Dienstag, 9. Dezember 2014

Samstag, 6. Dezember 2014

AUS DER PRAXIS – Vom Sinn der Depression



Die schwarze Dame, AW

Carl Gustav Jung sagte einmal: „Die Depression gleicht einer Dame in Schwarz. Tritt sie auf, so weise sie nicht weg, sondern bitte sie als Gast zu Tisch und höre, was sie zu sagen hat." Ein schönes Bild, finde ich, wenn auch für einen unschönen Seelenzustand. Was Jung damit vorgibt ist ein wertvoller Impuls um mit der Depression Kontakt aufzunehmen, in Dialog zu treten mit einem Teil des eigenen Inneren. Er hat das selbst getan, denn auch der große Analytiker hatte in seinem Leben eine schwere Depression. 
Wie der Name schon sagt, besteht  bei der Depression (von lat. deprimere „niederdrücken“) ein Druck nach unten, besser ausgedrückt - nach innen, sie ist ein zutiefst introvertierter Zustand.  
Es gibt unzählige Arten von Depressionen. Depressionen sind so verschieden wie die Menschen, die sie erleiden.
Von einer endogenen Depression spricht man, wenn es weder eine körperliche, noch eine psychische Ursache für die Depression zu geben scheint. Deswegen nimmt man an, dass die Ursachen von innen heraus entstanden sind. So können hier zum Beispiel auch genetische Faktoren zum Ausbruch der Krankheit beitragen. Die endogene Depression verläuft in in Phasen, die Abstände variieren zwischen wenigen Tagen und einem Jahr oder mehr. Man hat herausgefunden, dass besonders Männer hierbei häufiger auf berufliche Probleme oder Besitzverlust, Frauen hingegen eher auf partnerschaftliche oder familiäre Probleme, reagieren, die dann einen neuen Schub auslösen. Innerhalb der endogenen Depression unterscheidet man zudem zwischen der unipolaren und der bipolaren Depression. Die endogene Depressionen kennzeichnet sich durch den phasenhaften Verlauf. Sie beginnt sehr langsam, der Betroffene spürt kaum Anzeichen.  Bei manchen Menschen kommen nach einigen Tagen, Wochen oder Monaten Symptome auf, die nach einiger Zeit wieder von selbst verschwinden. Sie kann im Laufe des Lebens nur einmal auftreten oder immer wieder in schweren Schüben.
Die unipolare Depression kann sich in der Melancholie zeigen. Sie ist die am häufigsten auftretende Erkrankung bei den Depressionen. Sie wird als einpolig bezeichnet, was bedeutet, dass die Betroffenen zwar depressive, aber keine manischen Phasen haben. Man nennt diese Art der Depression auch Major Depression. Sie tritt in einer schwierigen Lebenssituation auf in der eine Reaktion nach außen notwendig wäre,  die Betroffenen aber sind in ihre Handlungsfähigkeit gelähmt. Die Energie, die sie nicht nach Außen geben können richtet sich nach innen. Die so dringend benötigt konstruktive Kraft, die sie brauchen um ihre Aufgaben zu lösen, wandelt sich in eine destruktive Kraft gegen sich selbst. Anstelle eines Ausdrucks kommt es zur Niederdrückung.
Die Dysthymia, auch die neurotische Depression genannt, ist eine krankhafte Neigung zu melancholisch-traurigen Stimmungen. Als Unterform einer chronischen Depression ist sie nicht so schwer, dafür hält sie länger an. Die Betroffenen sind im Schnitt zwei Jahre depressiv, sie empfinden aber immer wieder auch gute Tage und Wochen. Meist versinken sie jedoch in einer dumpfen niedergeschlagenen Stimmung, sind müde und antriebslos, haben kein Selbstwertgefühl, fühlen sich als Versager und sind nicht fähig ihr Leben zu meistern. Sie haben eine ausgeprägte Angst, die sie handlungsunfähig macht und lähmt.
Egal um welche Form der Depression es sich handelt, man muss sie von mehreren Seiten beleuchten, um sie zu verstehen. Zu Beginn hat sie im allgemeinen immer eine innerpsychische Ursache, aber sie kann bei jahrelangem extremen sozialen oder seelischen Stress oder auch im Zuge einer posttraumatischen Belastungstörung auftreten. Auch durch eine tiefe Veränderung der Nervenzellen im Gehirn kommt es zur Depression. Für die Entstehung und Aufrechterhaltung einer Depression sind zwei Botenstoffe besonders wichtig: das Serotonin und das Noradrenalin. Serotonin und Noradrenalin sind deswegen von besonderem Interesse für die Depression, weil alle Antidepressiva auf diese beiden Botenstoffe Einfluss nehmen und ihre Symptome lindern. Daher ist man in der Depressionsforschung der Überzeugung, dass bei der Depression die Funktionsfähigkeit der Nervenzellen, die Serotonin und Noradrenalin produzieren, gestört oder massiv beeinträchtigt ist.
Aber welchen Sinn hat die Depression? 
Für einen Menschen, der in der Depression gefangen ist, ist das eine schwere Frage. Sein Leid ist nahezu unerträglich, das Gefühl der Sinnlosigkeit hat ihn fest im Griff, also wie könnte er in seinem Leid etwas Positives sehen oder gar einen Sinn? Wenn es ihm aber dennoch gelingt, die Dame in Schwarz an den Tisch zu bitten und ihr zuzuhören, könnte sie Folgendes zu sagen haben: „Wenn du erstarrst, wenn du zu nichts mehr fähig bist, kann das durchaus einen Sinn haben: Die Depression sorgt dafür, dass du keine unnötige Energie mehr verschwendest. Sie zwingt dich endlich innezuhalten, sie sorgt dafür, dass du zunächst keine Handlungsmöglichkeiten mehr sehen kannst.“
So gesehen ist die Depression, so paradox das klingt, eine gesunde Anpassungsleistung an schwere Bedingungen oder Lebenssituationen. Nicht zuletzt ist auch das Gefühl der Schwere, des Niedergedrücktseins, welches Menschen in der Depression empfinden, Ausdruck  einer realen Schwere im Leben, sprich - etwas lastet so schwer auf uns, dass es uns erdrückt. Symptome haben immer eine Bedeutung, sie verweisen auf Ursachen.

