Mittwoch, 29. November 2023

Stille

 



Wenn ich früh am Morgen um halb sechs aufstehe ist es still. Nichts, kein Laut, kein Geräusch bis auf das Ticken der Wanduhr im Zimmer. Tick, Tack, im immer gleichen Rhythmus, erinnert sie mich an das Vergehen der Zeit und an meine Endlichkeit. Und zugleich sagt sie mir: Nutze den Tag. Jeder Tag ist kostbar. Jeder Tag ist ein Tag Leben. Jeder Tag ist eine Möglichkeit und ein Geschenk. Wenn ich das Fenster öffne ist es still, keine Vogelstimmen, kein Straßenlärm, ein stiller lautloser Morgen. Ein Morgen, der mir allein mir gehört. Ich lebe, wie schön, ich atme, wie schön. Ich trinke ein Glas warmes Ingwerwasser, mache mir einen Kaffee, setze mich an den Schreibtisch und lasse meine Gedanken fließen. Ich genieße diese ersten stillen Stunden des Tages.
Stille ist Lärmlosigkeit.
In der Stille begegne ich mir jeden Morgen selbst, spüre nach wie ich mich fühle. In der Stille des Morgens bin ich ganz bei mir. Nichts lenkt mich ab, nichts stört meine Kreise, niemand will etwas von mir. Da bin nur ich und meine eigene Gesellschaft. Und es ist gut und ruhig und still. Es gab eine Zeit, da habe ich das nicht so empfunden. Da war es mir zu still im ZImmer, da war diese Leere, und in der Leere eine diffuse Angst, ein Gefühl von Verlassenheit, ein bedrohliches auf mich selbst Zurückgeworfensein. Ich fühlte mich verlassen wie ein mutterloses Kind. Kein Halt, ein Gefühl von Trudeln im leeren Raum, das eine leise Verzweiflung und eine tiefe Trauer in sich trug. Die Stille war mir unerträglich. Warum ist da niemand? Warum muss ich das aushalten? Warum bin ich allein? Warum habe ich den Menschen verloren, den ich so sehr liebe? Was habe ich getan oder nicht getan? Was hätte sein können, wenn …? Endlose anstrengende Gedanken, die sich in der Stille aufblähten, keine Antworten fanden, sich wie kleine Hamster im Kopf drehten und kein Entkommen aus dem Hamsterrad. Und viel Schmerz und Trauer um das verlorene Glück. Es war kein guter Morgen. Statt beruhigende Stille war gruseliger Lärm in meinem Kopf. Nach und nach habe ich gelernt die Stille auszuhalten. Langsam, ganz langsam, habe ich gelernt meine Gedanken zu beobachten, sie vorüberziehen zu lassen, ohne ihnen all den Mist zu glauben, den sie mir einsagen wollen über mich. Ich habe gelernt meine ängstlichen Gedanken zu besänftigen und mein Gefühl von Leere zu füllen – mit mir selbst. Ich habe gelernt mich selbst auszuhalten, mit allem, was mich ausmacht, mehr noch, ich habe gelernt mich in meiner eigenen Gesellschaft wohl und sicher zu fühlen. Es war keine leichte Übung, es hat gedauert, es brauchte Mut und Geduld, aber es hat sich gelohnt. Heute liebe ich die Stille. 
 
In der Stille zu sein ist für die meisten Menschen nicht leicht. 
Viele meiner KlientInnen sagen, dass die Stille sie beängstigt und unruhig macht, dass sie Musik anmachen, den Fernseher anschalten, etwas tun müssen, sich beschäftigen müssen, raus müssen, weil sie es nicht aushalten in der Stille mit sich selbst und ihren Gedanken.
Gedanken können beängstigend sein, sie können anstrengend sein, sie können uns in Gefilde führen, die sich wie die Hölle anfühlen. Mit sich selbst, den eigenen Gedanken, Sehnsüchten und Ängsten konfrontiert zu sein kann verdammt bedrohlich sein. Unsere Dämonen gesellen sich in den stillen Stunden gerne zu uns. In der Stille finden sie Raum, werden gehört, gefühlt, endlich dürfen sie da sein. All das Verdrängte will da sein. Und wir wollen es weghaben. Ganz schnell soll das weggehen, was wir nicht fühlen, nicht hören, nicht sehen wollen. Wir kämpfen dagegen an. Im Lärm des Alltags obsiegen wir oft, das Laute übertönt was da an Unliebsamem in uns haust. Wir leben in einer lauten Umwelt, die immer lauter wird, auf dass wir nicht in uns hineinhören. Aber: Wer laut argumentiert, hat nicht immer die besten Argumente. In der Stille verlieren wir diesen Kampf, wenn sie nur lange genug anhält. Das ist gut so. Denn genau dazu ist sie da. 
 
Die Stille ist nicht gegen uns, sondern für uns, damit wir all dem, was da im Lärm des Alltags untergeht, endlich gegenübertreten, hinhören und uns uns selbst stellen. Dem, der wir sind, dem, der wir nicht sind und dem, der wir auch sind. Nur so werden wir überhaupt herausfinden wer wir im Ganzen sind. In der Stille machen wir uns mit uns selbst vertraut. Wir kommen uns näher, ganz nah. Die Stille wird zum zentralen Punkt der Selbsterkenntnis. Wir kommen uns nah wie einem Fremden, den wir uns vertraut machen, mit Neugier und Wohlwollen, mit Aufmerksamkeit und Achtsamkeit, mit Zuneigung und Wertschätzung, so wie wir es einem Fremden gegenüber tun würden, der uns interessiert.
Stille ist auch der zentrale Punkt für Veränderung.
Nur wenn wir uns selbst in der Stille so weit als möglich erkannt haben, wissen wir was wir nicht mehr wollen und was wir wollen. Wir finden Klarheit über den Menschen mit dem wir da gerade alleine im Zimmer sitzen. Diese Klarheit ist die Vorrausetzung um der zu werden, der wir sein wollen, um unser Leben zu gestalten, auf das es das Unsere ist, egal was andere denken, meinen und glauben. Wir werden uns unserer selbst bewusst. Das ist die Kraft, die wir aus der Stille schöpfen: Selbst-Bewusstsein und ja, auch Selbstfreundschaft. Am Ende ist diese Freundschaft mit uns selbst die einzige sichere Stabile im Leben. Alles kann uns verlassen, nur wir selbst dürfen uns nicht verlassen, denn dann sind wir wirklich verlassen. 
 
„Die größten Ereignisse in unserem Leben – das sind nicht unsere lautesten, sondern unsere stillsten Stunden.“
Friedrich Nietzsche

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