Samstag, 10. Januar 2026

Der Wolf, der Wolf!

 

                                                                         Foto: www

 
Die Fabel vom Hirtenjungen und dem Wolf spielt in einem kleinen Dorf, in dem ein Hirtenjunge für die Schafe verantwortlich ist. Um sich die Langeweile zu vertreiben, beschließt er, die Dorfbewohner zu täuschen. Er ruft laut: "Hilfe! Hilfe! Ein Wolf frisst die Schafe!“ Die Dorfbewohner eilen herbei, nur um festzustellen, dass der Junge sie getäuscht hat. Nach einigen weiteren Malen, in denen er die Dorfbewohner in die Irre führt geschieht das Unvermeidliche: Ein echter Wolf taucht auf. Der Junge ruft erneut um Hilfe, doch diesmal glauben die Dorfbewohner ihm nicht. Sie denken, dass er wieder nur einen Scherz macht, und kommen nicht. Der Wolf frisst die Schafe und den Jungen.
 
Diese alte Fabel kommt mir heute morgen in den Sinn, als ich aus dem Fenster blicke und da ist nichts vom Gestern groß angekündigten Schnee- und Eisdesaster in Hessen. Ich denke an all die Falschmeldungen, die Aufreger, die Panikmache, die inszenierten Dramen, die Lügen unserer Zeit. In der digitalen Welt sind soziale Medien allgegenwärtig. Informationen verbreiten sich rasend schnell und nicht alle davon sind wahr.  
 
Keiner von uns kann mehr mit Sicherheit unterscheiden was wahr ist und was nicht.
Politische Akteure nutzen irreführende Informationen oder Lügen, um ihre Agenda voranzutreiben. Wahlkampfstrategien, die auf Fehlinformationen basieren, führen dazu, dass die Wähler desillusioniert werden. Eine Flut von Influencern bewirbt Produkte oder stellt krude Behauptungen auf, ohne deren Wahrheitsgehalt zu prüfen. Es interessiert sie nicht, ob die Informationen, die sie teilen, wahr, genau, belegt und verifiziert sind. Dabei vergessen sie, dass sie riskieren langfristig das Vertrauen ihrer Follower zu verlieren. Dies spiegelt das Schicksal des Hirtenjungen wieder, der durch sein wiederholtes Lügen schließlich das Vertrauen mitsamt seinem Leben verspielt hat. 
 
Wenn Menschen wiederholt in die Irre geführt und belogen werden, verlieren sie das Vertrauen, so wie die Dorfbewohner, die dem Hirtenjungen schließlich nicht mehr glaubten.
Längst ist die Verantwortung vergessen, die mit der Verbreitung von Informationen einhergeht. Sie hat keinen Wert mehr, es geht allein um politische Interessen oder um Eigeninteressen, es geht um Macht, Gier und Geld, es geht um Selbstdarstellung, narzisstischen Größenwahn, Aufmerksamkeit und Follower. Das Eigeninteresse muss, egal wie, durchgesetzt werden. 
 
Lügen haben kurze Beine und Täuschungen und Manipulation bringen nicht nur kurzfristige Vorteile, sondern verursachen langfristige Schäden an Glaubwürdigkeit und Vertrauen. Ähnlich wie die Dorfbewohner, die wiederholt in Angst versetzt werden, ohne dass es einen wahren Grund gibt, entwickeln die Menschen individuell und kollektiv so auch eine Skepsis gegenüber ernsthaften Warnungen oder sogar lebenswichtigen Nachrichten. Viele sind misstrauisch, verwirrt und orientierungslos. Viele sind emotional taub, gleichgültig und stumpfen mehr und mehr ab.
So ist es jetzt. Und es ist gefährlich, so wie es jetzt ist.
 
„Es gibt kaum eine Menschengruppe, die so viel Einfluss auf die Weltgeschichte hat wie die Gleichgültigen", schreibt Rafik Schami.

