Mittwoch, 1. Juli 2020

Schuld


Malerei: A. Wende

Schuld, damit tun wir uns alle schwer. Wir verdrängen sie oder schieben sie anderen in die Schuhe. Schuldige für den eigenen Schmerz werden außerhalb unserer selbst gesucht und auf andere oder die Umstände projiziert.
Manche behaupten sogar es gibt keine Schuld und ersetzen das Wort „Schuld“ durch das Wort „Verantwortung“. Manche behaupten sogar sie machen keine Schuldzuweisungen.
Warum eigentlich erscheint uns Schuld als etwas, das unbedingt vermieden werden muss?
In jedem Leben gibt es Schuld. Wir alle machen uns moralisch oder auf der emotionalen Ebene irgendjemanden oder uns selbst gegenüber einmal schuldig. Nirgendwo gibt es so viel Schuld und Schuldzuweisungen wie in zwischenmenschlichen Beziehungen. Schuld wird verschoben, anderen in die Schuhe geschoben, weggeblendet. Schuld gehört in die Gerichte, aber doch nicht ins normale Leben.  

Schuld empfinden, sich eigene Schuld einzugestehen, durch die Schuld eines anderen ins Unglück zu geraten, all das sind Tabuthemen. Dabei ist Schuld ein archetypisches Thema, das zum Menschsein gehört.
Auch in der Psychologie tun wir uns mit der Schuld schwer. Nicht selten wird sie kurzerhand klein- oder weggeredet. Niemand ist schuld, nicht die misshandelnden Eltern, nicht die miesen Umstände, nein - es ist wie es ist - und wir selbst, weil wir ja erwachsen sind, übernehmen Verantwortung dafür zu reparieren, was uns wiederfahren ist. Ohne Schuldzuweisungen bitte. Am besten wir verzeihen gleich, damit wir ein guter Mensch sein dürfen.
Die Folgen solcher Interventionen sind leider weder sinnvoll, noch heilsam. Der Klient, der für alles Eigenverantwortung übernehmen soll, wird emotional genau dahin geschoben, wo er nicht hingehört: Er ist „selber schuld“. Er, das Opfer wird in die Täterrolle gesetzt.
Seine Tat: Er ist nicht fähig die Verantwortung für das ihm widerfahrene Übel zu übernehmen, nicht fähig zu verstehen und zu verzeihen.
Die andere Variante: Ein Mensch fühlt Schuld und man redet sie ihm aus. Die Folge: Indem man die Schuld kurzerhand wegtherapiert, kann der Schuldige aus seinem Fehlverhalten keine Lehre ziehen, was aber dringend nötig wäre um Verantwortung zu übernehmen und es künftig besser oder im besten Falle wieder gut zu machen.

Schuld ist ein großes Thema. Schuldverdrängung ist der Urgrund vieler psychischer Störungen und vieler zerstörerischer und selbstzerstörerischer Verhaltensweisen. Schuld, die abgewehrt, verdrängt, übertragen oder projiziert wird, setzt sich fest und führt gerade deshalb, weil sie nicht anerkannt und angenommen wird, in unglückliche Leben.
Schuld muss ausgemerzt werden. Anstatt sie anzuerkennen und uns damit auseinanderzusetzen, sagen wir guten Menschen von Sezuan gerne: Wir oder der/ die andere(n) haben es nicht besser gekonnt.
Die Krux dabei ist: Gerade weil wir glauben, wir oder der andere hätte es besser gekonnt, weil wir spüren, das war absolut nicht okay, was wir oder der andere getan haben, fühlen wir uns ja schuldig.
Wenn wir mit der Schuldverdrängung aufhören und uns mit Schuld auseinandersetzen, setzen wir uns mit der menschlichen Fehlbarkeit auseinander, wir setzen uns mit den Schatten auseinander – den eigenen und denen der anderen. Wir erkennen an, dass sie existieren. Dabei geht es nicht darum moralische Werturteile zu fällen – es geht darum hinzuschauen, zu benennen was ist, es zu erforschen, es aufzuarbeiten und zu lernen damit umzugehen.
Übrigens, was ist Schuld?
Schuld trägt ein Mensch in seiner Eigenschaft als Urhebers eines Übels, das er sich selbst oder anderen zufügt. Wer will sich das schon eingestehen?
Der hohe Selbstanspruch an Fehlerlosigkeit und der hohe Anspruch ein moralischer Mensch zu sein, will das nicht zulassen. Denn dann müsste man sich ja ent - schuldigen. Und das im wahrsten Sinne des Wortes.
Wie heilsam das wäre ...

