Dienstag, 28. September 2010

Allein leben

Allein leben ist nichts für Feiglinge.
Diesen Satz habe ich irgendwo gelesen.
Er hat mich nicht losgelassen.
Vielleicht, weil ich allein lebe.

Ich mag den Moment in dem ich die Tür hinter mir schließe und kein Gesicht mehr auflegen muss, keine Rolle mehr spielen muss und Musik auflegen kann.
Ich mag es wenn ich am Morgen wach werde und kein fremdes Wort sich zwischen die Worte in meinem Kopf mischt und ich in Ruhe meinen Kaffee trinken kann.

Allein leben ist eine Entscheidung die Ursachen hat. Sie kommt aus den Erfahrungen, dem Erleben der Vergänglichkeit von Liebe und den Verlusten der gewesenen Jahre.
Manchmal wird die Entscheidung des Alleinlebens aus Misstrauen geboren. Auch das basiert auf Erfahrungen.

Manchmal im Allein leben kommt die Angst vor der Zukunft, vor den vielen Tagen an denen man nicht geliebt wird.

Allein leben ist nichts für Feiglinge. Es ist wahr.



Narzissmus, der Ursprung aller Kunst

Narzissmus ist der wahre Ursprung aller Kunst.

Indem das eigene Wesen und das eigene Ich geliebt werden, offenbart sich erst das Eigene im eigenen Ich. Erst dann gelangt das Ich zum Erkennen, dass es ein Teil der Schöpfung ist. Indem also das eigene Ich im kreativen Tun geliebt wird, erweist es dem Funken Gott in sich selbst Hingabe.

Da die Kunst, im Gegensatz zur Wissenschaft allein das Schöpferische auszudrücken sucht, es nicht erklären, nicht beweisen und nicht hinterfragen will, tritt es dem Göttlichen mit Zuneigung und Achtung entgegen.

Das Ich und das Ich im Schaffen sind eins und damit eins mit der Schöpfung. Wenn es das Göttliche liebt, wird es sich selbst lieben. Dann erst ist es im Stande mit dem Funken Himmel in sich selbst etwas verborgen Göttliches auszudrücken.

Von allen Schöpfern der Menschheit ist der Künstler Gott am nächsten. Denn er werkt nicht nicht nur in der Materie, sondern sucht in sich selbst und nur in sich selbst nach dem Geheimnis des Seins, ohne es lediglich nachvollziehen oder beschreiben zu wollen. In der Kunst lebt immer der Versuch den Ausdruck des Ewigen und Unendlichen im Sein bewusst zu machen, ohne dass eine Erklärung dazu notwendig wird, denn der Zugang zur Schöpfung ist nicht rational und mit Logik nicht zu erfassen.

Eine Ahnung erschließt sich über die Sinne. Mehr ist ohnehin nicht möglich.


Sonntag, 26. September 2010

Von Einer die auszog das Fürchten zu lernen

Von Einem, der auszog das Fürchten zu lernen.
Das ist ein Märchen. Vom wem es ist fällt mir gerade nicht ein. Spielt eigentlich auch keine Rolle. Eine die auszog das Fürchten zu lernen bin ich. Ja, ich bin das. Nein, nicht dass ich das vor hatte - das Fürchten zu lernen. Ich kann mich durchaus fürchten. Passiert mir allerdings selten. Angst habe ich öfter, aber Angst ist etwas völlig anderes als sich fürchten. Zum Fürchten gehört nämlich, dass da was Fürchterliches ist, so direkt vor einem. Also etwas, das einem unmittelbar situationsbedingt Furcht einflößt. Ein furchteinflößendes Ding, eine furchteinflößende Situation, ein furchteinflößender Mensch, ein furchteinflößendes Tier und so weiter, oder alles auf einmal.

Wer es genau wissen will, was Furcht von Angst unterscheidet kann ja jetzt mal googeln, damit er den Unterschied erkennt. Ich will mich grade nicht näher drüber auslassen.

Ich zog also aus via Wien, natürlich nicht um das Fürchten zu lernen, das hatte der Typ in dem Märchen, soweit ich mich erinnere, auch nicht direkt vor, war eher so eine Art Mutprobe, aber wir gesagt, ist jetzt egal.

Ich wollte mir ein paar schöne Tage machen und auch mal nachspüren, ob ich in Wien nicht vielleicht meine zweite Wohnstatt installiere. Wien ist wirklich eine inspirierenden Stadt. Sie atmet Historie und hat so was Melancholisches und das habe ich auch. Letzteres meine ich.

