Dienstag, 9. Dezember 2014
Samstag, 6. Dezember 2014
AUS DER PRAXIS – Vom Sinn der Depression
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| Die schwarze Dame, AW |
Carl Gustav
Jung sagte einmal: „Die Depression gleicht einer Dame in Schwarz. Tritt sie
auf, so weise sie nicht weg, sondern bitte sie als Gast zu Tisch und höre, was
sie zu sagen hat." Ein schönes Bild, finde ich, wenn auch für einen
unschönen Seelenzustand. Was Jung damit vorgibt ist ein wertvoller
Impuls um mit der Depression Kontakt aufzunehmen, in Dialog zu treten mit
einem Teil des eigenen Inneren. Er hat das selbst getan, denn auch der große
Analytiker hatte in seinem Leben eine schwere Depression.
Wie der Name
schon sagt, besteht bei der Depression (von lat. deprimere
„niederdrücken“) ein Druck nach unten, besser ausgedrückt - nach innen, sie ist
ein zutiefst introvertierter Zustand.
Es gibt unzählige Arten von Depressionen.
Depressionen sind so verschieden wie die Menschen, die sie erleiden.
Von einer
endogenen Depression spricht man, wenn es weder eine körperliche, noch eine
psychische Ursache für die Depression zu geben scheint. Deswegen nimmt man an,
dass die Ursachen von innen heraus entstanden sind. So können hier zum Beispiel
auch genetische Faktoren zum Ausbruch der Krankheit beitragen. Die endogene
Depression verläuft in in Phasen, die Abstände variieren zwischen wenigen Tagen
und einem Jahr oder mehr. Man hat herausgefunden, dass besonders Männer hierbei
häufiger auf berufliche Probleme oder Besitzverlust, Frauen hingegen eher auf
partnerschaftliche oder familiäre Probleme, reagieren, die dann einen neuen
Schub auslösen. Innerhalb der endogenen Depression unterscheidet man zudem
zwischen der unipolaren und der bipolaren Depression. Die endogene Depressionen
kennzeichnet sich durch den phasenhaften Verlauf. Sie beginnt sehr langsam, der
Betroffene spürt kaum Anzeichen. Bei manchen Menschen kommen nach einigen
Tagen, Wochen oder Monaten Symptome auf, die nach einiger Zeit wieder von
selbst verschwinden. Sie kann im Laufe des Lebens nur einmal auftreten oder
immer wieder in schweren Schüben.
Die unipolare
Depression kann sich in der Melancholie zeigen. Sie ist die am häufigsten
auftretende Erkrankung bei den Depressionen. Sie wird als einpolig bezeichnet,
was bedeutet, dass die Betroffenen zwar depressive, aber keine manischen Phasen
haben. Man nennt diese Art der Depression auch Major Depression. Sie tritt in
einer schwierigen Lebenssituation auf in der eine Reaktion nach außen notwendig
wäre, die Betroffenen aber sind in ihre Handlungsfähigkeit gelähmt. Die
Energie, die sie nicht nach Außen geben können richtet sich nach innen. Die so
dringend benötigt konstruktive Kraft, die sie brauchen um ihre Aufgaben zu
lösen, wandelt sich in eine destruktive Kraft gegen sich selbst. Anstelle eines
Ausdrucks kommt es zur Niederdrückung.
Die Dysthymia, auch die neurotische
Depression genannt, ist eine krankhafte Neigung zu melancholisch-traurigen
Stimmungen. Als Unterform einer chronischen Depression ist sie nicht so schwer,
dafür hält sie länger an. Die Betroffenen sind im Schnitt zwei Jahre
depressiv, sie empfinden aber immer wieder auch gute Tage und Wochen. Meist
versinken sie jedoch in einer dumpfen niedergeschlagenen Stimmung, sind müde
und antriebslos, haben kein Selbstwertgefühl, fühlen sich als Versager und sind
nicht fähig ihr Leben zu meistern. Sie haben eine ausgeprägte Angst, die sie
handlungsunfähig macht und lähmt.
Egal um welche
Form der Depression es sich handelt, man muss sie von mehreren Seiten
beleuchten, um sie zu verstehen. Zu Beginn hat sie im allgemeinen immer eine
innerpsychische Ursache, aber sie kann bei jahrelangem extremen sozialen oder
seelischen Stress oder auch im Zuge einer posttraumatischen Belastungstörung
auftreten. Auch durch eine tiefe Veränderung der Nervenzellen im Gehirn kommt
es zur Depression. Für die Entstehung und Aufrechterhaltung einer Depression
sind zwei Botenstoffe besonders wichtig: das Serotonin und das Noradrenalin.