Schwierige Lebensumstände allein lösen noch keine Depression aus. 
Depressiv wird ein Mensch erst wenn er keine Möglichkeit mehr sieht, in einem konstruktiven Sinn Einfluss auf seine Lebenssituation zu nehmen. Dabei kommt es nicht auf die objektiven Möglichkeiten an, die dieser Mensch hat, sondern auch auf die Möglichkeiten, die er für sich selbst sieht. Sieht er keine Möglichkeiten mehr, so bleibt letztlich nur noch die Depression, als leidvoller Versuch, einen seelischen Konflikt oder eine traumatische Erfahrung zu bewältigen. Die Depression hat immer eine Signalfunktion. Sie erzählt uns Wesentliches über unser Verhältnis zu unserem Umfeld, unsere Lebensumstände, unsere Lebensqualität und den Zustand unserer Seele. Sie erzählt uns etwas über den Zustand in dem wir uns im Jetzt befinden. Sie zeigt uns unsere Grenzen auf und sie bewahrt uns davor, diese Grenzen weiter zu verletzen, indem wir über unsere Kräfte leben. Sie bremst auf radikale und schmervolle Weise das Weitergehen. So hat Depression, auch wenn wir das im tiefen Leid, das sie schafft, zuerst nicht begreifen können, eine Schutzfunktion: Sie zwingt uns innezuhalten und im Prozess der Depression neue Lösungen zu finden, um uns künftig besser zu behandeln.

Die Depression ist ein psychischer Zustand der, wenn er intensiv beleuchtet wird, dem Betroffenen auf seinem Weg zur Individuation helfen kann. 
Deshalb ist es von enstcheidender Bedeutung um die Depression zu verstehen, den depressiven Zustand zu beobachten, der bei aller anderen Symptomatik eine Regression erzeugt: Oft kommt es nämlich zu einer Reminiszenz an die Vergangenheit. C. G. Jung schreibt dazu in „Symbole der Transformation“ sinngemäß: "Es vollzieht sich eine Übertragung der Vergangenheit, hervorgerufen durch eine Depression in der Gegenwart. Dies ist ein unbewusstes kompensatorisches Phänomen, welches bewusst gemacht werden muss, um Heilung zu finden." Mit anderen Worten - eine Wahrheit über das eigene Leben oder das eigene Ich, die man bis zu diesem Moment verdrängt hat, der man sich durch Kompensation und Selbstlügen entzogen hat, kann gerade in Krise der Lebensmitte eine Depression auslösen.  