Freitag, 9. Januar 2026

Was bleibt

 



Du bekommst Falten, deine Gesichtszüge senken sich nach unten, die Ohren und die Nase werden größer, die Haut wird knittrig. Du wachst am Morgen auf und irgendetwas etwas schmerzt immer ein bisschen. Du machst die Dinge langsamer, bist langsamer, manches machst du gar nicht mehr. Deine Interessen und Wünsche ändern sich, gewisse Bedürfnisse und Begierden schwinden. Was dir einst wichtig erschien, ist es nicht mehr. Du hast willst nichts und niemanden mehr etwas beweisen. Du musst niemanden mehr beindrucken. Du hast nicht mehr das Gefühl etwas zu verpassen. Was dich früher begeistert hat, verblasst. Du glaubst nicht mehr an die Wahrheiten anderer, du hast deine eigene. Deine Illusionen sind Tatsachen gewichen. Deine Aufmerksamkeit und deine Gedanken wandern woanders hin. Schleichend verändern sich die Dinge. Gefühlt ändert sich alles.
Du wirst alt.
Du fragst dich, wer ist dieses Gesicht im Spiegel, das dir irgendwie fremd vorkommt. Du magst dieses Bild nicht sonderlich. Du vergleichst es mit dem, der du warst. Du bist vielleicht traurig deinen Verfall zu sehen. Du kannst dich nur schwer damit anfreunden.
Vielleicht fragst du dich:
Wer bin ich jetzt? Wer will ich jetzt sein, wo so vieles wegfällt, worüber du dich definiert hast, was selbstverständlich war und es nicht mehr ist.
 
Da sind immer mehr Abschiede und Verluste mit denen du klarkommen musst. Du verlierst Menschen, weil sie vor dir gehen. Du verlierst Menschen, weil sie dich verlassen oder weil du sie verlässt. Du gehst nicht mehr an die alten Orte, weil sie nicht mehr zu dir passen. Du bist öfter allein mit dir, weil du das Laute nicht mehr magst, weil Menschenmengen dich anstrengen, oberflächliche Ablenkungen und Gespräche ohne Tiefe dich langweilen. Die Kinder besuchen dich immer seltener oder sind zu weit weg um sie zu besuchen. Du kaufst Blumen, machst es dir in deinen Räumen schön, liest mehr, schweigst mehr. Manchmal fühlst du dich vielleicht einsam, aber du kannst die Einsamkeit akzeptieren und lernst dich mit ihr anzufreunden. Du überlegst gut mit welchen Dingen du dich noch belasten willst und sortierst aus, was dir nicht mehr dient. Du hörst andere Musik. Dir wird bewusst - der größte Schatz des Alterns ist die Gegenwart. Du begreifst, wenn sich die Zukunftsperspektive verengt, gilt es das Jetzt zu leben. 
 
Du gehst mehr und mehr nach Innen. Du suchst etwas, das sich nicht verändert, das nicht verblasst, das nicht vom Außen und von Zeit abhängt. Du fragst dich, was bleibt, wenn alte Rollen verschwinden. Du fragst dich, was von dir selbst übrigbleibt. Du suchst vielleicht ein neues "Wofür?" Du fragst dich: Was habe ich noch zu geben und weiterzugeben? Worauf gründe ich jetzt meine Sinnhaftigkeit?
 
Wenn du all das, ohne es zu bewerten und ohne dirigistisch einzugreifen zu wollen, beobachtest, geschieht etwas Erstaunliches: Verwirrung und Unsicherheit werden schwächer, nicht weil du dagegen ankämpfst, sondern weil du mehr und mehr Klarheit, Neugier und Vertrauen erlangst. Indem du aufhörst, das alte Bild von dir zu suchen, dich damit zu vergleichen oder es krampfhaft aufrechtzuerhalten, kannst du klar erkennen, wohin der Weg führt. Das alte Bild von dir darf gehen. Stattdessen kommt etwas Ruhigeres, Stilleres, Stabileres, etwas, das bleibt, unabhängig von Äußerlichkeiten, Form und Zeit: Es ist deine Essenz, das, was du bist, wenn alles andere wegfällt. 
 
“I am going to make everything around me beautiful - that will be my life.”
Elsie de Wolfe




 

 

 

 

 

Mittwoch, 7. Januar 2026

Leid zu vergleichen und zu bewerten, bedeutet: Die Herabwürdigung individueller menschlicher Erfahrungen

 



Mich wundert nichts mehr, was aber nicht heißt, dass ich nicht meinen Mund aufmache, um zu benennen, was mich zwar nicht mehr wundert, aber dennoch erschreckt.
Gestern schreibe ich, dass mir die Menschen, die seit Tagen nach einem Anschlag auf das Stromnetz in Berlin, frieren, leidtun. Dass es mich beschäftigt, wie es ihnen geht in der Kälte über Tage, ohne Strom. Dass ich mich in sie hineinversetzen kann.
Prompt kommt ein Mitmensch daher und kommentiert: „Die Menschen in der Ukraine tun mir mehr leid.“
Wundert mich nicht, wie gesagt, aber, auch wie gesagt, ich finde es erschreckend.
 