Serotonin und Noradrenalin sind deswegen von besonderem Interesse für die
Depression, weil alle Antidepressiva auf diese beiden Botenstoffe Einfluss
nehmen und ihre Symptome lindern. Daher ist man in der Depressionsforschung der
Überzeugung, dass bei der Depression die Funktionsfähigkeit der Nervenzellen,
die Serotonin und Noradrenalin produzieren, gestört oder massiv beeinträchtigt
ist.
Aber welchen
Sinn hat die Depression?
Für einen
Menschen, der in der Depression gefangen ist, ist das eine schwere Frage. Sein
Leid ist nahezu unerträglich, das Gefühl der Sinnlosigkeit hat ihn fest im
Griff, also wie könnte er in seinem Leid etwas Positives sehen oder gar einen
Sinn? Wenn es ihm aber dennoch gelingt, die Dame in Schwarz an den Tisch zu
bitten und ihr zuzuhören, könnte sie Folgendes zu sagen haben: „Wenn du
erstarrst, wenn du zu nichts mehr fähig bist, kann das durchaus einen Sinn
haben: Die Depression sorgt dafür, dass du keine unnötige Energie mehr
verschwendest. Sie zwingt dich endlich innezuhalten, sie sorgt dafür, dass du
zunächst keine Handlungsmöglichkeiten mehr sehen kannst.“
So gesehen ist
die Depression, so paradox das klingt, eine gesunde Anpassungsleistung an
schwere Bedingungen oder Lebenssituationen. Nicht zuletzt ist auch das Gefühl
der Schwere, des Niedergedrücktseins, welches Menschen in der Depression
empfinden, Ausdruck einer realen Schwere im Leben, sprich - etwas
lastet so schwer auf uns, dass es uns erdrückt. Symptome haben immer eine
Bedeutung, sie verweisen auf Ursachen.
Schwierige Lebensumstände allein lösen noch keine Depression aus.
Depressiv
wird ein Mensch erst wenn er keine Möglichkeit mehr sieht, in einem
konstruktiven Sinn Einfluss auf seine Lebenssituation zu nehmen. Dabei kommt es
nicht auf die objektiven Möglichkeiten an, die dieser Mensch hat, sondern auch
auf die Möglichkeiten, die er für sich selbst sieht. Sieht er keine
Möglichkeiten mehr, so bleibt letztlich nur noch die Depression, als leidvoller
Versuch, einen seelischen Konflikt oder eine traumatische Erfahrung zu
bewältigen. Die Depression hat immer eine Signalfunktion. Sie erzählt uns
Wesentliches über unser Verhältnis zu unserem Umfeld, unsere Lebensumstände,
unsere Lebensqualität und den Zustand unserer Seele. Sie erzählt uns etwas über
den Zustand in dem wir uns im Jetzt befinden. Sie zeigt uns unsere Grenzen auf
und sie bewahrt uns davor, diese Grenzen weiter zu verletzen, indem wir über
unsere Kräfte leben. Sie bremst auf radikale und schmervolle Weise das
Weitergehen. So hat Depression, auch wenn wir das im tiefen Leid, das sie
schafft, zuerst nicht begreifen können, eine Schutzfunktion: Sie zwingt uns
innezuhalten und im Prozess der Depression neue Lösungen zu finden, um uns
künftig besser zu behandeln.
Die Depression
ist ein psychischer Zustand der, wenn er intensiv beleuchtet wird, dem
Betroffenen auf seinem Weg zur Individuation helfen kann.
Deshalb ist es von
enstcheidender Bedeutung um die Depression zu verstehen, den depressiven
Zustand zu beobachten, der bei aller anderen Symptomatik eine Regression
erzeugt: Oft kommt es nämlich zu einer Reminiszenz an die Vergangenheit. C. G.
Jung schreibt dazu in „Symbole der Transformation“ sinngemäß: "Es
vollzieht sich eine Übertragung der Vergangenheit, hervorgerufen durch eine
Depression in der Gegenwart. Dies ist ein unbewusstes kompensatorisches
Phänomen, welches bewusst gemacht werden muss, um Heilung zu finden." Mit
anderen Worten - eine Wahrheit über das eigene Leben oder das eigene Ich, die
man bis zu diesem Moment verdrängt hat, der man sich durch Kompensation und
Selbstlügen entzogen hat, kann gerade in Krise der Lebensmitte eine Depression
auslösen.
