Dienstag, 28. April 2020

Karma





Karma, haben wir alle schön mal gehört.
Aber was ist das überhaupt - Karma?
Es ist, wie alles von Menschen Gedachte, eine Konstruktion. 
Allerdings eine, die meiner Erfahrung nach durchaus stimmig ist.

Der Begriff des Karma wird in buddhistischen Lehrbüchern vom Schicksalsbegriff getrennt. 
Der Buddhismus kennt kein Schicksal im Sinne einer übernatürlichen Bestimmung. 
Karma ist nach dem Buddhismus das Gesetz von Ursache und Wirkung und beruht auf dem Prinzip der verursachenden Bedingung. Demnach sind alle Daseinszustände das Resultat gesetzmäßiger Verursachungen. Was wir sind oder nicht sind, was wir erfahren und was wir nicht erfahren ist das Ergebnis unseres eigenen Tuns und Lassens. 

Der Buddhismus kennt keine fatalistische Konzeption und er kennt keinen Zufall. So sind nach Buddhas Lehre weder ein Schöpfergott noch äußere Ursachen für unsere Erlebnisse und Erfahrungen verantwortlich.

Karma sieht der Buddhist in den Erklärungen über Ursache und Wirkung, also Aktion und Reaktion, die Grundlage zur persönlichen Freiheit und der Verantwortung gegenüber uns selbst und allen Lebewesen. Der Buddhismus erklärt wertfrei positive, negative und neutrale Tendenzen des Geistes als Ursache für unsere darauf folgende Handlungen. 
Demnach können logischerweise positive Ursachen niemals zu negativen Handlungen führen und umgekehrt.  

Wenn ich mir mein Leben und die Lebensverläufe meiner Klienten anschaue,  finde ich immer wieder bestätigt, wie sehr das, was wir denken und tun unser Leben bestimmt.
Ungute Handlungen führen zu nichts Gutem. 
Irgendwann fällt Unheilsames, das wir anderen oder uns selbst antun, auf uns zurück. 
Ebenso kommt Gutes und Heilsames uns selbst zugute und denen, denen wir es angedeihen lassen.
Zwar nicht immer von der Person, der wir Gutes tun, sondern oft wo ganz anders her und ohne, dass wir es erwartet hätten.

So zu leben - im Bewusstsein heilsamen Denkens und Tuns ist eine Gabe, die nicht viele Menschen besitzen. 
Aber wir können lernen. Wir können uns darüber bewusst werden was wir mit unseren Gedanken und Handlungen verursachen und in die Welt tragen. Das bedeutet uns darüber klar zu werden, wer und wie wir sein wollen. Das bedeutet die Bereitschaft aufzubringen es immer im Bewusstsein zu haben, bei allem was wir tun. Es bedeutet achtsam zu sein, uns selbst und anderen gegenüber.

Das ist eine schwere Übung. Sie erfordert einen wachen, klaren Geist.
Dazu müssen wir lernen den Geist ruhig werden zu lassen und unser Herz zu öffnen. 
Das gelingt auch Menschen, die sich dessen bewusst sind, nicht immer.
Auch ich bin manchmal gedankenlos, kindisch, selbstgerecht und impulsiv. Auch ich bin manchmal unachtsam. Aber ich habe gelernt, dass es okay ist und ich betrachte mich, wenn das geschieht mit  Selbstmitgefühl, weil ich weiß - nobody is perfekt. Das will ich auch gar nicht sein.
Und darum geht es auch nicht.

Es geht darum Verantwortung zu übernehmen für das was ich gestalte, Tag für Tag. 
Verantwortung zu übernehmen für das, was ich gebe und in meine kleine Welt trage an Heilsamen, für mich selbst und für andere. 
Je mehr an Gutem ich lebe und ins Leben gebe, desto besser ist mein Lebensgefühl. 
Auch wenn ein großer Sturm ausbricht und mich durchwirbelt - ich halte am Guten fest. Ich halte die Bereitschaft hoch. Auch wenn es manchmal schwer ist und ich denke, das schaffst du jetzt nicht. Dann ist das so, dann kann ich es nicht ändern und ich schaue wie ich mit dem Unveränderbaren klar komme. 

Ein jeder bestimmt selbst über seine Taten und deren Folgen – es geht um Eigenverantwortung.

Karma bedeutet schlicht und einfach:

Wir ernten, was wir säen.
Life is a Bumerang.


