Mittwoch, 25. März 2026

Tot im Leben

 



„Ich fühle mich wie tot im Leben“, sagt mein Klient. „Dieser Schmerz, diese Taubheit, diesem „tot im Leben“ Gefühl geht einfach nicht weg. Ich kann so nicht mehr weitermachen.“
Ich frage ihn, wie sich dieses „tot sein“ anfühlt.
„Das ist eine Schwere, die den ganzen Körper niederdrückt, eine Leere, die mich umgibt, das ist so viel Enttäuschung, die sich über Jahre angesammelt hat. Da ist Trauer und eine tiefe Einsamkeit, die alles durchzieht. Da ist eine Gleichgültig allem und jedem gegenüber. Das ist nicht mehr auszuhalten“, sagt er. Ich sehe, wie einsam er ist, wie verletzt, traurig, enttäuscht, ausgebrannt. Ich sehe, dass niemand ihn mehr hält, dass all die Menschen, die ihm wichtig waren, nicht mehr da sind und welche tiefe Leere das hinterlässt.
 
Dieses "tot im Leben-Gefühl" ist nicht einfach traurig sein oder erschöpft sein. Es ist ein Zustand, der den ganzen Menschen durchdringt: die Gedanken, die Gefühle, den Körper.  
Der Mensch ist körperlich noch da, er atmet noch, er funktioniert noch, aber innerlich ist alles wie eingefroren, leer, taub und schwer. Das macht dieses Gefühl so quälend. Da ist kein Moment von Lebendigkeit, Freude oder Hoffnung, alles fühlt sich grau, schwer und bedeutungslos an, sinnlos und leer. Das ist ein tiefes menschliches Leid, das sich über Jahre aufgebaut hat und jetzt als dauerhafte Last auf Körper und Seele liegt. Ein Mensch, der sich so fühlt, ist nicht nur traurig und müde, er ist verzweifelt bis in jede Zelle, weil ihn all das, was ihm wichtig war, verlassen hat. Das ist nicht nur Schmerz, das ist existenziell. Es ist der seelische Kollaps, der eintritt, wenn ein Mensch, der über Jahre viel Schmerz getragen hat, es einfach nicht mehr aushält. Das ist das Verzweifeln am Dasein.
Wenn die Frage nach dem Sinn sich stellt und sie keine Antwort mehr findet, schwindet der Lebenswille. Wenn dann im Außen nichts ist, was hält und trägt, erlischt dieser Wille. Die Leere, die gefühlt wird, ist nichts anderes als schiere Verzweiflung am Verlust des Lebenssinns, die Verzweiflung am eigenen Sein, das als wirkungslos geworden, erstarrt und nutzlos empfunden wird. 
 
Verzweiflung ist der schlimmste Affekt.
Verzweiflung ist nicht vernunftgesteuert. Sie ist ein existenziell bedrohlicher seelischer Zusammenbruch. Auf die Vernunft, auf rationale Argumente, kann man hier nicht setzen. Gegen rationale Argumente ist er Verzweifelte immun.
Verzweiflung ist nicht vernunftgesteuert.
In der Verzweiflung kann der Mensch sich von innen heraus nicht mehr selbst retten. Er braucht Rettung von außen. Ein verzweifelter Mensch braucht ein Gegenüber, das ihn versteht, seine Verzweiflung annehmen kann und nicht vor ihr zurückschreckt aus dem Gefühl eigener Hilflosigkeit heraus. Jemand, der vor der Wucht der Verzweiflung nicht flieht. Jemand, der präsent ist. 
 
Der verzweifelte Mensch braucht keine Ratschläge, kein „das wird wieder“, er braucht es gesehen zu werden. 
Und das bedeutet: dass jemand seine Gefühle nicht kleinredet, dass jemand seinen Schmerz spürt und anerkennt, ohne ihn sofort lösen zu wollen, dass sein inneres Erleben wahrgenommen wird, nicht nur seine Worte und seine Symptome – dieser Mensch braucht das Gefühl mit seiner Verzweiflung nicht mehr allein zu sein. Erst dann kann man nach und nach versuchen aktiv Denk-und Handlungsalternativen anzubieten, die zu einer neuen existenziellen Einstellung verhelfen. Erst dann kann der verzweifelte Mensch Schritt für Schritt beginnen, neue Perspektiven zu entdecken. Erst dann entsteht die Möglichkeit, aus der Verzweiflung heraus langsam wieder zu einem Leben zu finden, das Lebendigkeit, Sinn und Hoffnung enthält.
 
 
"Wessen wir am meisten im Leben bedürfen ist jemand, der uns dazu bringt, das zu tun, wozu wir fähig sind."
Ralph Waldo Emerson.
 
 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

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