Um hören zu
können, was die Dame in Schwarz zu sagen hat, brauchen depressive Menschen Mut
und Kraft, die sie eigentlich nicht mehr haben. Das erscheint unmöglich, denn
wenn ein Mensch in der Starre verharrt, hat er das Gefühl, dass nichts mehr
geht. Die Depression aber drückt genau deshalb nach unten, damit wir genau
dahin spüren – ins eigene Tiefgeschoss, dahin wo die Antworten liegen und zwar
darauf, was in unserem Leben ungut ist, was zu verändern ist, was verändert
werden muss, um wieder neuen Lebensmut zu finden. Wenn der Depressive bereit
ist, sich der eigenen Wahrheit zu stellen und die Fassade, die längst
gebröckelt ist, endgültig herunterzureißen, erkennt er, dass er mit seinen
bisherigen Lösungsversuchen und Handlungsweisen keinen Erfolg hatte. Im
Gegenteil, genau diese Handlungsweisen haben gegen ihn gearbeitet. Er braucht
also neue konstruktivere und heilsamere um sein Leben positiver und sinnvoller
zu gestalten.
Mit der Dame
in Schwarz in einen Dialog zu treten, bedeutet zunächst einmal Mitgefühl mit
sich selbst zu entwickeln, sich nicht zu verurteilen und Verständnis für
die depressive Reaktion zu haben und dann Antworten zu finden auf folgende
Fragen: „Wie kann ich mich künftig besser schützen? Wie kann ich mein Leben in
Zukunft so zu gestalten, dass meine Seele nicht überfordert ist? Wie kann ich
besser für mich sorgen? Wovon muss ich mich verabschieden und welche
Bedürfnisse habe ich, die ich verdränge oder mir nicht erlaube zu erfüllen? Wo
gebe ich vor etwas zu sein, was ich nicht bin?
Wer allerdings
in einer schweren depressiven Phase steckt, hat kaum eine Möglichkeit, sich
selbst ohne professionelle Hilfe zu befreien.
Auch leichtere depressive
Verstimmungen können, solange sie akut sind, einen Menschen vollkommen lähmen.
Selbsthilfe kann immer nur in einigermaßen depressionsfreien Phasen gelingen.
Eine schwere Depression braucht unbedingt therapeutische Intervention. In
einer Studie wurden Depressive gefragt, was ihnen hilft, wenn sie in einer
depressiven Phase stecken. Als hilfreich empfanden sie Folgendes: Gespräche mit
verständnisvollen Menschen, sich Zeit geben sich über ihre Gefühle klar werden,
nach den Ursachen der Depression zu forschen und genau das zu tun, was die
Depression verlangt: Sich zurückziehen, weinen, alle Gefühle wertfrei zulassen,
keinen Widerstand gegen die Depression zu leisten, aufschreiben was sie fühlen,
viel schlafen und, in den weniger depressiven Phasen, Bewegung in der frischen
Luft und sportliche Betätigung.
Es ist bei
allem Leid sinnvoll sich immer wieder bewusst zu machen: „Ich bin nicht meine
Depression, ich habe eine Depression: So beginnen wir uns von ihr zu
disidentifizieren. Wir schaffen bewusst eine Distanz zu dieser Krankheit und
helfen uns damit sie anzunehmen, als das, was sie wirklich ist: Ein Hilferuf
der erschöpften Seele und eine Chance sie gesunden zu lassen.
Auch der
Glaube: „Ich werde diese Krankheit überwinden“, ist von großer Bedeutung für
die Heilung. Wer an sich selbst glaubt, fühlt sich der Depression nicht hilflos
ausgeliefert. Er weiß, dass sie vorbeigeht.
Donnerstag, 4. Dezember 2014
AUS DER PRAXIS – Das Ende der Verdrängung, oder vom Mut dem eigenen Schatten zu begegenen
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| Foto: Alexander Szugger |
Der Begriff
„Schatten" bezeichnet in der Analytischen Psychologie Carl Gustav Jungs
die Gesamtheit der individuell und kollektiv unbewussten Anteile des Ichs. In
allen Kulturen wird der Schatten mit dem Dunklen assoziiert, mit dem Bösen im
Menschen, das es zu bändigen gilt. Der Schatten ist ein Persönlichkeitsanteil,
den wir vor uns selbst und anderen zu verbergen versuchen weil wir ihn
ablehnen, oder weil wir ihn nicht erkennen können, da er tief im Unbewussten
vergraben ist. Dennoch ist er da und weil er da ist, gehört er zu unserer
psychischen Struktur wie alle anderen Teile unserer Persönlichkeit.