Ich kenne Wien auch schon ein bisschen, weil da mein Ex lebt bei dem ich zu unserer Zeit immer mal wieder einige Wochen verbracht habe. Ich fands schon damals inspirierend dieses Wien, vor allem weil es da fantastische Kunstausstellungen gibt und die Kunst, die liebe ich nun mal. "Art washes away the dust of every day life", wie Picasso so treffend erkannte. Na ja und ich hab immer ne Menge every day life dust an mir kleben, der weggewaschen werden muss. Es war also wieder mal Zeit für ein wash away.

Die ganze Zugfahrt, es sind exakt acht Stunden von Mainz nach Vienna, freu ich mich riesig auf die Kunst, aufs Wiener Schnitzel, die Mozartkugeln und die leckeren Käsewürstl am Stand vor der Albertina und die Kastaniensammlerei in den Prater Auen, vom Zentralfriedhof ganz zu schweigen.

Um halb acht hält der Zug am Wiener Westbahnhof. Ich bin ziemlich platt vom Zugfahren mangels Bewegung, die brauch ich nämlich mindestens ein Mal täglich, und setze mich gleich ins Taxi Richtung Ex, der mir freundlicherweise Unterkunft gewährt, weil er eh nicht da ist. Macht sich ein paar schöne Tage in Ibiza mit seiner Neuen und ich habe sturmfreie Bude. Denke ich mal so und freu mich weiter. Nachdem ich mir eine Pizza in den Ofen geschoben habe mache mir einen gemütlichen Abend vor seinem Riesen Flatscreen und gucke den Falco Film, der rumliegt um mich so richtig einzustimmen aufs Wiener Blut.

Der erste Tag verläuft dann auch überaus geschmeidig. Ein nettes Treffen mit einem netten Bekannten. Eine Latte im Central, ein leckeres Mittagessen in der warmen Wiener Herbstsonne und ein Aperolspritz im Museumsquartier zum Einstimmen auf das, was noch kommt.

Den Abend verbringe ich allein, weil ich zu viel Gesellschaft auf Dauer nicht aushalte und zum Schreiben kommen muss, sonst fehlt mir was. Bei Rotwein und Zigaretten tue ich das dann auch. Ich schreibe bis mir langsam die Augen zufallen und ich mich ins frisch gemachte Bett begebe. Morgen ist schließlich auch noch ein Tag. Vienna ich komme! Mit dem Gedanken an Picasso, der in der Albertina auf mich wartet, schlafe ich selig ein.

Träume ich? Klar, ich träume, was denn sonst? Oder? "Raus hier", brüllt eine schrille Frauenstimme und ich denke, is ja gut, träumst wieder mal schlecht und will mich auf die andere Seite drehen, denn das hilft in der Regel bei schlechten Träumen. "Raus hier", keift es wieder. Na, das mit dem Umdrehen funktioniert dieses Mal nicht, denke ich, und mache dann doch mal die Augen auf. Ne, das ist kein Traum, echt nicht. Da steht der Liebhaftige vor mir, allerdings in Frauengestalt. Käthe Kruse Puppengesicht nach einem siebzigjährigem Alterungsprozess, stechende graue Augen und ein weit aufgerissener Schlund, der gar nicht mehr aufhört wüste Drohungen auszustoßen.

Die kenn ich doch, denke ich, dass ist doch die Mutter vom meinem Ex, die konnte mich schon damals auf den Tod nicht leiden. Also die hat mich echt das Fürchten gelehrt. Klar, dass ich auszog.















Samstag, 25. September 2010

Was wir haben ...

Sie: Was haben wir?
Er: Einen Job.
Sie: Einen Job kann man verlieren.
Er: Ein Auto.
Sie: Das Auto kann man verlieren.
Er: Ein Zuhause.
Sie: Ein Zuhause kann man verlieren.
Er: Gesundheit.
Sie: Die Gesundheit kann man verlieren.
Er: Den Glauben?
Sie: Den Glauben kann man verlieren.
Er: Vertrauen.
Sie: Das Vertrauen kann man verlieren.
Er: Die Liebe?
Sie: Die Liebe kann man verlieren.
Er: Einen Sohn?
Sie: Den Sohn kann man verlieren.
Er: Eine Tochter, eine Mutter, einen Vater?
Sie. Kann man verlieren.
Er: Unsere Erinnerung?
Sie: Kann man verlieren.
Er: Ein Leben?
Sie: Das Leben verliert man ...





Freitag, 24. September 2010

Gedanken über die Schamlosigkeit

Woran liegt es, dass immer mehr Menschen sich schamlos benehmen, oder keine Scham mehr empfinden, sich sogar an der Beschämung und Demütigung anderer belustigen?
Haben sie sich von den Werten verabschiedet, die menschliche Kommunikation bestimmen und ausmachen sollte?

