Sonntag, 10. Februar 2019

Alleinsein




Foto: A. Wende
ALLEINSEIN

In Levithans Wörterbuch der Liebenden“ schreibt der Ich-Erzähler, dass er, wenn er allein sei, diese Augenblicke erlebe, in denen er denkt: „Das ist es“.
Er brauche nur die Möglichkeit, zu tun und lassen, was immer er will, er sei dann er selbst.
Alleinsein ist Zuflucht und Falle zugleich.
Zuflucht?
Der Wunsch nach dem Alleinsein entsteht oft dadurch, dass man unter Menschen seine Bedürfnisse nicht in der Art befriedigt findet, wie man es sich ersehnt.
Falle?
Wenn das Alleinsein in die Isolation führt. Wenn vom Außen nichts mehr erwartet und nichts mehr genommen werden will. Wenn das Ich zum geschlossenen Mikrokosmos geworden, Wände errichtet aus Bitterkeit.
Enttäuschung von den Menschen, oder von sich selbst?


Freitag, 8. Februar 2019

Die Quelle der Liebe


 
Foto: Lucas Wende

Ein Zeichen des Mangels an Selbstliebe ist, dass wir nicht nur uns selbst gegenüber kritisch, abwertend und verurteilend sind, sondern auch andere ständig abwerten, angreifen, bewerten und verurteilen. Viele Menschen behandeln sich selbst und ihren Nächsten auf diese Weise. 

"Der Mensch panzert sich, weil er es in der Materialschlacht nicht aushält", schrieb der Dramatiker Heiner Müller.  Er trifft es auf den Punkt. Überforderung, Reizüberflutung, Existenzkampf, Druck, Stress, Funktionieren müssen, haben müssen, mithalten müssen, bezahlen müssen ... das ist unser Leben. Ein Kampf ums Überleben. Und dieser Kampf macht viele Menschen hart. Wohin wir blicken, wohin wir fühlen, spürbar liebevoller Umgang der Menschen mit sich selbst und anderen findet sich selten. Wir panzern uns zu, ob dieser Enttäuschung, wir sehen nur das Ungute. Je mehr wir unseren Focus auf das Ungute richten, desto intensiver nehmen wir es wahr und desto tiefer verinnerlichen wir es und halten es für die alleinige Wahrheit. Und am Ende ist es die böse Welt da draußen, vor der wir uns schützen müssen und schließlich emotional verabschieden. Wir panzern uns zu. Ja, es ist unschön was in dieser "Materialschacht" vor sich geht. Ja, und ich sage hier nicht, wir sollen wegschauen. Es macht keinen Sinn gegen etwas anzukämpfen, was unserem Einflussbereich nicht unterliegt. Aber müssen wir ein Teil dieser "Materialschlacht" sein oder es werden? Üben wir Gewaltlosigkeit in Gedanken und Handlungen oder wollen wir inneren und äußeren Krieg führen?


Wer seinen Verstand einschaltet und sein Herz befragt wird feststellen: Es muss etwas Attraktiveres geben als solch eine destruktive und freudlose Haltung uns selbst, der Welt und anderen gegenüber.  Die Welt können wir nicht ändern, die anderen können wir nicht ändern, das funktioniert nicht. Aber wir können ändern, was wir an uns selbst nicht mögen. Wir können uns den liebevollen Umgang schenken, die wir uns wünschen. Und nein, das ist keine hohle Phrase, kein Konzept, keine Illusion, kein Ding der Unmöglichkeit. Auch dann nicht, wenn wir als Kinder nicht geliebt wurden, auch dann nicht, wenn dieser Mangel in uns schmerzt. Auch dann nicht, wenn sich keine liebenden Augen auf uns gelegt haben. 


"Die Selbstliebe ist die Quelle, der Ursprung und das Prinzip aller unserer Leidenschaften; sie allein entsteht mit dem Menschen und verlässt ihn nie, solange er lebt", schreibt Jean-Jacques Rousseau. Er hat Recht: Die Quelle der Liebe ist die Selbstliebe, die uns in die Wiege gelegt wurde. Wir sind Liebe. Reine Liebe. Mit dieser Liebe kommen wir ins Leben. Wir sind die Quelle selbst. Liebe ist der göttliche Funke mit dem wir inkarnieren. Warum sonst sehnen wir uns so sehr danach? Weil wir uns unbewusst an dieses Gefühl erinnern, egal was man uns angetan hat. Unsere Sehnsucht nach Liebe ist die Sehnsucht nach der Rückkehr zu unserer ureigenen Quelle. Zu dieser Quelle können wir zurückfinden, wenn wir dazu bereit sind. 