Ohne den
Schatten sind wir nicht ganz. Bleibt er im Dunkel fehlt er uns zur Ganzwerdung.
Ein
Schattenanteil, der nicht bewusst wahrgenommen wird, wirkt in unserem Leben und
in unseren Beziehungen, er wirkt auf unser Handeln. Deshalb löst z. B. die
Tatsache, dass andere etwas in uns sehen, was wir nicht sehen können, Gefühle
der Scham aus, oder aber eine starke Abwehrhaltung. Es gibt Menschen, die so
blind für den eigenen Schatten sind, dass sie alles Negative von sich
zurückweisen und es auf andere projizieren, nur um dem eigenen Schatten nicht
ins Gesicht schauen zu müssen. Ein Beispiel: Ein Mensch erlebt, dass sich nach
und nach die engsten, ihm nahestehenden Menschen von ihm abwenden. Er sucht die
Ursache bei den anderen. Er konstruiert Erklärungen, warum die anderen tun, was
sie tun, alles um nicht in sein eigenes Dunkel blicken zu müssen. Schließlich
behauptet er sogar seinen inneren Frieden gemacht zu haben, obgleich er immer
einsamer zu werden droht. Dieser Mann ist nicht bereit die Lerngeschenke, die
im das Leben präsentiert zu öffnen und hineinzusehen in die eigenen Abgründe,
die unbewusst ins Außen wirken und andere von ihm weg treiben. Er verdrängt
seinen Anteil am Geschehen, statt sich auf den Weg zu machen und
herauszufinden, was da in ihm selbst ist, was dazu führt, dass sich Menschen
von ihm abwenden. Er weigert sich, sich seinem Schatten zu stellen, obgleich
seine unselige Wirkung sein Leben mehr und mehr verdunkelt.
C.G. Jung
unterscheidet das Ich vom Selbst. Das Ich vertritt die bewussten Anteile, das
Selbst die gesamte Psyche, also auch die unbewussten, dunklen Anteile. Die
Gleichung lautet demnach: Ich + Schatten = Selbst.
Der Weg
zum Selbst führt also nach Jung durch den Schatten. Nur wer sich seine Schatten
bewusst macht ist bereit zur Selbsterkenntnis und damit bereit die
Verantwortung für sich selbst und sein Leben zu übernehmen, und so schließlich
ein stabiles Selbst aufzubauen.
Wie kommt es
dazu, dass wir einen Schatten entwickeln?
Ein Schatten
bildet sich immer wenn eine Eigenschaft oder ein Verhalten bereits in der
frühen Kindheit bei der Umwelt auf Ablehnung stößt, oder durch eine negative
Erfahrung, die für das Kind nicht zu bewältigen ist. Der Schmerz, den dies
auslöst, wird abgespalten. Es kommt zur sogenannten Dissoziation. So sind im
Schatten alle abgespaltenen Erfahrungen, abgewehrte Triebe, frühkindliche
Prägungen und nicht gelebten Persönlichkeitsanteile verborgen und tief ins
Unterbewusstsein eingeschlossen. Aber auch unsere Potentiale und kreativen
Fähigkeiten ruhen im Schatten und das immer dann, wenn wir sie als Kind nicht
leben durften, weil sie im Außen auf Ablehnung oder gar auf Verachtung stießen.
Somit ist auch das verletzte innere Kind ein Schattenaspekt unserer
Persönlichkeit.
In den
Schatten hausen nicht nur unschöne Aspekte unserer Persönlichkeit, sondern auch
unsere größten Gaben und Talente.
Energetisch
gesehen ist er der Anteil unserer Lebensenergie, der blockiert ist. Blockierte
Lebensenergie kann zu verkapselter Wut, diffuser Angst, zu Lähmung und zu
Neurosen jeder Art führen. Wir stecken förmlich in einer Rüstung in der
Lebensenergie festgehalten wird. So können emotionale Beweglichkeit und
Ausdrucksfähigkeit nicht frei fließen. Selbstwerdung aber bedeutet auch, dass
alle unsere Gefühle frei fließen dürfen, egal ob wir sie als positiv oder
negativ bewerten. Jedes Gefühl ist ein Navigator, der uns die Richtung zeigt,
und zwar zu dem Menschen hin, der wir im Ganzen sind.