Montag, 27. April 2020

Alles was uns berührt, ist heilsam.


 
Foto: Angelika Wende

Notgedrungen gehen wir seit Wochen auf soziale Distanz. Und es wird lange so bleiben. 
Das bedeutet für viele Menschen, dass sie auf Berührungen verzichten müssen. Hände werden nicht mehr gegeben, Küsschen auf die Wangen werden nicht mehr gegeben. Tröstend die Arme um einen anderen legen bedeutet Ansteckungsgefahr. Getrennt lebenden Paaren fehlen Zärtlichkeit und Sexualität. Singles müssen oft ganz auf Berührung verzichten

Körperkontakt ist jedoch fundamental. Berührungen sind elementar wichtig für Körper und Seele.
Wenn wir uns gegenseitig berühren, wird im Gehirn das Glückshormon Oxytocin aktiviert und ausgeschüttet. Es kommt es zum Abbau von Stresshormonen und in der Folge zur Verlangsamung von Atmung und Herzschlag. Der Körper entspannt sich und wir fühlen uns wohl. Berührungen beeinflussen unsere Gefühle positiv und stärken unser Verbundenheitsgefühl mit anderen. Die Umarmung eines vertrauten Menschen ist das beste Mittel gegen emotionalen Stress. Berührung entspannt und ist heilsam und das nicht nur für die Psyche. So werden zum Beispiel Massagen ergänzend zur Behandlung von Krebs eingesetzt, vor allem um die Nebeneffekte von Chemotherapie und Bestrahlungen zu lindern. Verschiedene Meta-Studien haben gezeigt, dass Massagen helfen Depressionen zu lindern,  Ängste abzubauen und Schmerzen zu mindern. Eine Studie belegt, dass eine Umarmung und bloßes Händehalten über etwa 10 Minuten Blutdruck und Herzschlag senken. Durch die Ausschüttung von Oxytocin bei jeder Art von liebevoller Berührung werden also Stresshormone abgebaut. Berührung führt auch dazu Aggressionen zu reduzieren und sie stärken unser Immunsystem.
Das Heilsame der Berührung geht jetzt für viele verloren.
Was tun?
Gut, wir können uns emotional berühren, auf Distanz durch digitalen Kontakt. Wir können mit vertrauten Menschen reden, ihnen in die Augen sehen, wir können mit ihnen über unsere Gefühle reden und unsere Zuneigung und unsere Liebe in Worten ausdrücken. Das schafft Nähe in Zeiten der Distanz. Wir berühren einander mit Worten. 
Aber reicht das? Füllt das unser elementares menschliches Bedürfnis nach Berührung?
Ein klares: Nein.

Eine Klientin, die alleine lebt, sagte neulich zu mir: Ich werde noch verrückt, weil ich niemanden mehr anfassen kann. Ich fühle mich krank. Ich habe Angst, dass ich nie wieder jemanden berühren kann, jedenfalls lange nicht, denn die Pandemie ist ja noch lange nicht vorbei. Ich habe das Gefühl innerlich mehr und mehr einzufrieren. Manchmal bin ich depressiv und habe zu nichts mehr Lust.

Gefühle wie sie meine Klientin beschreibt sind nicht unnormal. Sie sind vielmehr gesund. Sie sind das gesunde Empfinden eines Menschen, der auf etwas Wesentliches unfreiwillig verzichten muss, das er für sein Wohlbefinden braucht.
Wer einsam ist und ohne Berührungen leben muss lebt und darunter leidet, hat, das beweisen viele Studien, ein höheres Krankheitsrisiko und eine kürzere Lebenserwartung. Traurig aber wahr. Das Fehlen von Körperkontakt wenn wir darunter leiden, macht genauso krank wie unfreiwillige Einsamkeit. Nicht jeder ist zum Eremiten geboren – die meisten von uns sind es nicht.

Können wir das nicht-berührt-werden kompensieren? 
Eine Zeit lang schon.
Wir können kreativ werden. 
Wer etwas Kreatives macht kommt in den Flow und empfindet den Mangel an Berührung oft weniger schmerzhaft als jemand, der nichts mit sich anzufangen weiß.
Auch körperliche Bewegung im Garten oder in der Natur und jede Art von Sport kann helfen den Körper zu beruhigen, wenn er auf Berührungen verzichten muss.
Auch durch Musik und das Betrachten von schönen Dingen können wir uns berühren lassen.
Ein gutes Buch kann uns berühren.
Ein Haustier berührt uns. 
Etwas mit Hingabe und Achtsamkeit kochen und ein gutes Essen, können uns berühren.
In der Meditation und mit Achtsamkeitsübungen berühren wir uns.

