Sonntag, 21. Juni 2020

Die fünf Hindernisse oder: die Betrachtung der Wirkungen ist immer ein Hinweis auf die Ursachen und die Chance zur Transformation

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Jede innere Veränderung beginnt mit dem Wunsch wie es sein soll. Und in jedem Prozess der Veränderung soßen wir an innere Hindernisse.
Nach der buddhistischen Psychologie werden wir darin unweigerlich mit einigen Geisteszuständen konfrontiert, die Buddha als „Die fünf Hindernisse“ bezeichnet hat.
Wir Menschen werden diese Hindernisse wohl nie ganz überwinden. Sie gehören zu uns. Das ist okay – aber, da sie uns das Leben schwer machen können, können wir etwas tun: Wir können sie uns anschauen, sie benennen, in uns hineinnehmen, integrieren und transformieren.

Diese 5 Hindernisse und ihr Transformationspotenzial sind:

1. GIER: Sie will immer mehr. Sie ist nie zufrieden. Es ist nie genug. Es ist nie perfekt genug. Manche von uns haben en Glaubenssatz: "Ich bin nicht gut genug". Und sie leben danach, ständig getrieben davon besser zu sein, es besser zu machen.
Die Gier will haben, die Gier will es anders haben als es ist. Sie will immer mehr haben. Immer ist sie in einer Zukunft, wo immer mehr sein soll. Ihr größtes Unheil finden wir in der Sucht, wo die Gier die Kontrolle übernimmt und Mäßigkeit aufgelöst und schließlich zerstört wird.
Die Gier hat wie alle Hindernisse das Potenzial der Transformation.
Und dieses Potenzial liegt im Keim, in der Essenz der Gier: Ihre Essenz ist: Verlangen, ist Sehnsucht, ist der tiefe Wunsch nach Zufriedenheit, nach "es genug sein lassen", frei zu sein vom Wollen. Es endlich gut sein lassen wie es jetzt ist. Uns gut sein lassen.
Das ist die Quelle der Gier, und zu ihr hin geht der Weg heraus aus der Gier – hin zur inneren Zufriedenheit.

2. UNRUHE: Sie ist Ungeduld, Ruhelosigkeit, Aufgewühltsein, ständig unterwegs sein (auch gedanklich), nie ankommen dort wo man ist, immer mit den Gedanken woanders sein, ein fernes Ziel, ein anderer Ort, ein Mensch, den wir haben wollen, ein Job, den wir haben wollen, eine Veränderung, die schnell passieren soll. Ungeduldiges hasten ohne jemals anzukommen – und niemals achtsam im Moment sein.
Die Unruhe ist getriebenes Sein.
Ihr Transformationspotenzial ist die Sehnsucht nach Ruhe. Nach Stille. Nach Achtsamkeit im Moment für auf den Moment. Das ist die Quelle der Unruhe, und zu der hin geht der Weg heraus aus der Unruhe – hin zu innerer Ruhe und Frieden in uns selbst.

3. TRÄGHEIT: Sie ist Lähmung, Nichtbewegung, Müdigkeit, Mattigkeit, Stumpfheit, Abstumpfung. Nichts wird getan um das was ist, zu ändern, es wird passiv gelebt nach dem Glaubenssatz: „Ich kann ja doch nicht mache!" Und es werden gründe gesucht, um nichts machen zu müssen. Schuldige, die uns am machen hindern. Eigenverantwortung wird abgegegeben.
Machtlosigkeit, Ohmacht, Opferhaltung, am Ende Resignation. Der träge Mensch wird passiv, dumpf und gefühllos – sich selbst, anderen und dem Leben gegenüber. Seine Haltung: Untätiges Abwarten.
Ihr Transformationspotential ist die Kraft zur Kontemplation und tiefer Einsicht. Das ist die heilsame Quelle der Trägheit: Reflexion, Geduld, Langmut, dann bewusstes Handeln, das der Einsicht folgt.

4. WIDERSTAND: Er ist Ablehnung, Verweigerung und Hass.
Im Widerstand ist Entwicklung blockiert. Was ist wird abgelehnt, was vom Leben von uns erwartet wird, wird verweigert. Der Ruf zur Wandlung wird ignoriert. Es muss bleiben wie es ist, auch wenn es ungut ist. Eine Weigerung zu akzeptieren was ist.
Wut und Hass kommen auf, auf das was ist, und so nicht gewollt ist. Wut und Hass auf das, was uns im Wege steht. Hass auf andere, Hass auf die böse Welt.
Selbsthass, weil wir sind, wie wir sind und uns so wie wir sind, nicht mögen, aber es nicht zugeben wollen. Weil wir Gefühle nicht zulassen, nicht fühlen wollen, weil wir die eigene Wahrheit verdrängen und uns selbst etwas vormachen. Nicht akzeptieren wollen was ist.
„Ich kann das nicht, das schaffe ich nicht, das will ich nicht!“ Das sind Glaubenssätze des Widerstandes. Sein Transformationspotenzial liegt in seiner Essenz: Der Aggression. Die Aggression als Triebkraft für Veränderung hin zum Besseren. Die Aggression als männliches Prinzip, das angreift, anpackt, was notwendig ist und es durchsetzt, zum eigenen Wohle und zum Wohle anderer – Der Weg geht hin zu Entwicklung und Wachstum und zur Gestaltung des eigenen Lebens.

