Sonntag, 19. April 2020

Spaltung




Zeichnung: A. Wende

Es war klar, dass wir angesichts der Krise in eine Spaltung geraten.
Ein gesellschaftlicher Reflex, der am Ende zwei Lager bildet.
Die, die meinen: "Ach so schlimm ist das nicht, alles nur Panikmache" und sich genau die Informationen im Netz herausfiltern, die zu ihrem absolut verständlichen Wunschdenken und ihrer verdrängten Angst passen.
Ein Reflex, der dazu dient zu banalisieren und die Krise gefühlt weniger bedrohlich erscheinen lässt.
Und die anderen, die aus einer überhöhten und teilweise panischen Angst heraus meinen: "Es ist furchtbar schlimm, es geht um Herdenimmunität, wir kriegen es alle, wir müssen alle sterben."
Diese Lager bekämpfen sich jetzt. Daran zerbrechen sogar Freundschaften. Schade, denn genau das ist es, was wir jetzt alle nicht brauchen können, und das was ist, nicht besser macht und auch nicht löst. Beide Reflexe sind auf ihre Art zwar nachvollziehbar, aber unheilsam und sie führen leider zu weiterem Unheilsamen.

Samstag, 18. April 2020

Möglich

Malerei: Angelika Wende

Ist es möglich, dass Menschen nichts dazu lernen, egal wir oft ihnen die gleiche Lektion widerfährt?
Ist es möglich, dass Empathie, Respekt, Achtsamkeit und Nächstenliebe nur Worthülsen sind, die zerplatzen wenn es darum geht, dass all das gelebt wird?
Ist es möglich, dass Menschen nicht solidarisch sind, nicht einmal angesichts einer gemeinsam erlebten Krise?
Ist es möglich, dass jeder sich selbst der Nächste ist und den Nächsten übersieht?
Ist es möglich, dass achtsames einander Zuhören und gegenseitiges Verständnis schwerer ist, als immer ICH ICH ICH zu denken und zu sagen?
Ist es möglich, dass Menschen die Meinung anderer angreifen und zu Feinden werden, nur weil sie nicht der eigenen Meinung entspricht?


Ist es möglich, dass Egoismus und Selbstsucht größer sind als menschlicher Zusammenhalt?
Ist es möglich, dass bedingungslose Liebe nur ein SprachWort ist, das nicht gelebt wird, weil es immer nur um die eigenen Bedürfnisse geht?
Ist es möglich, dass verletzte Menschen andere Menschen verletzen, weil sie sich nicht um ihre eigenen Verletztungen kümmern?
Ist es möglich, dass spirituelles Wachstum nur eine Blase ist, die im Kopf stattfindet und im wahren Leben zerplatzt ?

Ist es möglich, dass Leben weniger zählen als Gier?
Ist es möglich, dass Haben und Festhalten mehr Wert ist, als in der Not zu teilen?
Ist es möglich, dass Ignoranz und Gleichgültigkeit der Not anderer gegenüber mächtiger ist als liebevolle Güte?

Ist es möglich, dass Missachtung und Zerstörung der Natur Menschenwerk ist?
Ist es möglich, dass Menschen aus den Erfahrungen der Geschichte nichts dazu lernen?
Ist es möglich, dass Dummheit über Klarheit und Weisheit siegt, nur weil es mehr Dummheit gibt als Weisheit in der Welt?
Ist es möglich, das der Blick über den eigenen Tellerand derart verstellt ist, dass das große Ganze nicht gesehen wird?
Ist es möglich, dass Mensch selbst in der größten Krise, nur an sich selbst denkt?
Ja, es ist möglich!