Und der Körper?
Wir können uns selbst umarmen.
Wir können unseren Körper, unser Gesicht, unsere Hände achtsam berühren, unsere Füße bewusst massieren, uns liebevoll eincremen und unsere Haut sanft streicheln.
Wir können als Übergangsobjekt den alten Teddy aus Kindertagen in den Arm nehmen und mit ihm einschlafen.

Letzteres mag jetzt für den einen albern und für den anderen gar ein wenig traurig klingen, aber es ist hilfreich und einen Versuch wert. 
Alles was uns berührt, ist heilsam. 




Samstag, 25. April 2020

Verwirrung





Ab Montag werden wir Masken tragen.
Sie sollen uns schützen gegen das Virus.
Die Virologen sagen - sie schützen nicht vor Ansteckung, aber vor der Verbreitung der Viren durch präsymptomatische Menschen, also von Menschen, die bereits infektiös sind, aber selbst noch nichts spüren. Also schützen sie doch, weil Infizierte Gesunde so nicht mehr anstecken, oder wie jetzt?
Wir wissen es nicht. Wieder wissen wir es nicht. Die Virologen wissen auch nichts Genaues. Niemand weiß Genaues. Das Virus ist neu.
Die Zahlen sollen genau sein. Wer erstellt die Zahlen? Wie werden sie erstellt? Wer überprüft die Zahlen?
Wir wissen es nicht.
Es herrscht Verwirrung. Chaos.

Verwirrung ist ein gedanklicher und emotionaler Zustand, in dem man nichts weiß, nicht mehr weiter weiß. Verwirrung wird auch als Konfusion bezeichnet.
Verwirrung schafft Chaos. Verwirrung entsteht, wenn man nicht mehr weiß, was zu tun ist. Wenn man nicht weiß, welche Ziele man hat und wie man diese Ziele erreichen kann, dann ist man verwirrt. Es gibt Verwirrung als psychischen Zustand eines einzelnen. Auch eine ganze Gruppe kann verwirrt sein, ein Unternehmen, ein Land.
In der Neurologie und in der Psychologie bezeichnet man Verwirrtheit als eine formale Denkstörung mit Verlust der Orientierung und einem Durcheinander der Denkvorstellungen. Verwirrtheit ist verbunden mit inkohärentem Denken. Inkohärentes (zusammenhangloses) Denken bedeutet: Gedanken reihen sich ohne erkennbaren Sinnzusammenhang aneinander, im schlimmsten Fall entsteht beim Sprechen ein unverständlicher "Wortsalat" Als krankhaft gelten Denkstörungen dann, wenn die Betroffenen darunter leiden und eine normale Lebensführung beeinträchtigt wird.Verwirrung führt zu Kontrollverlust über das klare Denken.
Jetzt haben wir den Salat.

Wir erleben verwirrte uneinige Politiker, die was das Virus angeht, noch unwisssenden uneinigen Virologen unser Jetzt und die Zukunft unserer Gesellschaft formen lassen. Wir machen mit, verwirrt. Immer verwirrter. Wir wissen nicht mehr was Sinn macht und was nicht. Wissen nicht mehr, was verhältnismäßig ist und was nicht. Wissen nicht mehr, was erlaubt ist und was nicht. Gebote und Verbote ändern sich nahezu täglich. Woran sich halten?

Es herrscht Chaos. Das äußere Chaos setzt sich Innen fort.
Innen in den Wohnungen, die wir nicht verlassen sollen, wenn es nicht unbedingt nötig ist. Stay home. Shoppen ist wieder erlaubt. Spaziergänge sind erlaubt. Zu zweit oder zu mehreren, wenn sie zum eigenen Haushalt gehören. Arbeiten gehen ist erlaubt. In die Schule gehen ist erlaubt. Was denn jetzt?

Stay home ist could save lives? Wie denn jetzt?

Wir sind verunsichert. Also machen wir, was man uns sagt. Seit Wochen machen wir, was man uns sagt. Die Meisten jedenfalls machen das. Machen wir es nicht gibt es Strafen. Geldstrafen.
Was schützt uns? Können wir uns überhaupt schützen?
Ja, Abstand halten, Hände waschen, in der Ellenbeuge niesen oder husten. Das macht Sinn.