5. ZWEIFEL: Er ist Skepsis. Zweifel zeigt sich in Glaubensätzen wie: „Soll ich oder besser nicht?"" Ich weiß nicht, ob ich okay bin, ich weiß nicht, ob ich das richtig mache, ob dies das richtige Leben für mich ist, der richtige Ort, der richtige Job, der richtige Partner." "Ich weiß nicht, ob mir das hilft, ich weiß nicht, ob das funktioniert." "Ich weiß nicht was ich tun soll, was ich denken soll, was ich fühlen soll, was ich glauben soll" ...usw.
Zweifel ist nicht ungut, vor allem dann, wenn der Zweifel uns weiterbringt. Wird er aber zur Sucht ist er unheilsam. Zweifel zerstört Vertrauen, macht das Leben bodenlos und unser in-der-Welt-sein instabil. Das Transformationspotenzial des Zweifels liegt in der Klarheit. Wer klar ist, zweifelt nicht. Er ist sich seiner selbst sicher, egal was andere meinen, sagen, erwarten. Er ist selbstsicher und stabil – der Weg geht hin zur geistigen und emotionalen Klarheit.

Freitag, 19. Juni 2020

Angst – bloß nicht drüber reden

Foto: Angelika Wende

Angst - bloß nicht drüber reden. Du wirst mitleidig belächelt. Oder sarkastsich belächelt oder sonstwie belächelt. Angst zeigen, gar darüber sprechen. Das geht gar nicht.
Angst scheint für die meisten zu beängstigend um darüber zu reden.
Jetzt übertreib mal nicht so, die Pandemie? Also so schlimm ist das doch gar nicht mehr. Willst du so lange auf Schmalspur leben, bis der Spuk vorbei ist? Na, da kannst du lange warten. Haha.
 

Der Spuk, der so schlimm nicht ist.
Das meinen viele. Sie verhalten sich so, sie machen unbeeindruckt von dem was ist, was sie schon immer gemacht haben - ihr Ding. Soweit das noch geht. Aber genau bis an diese Grenze. Manche darüber hinaus. Wohin es führt, zeigen die Infektionszahlen, die wieder steigen, weltweit.
Sollen sie machen. Drüber leben über die Angst. Sie ignorieren. Sie verdrängen. Sich Sorgen machen um die banalen Dinge des Alltags, sich flüchten in die Arbeit, in die Ablenkung, in den Suff, in den Urlaub, sonstwohin. 


Schutzmaßnahmen gegen uneingestandene Angst.
Bloß nicht hinschauen. Die Angst muss ein Geheimnis bleiben.
Bloß keine Angst zulassen. Die Angst, die dort hin zeigt wo die eigene Verletzlichkeit, die eigene Hilflosigkeit, die eigene Schwäche und Zerbrechlichkeit auf sich aufmerksam machen. Blos nicht hinschauen. Mit Schutzmaßnahmen gegen die Angst handeln, damit sie schön weg bleibt. Drüber leben. Schon gar nicht sich selbst eingestehen.
Angst haben nur Schwächlinge und Angsthasen.
Angst ist was Schlechtes.


Angst ist nichts Schlechtes. Angst ist ein Gefühl.
Auch kluge Menschen, sensible Menschen, weise Menschen kennen Angst. 

Angst ist nichts Schlechtes. Angst kann sogar sinnvoll sein, dann, wenn sie angemessen ist, dann, wenn sie uns etwas zu sagen hat. 

Vergiss es.
Verächtliches Belächeln.
Sollen sie machen ...

Gedankensplitter



Foto: A. Wende

Werden
Vergehen
Vergehen
Werden
Das Werden bedarf des Vergehens.
So entsteht Bewegung.
Bewegung impliziert Vorübergehendes.
Ist Lebendigkeit.
Das Durchleben des Vergehens ist Leben an sich.

Samstag, 13. Juni 2020

Es hört jeder nur, was er versteht ...


Malerei: A.Wende
 

Wir hören nehmen etwas wahr, wir sehen etwas, wir lesen etwas und schon geht es los: Die Denkmaschine da Oben fängt an zu interpretieren. Zack – und dann ist da kein Raum mehr zwischen Reiz und Reaktion. Der Reiz, der das Gehirn über die Sinnesorgane erreicht, findet sofort eine Zuordnung in einen Kontext. Er wird gedeutet und ihm wird automatisch ein Sinn zugeschrieben. Es wird, ohne zu reflektieren was eigentlich ist, nur das wahrgenommen, was mit der eigenen Wahrnehmung zu tun hat, alles andere wird ausgeblendet. Vielmehr wird bewertet, durch den Filter der eigenen Sicht der Dinge, und die hat im worst case mit dem was es ist, nicht mehr viel oder gar nichts mehr zu tun.

Elementar wichtig für die menschliche Kommunikation ist die Interpretation von Sprache. Mittels Sprache, mittels Worten, teilen wir uns einander mit.  

Dies führt oft dazu, dass nur eine Sprache, die dem eigenen Denken entspricht, als wahre Deutung empfunden wird. Worte enthalten Informationen. Wir sprechen sie, wir schreiben sie um uns anderen mitzuteilen. Jedoch zeigt die Erfahrung, dass wir nicht davon ausgehen können so verstanden zu werden, wie wir es meinen. Daher ist es gut sich darüber bewusst zu sein, dass der eigene Erfahrungs- und Wissensstand mit dem des Gegenübers nicht gleichzusetzen ist. Wir senden und der Empfänger empfängt und interpretiert. Oft genügt schon ein Satz, der vom Empfänger aus dem Zusammenhang einer Aussage oder eines Textes herausgefiltert wird und die Interpretation nimmt ihren Lauf direkt ins eigene kleine Universum.

