Montag, 18. Februar 2013

erschütterung



erschütterung
ein wanken
herausfallen aus dem gleichgewicht
schwäche des körpers 
schock der seele
gefühl zu fallen
umkehr allen geglaubtens
erkennen das nicht folgt
verstummen
wortlos im wankenden eigenen trudelndes
ein halt suchendes 
woran sich halten ...?
sich aufrichten mit der zeit ...



Donnerstag, 14. Februar 2013

Spiegelkabinett



jahrmarkt der eitelkeiten
treten sie ein ins spiegelkabinett ...



du gehst hindurch
in manche spiegel blickst du
und erkennst dein lächeln.
du lächelst zurück.
in manchen spiegeln siehst du deine leidenschaft und deine träume
und du bist glücklich über all die schönen reflektionen.

du gehst weiter.
da sind andere spiegel.
du blickst in sie hinein und denkst: wie unschön
und wendest dich ab.

du gehst du zurück zu den spiegeln, die so schön glänzen, 
die dich so herrlich glänzend spiegeln
und du denkst: wie schön. 

aber du hast sie nicht vergessen,
die anderen spiegel, in die du hineingesehn hast 
und sie haben dich nicht vergessen. 

du fragst dich: was soll ich tun?
soll ich dort hin gehen, soll ich da hinein schauen? 
nein, das ist nicht gut, sagt die angst, bleib hier, wo es so herrlich glänzt
hier ist es gut.

doch du spürst diesen zug
dahin wo es nicht glänzt
und du gibst ihm nach, weil es starker zug ist.
du nimmst deinen ganzen mut zusammen
und schaust in die spiegel, die dir das unschöne zeigen
und es tut weh, weil du das schöne doch viel mehr liebst.
aber du hälst es aus hineinzuschauen, obwohl du das schöne so viel mehr liebst.

und dann siehst es, ganz groß, all das unschöne in dir, 
all das unschöne in deinem leben.
und du fragst du dich: warum muss das sein?
du findest keine antwort.
du fühlst nur: es tut weh.

etwas in dir sagt:
wenn du willst, kannst du dich einlassen mit dem unschönen in dir.
etwas in dir weiß, wenn du dich einlässt, wirst du es irgendwann schaffen zu sagen:
das unschöne ist auch meins.

aber was dann?
dann hast du nichts gelöst,
aber du hast begriffen, dass schöne illusionen kein leben ausmachen.

vielleicht beginnst du dann ehrlich zu dir selbst zu sein.
 
und dann?
dann tut es richtig weh.


Freitag, 8. Februar 2013

fremd



er sah sie an, vorwurf im blick. sie lag im bett, die decke übers kinn gezogen, erschöpft von der krankheit. elend, selbstgemacht, sagte er, und dass es ihre gedanken seien, die falschen gedanken. daher käme das elend, das ewige unwohlsein. ihre gedanken seien die ursache. sie schwieg, zu müde zum antworten, zu müde um nach einer rechtfertigung zu suchen für die anklage.

du machst dich selbst kaputt, weil du falsch denkst. die worte fielen wie steine auf ihr innerstes. geröll, das noch schwerer machte, was schwer genug war. sie versuchte abzuwehren. der mund, müde vom reden, weigerte sich worte zu finden. überhaupt, dachte sie, wird zu viel geredet. überredet, zerredet. sie das fand das anstrengend. sie hatte wenig lust zu reden. sie war ausgeredet. was sie zu sagen hatte war in ihrem kopf ohne lautes mitteilungsbedürfnis. sie liebte die stille. hatte den rückzug gewählt, sich eingerichtet in ihrem leben. das bedürfnis raus zu gehen kam selten. es war das immer gleiche, was sie sah. ohne bezug zu ihr selbst. beziehungslosigkeit erschien ihr wie eine erleichterung. sie zog ihre eigenen kreise. störungen waren ihr zuwider.

du bist seltsam geworden, unterbrach er ihre gedanken. du vertrocknest wie eine blume vor ihrer zeit. du verwehrst dich dem leben, verbarrikadierst dich, umgibst dich mit toten. all die toten in deinen büchern. das ist kein leben. was ist denn ein leben, dachte sie und dass sie genug kannte, genug hatte, von dem, was er leben nannte. war es so schwer vorstellbar, dass sie genug vom genug hatte. sie fragte ihn das nicht, sie kannte seine antworten längst. es lohnte keinen versuch mehr. er hätte sie sowieso nicht verstanden. das ihre war ihm fremd und er ihr.




gedankensplitter 47



es gibt für mich keinen maßstab für richtig oder falsch.
es gibt für mich kein außen, das mir (ein) sagen kann.
es gibt für mich kein vergleichen.
nichts gleicht sich.
es gibt für mich nur einen maßstab
ich bin mein maßstab.
nur ich kann (er) messen, wann das maß voll ist. 