Der Schamlose hat sich von der Werten und den Idealen einer humanen Gesellschaft entfernt. Er empfindet die Diskrepanz zwischen seinem Verhalten und den eigenen inneren von Egoismus geprägten Idealen nicht mehr.

Egoismus führt zu Selbstverlust. Selbstverlust führt zu Empathieverlust.

Der Mitmensch wird nicht mehr gesehen, nur noch die eigenen Motive und Interessen sind von Bedeutung. Die Scham würde bei der Durchsetzung derselben nur hindern.

Der schamlose Mensch bezieht sich auf sich selbst.

Das auf sich selbst beziehen, verhindert in Beziehung treten. Der andere wird reduziert zum Spiegel des Egos. Der schamlose Mensch ist im Tiefsten allein.

Samstag, 18. September 2010

Mehr Bier

Samstag. Mittag. Im Zug.

Der Speisewagen des IC ist fast leer.

Trotzdem ist es laut. Eine weibliche Stimme mit schwerer Zunge, füllt die Leere .
Ich setze mich an einen kleinen Tisch in der hinteren Ecke, packe mein Notizbuch aus. Ich will schreiben. Die Stimme schreit nach mehr Bier. Der junge Kellner verrollt missbilligend die Augen, sucht Zustimmung in meine Richtung und serviert mehr Bier.

Die Frau, biertrinkend, biertrunken, formt laute Worte, die Mithörer einschließen.
Die Worte rutschen unverstanden ins Bierglas.

Die Frau ist in meinem Alter. Allein. Allein mit ihrem Bier. Mein Freund, lallt sie, der ist ein Schwein, der hat mich rausgeschmissen, einfach so. Ich fahre jetzt zu meiner Tochter. Die holt mich in Köln am Bahnhof ab. Wo soll ich denn sonst hin?
Sagen se mal, Frolein, wie kann denn der das mit mir machen?

Sie meint mich.

Ich weiß nicht was ich sagen soll.
Ich denke es ist gut, dass die Frau eine Tochter hat.
Und dann denke ich, dass es nicht gut ist für eine Tochter eine betrunken Mutter abzuholen.





Systemfehler

Irgendwie kann ich das nicht mehr hören: "Sei doch nicht so pessimistisch, denk doch mal positiv!" Besonders dieses: "Du hast so traurige Augen, an den Augen sieht man es dir an", ist mir unerträglich. Dann guck halt nicht hin, möchte ich sagen, sage es aber nicht, weil ich ein höflicher Mensch bin.

Manchmal komme ich mir vor wie ein Alien, wenn ich das alles höre, wie eine Ausserirdische, die es nach der letzten Landung ihrer Spezies auf der Erde nicht mehr geschafft hat das Raumschiff vor dem Abflug zu erreichen.

Und jetzt sitze ich da, wo ich nicht hingehöre, weil, ich bin ja pessimistisch und habe so traurige Augen. Das fühlt sich an, als sei ich krank oder nicht normal. Traurigsein ist nämlich nicht normal, hier auf der Erde, fast schon politisch nicht korrekt.

Vielleicht ist es das anderswo, aber ich habe ja den Abflug verpasst.

Ich bin hier und extra abholen werden die mich sicher nicht und dorthin bringen wo es andere gibt, die auch traurig sind und verstehen, dass es nun mal so ist und wo ich dann nicht mehr auffalle, weil die anderen eben so wie ich sind.

Was mache ich jetzt? Ich gebe mir echt Mühe, ganz sicher sogar, aber ich schaffe es nicht positiv zu sein wie die ganzen Erdenbürger, die ich so kenne. Die schaffen das. Die schaffen es sogar sich vorzumachen, dass alles gut ist, auch wenn es nicht gut ist, weil: der normale Erdenmensch hat gut drauf zu sein, sonst fällt er raus aus dem System. Systemfehler: nicht positiv drauf sein.

Was aber, wenn das gerade der Systemfehler ist? Alles gut, alles bestens - think positive und ... alles wird gut. Was, wenn das genauso unecht ist, wie all das andere künstlich Hervorgebrachte hier, wie was zu sein hat, wie man zu sein hat - alles damit es ins System passt.

Irgendwie ungesund, finde ich, noch ungesunder als traurig zu sein, wenn man es ist.
Das Ungesunde sieht man, man sieht es wirklich, wenn man genau hinguckt, in Gesichter guckt, die schief werden, wenn sie altern, auf Mundwinkel, die sich beleidigt nach unten ziehen.

Manche haben ganz stumpfe Augen. Das sieht wirklich traurig aus. Ich finde das sieht noch viel trauriger aus als meine traurigen Augen.

Pessimistisch? Hm... ich frage mich weshalb alle großen Philosophen pessimistisch waren.
Was hatten die für einen Systemfehler?