Um hören zu können, was die Dame in Schwarz zu sagen hat, brauchen depressive Menschen Mut und Kraft, die sie eigentlich nicht mehr haben. Das erscheint unmöglich, denn wenn ein Mensch in der Starre verharrt, hat er das Gefühl, dass nichts mehr geht. Die Depression aber drückt genau deshalb nach unten, damit wir genau dahin spüren – ins eigene Tiefgeschoss, dahin wo die Antworten liegen und zwar darauf, was in unserem Leben ungut ist, was zu verändern ist, was verändert werden muss, um wieder neuen Lebensmut zu finden. Wenn der Depressive bereit ist, sich der eigenen Wahrheit zu stellen und die Fassade, die längst gebröckelt ist, endgültig herunterzureißen, erkennt er, dass er mit seinen bisherigen Lösungsversuchen und Handlungsweisen keinen Erfolg hatte. Im Gegenteil, genau diese Handlungsweisen haben gegen ihn gearbeitet. Er braucht also neue konstruktivere und heilsamere um sein Leben positiver und sinnvoller zu gestalten.
Mit der Dame in Schwarz in einen Dialog zu treten, bedeutet zunächst einmal Mitgefühl mit sich selbst zu  entwickeln, sich nicht zu verurteilen und Verständnis für die depressive Reaktion zu haben und dann Antworten zu finden auf folgende Fragen: „Wie kann ich mich künftig besser schützen? Wie kann ich mein Leben in Zukunft so zu gestalten, dass meine Seele nicht überfordert ist? Wie kann ich besser für mich sorgen? Wovon muss ich mich verabschieden und welche Bedürfnisse habe ich, die ich verdränge oder mir nicht erlaube zu erfüllen? Wo gebe ich vor etwas zu sein, was ich nicht bin?

Wer allerdings in einer schweren depressiven Phase steckt, hat kaum eine Möglichkeit, sich selbst ohne professionelle Hilfe zu befreien.  
Auch leichtere depressive Verstimmungen können, solange sie akut sind, einen Menschen vollkommen lähmen. Selbsthilfe kann immer nur in einigermaßen depressionsfreien Phasen gelingen. Eine schwere Depression braucht unbedingt therapeutische Intervention.  In einer Studie wurden Depressive gefragt, was ihnen hilft, wenn sie in einer depressiven Phase stecken. Als hilfreich empfanden sie Folgendes: Gespräche mit verständnisvollen Menschen, sich Zeit geben sich über ihre Gefühle klar werden, nach den Ursachen der Depression zu forschen und genau das zu tun, was die Depression verlangt: Sich zurückziehen, weinen, alle Gefühle wertfrei zulassen, keinen Widerstand gegen die Depression zu leisten, aufschreiben was sie fühlen, viel schlafen und, in den weniger depressiven Phasen, Bewegung in der frischen Luft und sportliche Betätigung.

Es ist bei allem Leid sinnvoll sich immer wieder bewusst zu machen: „Ich bin nicht meine Depression, ich habe eine Depression: So beginnen wir uns von ihr zu disidentifizieren. Wir schaffen bewusst eine Distanz zu dieser Krankheit und helfen uns damit sie anzunehmen, als das, was sie wirklich ist: Ein Hilferuf der erschöpften Seele und eine Chance sie gesunden zu lassen.
Auch der Glaube: „Ich werde diese Krankheit überwinden“, ist von großer Bedeutung für die Heilung. Wer an sich selbst glaubt, fühlt sich der Depression nicht hilflos ausgeliefert. Er weiß, dass sie vorbeigeht.


Donnerstag, 4. Dezember 2014

AUS DER PRAXIS – Das Ende der Verdrängung, oder vom Mut dem eigenen Schatten zu begegenen


Foto: Alexander Szugger

Der Begriff „Schatten" bezeichnet in der Analytischen Psychologie Carl Gustav Jungs die Gesamtheit der individuell und kollektiv unbewussten Anteile des Ichs. In allen Kulturen wird der Schatten mit dem Dunklen assoziiert, mit dem Bösen im Menschen, das es zu bändigen gilt. Der Schatten ist ein Persönlichkeitsanteil, den wir vor uns selbst und anderen zu verbergen versuchen weil wir ihn ablehnen, oder weil wir ihn nicht erkennen können, da er tief im Unbewussten vergraben ist. Dennoch ist er da und weil er da ist, gehört er zu unserer psychischen Struktur wie alle anderen Teile unserer Persönlichkeit. 