Sonntag, 28. Juni 2020

Wenn aus Schuldgefühlen Ängste werden

Foto: A. Wende

Ein Kind, dem man immer wieder vermittelt hat: „Dich hätte es eigentlich nicht geben sollen“, entwickelt Schuldempfinden. Auch wenn das Kind diese Ablehnung nicht wörtlich, sondern in einem abwertenden und entwertenden Verhalten erfährt, hinterlässt dies Spuren in der Seele.
Sein Selbst, seine Identität, sein Sein und sein Werden, werden durch das Gefühl nicht sein zu dürfen, geprägt. Kommen im späteren Leben weitere traumatische Erfahrungen hinzu, bestätigt und verfestigt sich die innere Überzeugung in dieser Welt keinen Platz zu haben, nicht da SEIN zu dürfen.
Das kann dazu führen, dass das eigene „Über“ Leben als schuldhaft empfunden wird. Dieses innere Empfinden schreibt dann das Lebensdrehbuch und beeinträchtigt die Gesamtpersönlichkeit massiv.
Das in der Kindheit beschädigte Selbst entwickelt kaum oder kein Selbstwertgefühl, es hat Versagensängste und im späteren Leben oft Nähe-Distanz-Probleme und neigt zu Abhängikeit. Die Psyche kämpft mit den ständig aufkeimenden Schuldgefühlen, die sich in vielerlei Persönlichkeitsstörungen äußern können.

Schuldgefühle sind häufig verbunden mit Scham und dem unbewussten Bedürfnis bestraft werden zu müssen.
Der sich als schuldig empfindende Mensch unterdrückt seine Bedürfnisse, seine Kreativität, seine Vitalität und seine Lebensfreude. Die innere Überzeugung „Es darf mir nicht gut gehen, weil ich mich schuldig gemacht habe", enthebt sich seiner bewussten Kontrolle. Schuldgefühle, wenn sie als solche nicht idenifiziert, benannt, wahrgenommen und verarbeitet werde, führen nicht selten zu Angststörungen wie: Zukunftsangst, Krankheits-und Todesängste, Versagensängste, Generalisierter Angststörung und Panikattacken. Das Leben, das es nicht verdient hat zu sein, ist gefühlt ständig bedroht. Um eine Art Sicherheit zu erlangen, können Betroffene übersteigerten Perfektionismus und Zwangstörungen entwickeln.

Viele Angsterkrankungen haben als Ursache unbewusste Schuldgefühle. Sie sind die psychischen Folgen einer Traumatisierung, die nicht erkannt wird.
Deshalb ist es sinnvoll, wenn Menschen unter Ängsten leiden, nachzuforschen ob unbewusste Schuldgefühle diese aufrechterhalten und verstärken.
Schuldgefühle lösen sich erst dann, wenn wir sie erkennen und verarbeiten.


Samstag, 27. Juni 2020

Überdruss

Foto: www


Heute morgen sitze ich am Fenster, höre dem Rauschen des Regens zu und lese folgenden Satz: „Die aufregenden Dinge auf der Welt hat ein Mensch sehr schnell satt, und die Dinge, derer er nicht überdrüssig wird, sind meist langweilig. Zwar gibt es in meinem Leben langweilige Perioden, Überdruss jedoch empfinde ich nicht. Die meisten Menschen können beides nicht voneinander unterscheiden“. Dies schreibt Haruki Murakami in seinem Buch „Kafka am Strand“.

Er hat Recht: Langeweile und Überdruss zu unterscheiden ist für viele Menschen gar nicht so einfach.
Was ist also der Unterschied, frage ich mich?
Langeweile ist ein vorrübergehender Zustand, den wir alle kennen, der Überdruss hingegen entwickelt sich langsam und verfestigt sich.
Ich bin es leid. Ich habe es satt, sagt der Überdruss.
Es leid sein bedeutet, man ist es überdrüssig.
Die Arbeit, den Alltag, die immer gleiche Routine, die immer gleichen unguten Nachrichten, die Zeit, die fehlt um das zu tun, was man wirklich tun will, eine Beziehung, die nicht besser wird, eine Situation, die sich nicht verändert, die Einsamkeit, die schon zu lange an uns nagt, die Trauer, die nicht gehen will, am Ende kann man sogar der Menschen, sich selbst und dem Leben gegenüber Überdruss empfinden.