Meine besten Jahre sind vorbei - Zwei innere Monologe




Meine besten Jahre sind vorbei.
Ich werde jeden Tag älter und nicht schöner. 
Ich hasse die Vergänglichkeit.
Vielleicht werde ich sogar krank.
Oder ich ende im Armenhaus.
Rente? Die reicht hinten und vorne nicht.
Ich habe Angst.

War das jetzt alles?
Was kommt jetzt noch?
Ich ersticke in Routine und Zwängen.
Ich will frei sein.
Ich will endlich fühlen, dass ich noch lebe.
Ich brauche neue Herausforderungen.
Ein Abenteuer.
Wie viel Zeit bleibt mir noch?

Bin ich gescheitert?
Ich hätte es besser machen können.
Zu viele untaugliche Versuche.
Zu viele Dramen. Zu viel Unglück.
Von allem zu viel und zu wenig.
Meine Träume. Wo sind sie hin?
Ich bin müde.

Hätte ich mein Leben anders leben sollen?
Ich habe getan, was ich konnte. Mein Bestes gegeben.
Ich habe etwas aufgebaut.
Für wen eigentlich?
Was habe ich jetzt davon?

Habe ich das Leben und seine Möglichkeiten voll ausgeschöpft?
Ich will noch so viel tun.
Etwas schaffen, das bleibt.
Meine Kraft lässt nach.
Ich muss gesünder leben.
Ich muss besser für mich sorgen.
Was ist wirklich wesentlich?
Was ist mir wichtig?

Ich habe alles erreicht, was soll jetzt noch kommen?
Mit mir geht es doch nur noch bergab.
In meiner Partnerschaft ist das Prickeln schon lange vorbei.
Wie schön könnte es sein, wenn ....
Ich warte auf ein Gefühl, auf ein Ereignis, dass meine müde Langeweile vertreibt.
Irgendwie ist alles so leer.
Ich muss mein Leben ändern – wenn nicht jetzt, wann dann?
Ach lass sie doch ziehen die Welt ...

Die Welt ist so laut geworden.
Zieh dich zurück. Du verpasst nichts.
Beziehung? Ist die wirklich so wichtig?
Allein alt werden? Macht mir das Angst?
Du hast alles gesehen, alles erlebt.
Da kommt nicht mehr viel.
Begeisterung? Staunen? Schmetterlinge im Bauch? Lange her.
Wann habe ich das letzte Mal das Gefühl gehabt die Welt umarmen zu wollen.
Nein, da kommt nicht mehr viel.

Ich hatte doch alles. Alles was ich mir gewünscht habe. Alles erreicht.
Ich habe geliebt, ich hatte Erfolg, ich habe mich selbst verwirklicht.
Ich könnte zufrieden sein.
Habe ich etwas, was mich von innen hält, wenn alles andere wegfällt?
Wer bin ich eigentlich?
Bin ich der, der ich sein will.
Was macht eigentlich wirklich Sinn?

Ich bin gefallen und wieder aufgestanden.
Ich habe alles ausgehalten und es hat mich nicht gebrochen.
Meinen Glauben habe ich nie verloren.
Ich weiß, dass alles einen Sinn hat.
Ich bin müde.
Ich will nicht mehr kämpfen.
Ich habe endlich Ruhe verdient.
Aber das Leben fragt nicht.
 
Den Kindern geht es gut, sie sind aus dem Gröbsten raus.
Ich habe jetzt Zeit für mich.
Was mache ich mit der Zeit, die mir noch bleibt?
Auf keinen Fall verschwenden.
Sie ist kostbar. 
Schaff dir einen Sinn.
Was macht Sinn?
Ich habe Angst mich selbst zu verpassen.
 
Ich werde sterben.
Schluss, Licht aus. Zappenduster.
Ach, nicht dran denken.
Es ist wie es ist.
Einfach weiter machen, mit dem was dir wichtig ist.
Denk endlich an Dich selbst.
Es ist nie zu spät.
 
Ach, zum Altwerden habe ich später noch Zeit.
Jetzt will ich leben.

Aber wie?