Uns selbst lieben ist eine Aufgabe, der wir uns bewusst annehmen. Selbstliebe ist eine Entscheidung, die wir treffen und nach der wir unser Handeln ausrichten. Auch wenn der Verstand tausend Gründe und psychologische Erklärungen sucht, warum es nicht gehen soll. Glaub nicht alles was du denkst! Kauf deinen Gedanken nicht alles ab, schon gar nicht, was dir nicht gut tut. Gib deinem Verstand nicht die Macht über dein Fühlen und Sehnen, wo er dir nicht hilfreich ist.


Versuche es mit dem Herzen. Wende dich deinem Herzen zu. Das Herz, das lieben will. Gütig, achtsam und mitfühlend mit uns selbst zu sein, ist der erste Schritt zur Selbstwertschätzung. Wir praktizieren bedingungslos Selbstmitgefühl. Wir geben allen Gefühlen Raum. Wir üben Dankbarkeit für die Kostbarkeit unseres Lebens und das unserer Liebsten. Wir erlernen die achtsame Haltung der Gegenwärtigkeit. Und das bedeutet nicht, dass wir unsere Erfahrungen der Vergangenheit ignorieren, oder uns keine Zukunftsvisionen machen. Gegenwärtigkeit bedeutet, unsere Erfahrungen, inklusive unserer frühen Beziehungserfahrungen mit den Eltern, bewusst anzuschauen und zu reflektieren, um sie für unser Jetzt nutzbar zu machen. So stellt sich mit der Zeit Heilung ein. 


Natürlich geht das nicht von heute auf morgen und ja, es bedarf der Bereitschaft, der Anstrengung und der Übung. Aber auf diesem Weg werden wir lernen uns selbst zu lieben. Dann löst sich der Panzer. Wir sind bereit unseren Focus dahin zu legen wo das Gute ist in unserem kleinen Universum und über unser kleines Universum hinaus. 

Namaste


 

Mittwoch, 6. Februar 2019

Starke Menschen

Kein Lotus ohne Schlamm

Was ist ein starker Mensch? Was macht mentale Stärke aus und was macht uns stark?

Mentale Stärke ist ein nicht ganz einfach zu definierbares psychologisches Konzept. Ein starker Mensch wird in der Psychologie als „resistente Persönlichkeit“ bezeichnet.  
Das Konzept entstand in den 80igern in der Sozialpsychologie. Bei einer resistenten Persönlichkeit spielt es keine Rolle ob dieser Mensch introvertiert oder extrovertiert ist, was sie ausmacht ist die  mentale Widerstandsfähigkeit, sprich die  Fähigkeit, trotz aller Widrigkeiten, trotz Scheitern und Schicksalsschlägen aufzustehen und weiter zu machen. Auch Selbstvertrauen, emotionale Intelligenz, Mut, Belastbarkeit, Selbstdisziplin und Zähigkeit werden starken Menschen zugeschrieben. Bewusstheit, Kreativität, Neugier, Engagement, Achtsamkeit, eine klare Wahrnehmungsfähigkeit, Willenskraft, Entschlossenheit und Handlungsfähigkeit machen starke Persönlichkeiten aus. Dazu gehört auch die Fähigkeit mit Emotionen und Situationen angemessen umzugehen.

Starke Persönlichkeiten sind flexibel.  Sie besitzen ein hohes Maß an Akzeptanz gegenüber den Unwägbarkeiten des Lebens. Sie haben die Bereitschaft und die Gabe Widrigkeiten, Scheitern und Verlusterfahrungen in persönliches Wachstum zu wandeln. Wenn diese Menschen vor einem Problem stehen, sagen sie nicht: Ich bin Opfer der Umstände, die Anderen sind schuld, das Leben ist ungerecht. Sie sagen sich: Ich habe die Wahl wie ich mit dem was ist, umgehen will. Sie suchen nach Möglichkeiten und Lösungen. Sie handeln nach dem Motto: Gibt dir das Leben Zitronen, mach Limonade draus. 