Hinter geschlossenen Wohnungstüren spielt sich Leben ab. 
Kein gutes Leben. Hinter geschlossenen Türen sitzen Menschen allein, mit mehreren, hocken eng aufeinander. Lagerkoller, Einsamkeit, häusliche Gewalt, Angst, Trauer, Depression, Sucht, Lähmung, Orientierunsglosigkeit, Ohnmacht, Aggression, Wut machen sich breit.

Vielen meiner Klienten geht es nicht gut. Symptome verstärken sich, die äußere Krise verstärkt innere Krisen. Auch für seelisch stabile Menschen ist es schwer die innere Balance zu halten, wenn ihre Existenz bedroht ist. Das was ist, ist unheilsam und es sich auf irgendeine Weise schön zu reden eine Form der Abwehr. Ängste, Unsicherheit und Zweifel in dieser Krisenzeit sind normal und dürfen auch sein. Es ist was es ist: Eine weltweite Krise mit ungewissem Verlauf und ungewissem Ausgang.
Behalten wir Zuversicht.

Ab Montag tragen wir alle Masken. Eyes without a Face.
Wie wird sich das anfühlen in vermummte Gesichter zu schauen? Was wird das mit uns machen?
Der Andere, der Fremde, noch fremder. Gefährlich fremd. Potenzieller Überträger.
Die Distanz zum Anderen wächst – Getrenntsein. Kein Lächeln mehr sichtbar.
Augen, die sprechen. Was werden sie erzählen? Was werden wir fühlen?
Unseren schweren Atem. Man bekommt nicht gut Luft unter der Maske. Die Schleimhäute trocknen aus. Trockene Schleimhäute sind ein Nährboden für Infekte. Spätestens wenn sich Feuchtigkeit und Schweiß unter der Maske ansammeln wird es unerträglich. Das Virus nimmt uns den Atem, auch jetzt schon, wenn wir es nicht haben. Das Virus erstickt Leben, Freiheit, Mitmenschlichkeit, Mitgefühl, Nähe, Vertrauen, Liebe. Das Virus tötet Existenzen. Das Virus oder das was sie daraus machen – die verwirrten Politiker, die uneinigen Virologen?
Ich weiß es nicht. Wir wissen es nicht. Wir sind verwirrt.
Das Ende des Unwissens ist Klarheit.

P.S. Das ist keine Empfehlung zu Maskentragen oder nicht, das steht mir nicht zu. Das ist mein persönliches Empfinden, was das, was ist, mit Menschen machen kann. Es ist eine Reflexion zum Thema Verwirrung. 

Freitag, 24. April 2020

Lebenskunst


 
Louise Bourgeois ...  Foto: www
 
Leben ist eine Kunst, vielleicht sogar die Schwerste und die Herausforderndste aller Künste.
Wir alle sind Lebenskünstler. Jeder von uns sucht mit seinen Werkzeugen, seinen Fähigkeiten und Gaben seinen ureigenen Weg - das ist LebensKunst. Die Kunst zu Leben gleicht dem, was der Künstler macht: Er ist schöpferisch, er bringt Inneres ins Außen, kreiert etwas aus sich selbst heraus, ein Bild, eine Skulptur, ein Buch, ein Musikstück - er schafft ein Werk – so wie das Leben jedes Einzelnen von uns das Werk ist, das wir schaffen, aus uns selbst heraus, mit unseren Prägungen, Erfahrungen, Gedanken, Gefühlen und Taten ... und immer spielt auch der Zufall mit, wie in der Kunst.
  
Kunst ist Ausdruck von Kreativität. Kreativität ist Lebensenergie, sie ist gelebte Fantasie, sie ist unser schöpferisches Potential, sie ist die Fähigkeit Lösungen zu finden.  
Sie ist das, was uns von Innen hält, wenn alles andere wegfällt, das, wozu wir nichts und niemanden brauchen, außer uns selbst. Kreativität ist Selbstausdruck, Begeisterung und Lebensfreude, und sie wartet darauf, in jedem von uns, lebendig zu werden.