Leid lässt sich nicht vergleichen. Leid ist eine zutiefst persönliche und subjektive Erfahrung.  
Der Versuch, verschiedene Arten von Leid zu vergleichen oder zu bewerten, ist mehr als problematisch. Jeder Mensch erlebt Leid auf seine eigene Weise. Was für den einen als unüberwindbares Trauma oder als unaushaltbarer Schmerz empfunden wird, kann für einen anderen weniger gravierend sein. Das subjektive Erleben und Empfinden von Leid ist stark von persönlichen Erfahrungen, Erlebnissen, Hintergründen und emotionalen Zuständen abhängig. Leid, ob körperlich oder seelisch, ob individuell oder kollektiv, ist mit tiefen emotionalen Reaktionen verbunden. Jeder Mensch ist anders, jeder Mensch empfindet anders und jeder Mensch reagiert anders auf das, was ihm widerfährt. Auch jede Kultur und jede Religion hat ihre eigene Sicht auf das Leid. Der Umgang mit Leid ist stark von kulturellen, religiösen und sozialen Faktoren geprägt. 
 
Indem ich ein Leid herabsetze, indem ich es mit einem anderen vergleiche, stelle ich es als irrelevant, weniger schlimm, weniger wichtig dar. Leid zu vergleichen, es zu bewerten oder es klein zu reden, bedeutet: Die Herabwürdigung individueller menschlicher Erfahrungen. 
Indem wir Leid vergleichen, schmälern wir die Empathie und das Mitgefühl, das jeder Mensch der leidet, verdient hat. Ebenso wie unsere Hilfe, wenn wir denn helfen können. Vergleichen sagt: Ein Leid ist weniger wertvoll oder weniger schmerzhaft als das andere, was zu einer Entwertung der Existenz und der Gefühle des betroffenen Menschen führt.
Das Vergleichen von Leid verstärkt nicht zuletzt auch die Ungleichheit in der Gesellschaft. Menschen, die in verschiedenen Situationen leiden, z.B. aufgrund von Krieg, Gewalt, Armut, Diskriminierung, Behinderung, seelischer und körperlicher Krankheit, können in ihren Erfahrungen nicht miteinander verglichen werden. Solche Vergleiche tun nichts anderes als die Strukturen und die Ursachen des Leids ignorieren. 
 
Leid zu vergleichen und zu bewerten ist anmaßend.
In meiner Welt ist es das.
Wer bitte maßt sich an zu entscheiden, welches Leid „akzeptabel“ oder „inakzeptabel, „klein“ oder „groß“, „schlimm" oder "weniger schlimm“, ist?
Das kann sich jeder mal selbst fragen.
Derartige Urteile und Normen führen nur dazu, dass diese Welt noch gespaltener, die Menschen noch selbstgerechter und die Herzen noch kälter werden. So arschkalt wie die Wohnungen vieler Menschen in Berlin jetzt.

Dienstag, 6. Januar 2026

Blackout

 