(Ausnahmen bestätigen die Regel)

Freitag, 17. April 2020

Gedankensplitter





Zeichnung: Angelika Wende

Aber was ist das Hässliche?
In der Definition verhält es sich ebenso spröde wie das Schöne.
Und spricht man von einer Ästhetik des Schönen, dann freilich ist es gerechtfertigt von einer Ästhetik des Hässlichen zu sprechen. Das Hässliche, das Schreckliche, im Gegensatz zum Schönen, springt uns an, es fordert uns heraus mit seinem Wesen von Faszination und Abstoßung zugleich, es versetzt uns in jene Amibivalenz, die uns das Bild von uns selbst und Welt hinterfragen lässt.

Was uns bedroht und irritiert ist immer ein Spiegel - und immer ist der entscheidende Spiegel, jener Spiegel, in den wir nicht wagen hineinzublicken, denn: Was könnte uns da anspringen, was im Tiefsten mit uns zu selbst tun hat?

Donnerstag, 16. April 2020

Eine Zeit lang



Zeit gewinnen um die Infektionskurve abzuflachen und zu strecken. Es geht um Zeit, eine zeitlang, eine lange Zeit, länger als wir hofften am Anfang der Pandemie vor einigen Wochen, als wir das Ausmaß dessen, was uns überrollt und im Griff hat, noch nicht kannten. Als wir noch nicht ahnten, dass diese Zeit eine Zeit sein wird, die die alte Zeit ablöst. Die Zeit als wir frei waren, die Zeit der unendlichen Möglichkeiten, die Zeit als wir das, was da war als selbstverständlich genommen haben. Nichts ist mehr selbstverständlich. Alles ist kostbarer geworden, besonders unsere Gesundheit und die Gesundheit unserer Liebsten. 
Ich bin mir dessen bewusst,  jeden einzelnen Tag, wie kostbar meine Zeit ist, meine Gesundheit und die meines Sohnes. Mein Sohn, der gestern aus seiner WG ausgezogen ist, weil sein Mitbewohner jeden Abend Party gemacht hat, Leute eingeladen hat zum Feiern, zwei, drei Fremde.
Der Mitbewohner, einer der es nicht kapiert hat, der einfach so weiter macht, ohne Rücksicht auf das, was ist, ohne Achtung vor meinem Sohn, der ihn über Wochen immer wieder gebeten hat, acht zu geben, auf seine Gesundheit,auf die meines Sohnes. Die Ichbezogenheit, die Ignoranz war größer, die Dummheit erschreckend.
Gestern hat mein Sohn die Wohnung verlassen.
Ich bin froh, er hat richtig gehandelt. Ich sorge mich jetzt weniger um ihn. Er hat für sich gesorgt. Er wohnt jetzt erst mal in einer kleinen Wohnung. Er ist traurig, weil er sein schalldichtes Studio verloren hat, das er sich in der alten Wohnung eingerichtet hatte, in dem er seine Musik macht, von der er lebt. Jetzt hat er kein Studio mehr. "Ich mach meine Musik Mum, egal wo ich bin", sagt er, "ich finde eine Lösung."

Wir alle müssen Lösungen finden, weil uns Selbstverständliches weggenommen wird. Wir alle müssen auf so vieles verzichten was vertraut war und angenehm. Das ist bitter. Es ist bitter Vertrautes aufgeben zu müssen. Es ist noch bitterer den Arbeitsplatz zu verlieren und nicht mehr zu wissen wovon leben, außer Hartz IV als letzte Rettung um zu überleben. Das erleben in dieser Zeit viele Menschen.
Leben auf dem Minimum, weil das wovon sie vor dieser Zeit lebten, nicht mehr gelebt werden kann. Eine Zeit lang.

Wie lange diese Zeit dauert, das wissen wir nicht. Das macht es noch bitterer. Aber solange wir gesund sind, solange wir leben können wir Lösungen finden. Auch wenn sie erst mal anders sind als wir uns das wünschen. Auch wenn es bedeutet, es ist erst mal eine Weile richtig beschissen. Solange wir leben ist da Hoffnung, dass wieder eine andere, eine bessere Zeit kommt.