Überdruss bedeutet Abneigung und Widerwille gegen etwas, von dem man glaubt, man habe es zu oft erlebt oder sich zu viel damit beschäftigt. Wir haben genug, es hängt uns zum Halse heraus. Wir haben keine Lust mehr.
Überdruss kann dann zur Niedergeschlagenheit führen und am Ende in eine Depression.
Überdruss kann sogar so weit gehen, dass ein Mensch sich selbst tötet, wenn er das Leben als ein ewig Dahinplätscherndes empfindet, ohne Höhen und Tiefen, keinen Sinn mehr sieht und alle Hoffnung auf Veränderung verblichen ist.

Müde, gelangweilt, enttäuscht, verbittert – all das sind Gefühlszustände des Überdrusses. Abscheu, Ekel, Unbehagen, Lustlosigkeit, Unlust, Unwilligkeit, Antipathie, Aversion, Widerwille, Abneigung, Langeweile, Lethargie, Verbitterung – all das sind Befindlichkeiten geboren aus Überdruss. Manch Überdrüssiger ist dauerhaft passiv aggrressiv. Er läuft herum wir ein Pulverfass, immer kurz vor dem Explodieren. Weil es, verdammt noch mal, so wie es ist, einfach nicht mehr erträglich ist. Andere versinken im Alkohol, der das betäubende Gefühl des Überdrusses bis zur Unfühlbarkeit betäuben soll.

Der Überdruss ist lebensfeindlich. Der Neurotizismus des Überdrüssigen führt dazu, dass die Lebensfreude abstirbt. Nichts mehr von dem was das Leben lebenswert macht wird wahrgenommen. Das Gute, das Wahre und das Schöne wird bis zur Vernichtung seiner Existenz ausgeblendet – der überdrüssige Mensch ist blind und taub geworden gegenüber dem Leben und sich selbst. Nichts berührt ihn mehr und nichts lohnt sich für ihn es zu berühren. Es ist als würde ein Licht ausgehen und eine ewige Dämmerung hält Einzug. Am Ende – der gefühlte Tod im Leben.

Was dann?
Wie kommt ein Mensch da raus? Vorausgesetzt er ist bereit dazu.
Lebensüberdruss zeigt uns – so wie es ist, kann es nicht weiter gehen. Und so kann der Überdruss eine Chance sein.
Wenn wir Überdruss empfinden sind wir aufgerufen uns intensiv mit der Frage zu beschäftigen: Wer bin ich? Was ist der Sinn meines Lebens? Gibt es eine höhere Wirklichkeit? Und wenn es sie gibt - wie kann ich sie erfahren?
Was ist meine Begierde? Was sind meine Bedürfnisse? Woran mangelt es in meinem Leben und wo habe ich selbst Defizite, die dazu führen, dass ich der Dinge überdrüssig bin?
Was in mir will gelebt werden, was ich die ganze Zeit verdränge und mir selbst nicht eingestehe? Was kann ich kultivieren um mich wieder lebendig zu fühlen?
Die Krise des Überdrüssigen ist wie jede Krise eine Chance, wenn wir sie nutzen.

Donnerstag, 25. Juni 2020

Es ist nie zu spät!

Foto: A. Wende

Du hast den Eindruck, dass du gescheitert bist.
Du hast gekämpft und verloren.
Du hast einen Traum begraben müssen.
Deine Job verloren.
Deine Liebe.
Deinen Glauben an das Gute und Schöne.
Was auch immer es ist, es ist so einfach, sich selbst zu entmutigen zu sagen „Das schaffe ich nicht“, oder „Für mich gibt es kein Glück“ oder „Ich finde nie den richtigen Partner“ oder auch „Andere schaffen das alles, nur ich nicht“.
Es gibt keinen Grund, dass die anderen es schaffen ihre Vorhaben zu realisieren und du nicht.