Wenn Gefühle
blockiert sind, ist der gesamte Organismus blockiert. Denn alles ist eins und
eins wirkt auf das andere. Das ist das Prinzip lebendiger Ganzheit.
Immer dann
wenn wir aufhören zu verdrängen und innere und äußere Konflikte nicht
vermeiden, sondern sie als Chance begreifen, uns unserer selbst bewusster zu
werden, wenn wir bereit sind, unter die Oberfläche des bewussten Ichs zu
tauchen, führt uns der Weg hin zur Entdeckung des Schattens. Wenn es gelingt
den Schattenanteil nicht nur zu erkennen, sondern ihn zu bejahen als Teil
dessen, was wir eben auch sind, kann blockierte Energie wieder fließen.
Verdrängtes
bleibt nur im Schatten, weil wir es dort festhalten, aus Angst nicht der zu
sein, der wir gern wären, in den eigenen Augen und in den Augen anderer.
Das Leben will
sich immer vervollständigen, es will ganz werden. Deshalb schickt es uns immer
wieder Lektionen, solange bis wir sie annehmen und daraus lernen. Tun wir das
nicht, kommen sie in einer Art history repeating von Lebenserfahrungen
oder Begegnungen ähnlicher Stärke und Qualität wieder. Dann stöhnen wir: „Puh,
das hatte ich doch schon mal, wieso hört das denn nicht auf?“ Es hört dann auf,
wenn wir uns den Lektionen stellen und sie lernen und zwar bewusst und dann
unser Verhalten und unsere Handlungsweisen verändern.
Es ist eine
Regel, dass die Bewusstmachung des Selbst genau die Konflikte erzeugt, die man
durch ihre Unterdrückung und Verdrängung und zu vermeiden versucht.
Erst wenn wir
uns die eigene Fehlbarkeit, die eigene Hilflosigkeit, unsere Schwäche und
unsere dunklen Anteile vor uns selbst eingestehen, entkommt das Ich der
Verblendung, dem Hochmut und der
Selbstüberschätzung. Nur so kommen wir
zu einer demütigen Haltung, in der wir uns dem öffnen, was wir als Mensch auch
sind – nämlich nicht so, wie wir gerne wären, sondern eben auch wie wir nicht
gerne sind, nämlich unvollkommen. C. G. Jung nennt das den Individuationsprozess,
die Selbstwerdung und nach Jung hört sie niemals auf. Aber auch wenn es kein
endgültiges Ziel gibt, das Einlassen auf diesen Prozess schenkt uns, so
unbequem er auch bisweilen sein mag, Selbsterkenntnis und damit Lebenssinn und
Lebensfülle. Solange wir aber die Schatten verdrängen leben wir in der Rüstung
und in der Projektion. Alles Verdrängte zeigt sich in Projektionen und schafft
sich so im Außen den Feind, dem es sich in Wahrheit im eigenen Inneren stellen
müsste – und zwar nicht um ihn, wie in der Projektion, abzulehnen, anzuprangern
oder zu bekämpfen, sondern um ihn zu umarmen, als Teil des Selbst.
Viele
Menschen verbringen ihr Leben in einem Nebel von Täuschung und Selbstbetrug. Aber die Art und Weise wie man lebt
und der Mut sein Wesen verstehen zu wollen, gehören zu einem gelingenden Leben.
Deshalb ist Selbsterkenntnis so wichtig. Wer sich selbst einigermaßen erkennt,
bei dem klaffen Erleben, Selbstbild und Fremdbild nicht auseinander. Selbsterkenntnis
ist also wertvoll, nicht nur als Quelle innerer Freiheit, sondern auch im
Zusammenleben mit Anderen. Die Anderen zu achten und zu verstehen setzt voraus,
dass wir uns selbst verstehen und achten mit allem, was uns ausmacht und nicht
nur mit unserer Schokoladenseite.
Je unbewusster
ein Mensch sich seiner selbst ist, desto blinder ist er für sich selbst und
umso stärker sind die Projektionen, die er macht. Mit einem solchen Menschen
lebt es sich schwer, denn er ist selbstgefällig, ungerecht und ignorant.