Mittwoch, 15. April 2020

Psychische Störungen in Zeiten von Corona

Foto: Angelika Wende


Die jetzige Situation stellt für uns alle eine große Herausforderung dar. Wir sind mit einem völlig neuen Lebensalltag konfrontiert, der alles was uns als selbstverständlich und normal erschien, weggerissen hat. Aber was ist mit den Menschen, die schon vor Corona unter Angststörungen, Zwängen, Hypochondrie, Depressionen oder starken Einsamkeitsgefühlen leiden?

Bei vielen nimmt die Symptomatik zu.
Sie sind jetzt oft, besonders wenn sie alleine leben, vollkommen auf sich selbst reduziert. Sie haben kaum noch Ausweichmöglichkeiten aufgrund des Lock downs. Viele gewohnte hilfreiche kleine Fluchten um der Symptomatik der Erkrankung für Stunden zu entkommen ist nicht mehr möglich. Möglich sind Spaziergänge, einkaufen gehen und Gespräche mit vertrauten Menschen via Telefon oder Video. Aber auch das Rausgehen in Corona Zeiten ist jetzt zum Beispiel für Hypochonder eine große Herausforderung in Sachen Angstüberwindung.

Da draußen ist nichts mehr sicher, da draußen ist ein Virus, der krank machen kann, sie, die sich vor nichts mehr als vor Krankheiten fürchten. Das potenziert die Angst um ein Vielfaches. Viele hypochondrische Menschen gehen auch nicht mehr zu Ärzten, was sie zu ihrer seelischen Entlastung brauchen, denn in den Praxen könnte man sich ja noch schneller anstecken unter all den Kranken. Und beim Spaziergang könnte einen das Virus erwischen, sobald man einem Infizierten begegnet und wer das ist sieht man ja nicht, also ist jeder Mensch besonders für die Gedankenwelt eines Hypochonder eine potenzielle Gefahr.
Dies ist nur ein Beispiel für das Leid psychisch kranker Menschen, das die Pandemie um ein Vielfaches verstärkt.

Der Psyche fehlen lebensnotwendige Kontakte und vertraute Gewohnheiten. Das macht nicht nur mit der Psyche von Gesunden etwas, das ist für Menschen mit psychischen Störungen der blanke Horror.  

Sie sind sich selbst und ihren Störungen oft hilflos ausgeliefert. Auch der gewohnte Gang zum Therapeuten ist vielen Patienten nicht mehr möglich, weil viele Praxen geschlossen sind. Manche Therapeuten arbeiten jetzt über Video, das ist sehr hilfreich, aber es ersetzt die fühlbare menschliche Nähe nicht, die Patienten zur Entlastung und Beruhigung brauchen.
Trotzdem: Die virtuelle Sprechstunde ist besser als keine und sollte unbedingt genutzt werden, wenn die Möglichkeit besteht.

Aber was kann man selbst als Betroffener tun?

Viele Betroffene haben in der Therapie hilfreiche Methoden, Verhaltensmuster und Skills erlernt um mit ihren Symptomen umzugehen. Diese sollten jetzt aufgefrischt und unbedingt angewendet werden. Alles was Selbstberuhigungskompetenz verschafft ist wichtig anzuwenden. Dazu braucht es: Die Bereitschaft das Erlernte anzuwenden. Immer wieder. So schwer das auch ist, aber es hilft um den Symptomen nicht hilflos ausgeliefert zu sein.

Hilfreich kann auch das Lesen sein. Es gibt viele gute Bücher zum Verständnis und zum Umgang mit der eigenen Krankheit. Diese wieder einmal oder neu zu lesen macht Sinn.

Ich empfehle folgende:
Bei Panikattacken, das kleine Überlebensbuch „NUR MUT! Von Dr.med. Claudia Croos-Müller mit wirksamen Soforthilfetipps.

