Donnerstag, 10. Oktober 2019

Toxische Beziehungen und der Ruf zur inneren Wandlung


Zeichnung: Angelika Wende

In jeder Beziehung gibt es destruktive Elemente.
Es gibt Streit, Vorwürfe, Anklagen und bisweilen auch Respektlosigkeiten.
Was aber wenn eine Beziehung fast ausschließlich destruktiv wird? Was wenn es überhaupt keine Wertschätzung mehr gibt, wenn alles als Angriff verstanden wird und die Beziehung zum Schlachtfeld wird? Was wenn gelogen und betrogen wird, wenn Sucht oder sogar Gewalt ins Spiel kommen?
Dann sind die schöne Prinzessin oder der schöne Prinz, in die wir uns auf den ersten Blick verliebt haben zum Albtraum geworden der das Leben vergiftet. Wir befinden uns in einer toxischen Beziehung.

Toxische Beziehungen haben eine besondere Dynamik.
Nicht, dass wir es am Anfang nicht gespürt hätten. Nur haben wir dem leisen: Pass auf! , nicht genug Aufmerksamkeit geschenkt, weil alles so besonders war, so intensiv, weil es sich so seelenverwandt angefühlt hat. Aber: Immer wenn wir unser berechtigtes misstrauisches Gefühl zum Schweigen bringen verraten wir uns selbst.

Worauf basiert eine toxische Beziehung?
Eine toxische Beziehung ist ein Konstrukt, das einen Aggressor und ein Opfer braucht. In diesen Beziehungen geht es immer um das Verhältnis von Macht und Ohnmacht. Das wiederrum hat zu tun mit Aggression, Angst und Regulierung des Selbstwertgefühls.Oft fehlen beim Opfer das Wissen und Fühlen um den eigenen Wert, die eigenen Bedürfnisse und Grenzen und die Fähigkeit, diese auch zu artikulieren. Es lässt vieles zu nur um geliebt zu werden, oder weil es glaubt sein Leben nicht selbst in die Hand nehmen zu können und alleine unterzugehen. Es erträgt vieles in der Hoffnung seine Liebe könne das Unerträgliche wandeln und aus dem Unguten Gutes machen.

Opferpersönlichkeiten haben Persönlichkeitsmerkmale, die sich gleichen. Sie sind meist verletzte Kinder, die schon früh Liebe als etwas erfahren haben was weh tut, egal auf welcher Ebene. 
Sie lassen zu, was Menschen mit einer gesunden Bindungserfahrung niemals zulassen würden, weil sie es so „gelernt“ haben. Sie sind Übergriffe „gewöhnt“ und werten sie als etwas, was vertraut ist aus der Heimat der Unliebe. Menschen suchen in potentiellen Partnern unbewusst das Vertraute, das vermittelt scheinbar Sicherheit - auch wenn das in diesem Kontext völlig absurd erscheint.

Der Aggressor im Außen, dem Opferpersönlichkeiten immer wieder in unzähligen Beziehungen begegnen, hat eine Funktion die, wird sie bewusst, zu einer tiefgreifenden inneren Wandlung führen kann.
Jeder Aggressor im Außen ist ein verdrängter destruktiver Persönlichkeitsanteil in uns selbst, den wir fürchten und den wir ständig versuchen in uns selbst zu eliminieren. Solange dieser Persönlichkeitsanteil nicht erkannt und integriert wird sind wir in Gefahr Opfer zu bleiben. 
Solange werden wir eigene Gefühle wie Wut, Hass, Zorn, Ekel, Schuld und Scham unterdrücken und verdrängen, sie also nicht wahrnehmen und uns stattdessen unbewusst mit den vermeintlich attraktiven Anteilen des Aggressors, die dieser neben den destruktiven Anteilen immer auch hat, identifizieren, bleiben wir in der Opferrolle gefangen.

Opfer fühlen sich oft tief drinnen wertlos, nicht gut genug und vor allem nicht liebenswert. Sie empfinden sich als wenig selbstwirksam. Sie denken, sie haben nichts Gutes verdient und halten sich vielleicht sogar für einen schlechten Menschen.   
All das wurde ihnen als Kind genauso beigebracht. Das unbewusste Ohnmächtige in diesen Menschen meint sich mit der Macht des Aggressors identifizieren zu müssen um die eigene Machtlosigkeit nicht mehr so schmerzhaft zu spüren. Eine fatale Falle, in die das Unterbewusste führt. Paradox und ich gebe zu, schwer zu verstehen.

Das Opfer will dem „Mächtigen“ gefallen, es will von ihm anerkannt und geliebt werden, es sagt was er hören will und tut was ihm gut tut, es verzeiht sogar das Unverzeihliche, auch wenn es zur gleichen Zeit spürt, das ihm das nicht gut tut, ja sogar zerstörerisch wirkt.
Es hat sich jedoch längst unbewusst mit den Ansichten und Werten des Aggressor identifiziert und übersieht dabei völlig wohin es das führt: Es übergeht eigene Grenzen, es negiert eigene Werte und lässt zu was der gesunde Menschenverstand niemals zulassen würde. Jetzt ist das Opfer nicht mehr nur Opfer - indem es sich mit dem Aggressor identifiziert wird es selbst zum Aggressor,  es greift sich selbst an. Je mehr es sich aber  selbst angreift, desto mehr verliert es sich selbst und damit den Halt. Es löst sich auf. Das Leben wird haltlos, grenzenlos. Der Raum für Demütigung, Verletzung und Unterdrückung wird weit, so weit, dass alles erdenklich Destruktive möglich ist.

Und immer ist da die Hoffnung das Destruktive zu erlösen.
Doch diese Hoffnung ist eine kindliche Illusion.
Nichts wird besser, nicht auf diese Weise.
Destruktivität wird nicht erlöst, derart destruktive Mächte sind nicht zu wandeln. 
Aus einem Aggressor wird kein schöner Prinz, bzw. eine schöne Prinzessin. Destruktivität wird erlöst indem man sich massiv vom Aggressor abgrenzt und sich mit der eigenen Aggression auseinandersetzt. Dann kann Wandlung im eigenen Inneren stattfinden.












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