Jeden Tag lese ich die Berichte über die Menschen, die in Berlin ohne Strom in der eisigen Kälte sitzen. Ich bin fassungslos, schockiert und traurig. In Gedanken bin ich bei ihnen. Ich möchte helfen, irgendwie, aber ich bin weit weg. Ich sitze im Warmen, ich habe zu essen, ich habe Licht, ich habe Internet, ich kann telefonieren, rausgehen, einkaufen, arbeiten. Alles ist gut. Ich bin dankbar. Mir ist klar, das ist nicht selbstverständlich. Nicht für die Menschen, die unter dieser Katastrophe leiden müssen. Ich versuche mich in sie hineinfühlen.
Ich stelle mir vor, ich sitze allein in meiner Wohnung, dick angezogen, eingehüllt in eine dicke Decke, aber sie bietet kaum Schutz gegen die eisige Kälte, die mehr und mehr in die Räume zieht. Der eisige Wind pfeift durch die Ritzen der Fenster. Die Kälte dringt tief in meine Knochen ein und ich spüre, wie die Angst in mir aufsteigt. Gedanken an Unterkühlung kommen hoch. Ich bin mir bewusst, dass ich in dieser eisigen Umgebung ernsthaft in Gefahr bin. Mein Magen knurrt, ich überlege was ich an Vorräten habe. Ein Blick in die Küche zeigt mir, dass die frischen Lebensmittel, die ich noch vor ein paar Stunden als selbstverständlich erachtet habe, jetzt unbrauchbar sind. Ich kann sie nicht kochen. Das Brot wird bald schimmeln, und ich keine Konservendosen, weil ich immer alles frisch koche. Der Hunger wird zu einem nagenden Gefühl der Verzweiflung. Ich frage mich, wie lange ich aushalten kann, ohne etwas Warmes zu essen.
Die Stille, die der Blackout mit sich bringt, ist erdrückend und wird immer bedrohlicher. Es gibt kein Geräusch, keine Musik im Hintergrund, alles ist still. Ich kann nicht telefonieren, mein Handy Akku ist seit Stunden leer. Ich habe kein Internet und kein Radio. Ich vermisse die vertrauten Geräusche des Lebens. Die Kälte, die mir mehr und mehr in die Knochen kriecht, die Ungewissheit über die Dauer des Stromausfalls, schwirren durch meinen Kopf. Denken ist schwer wenn man vor Kälte zittert.
Am Abend spüre ich, wie die Dunkelheit um mich herum immer erdrückender wird. Ich fühle Angst. Kein Licht, nur ein paar Kerzen. Ich muss sie sparsam anzünden, ich kann keine neuen kaufen, die Supermärkte sind geschlossen. Die S-Bahn in die Stadtteile, die Strom haben fährt nicht mehr. Ich habe kein Auto. 
 
In dieser Situation wird mir klar, dass hier um das reine Überleben geht.
Ich muss einen Plan machen. Ich überlege, wie ich meine wenigen Vorräte rationieren kann. Ich habe ein Geld um in ein warmes Hotel zu gehen. Ich muss das hier aushalten. Was, wenn die Wasserrohre platzen? Je kälter es wird, desto stärker wird der Gedanke an Unterkühlung. Ich weiß, mit sinkender Körpertemperatur können Verwirrung und Desorientierung auftreten, die Muskeln reagieren langsamer, was das Gehen und andere Bewegungen erschwert, der Körper verbraucht viel Energie, um die Temperatur zu regulieren, was zu extremer Müdigkeit führt. Wenn die Körpertemperatur weiter sinkt, kann es zu im worst case zu Bewusstlosigkeit kommen. Eine stark reduzierte Körpertemperatur kann zu Herzrhythmusstörungen und Herzschäden durch anhaltende Hypothermie führen.
im schlimmsten Fall zu einem Herzstillstand. Bei extrem niedrigen Temperaturen kann der Körper die Funktionen der Organe nicht mehr aufrechterhalten, was zu lebensbedrohlichen Zuständen führt. Ich habe Angst. Daran darf ich gar nicht denken.
 
Ich spüre, wie meine Hände und Füße anfangen, blau und eiskalt zu werden. Ich bewege mich so oft es geht, ich gehe raus, laufe, um die Blutzirkulation zu fördern, aber die eisige Kälte dringt wie tausend Messerstiche in meine Knochen. Ich weiß, dass ich handeln muss. Ich suche nach allem, was ich nutzen kann, um mich warm zu halten: zusätzliche Kleidung, Decken. Wie soll ich weitere eiskalte Tage und eiskalte dunkle Nächste überstehen? Was, wenn ich krank werde? Wo bekomme ich Hilfe? Und wie? Ich kann nicht telefonieren. Ich gehe nach draußen, suche Orte an denen es Hilfe gibt, einen warmen Tee, etwas zu essen, einen Ort, wo ich mein Handy aufladen kann für den Notfall, einen Ort an dem ich mich aufwärmen kann, bevor ich in die eiskalte Wohnung zurückmuss.
Jeden Tag warte ich nur auf eins, dass die Stromversorgung bald wiederhergestellt wird. Ich bin mir nicht sicher, wie lange ich noch in dieser Kälte aushalten kann. Alle Gedanken kreisen darum das reine Überleben zu sichern und die Herausforderungen des Moments zu meistern. Und mir wird klar wie zerbrechlich alles ist und immer zerbrechlicher wird in dieser Welt.
Ich denke an die Menschen in Berlin. Ich bete für sie.