Ohne den Schatten sind wir nicht ganz. Bleibt er im Dunkel fehlt er uns zur Ganzwerdung.  
Ein Schattenanteil, der nicht bewusst wahrgenommen wird, wirkt in unserem Leben und in unseren Beziehungen, er wirkt auf unser Handeln. Deshalb löst z. B. die Tatsache, dass andere etwas in uns sehen, was wir nicht sehen können, Gefühle der Scham aus, oder aber eine starke Abwehrhaltung. Es gibt Menschen, die so blind für den eigenen Schatten sind, dass sie alles Negative von sich zurückweisen und es auf andere projizieren, nur um dem eigenen Schatten nicht ins Gesicht schauen zu müssen. Ein Beispiel: Ein Mensch erlebt, dass sich nach und nach die engsten, ihm nahestehenden Menschen von ihm abwenden. Er sucht die Ursache bei den anderen. Er konstruiert Erklärungen, warum die anderen tun, was sie tun, alles um nicht in sein eigenes Dunkel blicken zu müssen. Schließlich behauptet er sogar seinen inneren Frieden gemacht zu haben, obgleich er immer einsamer zu werden droht. Dieser Mann ist nicht bereit die Lerngeschenke, die im das Leben präsentiert zu öffnen und hineinzusehen in die eigenen Abgründe, die unbewusst ins Außen wirken und andere von ihm weg treiben. Er verdrängt seinen Anteil am Geschehen, statt sich auf den Weg zu machen und herauszufinden, was da in ihm selbst ist, was dazu führt, dass sich Menschen von ihm abwenden. Er weigert sich, sich seinem Schatten zu stellen, obgleich seine unselige Wirkung sein Leben mehr und mehr verdunkelt. 

C.G. Jung unterscheidet das Ich vom Selbst. Das Ich vertritt die bewussten Anteile, das Selbst die gesamte Psyche, also auch die unbewussten, dunklen Anteile. Die Gleichung lautet demnach: Ich + Schatten = Selbst. 
Der Weg zum Selbst führt also nach Jung durch den Schatten. Nur wer sich seine Schatten bewusst macht ist bereit zur Selbsterkenntnis und damit bereit die Verantwortung für sich selbst und sein Leben zu übernehmen, und so schließlich ein stabiles Selbst aufzubauen.
 
Wie kommt es dazu, dass wir einen Schatten entwickeln?
Ein Schatten bildet sich immer wenn eine Eigenschaft oder ein Verhalten bereits in der frühen Kindheit bei der Umwelt auf Ablehnung stößt, oder durch eine negative Erfahrung, die für das Kind nicht zu bewältigen ist. Der Schmerz, den dies auslöst, wird abgespalten. Es kommt zur sogenannten Dissoziation. So sind im Schatten alle abgespaltenen Erfahrungen, abgewehrte Triebe, frühkindliche Prägungen und nicht gelebten Persönlichkeitsanteile verborgen und tief ins Unterbewusstsein eingeschlossen. Aber auch unsere Potentiale und kreativen Fähigkeiten ruhen im Schatten und das immer dann, wenn wir sie als Kind nicht leben durften, weil sie im Außen auf Ablehnung oder gar auf Verachtung stießen. Somit ist auch das verletzte innere Kind ein Schattenaspekt unserer Persönlichkeit.

In den Schatten hausen nicht nur unschöne Aspekte unserer Persönlichkeit, sondern auch unsere größten Gaben und Talente.
Energetisch gesehen ist er der Anteil unserer Lebensenergie, der blockiert ist. Blockierte Lebensenergie kann zu verkapselter Wut, diffuser Angst, zu Lähmung und zu Neurosen jeder Art führen. Wir stecken förmlich in einer Rüstung in der Lebensenergie festgehalten wird. So können emotionale Beweglichkeit und Ausdrucksfähigkeit nicht frei fließen. Selbstwerdung aber bedeutet auch, dass alle unsere Gefühle frei fließen dürfen, egal ob wir sie als positiv oder negativ bewerten. Jedes Gefühl ist ein Navigator, der uns die Richtung zeigt, und zwar zu dem Menschen hin, der wir im Ganzen sind.