"Es hört doch jeder nur, was er versteht", schrieb Johann Wolfgang von Goethe einst und trifft es auf den Punkt.
Es werden unreflektiert sofort Schlussfolgerungen gezogen, die mit dem ursprünglich Wahrgenommenen nichts mehr oder nur wenig zu tun haben. Der Inhalt des Gesendeten wird in seiner Komplexität ausgeblendet. Empfangen wird nur das, was die eigene Denkmaschine verstehen kann und demzufolge deutet. Durch die individuelle Deutung ergibt sich daher nicht selten das Dilemma des Missverständnisses, weil unterschiedlich wahrgenommen wird.

Sind wir uns dessen bewusst, wissen wir: Ich bin verantwortlich für das, was ich sage, aber nicht für das, was der andere versteht und daraus machst.
Die Interpretation ist ein kognitiver Prozess. Als einer der Filter unserer Wahrnehmung sorgt sie dafür, dass wir Eindrücke und Situationen, die wir mit unseren Sinnen aufnehmen, in einen Kontext bringen und Schlussfolgerungen ziehen, abhängig von persönlicher Erfahrung, persönlichem Wissen und der Fähigkeit Reize richtig zuzuordnen. Die Interpretation ist demnach immer rein subjektiv und eng mit den Assoziationen verbunden, die ein Mensch macht.

Je weniger offen, je weniger reflektiert, je weniger achtsam, je weniger empathisch ein Mensch ist, desto mehr neigt er zu Interpretationen.  

Er landet bei allem, was er im Außen wahrnimmt, automatisch bei sich selbst und seiner Sicht von Welt. Er kann sich nicht oder nur begrenzt in die geistige und in die emotionale Welt anderer hineinversetzten. Er lebt in seinen eigenen Vorstellungen, Deutungen, Bewertungen und Urteilen, ohne anderes zulassen zu können bzw. überhaupt verstehen zu können. Sein Gehirn konstruiert anhand einzelner Elemente eine Auslegung der gesamten Situation, die seinen Erfahrungen, seinem Erleben, seinen Konditionierungen und seinen inneren Überzeugungen entsprichen. Er ist nicht fähig seine Interpretation der Dinge zu hinterfragen. Was letztlich dazu führt, dass er sich selbst und Welt immer auf die gleiche Weise sehen wird und für geistiges, wie seelisches Wachstum wenig bis gar nicht empfänglich ist. Er ist ein Gefangener seiner Interpretation.

Auch in der Praxis sind diese Menschen eine Herausforderung. Es braucht viel Empathie, Zeit und Geduld sie aus dem eigenen kleinen Universum in dem sie gefangen sind, behutsam herauszuholen um ihren Blick auf das Meer von Möglichkeiten, abseits ihrer Interpreationen, zu lenken.

Mittwoch, 10. Juni 2020

Aus der Praxis: Der eingebildete Kranke – Hypochondrie verstehen


 
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Le Malade imaginaire, Der eingebildete Kranke ist eines der berühmtesten Theaterstücke von Moliere und zugleich sein letztes Werk. Die Komödie wurde im Februar 1673 uraufgeführt und Moliere selbst spielte darin die Hauptrolle des Argan. Argan ist besessen: er ist davon überzeugt krank zu sein, aber außer seinen Ärzten glaubt ihm das niemand. Mehr noch - alle lachen ihn aus. Es scheint wie eine Ironie des Schicksals, dass Moliere bei der letzten Vorstellung einen Blutsturz erlitt. Der Dichter starb in Kostüm und Maske nur wenige Stunden später.
Heute würde man Argan einen Hypochonder nennen. Menschen mit einer Hypochondrie werden sich in ihm und seiner quälenden Krankheitsangst wiederfinden, vorausgesetzt sie sind sich ihrer Störung bewusst.

Hypochonder gelten als hysterisch. Man sagt ihnen nach, dass sie sich ohne Grund verrückt machen. Für die Betroffenen selbst ist die Hypochondrie, auch „Krankheitsangst“ genannt, jedoch eine starke psychische Belastung mit hohem Leidensdruck. Hypochondrie ist ein ständiger Tanz gegen die Angst.
 
In der Psychologie zählt die hypochondrische Störung zu den somatoformen Störungen. Eine ausgeprägte Krankheitsangst geht häufig mit Ängsten, Panikattacken und einem zwanghaftem Überprüfen des Körpers nach Krankheitsanzeichen einher, was dazu führen kann, dass die Empfindungen noch unangenehmer werden oder dass Krankheitssymptome erst entstehen oder verstärkt werden. Die Krankheitsangst wird zwischen somatoformen Angst-, Panik- und Zwangsstörungen angesiedelt. 