“Erinnert euch immer daran, dass die Hindernisse auf eurem Weg keine Hindernisse sind. Sie sind der Weg.” Diese Worte schrieb, kurz vor ihrem frühen Tod, Jane Catherine Lotter in ihrer selbstgeschriebenen Grabrede. Die amerikanische Schriftstellerin starb mit 47 Jahren.
Ein starker Mensch lebt nach dem Gelassenheits-Mantra. Er ändert das, worauf er Einfluss hat, er akzeptiert was er nicht kontrollieren kann und vor allem, er kann zwischen beidem unterscheiden.

Starke Menschen wissen: Wichtig ist, mit dem umzugehen, was gerade ist. Das bedeutet sie hängen nicht in der Vergangenheit fest, sie beklagen oder glorifizieren sie nicht. Sie nehmen sie als das, was sie ist: ein Teil ihrer Biografie. Das bedeutet nicht, dass diese Menschen Ungutes und Schmerzhaftes nach dem Motto: „Vorbei und vergessen“ wegwischen. Die Vergangenheit wird aber nicht zur Erklärung oder Rechtfertigung für alles benutzt was schief läuft. 

Starke Menschen investieren ihre Energie nicht in Dinge, die sie nicht mehr ändern können, sondern bewusst in das Hier und Jetzt. Mental starke Menschen sind bereit die Verantwortung für sich selbst, ihr Denken, Fühlen und ihr Handeln zu übernehmen. Sie sind selbstreflektiert und scheuen sich nicht Fehler zuzugeben. Sie wissen: Aus Fehlern lernt man. Fehler sind nichts Ungutes, wenn wir sie korrigieren, soweit es uns möglich ist. Ein mental starker Mensch ist lernfähig. Er macht dieselben Fehler nicht wieder.

Starke Persönlichkeiten haben die Bereitschaft Widrigkeiten und emotionale Schmerzen auszuhalten, sie zu akzeptieren und zu überwinden. Sie flüchten sich nicht in Kompensationen, Süchte oder andere Abwehrmechanismen. Sie schauen hin, auch wenn es weh tut. Starke Menschen lieben geistige Klarheit, daher sind sie auch für Süchte nicht anfällig. Sie sind sich bewusst, dass es Attraktiveres gibt als sich mit sinnlosen Dingen zu beschäftigen oder sich das Hirn zuzudröhnen um einer kurzfristigen Triebbefriedigung zu folgen. Das hat nichts mit Askese zu tun oder mit Verzicht, Abstinenz von Alkohol und Drogen ist die Bedingung für die Fähigkeit das Leben überhaupt zu spüren und ihm nachgehen zu können. Abstinenz von jeglichem selbstzerstörerischen Verhalten schafft den Raum sich zu entfalten und sein Leben zu gestalten. Süchte hingegen halten mit ihrer zerstörerischen Macht davon ab. Jede Art Sucht führt letztlich dazu, dass das Leben stagniert und sich am Ende alles auflöst, was Leben ausmacht. Die Einsicht, dass ein lebenswertes Leben mit der Sucht nicht realisierbar ist, ist nichts Neues, aber mental starke Menschen haben dies verinnerlicht und leben danach. 

Wenn jemand geistige Stärke besitzt hat er ein WOZU. 
Er weiß um die Sinnhaftigkeit seines Daseins und gestaltet sich seinen persönlichen Sinn. Er ist sich der Bodenlosigkeit der menschlichen Existenz bewusst und dennoch kann er sich selbst halten und nur deshalb kann er auch die halten, die ihm anvertraut sind. 

Wer stark ist kann loslassen, wenn er erkennt, dass er alles getan hat, was er tun konnte. 
Wenn wir diese Tatsache akzeptieren, können wir besser mit Dingen klarkommen, die nicht in unserem Einflussbereich liegen.
Stärke bedeutet auch die eigenen Grenzen zu erkennen und sie zu respektieren und sich nicht für etwas oder jemanden aufzuopfern oder aufzugeben, wenn es vergeblich ist. 

Starke Persönlichkeiten haben Werte, nach denen sie ihr Leben ausrichten und wo diese Werte keine Resonanz finden, ziehen sie sich irgendwann zurück.  Sie verschwenden keine kostbare Lebenszeit mit Menschen, die ihre Werte nicht teilen, die unaufrichtig oder berechnend sind. Sie ziehen es vor allein zu sein, anstatt schlecht begleitet. Und sie können gut allein sein.