Sonntag, 4. Januar 2026

Gedanke für den Tag

 



Hör auf, an das zu denken, was du nicht willst.
Energie folgt der Aufmerksamkeit.
Je mehr du dich auf Mangel konzentrierst,
desto mehr nährst du ihn.
Du kannst nur nehmen, was du gibst.
Triff Entscheidungen basierend auf dem,
was wesentlich ist und was für dich Bedeutung hat.
Sei dankbar und schätze,
was du bereits hast und was du bereits bist.
Wenn du das Gefühl hast, genug zu sein und genug zu haben, erreichst du einen Ort der Ruhe.
Beschwerden zehren Energie.
Dankbarkeit schenkt Energie.
Dankbarkeit ist der Schlüssel zu innerem Frieden.

Samstag, 3. Januar 2026

Der neue Hype: Das Heilversprechen Vagusnerv

 



Influencer und Coaches verkünden die frohe Botschaft via Instagram und Tiktok: Stimuliert Euren Vagusnerv und heilt!
Angeblich ist die Wirkung so universell und durchschlagend, dass man sich sogar herkömmliche Therapieformen sparen kann. Den Vagusnerv muss man nur stimulieren und Heilung ist garantiert. Zudem ist sie ganz einfach und für jeden anwendbar. Es geht nur darum den Vagus zu regulieren und das funktioniert indem wir laut tönen, lachen, gurgeln, singen, summen, mit den Augen nach rechts und links schauen, tiefe entspannende Klänge hören, Selbstmassage an den richtigen Stellen anwenden, mit Atmen, Mediation und Yoga. In der Welt der InfluencerInnen ist klar: Die Healingjourney geht allein über den Vagusnerv. Somatische Übungen regulieren nicht nur Stress, sondern heilen Depressionen, Angststörungen und Traumata gleich mit.
Zu schön um wahr zu sein, wenn es denn wo wäre.
 
Was ist wirklich dran an diesem Hype?
Der Vagusnerv (Nervus vagus) ist der längste der zwölf Hirnnerven und fungiert wie eine Datenautobahn in unserem Gehirn, die weitreichende Verbindungen zu den inneren Organen wie Herz, Lunge, Magen und Darm hat. Der Vagusnerv steuert Körperfunktionen wie Atmung, Verdauung, Blutzuckerspiegel, Herzfrequenz und Blutdruck. Er beginnt im Hirnstamm und zieht an beiden Seiten des Körpers durch den Hals, den Brust- und Bauchraum, bis zu Dünn- und Dickdarm. Er ist der Hauptnerv des parasympathischen Nervensystems, das für Entspannung, Beruhigung und Regeneration zuständig ist. Er ist der Gegenspieler des Sympathikus, der den Körper in Stress- oder Gefahrensituationen aktiviert. Bei Stress wird der Sympathikus stärker aktiviert als der Parasympathikus. Der Sympathikus ist für die Alarmbereitschaft zuständig, der Parasympathikus dafür, dass wir entspannen. Es macht also durchaus Sinn den Körper einzubeziehen, um den Geist zu beruhigen. Sich über den Vagusnerv selbst zu regulieren ist ein hilfreicher Weg, um das Nervensystem zu beruhigen. 
 