Hypochonder haben eine übersteigert große Angst vor Krankheiten. Ständig kreisen ihre Gedanken sorgenvoll um ihre Gesundheit. Die Angst vor körperlichen Schmerzen, Leiden, Sterben und Tod beherrscht ihren Alltag und legt sich wie eine schwere Nebeldecke über alles andere. Sie sind besetzt von dem Gedanken, eine Krankheit wolle ihnen ans Leben und es ihnen nehmen.  
Die Angst des Hypochonders bezieht sich auf alle möglichen Köperteile und die dort potentiell entstehenden oder schon bestehenden Krankheiten, die er selbst diagnostiziert. Er betreibt intensive Recherchen im Internet oder in medizinischen Fachbüchern in Bezug auf die von ihm gefürchteten Krankheiten. Jedes kleine Wehwehchen kann für ihn Schlimmes bedeuten. Hypochonder achten übersteigert auf jedes noch so kleine Signal ihres Körpers, und nehmen es  bereits in geringer Intensität wahr.  Sie sind felsenfest davon überzeugt an einer Krankheit zu leiden oder demnächst krank zu werden und das immer ernsthaft. Sie rennen ständig zum Arzt um sich zu versichern, dass sie doch nicht so schwer krank sind wie sie glauben und, werden sie ob ihrer Angst und ihren Symptomen, die sie ja haben, nicht ernst genommen, wechseln sie Ärzte und Notfallambulanzen. Andere Betroffene wiederum vermeiden es zum Arzt zu gehen, obwohl sie Beschwerden haben, aus Angst, ihre Befürchtung krank zu sein, könnte sich bestätigen. 

Im Kopf des Hypochonders kreist ein Katastrophen-Karussell. Ein Karussell, das in Wahrheit weniger eine Krankheit als eine große Lebensangst am Kreisen hält. Diese Lebensangst ist bei vielen Betroffenen der Urgrund der Hypochondrie.
 
Der Hypochonder ist davon überzeugt, dass es ihm nicht gut gehen darf, dass er nicht gesund sein darf, dass er leiden muss. Und er leidet ja auch in seiner sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Hypochonder sind von der Persönlichkeit her oft depressiv-melancholische Menschen. Man schreibt ihnen narzisstische und hysterionische Verhaltensweisen zu, weil sie dramatisieren und nach Aufmerksamkeit schreien. So wie der Junge in der Geschichte mit dem Wolf, den er jede Nacht im Dorf ankündigt und der nie kommt, sondern erst dann, als dem Jungen keiner mehr glaubt: Der arme Junge wird schließlich vom Wolf gefressen. 

Das Leben mit einem Hypochonder ist anstrengend und es ist noch anstrengender selbst ein Hypochonder zu sein. Seine Krankheitsangst ist ein Drama in unzähligen Akten.  

Gefangen in seiner Angst produziert er jedoch unbewusst das Drama selbst. Immer mit einer Hybris und ohne Katharsis. Erlösung hat er nicht verdient, weil er tief im Innersten glaubt ein gutes und gesundes Leben nicht verdient zu haben oder weil er der Überzeugung ist, dass das Leben Leiden und Tod bedeutet.Diese destruktiven Überzeugungen sitzen wie eine Krebsgeschwulst in seinem Unterbewusstsein. Wer davon überzeugt ist kein gutes gesundes Lebens verdient zu haben, glaubt unbewusst von sich, dass er ein schlechter Mensch ist, dass er nicht wertvoll genug ist um leben zu dürfen und wenn, dann nur leidend und unter Schmerzen. Oder er glaubt, dass er für Etwas bestraft wird, was er einmal getan hat. Meist kommt dieser Glaube aus Introjektionen der Kindheit. Gefühle wie Scham und Schuld spielen bei der Hypochondrie eine nicht unwesentliche große Rolle. Wohlgemerkt all das ist dem Betroffenen nicht bewusst. In sein Bewusstsein schießt nur die seelische Angst – die sich in der Krankheitsangst einen Platz sucht, weil ihr wahrer Grund unbekannt ist. 

Die Ursachen der Hypochondrie sind noch wenig erforscht. Man geht jedoch davon aus, dass eine genetische Disposition und das Persönlichkeitsmerkmal „Neurotizismus“ eine Rolle spielen. Auch ein unsicher, ein unsicherer oder ablehnender Bindungsstil in der Kindheit und Alexithymie können eine Rolle spielen.  
Alexithymie ist ein Konzept der psychosomatischen Krankheitslehre.
Der Begriff wurde 1973 von den amerikanischen Psychiatern John Case Nemiah und Peter Emanuel Sifneos geprägt. Alexithymie bezeichnet die Unfähigkeit mit somatisierten Beschwerden umzugehen, Gefühle adäquat wahrzunehmen und sie zu beschreiben. Mit anderen Worten: Gefühle werden auf seelischer Ebene verdrängt und auf die körperliche Ebene verlagert. Beispielsweise werden Beschwerden wie Herzrasen nicht als Ausdruck von Angst erkannt, sondern als rein körperlich gedeutet.  

Die Hypochondrie ist ein Symptom, das selbst zur Krankheit wird und ein eigenes Krankheitsbild herausbildet, wenn tiefverdrängte Gefühle nicht erkannt und nicht verarbeitet werden konnten.  
Die meisten Hypochonder sind hochsensible Menschen. Sie besitzen ein geringeres Selbstbewusstsein verbunden mit erhöhter Empfindsamkeit für alles was verletzend ist und haben eine hohe Vulnerabilität. Der tiefenpsychologische Erklärungsansatz in Bezug auf die Hypochondrie geht von einem traumatischen Erleben in der Kindheit oder auch im späteren Erwachsenenalter als Auslöser für die spätere Neurose aus. Es ist kein Zufall, dass die Krankheiten, vor denen sich der Hypochonder besonders fürchtet, bei genauer Betrachtung in Beziehung zu früheren Erlebnissen in seiner Biografie steht. Bei Herzangst z.B. kann es sein, dass ein nahe Angehöriger herzkrank war oder früh daran gestorben ist. Auch eine frühe Konfrontation mit dem Tod eines geliebten Menschen in der Kindheit, die nicht verarbeitet werden konnte, kann so nachhaltig prägen, dass sich im späteren Leben eine Hypochondrie entwickelt.