Mental starke Menschen haben etwas, das sie von Innen hält, auch wenn alles andere wegfällt. Dazu gehören Werte, Ideale, Visionen, haltgebende Gewohnheiten und Rituale. Es gibt Dinge die sie tun und Dinge die sie nicht tun und dabei sind sie konsequent und diszipliniert. Das hat nichts mit Sturheit zu tun. Mental starke Menschen mögen weder Sturheit noch Starre. Auch wenn sie an Ihren Werten und inneren Wahrheiten festhalten, haben sie den Mut Risiken einzugehen, wenn sie an etwas glauben oder ein Ziel verfolgen, das ihnen am Herzen liegt. Sie wissen was sie wollen und wen sie wollen.
 
Mental starke Menschen haben Ausdauer. Sie sind Langstreckenläufer. „Ich bin eine einsame Läuferin. Aber eine Langstreckenläuferin“, sagte die Bildhauerin Louise Bourgeois, anlässlich ihrer Ausstellung 2005 in der Kunsthalle Wien nach Jahren des Kunstmachens in denen sie endlich Anerkennung fand.
Weit davon entfernt, sich etwas einzubilden wissen starke Persönlichkeiten genauso um ihre Stärken wie um ihre Schwächen und Schatten. Sie gestehen sie sich selbst und anderen zu, solange diese nicht als Entschuldigungen für Verantwortungslosigkeit oder unmoralissches Handeln herhalten müssen. Ein starker Mensch hat ein offenes Herz für andere, er ist empathisch, aber er ist fähig einen psychologischen Filter anzuwenden. 

Ein Mensch mit einer starken Persönlichkeit hat seine Schwierigkeiten mit Menschen, die andere respektlos behandeln und keine Wertschätzung gegenüber Menschen und Dingen besitzen. Er hasst Lügen, Betrug und Verrat. Er wird andere nicht bewusst verletzen und nie einen anderen zu seinem eigenen Vorteil ausnutzen oder benutzen. Ein starker Mensch ist unabhängig von dem, was andere über ihn denken. Er ist wahrhaftig, auch wenn er damit anderen missfallen mag. 

Starke Menschen sind keine großen Helden, nicht mehr und nicht weniger als wir alle Helden unseres Lebens sind. Im Gegenteil, stark werden Menschen, die viel erlebt und gelitten haben und dennoch nicht bitter geworden sind. Sie lieben das Leben und wissen um seine Kostbarkeit. Sie haben sensible Herzen und liebevolle Seelen, die die Zeit geprüft hat und sie sagen trotzdem ja zum Leben. Viele von ihnen sind still. Sie müssen sich nicht laut gebärden um wahrgenommen zu werden, man spürt sie, wenn man in ihrer Nähe ist. 

Namaste



 

Dienstag, 5. Februar 2019

Endlichkeit



Foto: A.W.


"Das Gewahrsein, das ich nicht unendlich bin, ändert vieles. Es kann noch zehn, noch zwanzig Jahre geben", sagte sie. "Ich will so nicht weiter leben, aber ich weiß nicht wie ich leben will. Ich habe eine starke Sehnsucht nach Liebe. Ich habe sie gefunden, aber geblieben ist sie nicht. Sie kam und sie ging. Eine trostlose Sammlung von Abschieden. Und jetzt ist da die Angst. Angst für immer allein zu bleiben, im Alter einsam zu sein, alleine sterben zu müssen".

"Angst gebärt Starre", antwortete ich. "Angst macht das Denken.
Nicht bitter werden. Bitter wie die, die keine Sehnsucht mehr haben, weil sie sich angepasst haben, ihre Träume begraben haben. Ja, es kann noch zehn, noch zwanzig Jahre geben. Vielleicht ist es so, vielleicht ist es nicht so. Aber sie sind sicher schlecht, wenn sie sie mit schlechten Gedanken versauen".

Samstag, 26. Januar 2019

Gedankensplitter

Foto: A.W.


Wenn das, was du aus ganzem Herzen willst,
auf deiner Prioritätenliste steht, 
richtet sich dein Leben danach aus.