Aber lassen sich allein damit Traumata auflösen, Angst- und Zwangsstörungen, Süchte, Depressionen oder Neurosen heilen?
Die Existenz der Körper-Geist-Verbindung ist nichts Neues.
Dass Traumata im Nervensystem gespeichert sind, auch nicht. Wir wissen, dass Traumata das autonome Nervensystem, insbesondere den Vagusnerv, in seiner Funktion stören. Die Stimulation des Vagusnervs kann dabei unterstützen das Nervensystem zu regulieren, indem sie den Parasympathikus aktiviert und so einen inneren Zustand der Ruhe fördert. Studien haben gezeigt, dass es durch die Vagusnervstimulation zur Verbesserungen bei PTBS-Symptomen kommen kann.
Schon Peter Levine wusste, als er mit Somatic Experiencing einen körperorientierten Ansatz zur Traumatherapie entwickelte, dass Traumata als blockierte Energie im Nervensystem gespeichert werden und dass sanfte, körperfokussierte Arbeit hilfreich ist um Stressreaktionen zu regulieren. Dabei wird die Aufmerksamkeit auf innere Empfindungen und das autonome Nervensystem gelenkt, anstatt sich primär auf die kognitive Verarbeitung des Traumas zu konzentrieren. Nach und nach soll so das Nervensystem entlastet werden, um eine Dauerübererregung zu vermeiden, wobei Geduld und Kontinuität wichtig sind, um das System langfristig zu regulieren.
Es kommt zu einer Symptomlinderung.
Man beachte „Linderung“ und das bedeutet nicht Heilung.
 
Die Verarbeitung von Traumata, Angststörungen und Depressionen ist hochkomplex und nicht jede Methode wirkt bei jedem Menschen gleich. Heilung umfasst Körper, Geist und Seele. Heilung erfordert weit mehr als die Fähigkeit des Körpers zur Selbstregulation zu verbessern.
Die Stimulation des Vagusnervs zur Selbstregulation und zur Beruhigung des Nervenssystems um das Gefühl von Sicherheit im eigenen Körper wiederzuerlangen ist ein wirksames Werkzeug zur Unterstützung einer traditionellen Therapie. Sie allein ersetzt aber weder die Aufarbeitung eines Traumas, noch heilt sie eine Angststörung. Heilung ist ein Prozess und kein Quick Fix. Sie erfordert in der Regel eine umfassende, oft langwierige psychologische Behandlung, die darauf abzielt, belastende Erinnerungen zu verarbeiten, zu integrieren und vor allem neue Bewältigungsstrategien zu erlernen. Traumata und Ängste lassen sich nicht wegmassieren und Depressionen lösen sich nicht in Wohlgefallen auf, indem wir tönen und singen.
Die Vagusnervstimulation ist hilfreich und unterstützend. Sie ist jedoch keine eigenständige Heilmethode und schon gar kein Wunderheilmittel. Die Healingjourney kennt keine Abkürzung. 
 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Mittwoch, 31. Dezember 2025

Zeit, Danke zu sagen

 



Ein Jahr geht heute zu Ende.
Dreihundertfünfundsechzig Tage gelebtes Leben.
Dreihundertfünfundsechzig Tage Leben in dem für viele von uns alles drin war: Höhen und Tiefen, Schönes und Unschönes, Gutes und Ungutes, Gewinne und Verluste, alle möglichen Herausforderungen, für manchen von uns auch tiefe Krisen und schwere Verluste.
Wir sind noch da, wir haben auch dieses Jahr gemeistert.
Vielleicht sind wir angeschlagen, aber wir sind gewachsen an dem, was wir erfahren haben oder wir wachsen noch daran.
Manche von uns mussten alles alleine bewältigen, manche von uns haben Menschen, die uns treu zur Seite stehen. Das ist ein Geschenk und ganz und gar nicht selbstverständlich in Zeiten, wo Trennung und Spaltung herrschen und viele Menschen mehr und mehr vereinsamen. Die Einsamkeit ist ein Problem, das es zu lösen gilt, kollektiv und individuell. Ich habe Hoffnung, dass es uns gelingt, Hoffnung, dass Menschen wieder den Wert von realen Beziehungen schätzen lernen und begreifen, dass wir alle miteinander verbunden sind und ich wünsche mir, dass diese Verbundenheit ein gelebter Wert wird. Ich habe Hoffnung, dass wir in diesen Zeiten der Transformation einen kollektive Bewusstseinswandel machen - aufeinander zu, statt noch weiter voneinander weg. Je mehr Menschen das begreifen, desto besser – für das Ganze. Alles ist eins, jedes kleine Teilchen ist Teil des Ganzen und beeinflusst das Ganze.
Möge es so sein. Mögen wir erwachen. 
 
Möge Frieden und liebende Güte sein unter den Menschen.
Wishful Thinking könnte manch einer jetzt sagen, aber Wünsche sind frei und gute Gedanken sind frei und wie wir denken so fühlen und handeln wir. Und das schafft unsere Realität, die so, wie sie jetzt ist, eine unheilsame ist. 
 