Welchen Unterschied gibt es zwischen den anderen und dir?
Der Unterschied liegt meist in deinen negativen Glaubensätzen, deinem mangelnden Willen, deiner mangelnden Bereitschaft und deiner Selbstverleugnung.

Es gibt die, die nicht an sich selbst glauben und es gibt die, die glauben nichts Gutes verdient zu haben oder nicht wertvoll genug zu sein, um ihr Glück finden und dann aufgeben es zu versuchen. Und es gibt die, die so lange beharren, so lange an etwas dran bleiben, so oft von Vorne beginnen, bis sie es schaffen.

Du hast die Wahl.
Wenn du gesund bist und Herr deiner Sinne hast du die Wahl.

Du kannst deine negativen Glaubensätze, die dich seit ewigen Zeiten blockieren, weiter glauben oder du kannst sie ändern.
Dazu darfst du sie dir erst einmal bewusst machen. Das dauert eine Weile und das ist auch nicht ganz einfach, aber du kannst es schaffen, wenn du es willst. Und wenn du es allein nicht schaffst, kannst du dir Hilfe holen, damit du es schaffst.
Dann kannst du dir diese Glaubensätze mal ganz genau anschauen und sie hinterfragen, damit du einen anderen Blick auf dich selbst bekommst und aus dem unheilsamen Programm in deiner Denkmaschine, das sie seit einer Ewigkeit abspult, aussteigst.

Und wenn du plötzlich an einem Morgen mit Freude den Tag begrüßt, dann spürst du – ja, ich bin auf dem richtigen Weg.
Also Mut, Kopf hoch und ändern was dir nicht gut tut.
Schritt für Schritt. In deinem Tempo.
Vielleicht mal die Routine ändern. Kleine Dinge ändern, die dich im Alltag, in der Arbeit, in der Beziehung, in deinem Gefühlsleben müde machen und ausbremsen.
Vielleicht hast du auch den Eindruck, alles schon gesehen zu haben. Oder alles schon versucht zu haben, damit es sich ändert.
Wieder so ein Glaubenssatz.
 

Du hast nie ALLES versucht, wenn du ehrlich zu dir selbst bist.

Manchmal kann es unbefriedigend sein, mit der Routine zu leben. Das sich Wiederholende im Denken und Handeln, ist der persönlichen Entwicklung nicht immer zuträglich. Du kannst immer noch weiterkommen in deinem Leben. Du hast jederzeit die Möglichkeit Neues zu lernen und Neues zu entdecken, dir Ziele zu setzen und sie zu erreichen, wenn du anfängst an dich selbst zu glauben und nicht deinen alten Glaubensmustern, die dich kein Stück weitergebracht haben.
Es ist nie zu spät für einen neuen Anfang!
Wie sagte Picasso einst: "Spring und das Netz wird sich auftun." Manchmal müssen wir springen und zwar über den eigenen Schatten.

Wenn du es alleine nicht schafftst - ich helfe dir gern.

Mittwoch, 24. Juni 2020

Aus der Praxis – Heimatlos

 
Malerei: A. Wende


Anna erzählt:
"Ich habe oft Gedanken der Zerstörung. Mich selbst zerstören und mir ausmalen wie ich es tun könnte. In den zerstörerischen Gedanken finde ich kurzzeitig eine Art Befriedigung, aber keine Erlösung. Im Leben bin ich nicht fähig zerstörerisch, brutal oder gewalttätig zu sein, nicht auf der körperlichen Ebene. Ich kompensiere meine Aggression indem ich diesen Gedanken nachhänge. Das wirkliche Ausmaß an Gewaltbereitschaft, das ich besitze und verdränge, ist mir nicht bekannt. Ich habe als Kind viel Aggression erlebt. Ich habe mich nicht wehren können gegen die verbale und körperliche Gewalt, die ich erleben musste. Ich habe nicht gelernt, wie man sich wehrt, ich habe nicht gelernt wie man sich abgrenzt, aber wie man überlebt, das habe ich gelernt. Wenn du als Kind misshandelt und missbraucht wirst, sei es körperlich oder emotional, oder beides, hast du keine Waffen, die dir helfen könnten. Du bist absolut wehrlos. Du bist fassungslos. Du hast nur diesen Gedanken: Ich verstehe das nicht!"

