„Menschen, die von einem schrecklichen traumatischen Erlebnis berichteten und dieses geheim hielten, hatten weitaus mehr gesundheitliche Probleme als Menschen, die offen über ihre Traumata sprachen." Diese Worte sind von dem amerikanischen Psychologen James W. Pennebaker, dem Erfinder des Expressiven Schreibens.
Manche von uns tragen Erinnerungen in sich wie verschlossene Räume.
Wir wissen, dass sie da sind, doch wir betreten sie nur selten oder nie. Die Türen bleiben geschlossen, die Geschichten unausgesprochen. Doch was wir verschweigen, verschwindet nicht. Es wirkt weiter – im Körper, in unseren Gedanken, in unserem Leben. James W. Pennebaker widmete einen großen Teil seiner Forschung genau diesem Zusammenhang: der Frage, wie Sprache, Gefühle und körperliches Wohlbefinden miteinander verbunden sind. Pennebaker untersuchte, wie Menschen sprechen und schreiben und was ihre Worte über ihre inneren Zustände verraten. Seine Forschung bewegte sich an der Schnittstelle von Persönlichkeitspsychologie, Sozialverhalten und psychosomatischen Erkrankungen. Besonders interessierte ihn, ob und wie sich belastende Erfahrungen auf unsere Gesundheit auswirken, wenn wir sie verschweigen – und was geschieht, wenn wir ihnen Worte geben.
In den 1980er-Jahren führte Pennebaker ein Experiment durch, das bis heute als Meilenstein in der Forschung zum sogenannten expressiven Schreiben gilt. Eine Gruppe von Studierenden schrieb an vier aufeinanderfolgenden Tagen jeweils fünfzehn Minuten lang über alltägliche, eher belanglose Ereignisse. Eine zweite Gruppe erhielt eine andere Aufgabe: Sie sollte über belastende oder traumatische Erfahrungen aus ihrer Kindheit schreiben – offen, ehrlich und ohne Zensur.
In den folgenden sechs Monaten beobachtete Pennebaker das Wohlbefinden der Teilnehmenden. Das Ergebnis war überraschend und zugleich bemerkenswert: Denjenigen, die sich schreibend mit ihren traumatischen Erinnerungen auseinandergesetzt hatten, ging es langfristig psychisch besser als der Kontrollgruppe. Das Schreiben über Schmerz, Verlust und Angst schien nicht zu belasten, im Gegenteil - es wirkte entlastend. Aus diesen Beobachtungen zog Pennebaker eine Schlussfolgerung, die heute von vielen Studien gestützt wird: Schreiben kann heilsam sein.
Auch aus meiner eigenen Erfahrung und aus der Arbeit mit Menschen in der Praxis und auch in meinen Schreibworkshops, weiß ich, welche Kraft im Schreiben liegen kann.
Wenn wir schreiben, beginnen wir, unsere Gedanken zu ordnen. Wir halten inne, schauen hin und versuchen zu verstehen. Aus Erinnerungen, Gefühlen und Gedanken entsteht langsam eine Geschichte, eine Erzählung, in der unsere Erfahrungen einen Platz finden. Indem wir sie aufschreiben analysieren wir sie und fügen sie zu einer kohärenten Geschichte zusammen - wir fügen sie in unsere Biografie ein. Was zuvor nur als diffuse Empfindungen oder drängende Gedanken in uns kreiste, bekommt eine Form. Und mit dieser Form entsteht oft auch ein neues Verständnis. Viele Menschen erleben dabei etwas Entscheidendes: Die Vergangenheit verliert einen Teil ihrer Macht. Erinnerungen werden nicht gelöscht, aber sie werden integrierbar und genau darum geht es wenn wir von Heilung sprechen.
Wie Schreiben wirkt
Schreiben hilft uns zunächst, Struktur zu finden. Während wir formulieren, greifen wir automatisch auf Wörter zurück, die zeitliche und logische Zusammenhänge herstellen. Unsere Gedanken ordnen sich entlang einer inneren Linie. Das Chaos der Gefühle beginnt sich zu sortieren. Gleichzeitig eröffnet das Schreiben einen Raum der Beobachtung. Wenn wir unsere Gedanken zu Papier bringen, treten wir gewissermaßen einen Schritt zurück und betrachten, was in uns vorgeht. Wir erkennen Muster, Verbindungen und haben manchmal auch überraschende Einsichten: Warum uns bestimmte Situationen so stark berühren. Welche Geschichten wir über uns selbst erzählen. Und welche vielleicht längst überholt sind und mit welchen wir uns noch immer zu auf selbstschädigende Weise identifizieren.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Distanz, die durch das Schreiben entsteht. Indem wir ein Erlebnis beschreiben, verwandeln wir es in eine erzählbare Erfahrung. Wir sehen uns selbst nicht mehr nur als Betroffene oder Betroffene eines Ereignisses, sondern auch als Erzählerinnen und Erzähler unseres Lebens. Diese Beobachter - Perspektive kann ein Gefühl von Selbstwirksamkeit zurückbringen. Wir beginnen zu spüren: Ich bin nicht nur Teil der Geschichte, ich gestalte sie auch.
Während sich die frühe Forschung vor allem mit der Verarbeitung traumatischer Erfahrungen beschäftigte, zeigte sich später, dass die positive Wirkung des Schreibens weit darüber hinausreicht.
Schreiben kann helfen, kreisende Gedanken zu beruhigen, Klarheit in schwierigen Entscheidungen zu finden oder Übergänge im Leben zu begleiten. Es kann ein Ort sein, an dem wir Krisen verstehen und als Chance erkennen, Veränderungen reflektieren und akzeptieren und selbst alltägliche Erlebnisse bewusster wahrnehmen und verarbeiten.
Ob expressives Schreiben allein ausreicht, um schwere Traumata zu heilen, lässt sich sicherlich nicht pauschal beantworten. Ich wage es zu bezweifeln. Jeder Mensch braucht etwas anderes um zu genesen.
Manche Erfahrungen und schwere Traumata brauchen therapeutische Begleitung, Zeit, Geduld und andere Formen der Unterstützung. Doch das Schreiben kann ein kraftvolles Werkzeug sein – ein stiller Raum, in dem Gedanken und Gefühle Ausdruck finden dürfen. Beim Schreiben brechen wir aus dem inneren Gefängnis unausgesprochener Emotionen aus. Wir geben dem eine Sprache, was sich in uns festgesetzt hat. Was zuvor nur gespürt wurde, darf ausgesprochen werden. Und manchmal ist genau das schon der erste Schritt zur Entlastung.
Wenn wir regelmäßig schreiben, beginnen wir, mit uns selbst in einen Dialog zu treten. Wir hören genauer hin. Wir lernen unsere inneren Stimmen kennen – die zweifelnden, die ängstlichen, die verletzten, die trauernden, die hoffenden, die sehnenden und die mutigen Stimmen. Mit der Zeit vertieft sich dadurch unsere Selbstwahrnehmung, unser Verständnis und unser Mitgefühl für uns selbst. So wird das Schreiben zu mehr als einer Methode der Verarbeitung. Es wird zu einer Form der Begegnung mit der eigenen Geschichte, mit den eigenen Gefühlen und letztlich auch mit der eigenen Lebendigkeit.
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

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