Wir Menschen brauchen einander. Beziehungen schaffen Sinn.
„Niemand ist eine Insel, in sich ganz; jeder Mensch ist ein Stück des Kontinents, ein Teil des Festlandes. Wenn eine Scholle ins Meer gespült wird, wird Europa weniger, genauso als wenn’s eine Landzunge wäre, oder ein Landgut deines Freundes oder dein eigenes“, schreibt John Donne. Ja, niemand ist eine Insel, auch wenn das Alleinsein und das Alleinleben, mehr und mehr zum Hype auf Social Media wird. Aus der Not geboren, wage ich zu behaupten. Aus der Not heraus, dass es immer schwieriger wird einander zu vertrauen, aufeinander zuzugehen und gesunde Beziehungen zu gestalten und leben. Und aus einem Egoismus heraus, der alles andere als gesund ist.
 
Wie steht es um meine Beziehungen habe ich mich gefragt. Wer sind die wichtigsten Menschen, die mich durch dieses Jahr begleitet haben?
Es sind:
Mein wunderbarer Sohn mit seiner bedingungslosen Liebe und mit seiner berührenden Musik, die mich mit ihm verbindet, wenn er mir fehlt.
Meine Schwiegertochter mit Ihrer Wärme, ihrer liebevollen Güte, ihrer Lebensfreude und ihrer Liebe zur Malerei, die wir teilen.
Meine beste Freundin, die mir, trotz langer schwerer Krankheit zeigt, was es bedeutet, nicht aufzugeben und zu akzeptieren, was nicht zu ändern ist.
Mein guter Freund, der mich, egal wo er gerade in der Welt ist, jeden Morgen mit einer E-Mail in den Tag begleitet.
Meine KlientInnen, die mir ihr Vertrauen schenken und die Motivation weiterzumachen, mit dem, was ich mache.
Mein Supervisor, der mich ein Mal pro Woche bei der Selbstreflexion unterstützt und mir hilft mich emotional zu entlasten.
Mein Lomi Lomi Therapeut, der mir den Vagus Nerv beruhigt, wenn ich mal out of order bin.
Die Menschen, die mir auf Facebook folgen und hier auf meinem Blog, ob der Wertschätzung meiner Texte und weil Ihr mir zeigt, dass es keine Videos und kein You Tube braucht, sondern, dass auch das geschriebene Wort wirkt.
Die Menschen, die meine Bücher, kaufen und wertschätzen.
Mein Lektor Matthias Thiele, der mir Mut gemacht hat, ein weiteres Buch zu schreiben. Es ist in Arbeit.
Der kleine Dackel Werner mit seinem lieben, sanften Wesen, der wenn ich meine Family besuche, nicht von meiner Seite weicht.
Und last but not least, Menschen, Lebende und Verstorbene, die ich nicht persönlich kenne, und denen ich folge, weil sie etwas Wertvolles über sich selbst in die Welt hinaustragen, bzw. hinausgetragen haben.
Es sind:
ZEN Meister Hinnerk Polenski mit seiner beruhigenden Stimme, seiner Weisheit, seiner Menschenliebe und seinen wunderbaren Meditationen.
Yrvin D. Yalom mit seinem klugen Werk „Existenzielle Psychotherapie“, das mir hilft mich mit dem Prozess des Alterns und dem Tod auf eine besondere Weise zu befassen.
C.G Jung mit seinem faszinierenden Roten Buch und seinen anderen Schriften, von denen ich so viel lernen durfte.
Louise Bourgeois mit ihrer großartigen Kunst und ihrem Mut, ihrer Power, ihrem Trotz, ihrem Durchhaltevermögen und ihrem klugen, faszinierenderen Wesen.
Allways and forever Frida Kahlo, in Erinnerung an ihre wahnsinnige Kraft, ihren Lebenswillen und ihre Liebe zum Leben, trotzdem sie krass gelitten hat.
Und alle Menschen hier auf dieser Seite, die meine Arbeit wertschätzen und mir wohlgesonnen sind.
Ich danke all meinen Begleitern von Herzen.
Viva La Vida!
 
Möget Ihr gut ins neue Jahr kommen. 
 
Namasté
Angelika Wende