicht zuerst an der Welt, sondern an sich selbst. An den Stimmen in ihrem Inneren, die niemals verstummen. An den Erinnerungen, die sie festhalten, den Geschichten über sich selbst, die sie sich wieder und wieder erzählen, an den Erwartungen, die sie an sich selbst, an andere und das Leben haben, an den Annahmen darüber wie die Dinge zu sein haben und an der Sehnsucht, jemand anderes sein zu wollen als der, der sie sind.

Die meisten Menschen verbringen ihr Leben damit, vor sich selbst zu fliehen. Sie suchen Ablenkung und Betäubung, verlieren sich im Denken statt im Fühlen, im Vergleichen, im Ehrgeiz, im Haben, in Beziehungen, in Selbstidealisierung oder in Projektionen auf andere. Alles scheint leichter, als still zu werden und dem eigenen Inneren zu begegnen. Denn dort wartet oft etwas Unangenehmes: Unsicherheit, Angst, Leere, Einsamkeit, Schmerz, Trauer oder das Gefühl, nie genug zu sein und nie genug zu haben. Sie bauen Fassaden, während in ihnen etwas Zerbrechliches um Anerkennung und Frieden ringt. Das Tragische daran ist, dass viele erst dann merken, wie fremd sie sich selbst sind, wenn die Maske Risse bekommt.

Wir alle tragen die Fähigkeit in uns, uns selbst zu erschaffen, aber auch, uns selbst zu zerstören. Vielleicht liegt genau darin das tiefste Leiden - dass der Mensch gleichzeitig derjenige ist, der Heilung sucht, und derjenige, der sich selbst immer wieder verletzt.

Die Seele hungert nicht nach Perfektion, sondern nach Wahrheit. Wahrheit bedeutet, sich selbst ohne Ausreden zu sehen. Das ist schwerer, als gegen jede äußere Krise zu kämpfen.

 

Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

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