Sonntag, 8. September 2013

Le Pierrot dans le Cirque Bouffon



                                                                   http://www.cirque-bouffon.com/

Der Pierrot

es riecht nach zirkus. dieser erdige geruch nach holzspänen, der meine nase mit erinnerungen an kindertage kitzelt. ich betrete das zelt, suche mir einen platz ganz vorn an der manege. ich will es sehen alles, will es spüren hautnah das wunderbare spektakel, das mich erwartet und hinaustragen wird aus der wirklichkeit für einen nachmittag in der zeit.

ich mag den zirkus. ich mag ihn, weil ich die menschen mag, die in und für ihn leben mit ihrem herzblut. ich mag den dummen clown, der nur tut als sei er dumm und den kindern mühelos das lachen entlockt, das laut mein herz berührt. ich bewundere die körperbeherrschung und den todesmut der trapezkünstlerin hoch oben am seil unter der zirkuskuppel, jene letzte membran, die sie von der schwerelosen freiheit des nachthimmels trennt. immer ist sie in gefahr zu fallen, ein einziges falsches fassen und sie kann stürzen ohne ein netz, das sie auffängt.



aber am liebsten mag ich den pierrot in seinem stillen schwarz weiß. ich kann mich gar nicht satt sehen an seiner grazilen schlanken figur, seinem nahezu regungslosen gesicht mit lippen rot wie blut, haut weiß wie schnee und augenbögen schwarz wie ebenholz. mein blick verfolgt jede seiner majestätischen bewegungen, meine ganze hochachtung gilt seinem wohl gesetzten stolzen gang wenn er die manege betritt, in der er stumm und doch voller worte sprachlosen raum einnimmt. ja, ihn mag ich am liebsten.

als kind wollte ich in den fastnachtstagen immer der pierrot sein. niemals dufte ich es sein. mutter zog mir das rosafarbene prinzessinnenkleid an, malte mir ein rosa lippenrot, setzte mir das krönchen auf das kurzgeschorene haar und erlaubte keine widerrede. ich sah mich im spiegel, eine prinzessin an der nichts passte, schon gar nicht der bubikopf, den ich trug, weil ich ein junge sein wollte. das war nicht mein kostüm, das war nicht meine maske, da gehörte ich nicht hinein, mein kopf nicht und meine seele nicht. traurig lief ich an der hand der mutter zum kinderkarneval und die ganze zeit über suchte ich den pierrot unter den anderen maskierten.

und jetzt begegne ich ihm wieder, nach all der zeit und ich darf ihn bewundern in seiner ganzen schönheit im weißen scheinwerferlicht der manege. und das kleine mädchen in mir will aufstehen und ihn begleiten, will mit ihm seine grazilen schritte gehen, seite an seite, ganz nah. es will ihn berühren, seinen stolz, seine melancholie und seine unnahbarkeit und ihm zuflüstern: ich fühle dich, weil du in mir bist. und er wird mir ein kaum sichtbares lächeln schenken und mit leiser stimme antworten: du darfst sein, was du sein willst. er wird mich sanft in den armen halten und wiegen zu den klängen der musik, die sein spiel untermalen und wir werden einander zunicken und uns eine träne schenken.

Freitag, 6. September 2013

irrlicht, hommage a´pierre drieu la rochelle


























real life 2

immer wenn der innere kritiker schreit: das schafftst du niemals!
gegenangriff starten: woher willst DU das wissen?


Verlassen

wir menschen brauchen andere menschen. ganz besonders brauchen wir menschen auf die wir uns verlassen können. aber nicht alle von uns haben diese menschen. die intensität des gefühls des verlassenseins ist ein seismograph dafür, wie allein wir sind. dieses gefühl ist keine täuschung.  unsere gefühle täuschen uns nicht, es sind menschen, die uns täuschen und es sind unsere gedanken, die uns täuschen, wenn wir unsere gefühle überdenken, weil wir sie nicht fühlen wollen.