Anna ist über Fünfzig. Sie lebt allein. Ihre Beziehungen halten nicht lange. Meist sind sie zerstörerisch, geprägt von Abhängigkeit und einem ständigem On und Off.
Sie ist zu mir gekommen um zu verstehen.

 ...

Wie soll ein Kind verstehen, dass Menschen, die es liebt und von denen seinen Überleben abhängt, fähig sind es zu verletzen. Das versteht ein Kind von vier oder fünf Jahren nicht. Es beginnt zu glauben, dass es schlecht ist, dass es böse ist, dass es verdient hat, was man ihm antut. Um eine Entschuldigung für den oder die Täter zu finden, macht es sich selbst für sein Lied verantwortlich.
Es intojiziert das Böse der Täter, es verinnerlicht das Fremde als eigenes. Auf diese Weise wird das fremde Böse zum eigenen Bösen. Hier beginnt die Spaltung des Inneren. Das Kind muss das tun, um die Eltern weiter als gut empfinden zu können. Indem es selbst die Ursache des Bösen ist, gelingt es ihm die lebensnotwenige Beziehung zu den Eltern zu erhalten. Es sagt sich: Sie haben mich lieb, aber ich bin böse, darum haben sie einen guten Grund mich schlecht zu behandeln. Wenn sie mir wehtun, habe ich es verdient. Ich bin schlecht, nicht sie. Sie weisen die Schuld ja auch von sich und sagen, du bist ein böses Kind. Die Eltern haben immer Recht.
Die Tragik des Kindes liegt darin, dass es sich zum einen selbst aufgibt und zum anderen das Böse als Eigenschaft in sich selbst aufnimmt. Dort bleibt es, lebenslang, wie ein Dämon, der ihm sagt, was es tun muss, um sich selbst zu schaden. Das geschieht unbewusst.   


                                                                              ...

Anna erzählt:
„Mein Vater hasste sich selbst, er hasste seine Arbeit, seinen Körper, sein Leben. Er hasste uns Kinder und er hasste sich wohl selbst für seinen Hass. Er war immer aggressiv. Er sagte, ich sei schlecht, ich sei an seinem Unglück schuld. Er sagte ständig solche Dinge zu mir. Er hat mir damit Angst gemacht. Ich blieb verwirrt, verängstigt und mit einem schlechten Gefühl zurück. 
Ich habe meine Mutter gefragt, was ist mein Fehler, was habe ich dir getan? 
Sie sagte, der Fehler ist, dass du überhaupt da bist. Du bist ist das Unglück. Sie sagte, ohne dich hätte ich deinen Vater niemals geheiratet, wegen dir habe ich meine Träume begraben müssen, wegen dir habe ich ein ungelebtes Leben. Das kannst du auf meinen Grabstein schreiben, wenn ich tot bin. 

Ich hatte immer eine Bringschuld, ich musste ihnen und mir selbst beweisen, dass ich es doch in irgendeiner Weise wert war zu leben. Die Grundschuld, überhaupt am Leben zu sein, die ist da nch heute es darf mir nichg tu gehen. Wenn es mir gut geht, kommt die Angst. Ich empfinde dann Todesangst. Da ist immer der gedanke: Du darfst eigentlich nicht leben, aber wenn du schon lebst, dann fühle dich schlecht und schuldig! Irgendwie denkst du immer es wäre besser nicht da zu sein und entwickelst Selbstzerstörungstriebe. Man muss da sehr aufpassen auf sich selbst, dem nicht nachzugeben.

Mein Vater war ambivalent. Einerseits hatte ich das Gefühl, er mag mich, weil er mich manchmal auf den Schoß nahm und mir Dinge erklärte, andererseits war da dieses Vernichtende in seinen Worten und Blicken. Irgendwie fühlt es sich an als sei mein Empfinden für mich selbst in zwei Teile gespalten – der eine, der sich selbst zerstören will, weil er glaubt schlecht zu sein und kein Recht auf ein Leben zu haben, der andere, der rebelliert, weil er leben will, weil der Vater ihn doch irgendwie zu mögen schien. Leben, aber wie? Wie geht leben? Wie fühlt sich das an? Es gibt da keine Erlösung und immer bist du gefühlt schuldbeladen. Und dann ist da eben auch diese Aggression. Mich kaputt machen, damit es enlich aufhört weh zu tun.
Es war vollkommen egal, was ich machte, alle Versuche Liebe oder Anerkennung zu gewinnen, alle Anpassungsversuche bewirkten nichts. Ich konnte diese Ablehnung nicht ändern. Ich führe ständig Krieg in meinem Inneren, die Eine kämpft gegen die Andere. Ich will eine Identität finden, ein klares umrissenes Ich. So ist das kein Leben mehr."
...