Mittwoch, 23. Januar 2019

Würde



Michelangelos Fresko „Die Erschaffung Adams“

Es war der Philosoph Giovanni Pico della Mirandola, der den Begriff Würde (lat. dignitas) begründete. Mirandola wurde 1463 in in Norditalien geboren. Er starb im Alter von 31 Jahren. 
Seine Rede über die Würde des Menschen verfasste er mit vierundzwanzig Jahren. 
Nach Mirandola gründet die menschliche Würde darauf, dass die Natur des Menschen darin liegt, dass er eben keine festgelegte Natur hat, sondern die Freiheit besitzt, sein Wesen selbst zu erschaffen.
So lässt Mirandola Gott zu Adam sagen: „Keinen bestimmten Platz habe ich dir zugewiesen, auch keine bestimmte äußere Erscheinung und auch nicht irgendeine besondere Gabe habe ich dir verliehen, Adam, damit du den Platz, das Aussehen und alle die Gaben, die du dir selber wünschst, nach deinem eigenen Willen und Entschluss erhalten und besitzen kannst. Du wirst von allen Einschränkungen frei nach deinem eigenen freien Willen, dem ich dich überlassen habe, dir selbst deine Natur bestimmen.“

Pico war so radikal, dass er behauptete, ein Mensch der seinen Trieben und Sinnen gedankenlos folgt, sei es nicht wert, menschlich genannt zu werden.
Der Philosoph war der festen Überzeugung, dass die menschliche Würde in der Herausforderung besteht ein selbstbestimmtes Leben zu gestalten. Diese Fähigkeit zur Selbstbestimmung des Menschen macht, nach Pico, seine Würde aus.

Immanuel Kant konnte gar nicht genug über die Würde des Menschen schreiben.  
Er begründete die Menschenwürde in mehreren seiner Schriften zur praktischen Philosophie mit der Vernunft des Menschen, die sich selbst ihr eigenes Gesetz für die Beurteilung des moralisch Guten gibt. Die Würde als innerer Wert also, die auf der Fähigkeit vernünftiger Wesen beruht, ihr Denken und Handeln autonom als moralisch gut oder moralisch schlecht zu bewerten. 
Folgen wir den Gedanken der beiden Philosophen, so fällt Würde dem Menschen nicht aufgrund irgendwelcher zufälliger Eigenschaften zu, sie ist vielmehr eine Frage der Bereitschaft sein Denken und Handeln nach moralischen Prinzipien und Werten auszurichten.

Der Mensch, schreibt Kant, hat die Pflicht, seine Würde, die „ihn vor allen anderen Geschöpfen auszeichnet, auch in seiner eigenen Person niemals zu beleidigen.“ 
"Diese Pflicht gegen sich selbst besteht darin, dass der Mensch die Würde der Menschheit in seiner Person bewahre", so Kant weiter. Würde ist nach Auffassung beider Philosophen ein innerer Wert. Geschützt von den Zumutungen und Unwägbarkeiten des Lebens. Unveränderlich und weder Zufälligkeiten ausgeliefert noch irgendeiner Gewalt.

Würde, Dignitas, ein schweres, ein schönes Wort. Schwer im Sinne von schwerwiegend, schön im Sinne von wertvoll.
Würdevoll zu leben beinhaltet viel mehr als das Bewusstsein und die Fähigkeit uns selbst Gesetze zu geben, denen wir uns verpflichten, die wir achten und leben und in unser Leben hineintragen zum eigenen Wohl und zum Wohl anderer, sie ist eine lebenslange Verpflichtung uns selbst gegenüber.

Aus neurobiologischer Sicht handelt es sich bei der Würde um ein neuronales Verschaltungsmuster, das eng an die Vorstellung unserer Identität gekoppelt ist.  
Es geht dabei um ein inneres Bild, das ein Mensch von sich hat, ein Bild davon was für ein Mensch er sein will. Unsere Würdevorstellungen sind orientierungbietende Vorstellungen, die uns dazu verhelfen eine stabile Identität zu formieren und damit autonomer Mensch zu sein, im Sinne von: Wir verpflichten uns dem, was wir als würdevoll erachten und entscheiden uns es zu vertreten. Und damit vertreten und achten wir uns selbst als menschliches Wesen in unserem ganzen Sein, was beinhaltet: Selbstbewusstsein, Selbstverwirklichung, Sinn und Erfüllung.