„Die mächtigste Muse von allen ist unser eigenes inneres Kind“, sagt Stephen Nachmanovitch.
 Dieses kreative Kind braucht Raum, um sich frei zu entfalten. Dieses kreative Kind lebt in uns allen, egal wie jung oder wie alt wir sind und es will spielen, es will sich ausdrücken und es ist sehr neugierig. Dass Kreativität und schöpferische Neugier das Leben bereichern, mag für manche wie ein Gemeinplatz klingen. Dass Kreativität sogar buchstäblich lebensrettend wirkt, habe ich in meinen Leben oft erfahren. Ich weiß, dass es keine größere Kraft in uns gibt als die eigene Kreativität, denn sie ist das Leben selbst. Mit der Entdeckung unserer Kreativität entdecken wir unsere innere Quelle, wir schöpfen Kraft, Lebenskraft. 

Jeder Mensch ist kreativ – das ist unsere ureigene Natur.  
Immer wenn wir künstlerisch tätig werden, erfahren wir dabei etwas ungeheuer Wertvolles – wir erfahren der eigenen Kreativität zu vertrauen und wir fühlen uns freier als zuvor.
Kreativität geschehen lassen und erleben wie schöpferisch unser alltägliches Leben eigentlich ist - das gelingt durch Hingabe, Gelöstheit und Wachheit, all das was spirituelle Traditionen immer schon als wesentlich betrachtet haben. Das sind Werte, die in unserer Welt mehr und mehr verloren gehen. Mit diesem Verlust geht das Wesentliche verloren, was uns als Mensch ausmacht - das schöpferische Potenzial, das, womit wir Gott am nächsten sind. 

Das Wunderbare am schöpferischen Tun ist ...
Ein schöpferischer Mensch ist im Moment. 
Er ist mit Leib und Seele bei dem, was er tut.
Er lässt sich nicht ablenken - er ist bei sich selbst.
Er ist achtsam. 
Er spürt keine Leere.
Er hat nicht das Gefühl etwas zu verpassen.
Er ist präsent im Jetzt.
Welch eine Lebensqualität, welch eine Kunst zu leben und Leben zu spüren!
Es ist der Akt des Schaffens, der uns lebendig macht. Im Akt des Schaffens bringen wir unsere Bestimmung zum Ausdruck. Er ist die Realisation und Kristallisation dessen, was uns als Mensch ausmacht. Kreativität lässt uns das Unmögliche schaffen und unsere eigenen Grenzen überwinden. Kreativität ist unsere größte Motivationsquelle. Sie ist so faszinierend und bereichernd für die Seele, weil sie uns aus dem Alltag heraushebt, weil sie uns das Gefühl gibt intensiv zu leben und zu fühlen. Kreativität macht uns innerlich reich. Fernab vom Habendenken führt sie uns zu unserem Sein, unserem Menschsein.

Kreativität als Triebfeder trägt wesentlich zur Komplexität des Lebens bei. 
Sie sollte in unseren Schulen an erster Stelle stehen und nicht als Stiefkind einer Ausbildung rangieren, die für das wahre Leben nichts taugt. Wenn unsere Kinder den Herausforderungen der Zukunft mit Selbstvertrauen, Mut und Kraft begegnen sollen, müssen wir ihr schöpferisches Potenzial fördern und nicht ihre Fähigkeit eins und eins zusammenzuzählen. Damit lernen sie nur zu funktionieren und nicht zu leben und etwas zu erschaffen, was die Farben der Seele in das Grau des Alltags hineinträgt.
 
“Kunst wäscht den Staub des Alltags von der Seele“,  sagte Pablo Picasso einmal. Er hat Recht, es gibt keine bessere Möglichkeit als sich mit Kunst und vor allem mit Kunst machen, den Staub des grauen Alltags von der Seele zu waschen.



Donnerstag, 23. April 2020

Masken

Malerei: Angelika Wende

Sie sitzt an der Kasse, schwarze Maske, schwarze Handschuhe. Ich kenne sie, wir reden immer kurz miteinander, wenn ich meine Waren auf das Band lege und zahle.
Sie ist jung, ihr schönen dunklen Augen lächeln mir sonst immer zu. Heute sieht sie mich an, Tränen in den Augen.
Ich frage sie was los ist.
Wissen Sie diese Maske, das ist schrecklich. Ich muss sie acht Stunden aufhaben, mein Gesicht darunter ist rot und die Haut trocken, ich habe Pickel. Die hatte ich nie, aber das ist nicht das Schlimmste: Meine Schleimhäute sind total trocken, ich kann kaum schlucken. Ich weiß nicht mehr wie ich das aushalten soll. 