Mittwoch, 6. Februar 2013

wissen


wissen ergibt sich aus dem langen weg des forschens, des erfahrens und des lernens 
wissen wollen 
heißt in die tiefe gehen 
ist bescheiden und auf der suche nach beweisführungen 
will allen nützen

halbwissen ergibt sich aus dem sprunghaften streifen der oberfläche der dinge und wesenhaftigkeiten 
ist ein wollen ohne tiefgang
bläht sich auf für das eigene 

wissen ist dauertüchtig, sich entwickelnd und wandelbar
ist offen und weit
halbwissen ist vergänglich, ist eng und starr und will recht haben

wissen ist macht
halbwissen ist ohnmächtig

wissen 
bleibt bestehen, bereichert, verändert welt und menschen

halbwissen 
ertrinkt im ozean der versuche 

wissen wollen ist ein weg ohne ende
ist demütig
ist wissen um nichtwissen


Samen

  


In Annas Kopf malte die Erinnerung an den Großvater ein schemenhaftes Bild von einem gut aussehenden Mann ohne Eigenschaften. Annas Mutter schimpfte ihren Vater einen dummen Menschen. Ihr Vater sei ein dumpfer Mann gewesen. Die Mutter erzählte, dass er sich nach der Arbeit als Straßenarbeiter, die ihm am Ende eine Teerlunge beschert hatte, Abend für Abend auf seinen Fernsehsessel legte und Cowboyheftchen las, oder sich Westernfilme ansah und kein Wort sagte. Seinetwegen habe die Großmutter gelitten.

Der Großvater ging schweigend durch das Leben, als seien Worte etwas Überflüssiges.
In Annas Erinnerung war er ein sanftmütiger Mensch, sie hatte ihn nie wütend erlebt. 
Er hieß Arthur. Arthur, fand Anna, war ein schöner altmodischer Name. Sie sagte, er klänge so, als stünde sein Besitzer über den Dingen.


Für Anna war der  Großvater ein abgewiesener Liebhaber, der sich in selbst zurückzog, sich eine eigene Welt erschuf, in der er der Held war, wagemutig, wild und begehrenswert, darum die Cowboyheftchen. Vielleicht hatte sie Recht und er hatte sich wegen der Kälte der Großmutter in eine Welt eingeschlossen, in der es möglich war ein anderer, als er selbst zu sein.

Die Großmutter besaß kein Talent zum Glücklichsein. Für das Traurigsein umso mehr. 
Anna schleppte ihr Erbe mit sich herum. Sie versuchte zu verstehen, fragte sich, wie man glücklich sein konnte, in einer Ehe, die man eingegangen war, weil die Eltern es so beschlossen hatten. Von Anfang an hatten die Großeltern gelebt wie zwei Verurteilte, die keine andere Wahl haben, als die gleiche  Zelle miteinander zu teilen. Ein  Mann in seiner alles ausschließenden Einsamkeit und eine Frau in ihrem verzehrenden Unglück, beide mit einer Sehnsucht, die irgendwann aufhört zu sein und an deren Stelle Resignation tritt. 

Annas Mutter war überzeugt davon, das Licht der Welt nur erblickt zu haben, weil die Großmutter die Leere in ihrem Leben nicht mehr ertrug. Eine ungesunde Triade, eine Frau und eine Tochter gegen einen Vater, den ungewollten Dritten im unfreiwilligen Bund. Vom Schicksal verbunden, ohne die Freiheit der Wahl auch nur in Erwägung zu ziehen. Sie waren arm. Armut erlaubt den Menschen nicht zu wählen, sie fordert ein sich Fügen in das, was ist. Anna fragte sich, ob die Großmutter wirklich eine kalte Frau gewesen war. Sie wusste es nicht, obwohl sie die ersten fünf Jahre nach ihrer Geburt bei ihr verbracht hatte. Die Erinnerung an sie war bruchstückhaft, wie die Erinnerung an den Großvater.


Immer wieder erzählte sie mir von dem Bild ihrer Großmutter, das sich in schlaflosen Nächten vor ihr aufbaute. Die Großmutter, die wie ein jaulendes Tier auf dem Boden lag und sie Anna, fünf Jahre alt, die unter den Küchentisch kroch und zusehen musste wie der massige Körper bebte und zitterte. Sie hörte das laute Heulen, das irgendwann leiser wurde und schließlich verstummte. Dann erhob sich die Großmutter, trocknete sich das nasse Gesicht mit einem Zipfel ihrer bunten Küchenschürze ab und machte sich am Herd zu schaffen oder sonstwo in der kleinen Küche. Anna war froh, wenn es zu Ende war. Die Großmutter hatte sie nicht bemerkt. 