jeder ist allein. das schreibt herman hesse so eindringlich in seinem gedicht "im nebel". und genauso fühlt es sich an, das verlassensein, wie der gang auf dem einsamen weg durch einen dicken, dunstigen nebel. wenn wir diesen weg gehen, weil uns ein mensch, dem wir vertraut haben, verlassen hat begreifen wir, dass wir uns getäuscht haben, wie so oft, wenn wir enttäuscht sind. aber wir vergessen in unserer trauer, dass andere uns nur dann enttäuschen können, wenn wir uns täuschen lassen. wir menschen lassen uns gern täuschen, genauso gern wie wir uns halten lassen in einem zustand, der uns das leben leichter zu machen scheint, weil wir uns sicher fühlen wollen im gefühl aufgefangen zu sein. genau das ist der urgrund jeder enttäuschung, das uns selbst abgeben in die hände anderer, im glauben damit weniger verlassen zu sein. anstatt uns auf uns selbst zu verlassen schaffen wir immer wieder zwischenmenschliche konstrukte, deren halbwertzeit absehbar ist.

die meisten begegnungen zwischen menschen finden statt, weil einer den anderen in einem moment in der zeit braucht um weiter zu gehen, um die nächste stufe auf seinem lebensweg zu erreichen. manche begegnungen sind von dauer. andere nicht. sie lösen sich auf oder wir selbst lösen uns, weil wir intuitiv spüren, dass der gemeinsame weg am ende angelangt ist. im besten falle haben wir unser bestes gegeben und dankbar genommen, was der andere uns zu geben bereit war. und niemals war es verlorene zeit.


beziehungen zwischen menschen basieren auf dem harmonischen ausgleich von geben und nehmen, außer der beziehung zu unseren kindern, die, wenn wir sie wahrhaftig lieben, was nicht selbstverständlich ist, denn es gibt auch menschen, die ihre kinder nicht lieben, die verlässlichste, die bedingungsloseste und beständigste aller menschlichen beziehungen ist. wenn alle unsere beziehungen so bedingungslos wären, würden wir uns wohl niemals verlassen fühlen. aber so sind sie nicht. ein fremder bleibt ein fremder. auch wenn wir ihn in unser leben eingeladen haben und ihn uns vertraut gemacht haben, so bliebt er doch ein gast. die meisten gäste gehen irgendwann, sie verlassen unser haus, wenn die zeit gekommen ist. schön, wenn unsere gäste beim abschied sagen können: es war gut bei dir und wenn wir sagen können: ich danke dir für deinen besuch und für all das, was du mir geschenkt hast, was wir teilen durften und was du mir an erfahrungen ermöglicht hast. aber es gibt auch gäste, die gehen, wenn es nichts mehr gibt was sie bereichert, was sie für sich als gewinn, egal auf welchen ebenen, herausziehen können. sie wenden sich ab, weil das narzisstische lustprinzip des nehmens nicht mehr funktioniert. wenn uns solche gäste den abschied geben tut sich ein riesiges loch vor uns auf in das wir hineinblicken im gefühl tiefen verlassenseins. wir fragen uns: warum ist da diese leere?

sie ist da, weil sie schon die ganze zeit da war, weil sie nur durch das gefüllt wurde, was wir dem anderen zu geben hatten. das ist der moment in dem wir wieder begreifen, was wir nicht wahr haben wollten: jeder ist allein.


nachtrag: in jedem verlassen auf einen anderen, verlassen wir damit den einzigen menschen auf den wir uns verlassen können und das sind wir selbst. wenn wir die illusion verlassen, dass es jemals anders sein könnte, geschieht das wunder: wir fühlen uns nicht mehr verlassen.




Donnerstag, 5. September 2013

dann

wenn die narzisstische weltschau des einzelnen aufhört und er nicht mehr von sich selbst auf das ganze schließt, 
wenn er über das eigene hinaus den blick auf das ganze richtet, 
wenn er beginnt ehrlich mitzufühlen und den willen hat, 
die welt anderer wirklich zu verstehen

dann erst ist eine veränderung im ganzen überhaupt denkbar.


Montag, 2. September 2013

ich halte die verdrängung für eine der größten dummheiten der menschen, 
denn sie ist in hohem maße selbstschädigend.