Ich sage ihr wie leid mir das tut. Ich sage ihr, holen sie sich OP Masken, mit denen ist es nicht ganz so schlimm. Ich nenne ihr die Apotheke im Viertel, wo es sie heute noch gibt, 1,95 das Stück. Ich weiß, dass das keine Lösung ist, sie sind auf Dauer zu teuer. Ich weiß, dass ich nichts für sie tun kann. Ich gehe nach Hause. Traurig, mit einem grenzenlosen Gefühl von Ohnmacht.

Mittwoch, 22. April 2020

Selbstschutz



Foto: A.W.

Aggression und Wut schaden vor allem demjenigen, der diese Gefühle empfindet.
Wenn wir mit den Aggressionen anderer konfrontiert werden, ist es hilfreich uns bewusst zu machen: Es ist seins.

Jeder verbale aggressive Angriff ist erst dann ein Angriff, wenn wir uns betroffen fühlen. Wir müssen uns nicht in den inneren Kampf des Aggressiven verwickeln lassen.
Es ist seins und nicht das Unsere. Es ist nur dann das Unsere wenn wir uns einlassen.

Wir können entscheiden, welche Reaktion für uns heilsam ist. Wir können einfach weggehen und die Tür zu ihm hin schließen, wir können den Aggressiven bei sich selbst lassen, wenn friedliche Koexistenz nicht möglich ist.

Wir können wählen und uns selbst ein guter Freund sein und uns schützen.
Aggressive Menschen sind sich selbst kein guter Freund.
Nur wer sich selbst ein Freund ist, kann auch anderen freundlich begegnen.

Montag, 20. April 2020

Mögest du gesund sein.


Foto: Angelika Wende

Bleib gesund, das ist mittlerweile die neue Abschiedsformel geworden.
Bleib gesund! Mal ehrlich? Was soll das?
Das entscheide doch nicht ich.
Ich kann gut für mich sorgen, mich gesund ernähren und was noch alles hilfreich ist, für meine Gesundheit tun, aber mit Ausrufezeichen aufgefordert gesund bleiben - das funktioniert nicht.
Leider, schön wärs.

Ich hab mal drüber nachgedacht, was diese Aufforderung, die mir anfangs selbst über die Lippen kam, was ich aber sofort wieder abstelle, mit mir macht.
Das klingt so wie "Pass auf dich auf!"
Auch so eine Aufforderung, wenn sie sich Sorgen um einen machen.
Ich passe auf mich auf, aber auch wenn ich das tue, mir kann morgen ein Dachziegel auf den Kopf fallen oder das Virus kann mich erwischen, obwohl ich auf mich aufpasse.
Ich habe das nicht in der Hand.

Genau das ist es was wir alle nicht so gern mögen - die Dinge nicht in der Hand zu haben.
Da gehen wir dann mit einem Mordsdruck vor um das Gefühl von Kontrolle zu behalten oder wieder herzustellen. Verdammt anstrengend ist das, wie jeder Widerstand gegen das, was wir nicht ändern können. Das verbraucht viel Energie.

Wir haben eben nicht alles unter Kontrolle. Da ist der Wunsch Vater des Gedankens. Verständlich, ich hätte auch gerne alles unter Kontrolle, dann würde ich mich sicherer fühlen, inmitten all der Unsicherheiten des Lebens.
Ist aber nicht so und das muss ich akzeptieren.

Es gibt Dinge, da können wir uns anstrengen wie wir wollen - sie liegen nicht in unserem Einflussbereich.
Das ist eine der großen Lektionen, die uns das Leben gerade alle ausnahmslos lehrt.

Noch mal: "Bleib gesund!", das klingt so nach Anstrengung. Und wer das dann nicht schafft, hat der sich nicht genug angestrengt? Sicher nicht.
Ja, klar will ich gesund bleiben.
Aber das liegt nicht in meiner Macht. Aber genau das suggeriert dieses "Bleib gesund!" , als hätte ich es in der Hand, wenn ich mich besonders anstrenge.
Puh, ist das anstrengend.

Ich finde "Mögest du gesund sein", entspannter und liebevoller, wünschend für den anderen und wünschend für uns selbst: "Möge ich gesund sein". Und vor allem -  es ist demütiger.
Demut, genau das ist die zweite der vielen Lektionen, die wir alle gerade lernen dürfen.