„Wer sich zum Wurme macht, darf nicht darüber klagen, mit Füßen getreten zu werden“, so Kant weiter.
Unter seiner Würde wird sich ein würdevoller Mensch weder gebärden, noch behandeln lassen. Würdevolle Menschen erleben sich aus sich selbst heraus als wertvoll und bedeutsam. Sie brauchen keine Macht, keine Statussymbole und keine Claqueure, um sich selbst als wertvoll und bedeutend zu erleben. Sie verraten ihre Werte nicht auf Kosten irgendeines Gewinns, sei er monetär oder emotional. Sie sind sich ihrer selbst bewusst und sie sind authentisch, was bedeutet: Denken, Fühlen und Handeln stimmen überein. Sie spielen anderen nichts vor, sie sind nicht bedürftig aus einem unbewussten inneren Mangel heraus. Sie sind sich ihrer selbst mitsamt ihrer Schatten bewusst und sorgen gut für sich selbst. Ein Mensch der Würde besitzt ist durchdrungen vom tiefen Bedürfnis Verantwortung für sich selbst und sein Handeln zu übernehmen. Er ist sich selbst und seinen Werten gegenüber verpflichtet und richtet sein Leben danach aus. Auch wenn die äußeren Umstände widrig sind. 

Ein Mensch, der sich seiner Würde bewusst ist, wird auch andere nicht würdelos behandeln. 
Er wird sie nicht benutzen, sprich: sie zum Objekt seine eigenen Absichten machen. Er wird sie nicht belügen um eines Vorteils willen, er wird ihnen nichts vorgaukeln um etwas für sich selbst zu erreichen. Wer die Wahrung seiner eigenen Würde und der Würde anderer zur Grundlage seines Handelns macht ist nicht verführbar und wird nicht zum Verführer.

Was aber wenn schon als Kind unsere Würde mit Füßen getreten wurde? Was, wenn unser kleines Menschsein mit Ignoranz, Verachtung oder gar Demütigung beantwortet wurde? Wie erlangen wir dann ein Gefühl für unsere Würde? Geht das überhaupt im Nachhinein?
Ich kenne Menschen die als Kinder schlechter als ein Hund behandelt wurden. Die einen sind  empathielose Soziopathen geworden, die anderen sind liebevolle und gerade Menschen geworden, Wer sich in die unzähligen Aspekte des Menschseins vertieft, wird die Unterschiede, die Möglichkeiten, den großen Reichtum und die große Herausforderung entdecken, die in jedem von uns liegen. Als erwachsener psychisch einigermaßen gesunder Mensch können wir entscheiden, wer wir sein wollen. Wir können uns für ein Leben in Würde oder für ein Dasein in Würdelosigkeit entscheiden. Wir können unsere Identität gestalten, auch wenn man sie einst zertrümmert hat, denn in jedem von uns ist dieser unzerstörbare Kern, der auf die Frage: „Wer bin ich?“ eine Antwort hat, die von anderswo herkommt als aus den schmerzlichen Kindertagen. Wir müssen nur wieder und wieder mit dieser Frage tief in uns hineinfühlen und die Antwort wird kommen.

„Sie haben mich klein gemacht als ich klein war. Je mehr ich beobachte wie klein ich mich mache, desto klarer wird mir: Ich entscheide mich, mich nicht mehr zu behandeln wie man mich als Kind behandelt hat.“  
Das sagte neulich ein Mensch zu mir, dessen Würde man von der Kindheit bis ins frühe Erwachsenenalter in den Boden gestampft hat. Dieser Mensch hat sich für seine Würde entschieden. Er ist bereit aufzustehen und sich den Dämonen der Kindheit zu widersetzen. Dafür ist es nie zu spät.

Das Bewusstsein für unsere eigene Würde ist etwas, das unser Leben tiefgreifend verändert. Wir werden klarer, selbstbewusster, achtsamer, mitfühlender, liebevoller, geduldiger. Wir ruhen mehr und mehr in uns selbst und strahlen diese Ruhe auf andere ab. Wir lassen uns nicht manipulieren und wir beugen uns nicht Dingen, Menschen und Situationen, die wir mit unseren Werten nicht vereinbaren können.Wir sind bereit die Konsequenzen für ein "Nein" zu tragen.

Würde gleicht einem inneren Kompass, der uns durch die Höhen und Tiefen des Lebens führt, im Gewahrsein unseres eigenen Wertes. Dem können wir uns anvertrauen und darauf können wir vertrauen. Komme, was da wolle. Würde ist gelebte Menschlichkeit. Sie ist ein Akt der Autonomie. Sie ist Freiheit im Denken, die einzige Freiheit, die man uns nicht nehmen kann. 

Namaste





Montag, 21. Januar 2019

Gedankensplitter ohne Lösungen


Foto: A.W.

Einsam macht
Gedanken und Gefühle nicht teilen zu können. 
Einsam macht
Ohne Empfänger zu sein
Der verstehend und inspirierend antwortet.