Bei Zwangsstörungen das Buch: Der Kobold im Kopf -
Die Zähmung der Zwangsgedanken
Autor: Lee Baer

Bei Hypochondrie: „Hypochondrie und Krankheitsangst“ von Gaby Bleichhardt, Alexandra Martin. Reihe: Fortschritte der Psychotherapie - Band 41.

Bei leichteren Depressionen ist ein sehr hilfreiches Buch: Der Zen-Weg aus der Depression von Philip Martin

Bei Einsamkeitsgefühlen empfehle ich das Buch von Fransika Muri mit dem Titel: „21 Gründe das Alleinsein zu lieben.“

Und wenn es trotz aller Bemühungen zur Selbsthilfe unerträglich wird: Es gibt Hilfe in psychosomatischen Kliniken, bei Therapeuten die Videoberatung anbieten und unter folgenden Nummern ...
Das Corona-Krisentelefon
Unter der Telefonnummer 069-798 46666 gibt es die Möglichkeit mit Therapeutinnen und Therapeuten über Ängste und Möglichkeiten zur Überwindung von Belastungen zu reden. Montag bis Freitag jeweils 9-21 Uhr; Samstag und Sonntag jeweils 16-20 Uhr. Speziell für Kinder, Jugendliche und Eltern wird eine Beratung unter der gleichen Telefonnummer 069-798 46666 zu folgenden Uhrzeiten angeboten: Montag-Freitag, 9-14 Uhr. Die Beratung ist kostenlos.

Dienstag, 14. April 2020

Schreiben




Foto: A.W.


Wieder ein Morgen. Lock down Morgen Nummer ... ich weiß es nicht, ich zähle die Tage nicht. Ich wache auf und wie jeden Morgen bin ich dankbar, dass ich gesund bin.
Draußen scheint die Sonne nach einem verregneten Ostermontag.
Ich gehe zum Fenster, lege die Kissen zum Lüften raus. Ich gehe in die Küche und schaue in den Garten. Der Fliederbaum blüht dunkellila. Ich denke an den Frühling im letzten Jahr. Ich erinnere mich an Liebe.

Ich mache mir meinen Morgenkaffee. Der erste Kaffee am Morgen ist der Beste. Ich öffne die Fenster und atme frische Morgenluft. Ich liebe den Morgen. Egal was draußen ist, es ist gut drinnen, weil Morgen ist. Am Morgen schreibe ich. Auch heute schreibe ich. Schreibe mir aus der Seele was mich beschäftigt. Ich trinke meinen Kaffee und sehe die Worte vor mir, fühle den Stift in der Hand. Alles ist gut, wenn ich schreibe. Das Schreiben ist meine Welt. Meine eigene kleine Welt, die nur mir gehört, egal was da draußen ist. Wenn ich schreibe bin ich mir nah, ganz nah an meinem Herzen. Mir selbst verbunden.
Das ist gut. Dafür bin ich dankbar.
Ich begreife mich schreibend, immer auch wenn ich mich nicht begreife, begreife ich was das Nichtbegreifen ist, woher es kommt, was es auslöst.
Ich erkenne mich schreibend. Verstehe mich, berühre mich dort, wo mich nichts anderes so tief berührt wie ich mich selbst.
Mit dem Schreiben verlässt mich die Einsamkeit, die ich in diesen Tagen fühle.
Schreibend nehme ich Distanz zu diesem Gefühl ein. Schreibend fülle ich die Leere in meinem Zimmer, das so lange schon nur noch mich beheimatet. Ich frage mich, wie lange noch?
Ich weiß, es wird dauern.
Ich weiß, ich brauche Geduld, Langmut, Zuversicht.
Ich schreibe ...




Montag, 13. April 2020

Gedankensplitter



 

Es ist schrecklich dieses tiefe Gefühl von Liebe erlebt zu haben 
und es zerfallen zu sehen
in ein sich nur nahe fühlen.
Das ist Sterben im Leben für mich.