Im Grunde können wir die Hypochondrie als die vom Betroffenen einzig mögliche Bewältigungs- und Selbstheilungsstrategie anderer unbewusster Probleme verstehen.  
Sie ist der unbewusste Versuch Kontrolle und Sicherheit in einem Leben herzustellen, das als unsicher und bedrohlich erfahren wurde und wird. Sie ist das Leiden eines Menschen, der sich selbst, dem eigenen Körper und dem Leben, nicht vertraut, weil sein Urvertrauen an einem Punkt in seinem Leben radikal erschüttert wurde. Sie ist ein Schrei nach Zuwendung und Aufmerksamkeit, die schmerzlich vermisst wird und keinen anderen Weg findet diese zu erhalten, als den über die Neurose.

Ein Hypochonder leidet wirklich und wenn er Schmerzen hat fühlt er sie wirklich. Man sollte ihn nicht verlachen wie den Argan in Molieres Komödie. Vielmehr braucht er Annahme, Verständnis und Mitgefühl für seine Lebens- und Todesangst. Er braucht Zuwendung, Trost und Liebe und vor allem einen guten Therapeuten, der ihm hilft seiner wahren Angst auf die Spur zu kommen, damit  diese nicht mehr auf den eigenen Körper projizieren werden muss. 
Die Behandlung der Krankheitsangst verfolgt mehrere Ziele. Sie soll dem Patienten helfen, alternative Erklärungen und Deutungen für seine Missempfindungen zu finden, die Wahrscheinlichkeit der Krankheitsannahmen zu verändern und das nach Sicherheit suchende Verhalten zu reduzieren. Ein wichtiger, edukativer Bestandteil der Therapie besteht darin, dem Betroffenen zu vermitteln, welche Körperempfindungen normal sind, wie zum Beispiel sein Herzschlag oder die Bewegungen des Magen-Darmtraktes. Darüber hinaus wird vermittelt, zu welchen körperlichen Reaktionen Stress und Angst führen, denn diese kommen unter anderem als Erklärung für sein Missempfindungen infrage. Der Betroffen lernt sich selbst neu zu beobachten und seine Symptome auf gesunde Weise zu deuten. Es geht besonders darum zu lernen, realistisch die Wahrscheinlichkeit abzuwägen, ernsthaft krank zu sein. Dazu gehört auch die Aversivität von Körperempfindungen und Krankheitsängsten zu reduzieren, indem beispielsweise angstbesetzte oder Gedanken von Trauer zugelassen und hinterfragt werden. Auch Achtsamkeitsübungen sind hilfreich. Achtsamkeitsübungen wirken erwiesenermaßen sehr gut gegen alle Arten von Angstzuständen. Da die Komorbidität mit Depressionen, Angst-, Panik- Zwangs- und Somatisierungsstörungen hoch ist, sollten diese Störungen unbedingt mit einbezogen werden.
Es ist ein langer Weg, aber es kann gelingen, die Krankheitsangst zumindest auf ein Maß zu reduzieren, dass sie nicht das ganze Leben beherrscht.

Findet der Hypochonder keinen Ausweg lebt er sein einsames Drama weiter – ohne Katharsis wie gesagt, denn auch wenn er ständig mit dem Tod spielt, die Angst vor dem Tod verliert er trotzdem nicht.

www.wende-praxis.de




Samstag, 6. Juni 2020

Verlust und Trauer

Foto: A.W.


Wenn die Realität, wie wir sie kennen, zerbricht fallen wir ins Bodenlose. Verlieren wir einen Menschen, mit dem wir unser Leben geteilt haben, verlieren wir nicht nur ihn, sondern auch ein Stück unserer Welt. Wir verlieren, was uns Halt, einen Bezugspunkt und einen Sinn gab. Der Verlust eines geliebten Menschen fühlt sich an als hätten wir einen Teil von uns selbst verloren. Wir vermissen nicht nur den Menschen, wir vermissen die Gewohnheiten, die wir mit ihm geteilt haben, wir vermissen das Gefühl, dass jemand an unserer Seite ist, wir vermissen, dass wir die Aufgaben, Probleme und das Schöne des Alltags teilen können, wir vermissen die gemeinsamen Gespräche, wir vermissen die Beziehung an sich und wir vermissen das Gefühl geliebt zu werden und zu lieben. Es ist völlig egal warum wir diesen Menschen verloren haben - ob er gegangen ist, ob wir selbst gegangen sind oder ob der Tod uns von diesem Menschen getrennt hat, wir erleiden einen schmerzhaften Verlust.