Wenn Gefühle blockiert sind, ist der gesamte Organismus blockiert. Denn alles ist eins und eins wirkt auf das andere. Das ist das Prinzip lebendiger Ganzheit.
Immer dann wenn wir aufhören zu verdrängen und innere und äußere Konflikte nicht vermeiden, sondern sie als Chance begreifen, uns unserer selbst bewusster zu werden, wenn wir bereit sind, unter die Oberfläche des bewussten Ichs zu tauchen, führt uns der Weg hin zur Entdeckung des Schattens. Wenn es gelingt den Schattenanteil nicht nur zu erkennen, sondern ihn zu bejahen als Teil dessen, was wir eben auch sind, kann blockierte Energie wieder fließen.

Verdrängtes bleibt nur im Schatten, weil wir es dort festhalten, aus Angst nicht der zu sein, der wir gern wären, in den eigenen Augen und in den Augen anderer.
Das Leben will sich immer vervollständigen, es will ganz werden. Deshalb schickt es uns immer wieder Lektionen, solange bis wir sie annehmen und daraus lernen. Tun wir das nicht, kommen sie in einer Art history repeating von Lebenserfahrungen oder Begegnungen ähnlicher Stärke und Qualität wieder. Dann stöhnen wir: „Puh, das hatte ich doch schon mal, wieso hört das denn nicht auf?“ Es hört dann auf, wenn wir uns den Lektionen stellen und sie lernen und zwar bewusst und dann unser Verhalten und unsere Handlungsweisen verändern.

Es ist eine Regel, dass die Bewusstmachung des Selbst genau die Konflikte erzeugt, die man durch ihre Unterdrückung und Verdrängung und zu vermeiden versucht.
Erst wenn wir uns die eigene Fehlbarkeit, die eigene Hilflosigkeit, unsere Schwäche und unsere dunklen Anteile vor uns selbst eingestehen, entkommt das Ich der Verblendung, dem  Hochmut und der Selbstüberschätzung.  Nur so kommen wir zu einer demütigen Haltung, in der wir uns dem öffnen, was wir als Mensch auch sind – nämlich nicht so, wie wir gerne wären, sondern eben auch wie wir nicht gerne sind, nämlich unvollkommen. C. G. Jung nennt das den Individuationsprozess, die Selbstwerdung und nach Jung hört sie niemals auf. Aber auch wenn es kein endgültiges Ziel gibt, das Einlassen auf diesen Prozess schenkt uns, so unbequem er auch bisweilen sein mag, Selbsterkenntnis und damit Lebenssinn und Lebensfülle. Solange wir aber die Schatten verdrängen leben wir in der Rüstung und in der Projektion. Alles Verdrängte zeigt sich in Projektionen und schafft sich so im Außen den Feind, dem es sich in Wahrheit im eigenen Inneren stellen müsste – und zwar nicht um ihn, wie in der Projektion, abzulehnen, anzuprangern oder zu bekämpfen, sondern um ihn zu umarmen, als Teil des Selbst.

Viele Menschen verbringen ihr Leben in einem Nebel von Täuschung und Selbstbetrug. Aber die Art und Weise wie man lebt und der Mut sein Wesen verstehen zu wollen, gehören zu einem gelingenden Leben. Deshalb ist Selbsterkenntnis so wichtig. Wer sich selbst einigermaßen erkennt, bei dem klaffen Erleben, Selbstbild und Fremdbild nicht auseinander.  Selbsterkenntnis ist also wertvoll, nicht nur als Quelle innerer Freiheit, sondern auch im Zusammenleben mit Anderen. Die Anderen zu achten und zu verstehen setzt voraus, dass wir uns selbst verstehen und achten mit allem, was uns ausmacht und nicht nur mit unserer Schokoladenseite.  