Annas Leben – das ist die Suche einer Frau, die in dieser Welt noch keinen sicheren Ort gefunden hat, die nicht weiß, wohin sie gehört, weil sie nicht weiß, wer sie ist. Das eine hat mit dem anderen zu tun. Wenn ein Mensch keine Heimat sich selbst hat, ist er heimatlos. Er ist immer auf Besuch, niemals angekommen. Wie auch? Er sucht ja sich. Das ist ein ewiges Getriebensein. Das ist der Identitätszweifel, der verzweifelt macht, ein ewiges Schwanken, ein Gefühl von unvollständig sein, von falsch sein, ein Gefühl der Spaltung. Existenzschuld, die das Leben zur Qual macht.
Wer gelernt hat, dass er kein Recht auf Leben hat, hat auch kein Gefühl für Autonomie, denn das würde ja bedeuten für sich selbst zu stehen. Und wie soll ein Mensch wie Anna zu sich selbst stehen, wenn man ihr Selbst vernichtet hat? Autonomie erlangen, das ist die Herausforderung für die, die nicht wissen, wer dieses Selbst ist.
Ein langer Weg.
Auf diesem Weg begleite ich Anna.

Dienstag, 23. Juni 2020

Herzenswärme

Foto: A. Wende

Den Schmerz und die Angst anderer zu verleugnen ist eine beliebte und wirksame Methode, Schmerz und Angst zu verleugnen. Uns den Schmerz anderer einzugestehen, kann uns Angst machen. Unbewusst fühlen wir dass der Schmerz, der den anderen betrifft, das Unglück, das ihn ereilt hat, auch uns treffen kann. Das Anerkennen des Schmerzes des anderen bedeutet sich mit etwas zu konfrontieren, was wir vermeiden wollen – die eigene Verletzbarkeit und Zerbrechlichkeit. Wir wollen da nicht hineingezogen werden. Das ist eine Bedrohung unserer Komfortzone und das wollen die meisten vermeiden.
Also wenden sie sich ab.

Mitgefühl wendet sich nicht ab.
Mitgefühl zeigt Mut.
Es gehört Mut dazu sich dem zuzuwenden, der Schmerz erleidet oder Angst hat. Und es gehört noch mehr Mut dazu ihn in seinem Schmerz und in seiner Angst anzunehmen und ihn zu tröten, zu unterstützen und Hilfe zu leisten.
Indem wir das tun begegnen, wir vielleicht auch unserem eigenen Schmerz und unserer eigenen Angst.
Aber die Angst wird kleiner, der Schmerz wird kleiner, wenn wir uns dem anderen unterstützend zuwenden und mitfühlend handeln.

Mitgefühl heißt nicht, Leid zu teilen oder gar das Leid eines anderen Menschen zu übernehmen.
Beim Mitgefühl handelt es sich um den Wunsch, dass andere Menschen frei sein mögen von Leid. Es basiert darauf, die Gefühle anderer nicht nur zu verstehen und sie begreifen zu wollen, sondern sie auch wertzuschätzen und den Impuls zu verspüren helfen zu wollen.

Dem Nächsten helfen bedeutet immer auch sich selbst helfen. Wer Mitgefühl praktiziert wächst – über ich selbst hinaus und zum anderen hin.

In den alten asiatischen Sprachen gibt es nur einen Ausdruck für Mitgefühl und Selbstmitgefühl und das ist das Wort "karuna". Daran erkennen wir, dass beides untrennbar miteinander verbunden ist. Das ist der Weg, den Buddha gelebt hat und den er gegangen ist. Das ist es, was Jesus meinte als er sagte: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.

Genau wie wir Achtsamkeit praktizieren können, können wir auch Herzenswärme entwickeln und dieser Wärme Raum in unserem Leben geben – Raum für ein herzliches, beherztes Miteinander und ein herzliches mit-uns-selbst-sein.
Das ist es, was unsere Welt braucht, dringend.

