Dienstag, 14. Juli 2015

ENT - TÄUSCHUNGEN



"Verbanntes Wissen", Acryl auf Leinwand, A.Wende 2015

Es gibt keine Sicherheit, keine Verlässlichkeit im Leben.
Uns begegnet immer wieder, bei allem Schönen und Erfüllenden, die Beimischung des Unerwartbaren, die Unberechenbarkeit, der Irrtum, die Lüge, der Vertrauensbruch.
Aus diesem Blickwinkel gestaltet sich als finale Gesetzlichkeit das Leben als ein Weg voller Enttäuschungen.
Aber sie sind genau betrachtet, Ent - Täuschungen.
Was wir als schmerzlich erleben, will eigentlich nur heilen.
Niemand und nichts kann uns enttäuschen. 

Wir selbst sind es, die sich getäuscht haben.

Montag, 13. Juli 2015

Das Sehende und das Gesehene



Mischtechnik auf Leinwand, 120 x 100, Angelika Wende 2015

Herzöffnung





Was geschieht, wenn dein Herz verletzt ist?
Es verschließt sich.
Was brauchst es, um dein Herz zu heilen?
Die Kraft es zu öffnen
für dich.

Das ist schwer!
Ja, das ist es.
Aber ist es nicht viel schwerer mit deinem verschlossenen Herzen leben zu wollen?

Freitag, 10. Juli 2015

Schmerz




 
Man lernt sich selbst zu genügen, wenn man erfährt, dass kein anderer einen versteht, kein anderer einem etwas abnehmen kann, kein anderer den eigenen Schmerz fühlen kann. Schmerz wird nicht kleiner, wenn man ihn teilt und er wird größer, wenn man versucht ihn nicht zu zeigen, weil man den anderen nicht belasten will. Den Schmerz teilen zu wollen ist ein sinnloses Unterfangen. Ihn allein zu tragen zehrt die Seele auf.

Donnerstag, 9. Juli 2015

Halten





dieses scheissgefühl von allen verlassen zu sein fühlt sich an wie sterben, dieses gefühl - du schaffst das alleine nicht - kann dir panische angst machen.
du wirst nach der hand greifen wollen, die dich halten soll, die hand, die nach dir fasste, eine ganze weile. du wirst hoffen, dass diese hand dein ich schaff das schon ignoriert und jetzt nach der deinen fasst.
tu das nicht, denn eine hand, die deine zitternden hände nicht spürt, ist nicht die hand die dich halten kann. nimm deine hände umfasse sie, halte sie, eine in der anderen.
das gefühl vergeht.


Meine größte Sorge



heute morgen beim aufwachen kommen sie wieder, die gedanken, kaum dass ich die augen öffne. die gedanken, die mir erklären wollen, warum ich da bin wo ich jetzt bin. an diesem punkt meines lebens, wo ich auf die diagnose warte, die mir der arzt letzte woche schon vor dem test, gegeben hat: "das kann schon krebs sein. noch dazu wo sie raucherin sind. ich will ihnen da nichts vormachen". er will mir nichts vormachen, lachte ich ihn in der ersten wut klein, diesen satz, der so kalt und unverschämt empathielos über den fetten schreibtisch des fetten doktors zu mir herüberkroch, den satz, der aus seinem verkniffenen mund mein krebsurteil vertönte, ohne den tatsächlichen beweis dafür zu haben, nur hinweise, die auf die möglichkeit hinweisen. ich lachte auf dem heimweg immer noch: natürlich macht der dir was vor – er spricht dich schon mal krebskrank, na wenn das nicht was vormachen ist. das lachen blieb mir allerdings schon nach einigen metern im hals stecken und verwandelte sich in einen dicken angstkloß und der sitzt da in meinem hals, seit tagen und lässt sich nicht runterschlucken.

krebs. was wenn? was wenn du den hast? das haben viele menschen, in deinem alter ist das nicht selten und das heißt ja nicht gleich, dass du daran sterben musst, aber ein spaziergang wird das nicht, denkt die angst mich und es fühlt sich scheisse an. sie malt mir aus, was die dann alles mit meinem körper anstellen werden um den krebs da wieder rauszuholen, den irgendwas in mich hineingefressen hat und die angst sagt: dieses irgendetwas bist du, das ist dir doch klar, das weißt du doch, du hast nämlich nicht gut für dich gesorgt und damit meine ich nicht nur die zigaretten, die du in all den jahren geraucht hast, ich meine allgemein hast du nicht gut für dich gesorgt und ich denke, sie hat recht die angst, und vielleicht hast du deshalb diesen antrieb anderen genau das beizubringen – gut für sich zu sorgen.

anstatt gut für mich zu sorgen habe mir immer viel sorgen gemacht. sorgen um meine hypochondrische mutter, die sich jeden tag selbst bemitleidet hat,  sorgen um meinen cholerischen vater, der vor wut über sein verpfuschtes leben seine kinder schlecht behandelt hat, sorgen um meinen bruder, der sich vor angst eine ganze kindheit lang an meinen rockzipfel geklammert hat, sorgen um meinen sohn, der von anfang an ein kleines sorgenkind war und dem meine sorge bis heute gilt, weil er ein träumer ist und es immer noch nicht wirklich gelernt hat für sich selbst zu sorgen und mir das loslassen schwer macht, obwohl ich weiß, dass ich genau das lernen muss, damit er lernt gut für sich selbst zu sorgen.