Unfähig seine Schattenanteile bei sich zu lassen stülpt er sie anderen über und
er verurteilt andere und zwar genau für das, was er in sich selbst an Unschönem
nicht sehen will. Herman Hesse, der bei Josef Bernhard Lang, einem Schüler C.G.
Jungs, wegen seiner Depressionen eine Analyse machte, fasst es in seinem, in
dieser Zeit verfassten "Demian", in einem Satz zusammen: „Wenn
wir einen Menschen hassen, so hassen wir in seinem Bilde etwas, was in uns
selber sitzt. Was nicht in uns selber ist, das regt uns nicht auf.“
Alles was uns
bei anderen aufregt, ärgert oder beschäftigt, verrät uns viel über unseren
Schatten. Je stärker die eigene emotionale Betroffenheit, desto sicherer
handelt es sich um ein eigenes Thema, das nach Außen projiziert wird und je
stärker die Abwehr ist, desto sicherer ist: Das hat etwas mit uns zu tun.
Solange wir das nicht begreifen, werden wir alles, wofür wir die Verantwortung
nicht übernehmen wollen, auf andere projizieren und dort bekämpfen.
Immer wenn wir
mit dem Finger auf andere zeigen, zeigen wir eigentlich auf uns selbst und ein
ungelöstes Schattenthema. Die Psyche tritt mit nichts in Resonanz, mit dem sie
kein Thema hat, das nicht in ihr selbst liegt. Oder mit anderen Worten:
Unbewusstes erkennt Unbewusstes sofort.
Jedes Mal wenn
wir uns über das Verhalten eines anderen Menschen aufregen, sollten wir tief
durchatmen und unsere Gefühle ehrlich anschauen um herauszufinden, was wir da
im Spiegel des Gegenübers präsentiert bekommen, das uns auf uns selbst
zurückwirft und zwar auf das, was wir nicht entwickelt haben oder auf das, was
wir beharrlich verdrängen und an uns selbst nicht akzeptieren wollen oder
können oder auf das was uns Angst macht. Zugegeben, das ist nicht einfach, denn
wenn wir uns entscheiden mit dieser Achtsamkeit und Bereitschaft zur
Introspektion durchs Leben zu gehen, werden wir auch dem Schmerz begegnen, der
in unserem Schatten verborgen sind. Wir werden unsere Wut spüren, unsere
Trauer, unsere Sehnsüchte und unsere Wünsche und Triebe, die verrotten und uns
innerlich vergiften, wenn wir sie nicht irgendwann aus dem dunklen Keller der
Seele befreien.
Wenn es uns
gelingt all das anzuschauen und vor uns selbst zuzulassen, werden wir dazu
fähig, die in uns aufkommenden dunklen Gefühle zu spüren, sie anzunehmen und
nicht anderen vor die Füße zu werfen, die sie uns angeblich machen.
Sicher machen
das auch die anderen mit uns, aber sie machen nur das mit uns, wozu wir
Resonanz haben. Es trifft immer der Schatten auf einen anderen Schatten. Auch
in Beziehungen ist das so. Deshalb gilt hier besonders: Wenn du ein guter
Partner sein willst, dann schau erst in dich selbst hinein. Und noch ein hilfreicher
Tipp wie die Schattenarbeit gelingt: Immer da, wo wir einen Unterschied
feststellen zwischen unserer Selbstwahrnehmung und der Fremdwahrnehmung des
Anderen, ist das ein untrügliches Zeichen dafür, dass es in unserem Schatten
etwas zu erlösen gibt.
Mittwoch, 3. Dezember 2014
Gedankensplitter
liebe verhindert kein leid und löscht kein leid aus, aber sie hilft, es zu bewältigen.
Freiheit
innere freiheit ist ein zustand der entspannung.
sie hat eine qualität, die viel mit eigenverantwortung zu tun hat, dem gefühl, das leben eigenverantwortlich zu gestalten.
diese haltung macht frei, weil man niemand mehr rechenschaft schuldig ist.
Dienstag, 2. Dezember 2014
Gedankensplitter
sie ziehe es vor, allein zu kämpfen, sagte sie, gegen windmühlen bisweilen, einen imaginären feind, vielleicht kämpfe ich gegen mich selbst.
ich sah sie an: und, macht es einen sinn gegen sich selbst zu kämpfen, hilft ihnen das?
ich sah sie an: und, macht es einen sinn gegen sich selbst zu kämpfen, hilft ihnen das?
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