Je unbewusster ein Mensch sich seiner selbst ist, desto blinder ist er für sich selbst und umso stärker sind die Projektionen, die er macht. Mit einem solchen Menschen lebt es sich schwer, denn er ist selbstgefällig, ungerecht und ignorant. Unfähig seine Schattenanteile bei sich zu lassen stülpt er sie anderen über und er verurteilt andere und zwar genau für das, was er in sich selbst an Unschönem nicht sehen will. Herman Hesse, der bei Josef Bernhard Lang, einem Schüler C.G. Jungs, wegen seiner Depressionen eine Analyse machte, fasst es in seinem, in dieser Zeit verfassten "Demian", in einem Satz zusammen: „Wenn wir einen Menschen hassen, so hassen wir in seinem Bilde etwas, was in uns selber sitzt. Was nicht in uns selber ist, das regt uns nicht auf.“  

Alles was uns bei anderen aufregt, ärgert oder beschäftigt, verrät uns viel über unseren Schatten. Je stärker die eigene emotionale Betroffenheit, desto sicherer handelt es sich um ein eigenes Thema, das nach Außen projiziert wird und je stärker die Abwehr ist, desto sicherer ist: Das hat etwas mit uns zu tun. Solange wir das nicht begreifen, werden wir alles, wofür wir die Verantwortung nicht übernehmen wollen, auf andere projizieren und dort bekämpfen. 

Immer wenn wir mit dem Finger auf andere zeigen, zeigen wir eigentlich auf uns selbst und ein ungelöstes Schattenthema. Die Psyche tritt mit nichts in Resonanz, mit dem sie kein Thema hat, das nicht in ihr selbst liegt. Oder mit anderen Worten: Unbewusstes erkennt Unbewusstes sofort.
Jedes Mal wenn wir uns über das Verhalten eines anderen Menschen aufregen, sollten wir tief durchatmen und unsere Gefühle ehrlich anschauen um herauszufinden, was wir da im Spiegel des Gegenübers präsentiert bekommen, das uns auf uns selbst zurückwirft und zwar auf das, was wir nicht entwickelt haben oder auf das, was wir beharrlich verdrängen und an uns selbst nicht akzeptieren wollen oder können oder auf das was uns Angst macht. Zugegeben, das ist nicht einfach, denn wenn wir uns entscheiden mit dieser Achtsamkeit und Bereitschaft zur Introspektion durchs Leben zu gehen, werden wir auch dem Schmerz begegnen, der in unserem Schatten verborgen sind. Wir werden unsere Wut spüren, unsere Trauer, unsere Sehnsüchte und unsere Wünsche und Triebe, die verrotten und uns innerlich vergiften, wenn wir sie nicht irgendwann aus dem dunklen Keller der Seele befreien.

Wenn es uns gelingt all das anzuschauen und vor uns selbst zuzulassen, werden wir dazu fähig, die in uns aufkommenden dunklen Gefühle zu spüren, sie anzunehmen und nicht anderen vor die Füße zu werfen, die sie uns angeblich machen. 
Sicher machen das auch die anderen mit uns, aber sie machen nur das mit uns, wozu wir Resonanz haben. Es trifft immer der Schatten auf einen anderen Schatten. Auch in Beziehungen ist das so. Deshalb gilt hier besonders: Wenn du ein guter Partner sein willst, dann schau erst in dich selbst hinein. Und noch ein hilfreicher Tipp wie die Schattenarbeit gelingt: Immer da, wo wir einen Unterschied feststellen zwischen unserer Selbstwahrnehmung und der Fremdwahrnehmung des Anderen, ist das ein untrügliches Zeichen dafür, dass es in unserem Schatten etwas zu erlösen gibt.


Mittwoch, 3. Dezember 2014

Gedankensplitter

liebe verhindert kein leid und löscht kein leid aus, aber sie hilft, es zu bewältigen.

Freiheit




innere freiheit ist ein zustand der entspannung.
sie hat eine qualität, die viel mit eigenverantwortung zu tun hat, dem gefühl, das leben eigenverantwortlich zu gestalten.
diese haltung macht frei, weil man niemand mehr rechenschaft schuldig ist.

Dienstag, 2. Dezember 2014

es dreht sich


Gedankensplitter

sie ziehe es vor, allein zu kämpfen, sagte sie, gegen windmühlen bisweilen, einen imaginären feind, vielleicht kämpfe ich gegen mich selbst.
ich sah sie an: und, macht es einen sinn gegen sich selbst zu kämpfen, hilft ihnen das?