Plötzlich ist da eine Lücke in unserem Leben, ein riesiges dunkles Loch, das sich vor uns auftut, und wir wissen nicht womit wir es füllen könnten.
Dieses Loch füllt sich zunächst mit all den Gefühlen von Trauer, Angst, Schmerz, Wut, Ohnmacht und vielleicht sogar Verzweiflung. Wir gehen durch alle Phasen der Trauer, die sich bei einem Abschied einstellt. Diese Phasen hat die Psychoanalytikerin und C.G. Jung Schülerin Verena Kast so zusammengefasst: Den Schock des Nicht-Wahrhaben-Wollens, Verzweiflung, Hilf- und Ratlosigkeit herrschen vor. Die Phase der aufbrechenden Emotionen: Gefühle bahnen sich ihren Weg. Schmerz, Wut, Zorn, Traurigkeit und Angst, wobei je nach der Persönlichkeitsstruktur des Trauernden andere Gefühle vorherrschen. Beim einen sind es Wut, beim anderen Schmerz, beim nächsten sind es Schuldgefühle, weil er meint, er hätte das, was ist verhindern können oder er sei gar verantwortlich für das, was ist. Diese Gefühle haben einen Sinn, sie müssen durchlebt werden, sie müssen an die Oberfläche. Werden sie unterdrückt kommt es nicht selten zu einer andauernden Melancholie, zu Depressionen und zur Desorientierung im weiteren Lebensverlauf.

Eine weitere Trauerphase ist die des Suchens und Sich-Trennen
Auf jeden Verlust reagieren wir mit Suchen. Im Schmerz der Trauer suchen wir nach dem verlorenen Menschen, wir suchen nach dem gemeinsamen Leben, wir suchen in Erinnerungen, wir suchen an gemeinsam besuchten Orten, in den Gesichtern Fremder, in Gewohnheiten, die wir aufrecht erhalten um was uns Halt gab, nicht auch noch zu verlieren. Im Verlauf dieses Suchens, Findens und Wieder-Trennens, so Kast, kommt irgendwann der Augenblick, wo der Trauernde die Entscheidung trifft, wieder ja zum Leben und zum Weiterleben zu sagen. Kommt dieser Augenblick nicht, verharren wir in der Trauer. Wir können nicht loslassen, wir lösen die Fäden nicht, die uns an den Anderen gebunden haben - wir bleiben gebunden an die unwiderbringliche Vergangenheit, unser Leben im Jetzt stagniert. Wir erstarren emotional. So wird aus Schmerz Leiden. Wir leiden immer, wenn wir etwas verloren haben und wir leiden, wenn wir etwas Erwünschtes nicht haben können. Das Leiden, sagt Buddha, hat eine einzige Wurzel - das Verlangen. 

Es ist schwer kein Verlangen mehr zu haben. Sich endgültig zu verabschieden bedeutet - nicht mehr zu verlangen, dass das Alte wiederkehrt.  
Das Ende des Leidens heißt, dieses Verlangen, diesen Wunsch zu begraben. Es bedeutet zu akzeptieren was ist - loszulassen was nicht mehr ist und die neue Wirklichkeit anzuerkennen wie sie ist. Ja, so ist es! Das bedeutet es annehmen. Es hilft diese Worte immer wieder zu sagen. Ein kluger Mann gab mir diese Worte in meiner Trauer und ich sage sie, ich wiederhole sie immer dann, wenn ich den Drang verspüre mir zu wünschen, dass die Dinge anders sein sollen, als sie sind. Das Ja zu dem was ist heißt nicht, dass es weniger schmerzt, heißt nicht, dass es weniger schlimm ist - es heißt: Ja, es ist schlimm, aber ich akzeptiere den Schmerz, ich will ihn auch nicht wegmachen. Ich lasse ihn sein und versuche ihn nicht zu verdrängen, ich lasse ihn da sein, solange er da ist. Ja, so ist das!, macht den Schmerz erträglicher, weil der Widerstand wegfällt und weil damit das Verlangen wegfällt es anders haben zu wollen.  

Wir leiden weniger, wenn wir den Schritt wagen kein Verlangen mehr zu haben. Es ist wahr. Es ist wahr, weil es keinen Sinn macht, nach etwas zu verlangen, was für uns nicht erreichbar ist.
Das ist eine schwere Aufgabe für alle Menschen, denn wir Menschen haben Verlangen und wir haben Wünsche. Wir sind nicht Buddha und nicht so erleuchtet, dass die bloße Erkenntnis ausreichen könnte um unseren Schmerz zu lindern. Aber wir können lernen, aus dem Schmerz kein Dauerleid zu erschaffen indem wir an Verlorenem hängen bleiben. Oh ja, es ist verlockend, denn das Gebundenbleiben an das Verlorene, an den Menschen, den wir verloren haben, füllt die Lücke des Verlustes - wir müssen nicht nach dem Neuem suchen, was sie füllen könnte. Wir suggerieren uns damit unbewusst: Da wo eigentlich Leere ist, ist noch Fülle, die Fülle des Vergangenen. Das Gebundenbleiben soll uns bewahren vor diesem entsetzlichen schwarzen Loch, das sich auftut, wenn wir Ja zu dem sagen, was nicht mehr ist. 

Trauer hat keine begrenzte Zeit und jeder Mensch braucht seine Zeit der Trauer. Die Einen mehr, die Anderen weniger. Trauer lässt sich nicht abkürzen und nicht beschleunigen.  
Jede Trauerphase kann Wochen, Monate oder Jahre dauern und die Phasen können einander immer wieder abwechseln. Trauer ist eine Achterbahn der Gefühle. Trauer erfordert Geduld mit uns selbst. Sie erfordert aber auch, dass wie irgendwann begreifen, dass Verluste zum Leben gehören. Verluste sind allgegenwärtig und unvermeidlich. Verluste sind notwendig, weil wir an ihnen wachsen. Nur durch sie werden aus uns vollentwickelte Menschen. Verlust und Trauer sind Anpassungsprozesse. Wohl gemerkt: Prozesse. Jeder Prozess hat verschiedene Stadien und Ebenen in denen er verläuft. Wir können diesen Prozess weder beschleunigen noch manipulieren, aber wir tun gut daran uns ihm zu überlassen. Damit beginnen wir bereits ein wenig loszulassen. 