Montag, 22. Juni 2020

Ohnmacht macht wütend

Malerei: Angelika Wende

Wenn wir über alle Maßen wütend sind ist das ein sehr inhaltsschwere Emotion. Wir haben das Gefühl für unsere unsere Größe, unsere Kraft und unsere Eigenmacht verloren, wir erleben uns klein, schwach, hilflos und nichtig. Wir fühlen uns ohnmächtig.

Ohnmacht hat viele Gesichter. Alle sind unschön und bedrückend. Wir unterdrücken die Ohnmacht, sobald wir sie fühlen oder wir flüchten vor diesem schwer aushaltbaren Gefühl und wehren es ab. Wir konsumieren Dinge, die wir nicht brauchen, wir stopfen zu viel Essen in uns hinein, trinken zu viel Alkohol, kiffen, rauchen und all das wohl wissend, dass es unsere körperliche und seelische Gesundheit schädigt. Wir ruinieren unser Hirn, unser Herz und unsere Seele, um die unguten Gefühle, die hochkommen zu unterdrücken, um sie nicht fühlen zu müssen. Das gesamte Repertoire des Ausagierens unserer Abwehr in Form von suchtgleichen Handlungen steht unter dem unbewussten Motto: Bloß nicht wieder ohnmächtig sein!

Die Wurzel aller Wut ist das Gefühl von Ohnmacht.
Immer wenn wir uns ohnmächtig fühlen sind wir in Wahrheit „mächtig“ vor Wut, wir haben nur noch nicht erkannt wie wir sie, anstatt sie nach Innen zu drücken, und durch Substanzen oder unheilsames Verhalten, ins Außen fließen zu lassen, als kreativen Treibstoff sinnvoll und effektiv für uns nutzen zu können.
Wut, die an uns nagt, ist die Wut über unsere eigene Ohnmacht.
Wir bleiben solange in der Ohnmacht stecken, bis wir für uns selbst eintreten.
Wut dagegen fordert uns auf vorzutreten, uns ernst zu nehmen, unsere Gefühle zuzulassen, uns auszudrücken und so groß und stark zu werden, wie wir es sind.
Wie oft hassen wir uns selbst für unsere Unfähigkeit Klartext zu reden, auszusprechen was wirklich ist, wie oft schämen wir uns vor uns selbst, dafür, dass wir nicht tun, was wir wirklich wollen und ständig tun, was andere von uns wollen. Stattdessen kompensieren wir, lenken uns ab oder tun so, als sei alles in Ordnung.

Wenn wir auf jemanden wütend sind, wenn wir auf eine Situation wütend sind, ist das ein Zeichen. Es zeigt auf uns selbst, es be"deutet": Wir lassen etwas zu, obwohl wir genau spüren - wir sollten uns wehren, wir sollten handeln und der eigenen Wahrheit eine kraftvolle Stimme geben.
Wenn wir uns darüber aufregen, dass ein anderer uns nicht achtet, nicht ernst nimmt und uns verletzt, klagen wir im Grunde darüber, dass wir das selbst nicht tun, dass wir uns selbst nicht genug achten, dass wir uns selbst nicht ernst nehmen. Wir wählen Ohnmacht.

Wir alle haben als Kind auf mehr oder weniger massive Weise Ohnmacht erlebt und in vielen von uns steckt es noch, dieses Gefühl aus Kindertagen, in denen wir auf Gedeih und Verderb den Erwachsenen hilflos ausgeliefert waren.
Während der Entwicklung auf der emotionalen Ebene haben wir als Kind emotionale Bedürfnisse. Das Bedürfnis nach emotionaler Bindung ist groß, so groß, dass wir als Kind alles nehmen, was wir bekommen können: Im besten Falle Liebe, Wärme und Geborgenheit; im schlimmsten Falle Misshandlungen oder Missbrauch. Letzteres sind Ohnmachtserfahrungen die uns ein Leben lang unbewusst beeinflussen. Ohnmacht, das ist der totale Kontrollverlust, die absolute Starre, die sich einbrennt in jede Faser unseres Seins. Das greift tief und bleibt stecken, tief in der Seele, bis hinein ins Erwachsenenleben.
Wer massive Ohnmachtserfahrungen gemacht hat, will als Erwachsener in die Macht. Er wird immer ein Thema mit Kontrolle haben. Je massiver der Kontrollverlust empfunden wurde, desto stärker ist die Angst die Kontrolle wieder zu verlieren, also kontrollieren wir - auch die Wut, die in der Ohnmacht steckt - und unterdrücken sie.Und dann ploppt sie hoch, dort wo sie nicht angemessen ist.
Es kann uns keiner wütend machen wenn wir mit uns selbst im Reinen sind. Und um mit uns selbst ins Reine zu kommen ist es hilfreich unsere alten Ohnmachtserfahrungen anzuschauen und sie zu bereinigen.