Leid ist einschüchternd für ein Kind. Erwachsene können sich dem Leid entziehen. 
Die meisten tun es, weil sie glauben Leid ist ansteckend. Ein Kind fühlt sich schuldig am Leid des geliebten Menschen, wie sonst soll es sich erklären, warum dieser Mensch unglücklich ist. Es ist nicht fähig die Dinge von sich abzuspalten, es empfindet sich selbst als Ursache, weil es die Trennung noch nicht kennt, zwischen sich und den Menschen, denen es vertraut. Als Anna fünf war starb die Großmutter. Anna weinte nicht. Vielleicht war sie erleichtert, dass das Weinen ein Ende hatte. Annas Mutter erstarrte innerlich als ihre Mutter starb. Du hast sie totgeärgert, schrie sie in Annas tränenloses Kindergesicht. Als die Großmutter unter der Erde lag bekam die Mutter eine Depression. Der Vater versuchte so gut er konnte den Alltag zu bewältigen, überfordert mit der Arbeit, der trauernden Frau und zwei kleinen Kindern, die sich ständig stritten. 

Anna bewunderte den Vater. Sie bewunderte ihn, weil er tat, was ein guter Vater tut. Er lernte mit Anna und ihrem Bruder, er sorgte für sie und am Abend las er Geschichten vor. Einmal sagte Anna zu mir: "Alles war gut, wenn Mutter nicht in der Nähe war. War sie da, war alles anders. Er sah nur noch sie. Er tröstete sie und er verfluchte sie, wenn er es nicht mehr aushielt in ihrem Jammertal, das sie ihn betreten ließ, um vor ihm zu klagen, dessen Eingang ihm jedoch verschlossen blieb, wenn er sie lieben wollte. Gelacht haben wir selten wenn sie da war, so als sei Lachen eine persönliche Beleidigung für die Trauer, die sie wie Elektra trug. Ihre Trauer machte sie schön, stolz und unnahbar. Sie erschien mir wie die böse Königin im Märchen. Sie war keine Königin, sie war eine verzweifelte Frau, die in ihrer Trauer stecken blieb, unfähig loszulassen und den Blick auf das zu wenden, was um sie herum lebendig war, ihre Kinder und der Mann, der sie liebte. Anna versuchte zu verstehen, sie versuchte immer zu verstehen. Was ich verstanden habe? Sie hilft nichts, die Liebe, so wie sie niemals hilft, wenn sie nicht gesehen wird und auch dann ist sie oft wirkungslos. Als erwachsene Frau entschied Anna, dass die Mutter nicht anders konnte. Sie sagte sich, es mache keinen Sinn ihr böse zu sein. Ich glaube, sie war es leid, dem nachzutrauern, was schon damals nicht existierte, die Liebe, die sie ihr verweigert hatte.

Wenn ich heute an Anna denke, frage ich mich: Wie kann man etwas wollen, von dem man nicht weiß, was es ist, wie etwas suchen, was man nicht kennt, wie etwas fühlen, was man nicht fühlt, weil man es nie gefühlt hat? Für Anna war Liebe etwas, das sie mit Assoziationen, Worten und Bildern verknüpfte. Untaugliche Versuche, ein Gefühl zu begreifen, das ihr so fremd war wie die Mutter. In einer Kammer ihres  Unterbewusstseins blieb sie für Anna wohl doch die böse Königin und es hätte einer guten Fee bedurft, den Fluch von ihr zu nehmen, oder eines Zauberers, der sie davon erlöste. Aber, es gibt keine Feen und es gibt keine Zauberer. Es gibt diesen Mangel, der meine Beziehung zu Anna vergiftete. Die Erfahrungen ihre Kindheit lagen auf ihr wie ein Stein, der nach jedem Versuch ihn von ihr weg zu heben, sofort wieder auf sie zurückrollte. Das Schwere trennte Anna von dem was sie sich wünschte. Das Schwere hielt sie in der Vergangenheit fest und erdrückte unsere Gegenwart. Einmal in meiner Verzweilfung schrie ich: Es sind die Männer in deiner Familie, die dich zu dem gemacht haben, was du bist. Darum verachteste du mich. Sie sah mich an und sagte: Paul, du hast Recht und du hast nicht Recht. Es sind die Frauen in meiner Familie, die bei diesen Männern geblieben sind, obwohl es sich an ihrer Seite nicht wie Glück anfühlte. Sie blieben, aus sie Angst davor das Leben alleine nicht bestehen zu können. 

Es scheint mir, die Keimzelle allen Übels und allen Glücks ist die Familie. Sie verstreut ihre Samen über Generationen. Ich hatte keine Chance, ich konnte Anna nicht glücklich machen.