Im Loslassen beginnt langsam und allmählich das, was Verena Kast den neuen Selbst- und Weltbezug nennt.
Nachdem wir unseren Schmerz, unsere Wut und unsere Verzweiflung gefühlt haben, nachdem alle Anklagen und Vorwürfe gegen Gott, das Schicksal und das Leben gemacht werden durften, kehrt mit der Zeit allmählich Frieden in die Seele zurück. Der Verlust hat dort seinen Platz gefunden. Das Herz wird ruhiger. Wir erkennen, dass unser Leben auch ohne den Anderen weitergeht und dass wir selbst dafür verantwortlich sind die Lücke zu füllen. Die große Herausforderung besteht jetzt darin, Wege zu finden uns ein neues Leben zu gestalten, was uns, weil es so ganz anders ist als das alte Leben, schwer fällt. In diesem Moment kommen Fragen wie: Wer bin ich? Was will ich? Wohin will ich gehen? Was gibt meinem Leben noch einen Sinn oder was gibt ihm einen neuen Sinn? Es braucht wieder Zeit um Antworten zu finden. Und manchmal brauchen wir in dieser Zeit Hilfe um sie zu finden. Jemand, der uns hält und uns die Kraft gibt um nach dem Verlust weiterzumachen.
Und irgendwann ist das schwarze Loch ist nicht mehr so bedrohlich, auch wenn der Verlust noch immer schmerzt. Ja so ist das! Und ja, das tut weh. Aber da ist nicht nur der Schmerz, da ist auch das Leben, das auf uns wartet, trotz aller Verluste.



Freitag, 5. Juni 2020

Du musst nicht von allen gemocht werden





Wir sind Beziehungswesen. Das liegt in unserer menschlichen Natur. Wir alle haben das Bedürfnis nach Zuneigung. Wir wollen gesehen, anerkannt, akzeptiert und geliebt werden. Diese Bedürfnisse sind gut und gesund, weil sie zu unserem Seelenheil beitragen und menschliches Miteinander überhaupt erst möglich machen. Diese Bedürfnisse resultieren aus einem tief in uns verwurzeltem alten Überlebensmechanismus. Früher war es einfach nicht möglich, alleine ohne die Gruppe zu überleben. Diese Erfahrung steckt noch immer in unserem kollektiven Gedächtnis.

Zum Problem werden diese Bedürfnisse dann, wenn wir glauben, dass das Wohlwollen, die Akzeptanz oder die Liebe anderer der entscheidende Faktor für unseren eigenes Wohlergehen ist. 
Es gibt Menschen, denen es so wichtig ist von allen gemocht zu werden, dass sie sich schlecht fühlen, wenn sie nur die geringste Zurückweisung erfahren. Sie können es nicht ertragen, wenn andere sie nicht mögen. Diesen Menschen ist es deshalb auch enorm wichtig, was andere über sie denken. Haben sie das Gefühl, dass es nichts Gutes ist, macht sie das zutiefst unsicher und unglücklich. Um das zu vermeiden sorgen sie immer dafür niemanden zu enttäuschen oder zu verärgern.
Gemocht werden ist für diese Menschen wie die Luft zum Atmen. Sie brauchen sie um nicht emotional zu ersticken. Positives Feedback ist der Treibstoff für ihr gesamtes Handeln in der Interaktion mit anderen. Sie müssen einfach gefallen. Diese Menschen sehnen sich so sehr nach Wertschätzung durch andere, weil es ihnen nicht gelingt, sich selbst wirklich zu wertschätzen. Früher nannte man dieses Verhalten Gefallsucht. Heute nennt man solche Menschen "People Pleaser". Das Paradoxe ist: Je mehr der "People Pleaser" versucht zu gefallen, desto schlechter gelingt es und, bleibt der Erfolg aus, geht es ihm umso schlechter.

Anderen Menschen gefallen zu wollen macht geistig und emotional abhängig. Und es macht uns klein vor den anderen, die genau spüren, dass wir von ihrem Wohlwollen abhängen.  
Wir machen uns damit selbst klein. Das kann uns sogar großen Schaden zufügen, denn so sind wir manipulierbar und verletzbar. Indem wir alles tun um anderen zu gefallen, laden wir sie förmlich dazu ein uns zu benutzen. Wir machen uns also selbst unglücklich, wenn wir alles tun, um zu gefallen, damit andere uns wertschätzen oder lieben. Bekommen wir das Ersehnte nicht, fühlen wir uns frustriert, hilflos und ohnmächtig. Und wir werden oft enttäuscht.

Frustration, Hilflosigkeit und Ohnmacht sind unheilsame Gefühle, die auf Dauer nicht nur zu seelischen Verstimmungen führen, sondern krank machen können.Diese unheilsamen Gefühle können wir nicht immerzu wie einen Ball ins Wasser runterrücken, sie ploppen hoch, so wie der Ball sobald man ihn loslässt. Meist allein zu Hause, in der Nacht, wenn es dunkel ist, wenn da keiner ist, der uns gibt, was wir so dringend brauchen und für das wir bereit sind alles zu tun schleichen sie sich an uns heran. 