Solange wir uns selbst nicht die Wertschätzung, die Achtung und die Liebe geben, die wir so dringend brauchen, sind wir angreifbar. Wenn wir nicht selbst für uns handeln, handeln andere für uns. Wir werden zum Spielball, den andere hin und her werfen, anstatt den Ball selbst zu werfen.
So wie als Kind. Wir erfahren im Außen das, was wir von uns selbst denken, denn so wie wir über uns denken, so fühlen wir uns, so geben wir uns. So wie wir über uns selbst denken, behandeln wir uns – und dann wundern wir uns, warum die anderen uns genauso behandeln.

Wenn wir unsagbar wütend sind, ist etwas „ungesagt".
Wir sagen nicht was wir denken, wir sagen nicht, was wir wollen und was wir fühlen. Wir ergreifen nicht die Macht der Worte um das Auszusprechen, was raus will. Wir erfahren keine Selbstwirksamkeit.
Wo innen keine Wut ist kann sie von außen nicht entzündet werden.
Ein Mensch der mit sich im Reinen ist, der selbstbestimmt und selbstwirksam lebt, ein Mensch, der in der eigenen Macht ist, empfindet keine Wut. Darum ist es so heilsam unsere Wut zu fühlen, sie fühlen zu dürfen und sie auszudrücken, um an die wahren Gefühle heranzukommen, die sich hinter der Wut verbergen. Wenn die Wut gefühlt wird, wenn sie sein darf, nehmen wir uns selbst ernst. Dann nehmen wahr, was wir versäumt haben für uns zu tun. Wir für uns, denn die, die uns ohnmächtig gemacht haben, werden nichts für uns tun, sei es, weil sie sich dessen nicht bewusst sind oder weil sie es einfach nicht können oder wollen. Das zu erkennen macht oft noch wütender und noch ohnmächtiger.

Solange wir die Wut verleugnen, anstatt sie anzunehmen und ihr zuzuhören was sie uns sagen will, riskieren wir, dass wir in der Ohnmacht festsitzen - wir sind blockiert für das, was fließen will - nämlich Energie, unsere Lebensenergie.
Wut will gefühlt werden wie alle anderen Gefühle auch – sie ruft uns auf in unsere Kraft zu kommen von der wir oft nicht einmal mehr wissen, dass wir sie haben.

Ohnmacht bindet Kraft. Wut ist Energie, kraftvolle Energie, die in die richtigen Bahnen geleitet, dazu führt, dass wir aus der Opferrolle aussteigen.
Wir sind dann nicht mehr länger Opfer unserer ohnmächtigen Wut, sondern wir suchen nach einer Lösung für das, was verändert werden will.
Wir fragen uns: Was kann ich für mich tun, damit ich diese Wut nicht mehr brauche?
Der erste entscheidende Schritt ist das Anerkennen der Ohnmacht. In sie müssen wir hineinspüren.  Dann erst kann es gelingen den Knoten, der uns innerlich verschließt, zu lösen.
Sie darf sein, die Wut. Wut ist nichts Schlechtes, wenn wir bewusst in sie hineingehen für uns, in uns, sie zulassen, sie wandeln in die Kraft, die uns wieder selbstmächtig macht.
Dann ist Wut transformiert in die heilsame Quelle kreativen Treibstoffs.

Wut hat wie alles gute und schlechte Seiten. Schlecht, weil Wut Gefahr und Zerstörung schaffen kann - gut, weil Wut den Antrieb  in uns wecken kann, kreativ zu sein, Lösungen zu finden und zu überleben.