Unheilsame Gefühle zehren am Gemüt. Und sie entmutigen mit der Zeit.
So traurig es ist, das Leben zeigt uns, andere Menschen sind nicht immer bereit zurückzugeben was ihnen geschenkt wird, auch wenn wir uns das wünschen. Es ist und bleibt ein Wunsch, geboren aus der Sehnsucht geliebt zu werden. Diese Sehnsucht ist ein starkes Gefühl, das meist aus der Kindheit rührt, aus einer Zeit wo wir abhängig waren von der Zuwendung anderer. Haben wir diese nicht ausreichend und in gesundem Maße bekommen, bleibt diese Sehnsucht bis ins Erwachsenenalter.
Und das ist der Fallstrick für Gefallsüchtige: Sie fordern etwas ein, was sie nie bekommen haben, in der Hoffnung den kindlichen inneren Mangel endlich doch noch füllen zu können.  Es gelingt nicht, wie die Erfahrung zeigt. Wir müssen also etwas ändern um uns selbst nicht weiter Schaden zuzufügen.

Wir könnten darüber nachdenken, was in uns es ist, warum wir so sehr gemocht werden wollen und alles tun um zu gefallen.
Vielleicht wollen wir ja selbst nicht zurückgewiesen, enttäuscht oder verletzt werden. Und so tun wir alles um es anderen nicht zuzumuten. Nach dem Motto: Ich tu dir nichts an, was ich nicht möchte. Vielleicht fürchten wir uns vor Konflikten und glauben ihnen nicht standhalten zu können, wenn wir sagen, was wir in Wahrheit denken und fühlen oder wenn wir Nein sagen.
Vielleicht möchten wir, dass andere es uns immer Recht machen.
Vielleicht geben wir den Geber um zu bekommen, was wir gerne hätten. 

Wer sein gefallsüchtiges Verhalten ändern will oder es zumindest versucht, landet schnell beim Thema Selbstliebe.  
Jemand, der sich selbst lieb hat, ist nicht abhängig von der Liebe und der Zuneigung anderer. Er ist nicht abhängig davon, ob er anderen gefällt. Es ist schön wenn das so ist, aber es ist nicht überlebenswichtig. Sind Zuneigung oder Liebe von anderen gerade nicht da, weiß er dennoch um seinen Wert als liebenswerter Mensch.

Aber woher die Selbstliebe nehmen, wenn sie nicht vorhanden ist? Woher das Gefühl nehmen: Du bist wertvoll, du bist liebenswert so wie du bist, wenn ein Mensch das nicht oder genau das Gegenteil erfahren hat?
Das ist schwer und das muss dieser Mensch sich erarbeiten. 
Wobei, Selbstliebe ist so ein großes Wort - nennen wir es lieber Selbstfreundschaft. Und die kann man durchaus lernen. Man kann lernen, wie man gut für sich sorgt. Man kann lernen, wie man Grenzen setzt. Genau das ist es, was ein Mensch der allen gefallen und um jeden Preis geliebt werden will, nicht kann: sich abgrenzen. Grenzen ziehen. Er kann es nicht, weil er nicht spürt wo er aufhört – wo seine Grenze ist und wo der andere anfängt – wo dessen Grenze ist. 

Wenn ich meine eigenen Grenzen nicht spüre, fehlt mir das Gefühl für mein ganzes Sein. Es fehlt das Bewusstsein für mich selbst, für mein Sosein. 
Und mir fehlt das Bewusstsein für die Grenzen anderer Menschen.
Fehlt dieses Erleben spüre ich mich selbst nur in Kontakt mit anderen und definiere mich über andere. Ich fühle mich verloren sobald ich diesen Kontakt und dieses Erleben verliere.
Um dieses Gefühl für mich selbst zu bekommen, darf ich lernen mich auf mich selbst zu zentrieren, ich darf mich selbst erforschen und letztlich darf ich lernen mich selbst zu akzeptieren. 

Ich muss wissen, was mich als Mensch ausmacht um ja zu mir selbst zu sagen.
Erst mit dem Ja zu mir selbst bin fähig ein Nein zu sagen, wenn diesem Selbst Schaden zugefügt wird.
Damit beginnt die Fähigkeit mich abzugrenzen.
Und zwar auch von den inneren kindlichen Bedürfnissen, die mir schaden.
Das wird an dem Bedürfnis von allen gemocht oder geliebt zu werden erst einmal nichts ändern, aber ich erlaube diesen Bedürfnissen da zu sein ohne dem kindlichen Bedürfnis kopflos zu folgen und es sofort stillen zu müssen. Mitfühlend mit mir selbst, weil ich weiß, ich habe einen Hunger nach Liebe, der sehr alt ist, so alt wie ich selbst und der nie gestillt wurde. Ich werde aber, weil ich mir selbst ein guter Freund sein will, nicht mehr versuchen ihn um jeden Preis durch andere stillen zu lassen, zumal ich weiß, dass ich mich damit emotional und geistig in eine unheilsame Abhängigkeit begebe.
Ich lerne den Mangel da sein zu lassen und ich lerne ihn auszuhalten.

Und mit der Zeit lerne ich wie ich mir selbst geben kann, was mir fehlt. Nicht alles, aber vieles was mir gut tut und heilsam ist. Ich werde dann aufhören mich zu verbiegen, mich selbst zu verleugnen und mich selbst so klein zu machen, dass ich mich selbst herabwürdige und damit anderen die Erlaubnis gebe, das mit mir zu tun.