seit ich denken kann habe ich mich um andere gesorgt, sie versorgt und mich gekümmert, auch um männer, die es irgendwie nicht auf die reihe gekriegt haben, das mit dem leben. ich habe sie mir ausgesucht mit blinder treffsicherheit und ihnen dabei geholfen und für sie gesorgt, einmal bis ich pleite war, ein anderes mal bis ich von einem mann mit dem auto an die wand gefahren wurde und ein weiteres mal bis mich einer so schamlos und oft betrogen hat, dass ich die welt nicht mehr verstand. den hat dann der schlag getroffen, und ich habe dann solange für ihn gesorgt bis er wieder einigermaßen hergestellt war und selbst für sich sorgen konnte. ich habe mein bestes gegeben um für andere zu sorgen und ich habe dabei mein bestes vergessen, mich selbst nämlich. mir war das immer klar, warum ich das mache und ich habe trotzdem weitergemacht, weil dieser eine mächtige teil in mir so überzeugend sagte: du bist es nicht wert für dich selbst gut zu sorgen. meine verantwortung also.

tja und jetzt? jetzt brauche ich doch hoffentlich nicht einen krebs um das endlich zu lernen, denn wenn ich den habe, dann muss ich gut für mich sorgen und ich muss zulassen, dass andere das für mich tun, nämlich irgendwelche ärzte und schwestern, die genau das machen, was ich immer mache – für andere sorgen. das sind keine guten morgengedanken, denke ich und die angst sagt: du weißt , dass du eine lektion brauchst, denn sonst ändert sich gar nichts! und der mut sagt: ok, dann ist das so, dann schaffe ich das, ich werde sie lernen die lektion, die ich mir selbst eingebrockt habe. ich werde sie lernen oder dabei drauf gehen und letzteres entscheide nicht ich, das entscheidet dann das, was größer ist als ich. dann muss ich eben gehen und dann müssen die, für die ich immer meine sorgen zu müssen, es alleine schaffen oder eben nicht. dass sie es nicht schaffen, ist meine größte sorge. ja, ich lerne es wohl niemals ...




Mittwoch, 8. Juli 2015

Von Konzepten, Methoden und Theorien






Es erstaunt mich längst nicht mehr, wie sehr diese Welt von Konzepten, Theorien und Methoden bestimmt ist und es erstaunt mich längst nicht mehr, wie viele Menschen sich an Konzepte, Theorien und Methoden halten und darin sogar ihr Heil suchen. Es erstaunt mich daher auch nicht, wie wenige Menschen ich treffe, die selber denken. Die meisten werden gedacht und viele halten Denken sogar für anstrengend und nicht erholsam.

Trotzdem denken sie den ganzen Tag, aber eben nicht selbst, sondern wiederkäuend das, was man ihnen zum Denken als Futter vorwirft, vorzugsweise durch die Medien. Was die Medien vordenken und mit bunten Bildern bestücken wird von den Meisten als das empfunden, was sie ihre Wirklichkeit nennen und danach wird gedacht und gelebt. Je mehr aber unser Denken von Konzepten, Methoden und Theorien anderer gefüttert und beherrscht wird, desto geringer ist der Zugang zu den eigenen Gedanken und vor allem - zu den eigenen Gefühlen.

Konzepte, Therorien und Methoden sind vor allem dazu gut, dass die Leute nicht selber denken und fühlen. Sie dienen der Verdrängung und Abspaltung vor allem jener Gedanken und Gefühle, die man nicht haben will. Sie sind wie eine Glasglocke unter die man sich stellen kann, will man sich abschneiden von dem, was wirklich ist. Wirklich aber ist allein was wir fühlen.

Wer sich auf Konzepte, Theorien und Methoden einlässt, blockiert den Zugang zu seiner Lebensenergie, wer sich gedanklich im Raum einer vorgezeichneten Wirklichkeit aufhält, passt sich ihr an und verliert sein Eigenes - er lässt sich führen, ent-führen aus dem Raum seiner Gefühlswelt in den Raum einer Theorie wie Mensch zu sein hat.

Gefühle sind ungut, wird uns beigebracht, besonders die schmerzhaften wie Wut, Hilflosigkeit, Angst, Ohnmacht, Trauer, Verzweiflung und Schwäche, denn sie führen zu nichts, außer dass Mensch nicht mehr funktioniert - im Sinne der Wirklichkeit, die man ihm vorgaukelt. Schmerzhafte Gefühle müssen abgestellt werden und dazu gibt es jede Menge Konzepte, Theorien und Methoden. Sie alle haben eins gemeinsam: sie dienen der Verdrängung und der Abspaltung. Unsere Welt ist voll von Verdrängern und Abspaltern, voll von Lüge und Selbstlüge und voll von Unlebendigen, die taub sind für sich selbst und das Leben. Sie funktionieren wie Maschinen, die man eingestellt hat und immer wieder mit dem gleichen Schrott programmiert und der Schrott heißt: Wirklichkeit wie man sie uns in den Medien serviert, sauber aufgeteilt in Gut und Böse, nahezu ohne Zwischentöne und ziemlich gefühllos.

Und wie es da drinnen aussieht geht niemand was an, suggeriert der Zeitgeist und den kann man auch in Facebook gut verfolgen. So posten die, die dem folgen, auch wenn es ihnen drinnen so gar nicht gut geht, schöne Bilder vom Feiern und Urlaub und Hunden und Katzen und bunten Blumen und lachende Profilfotos und die strahlenden Sprößlinge (meist ungefragt, weil noch zu klein), und alles ist gut und das ist Lebendigkeit wie sie zu sein hat, damit man ja nicht ins schiefe Licht geraten kann und keiner merkt, was gerade wirklich drinnen los ist, denn das würde ja das Konzept vom Menschen, der sein Leben im Griff hat, ganz schön ankratzen. Und wenn du am Morgen draußen auf der Straße die Nachbarin triffst und ihre verweinten Augen siehst und sie fragst: Wie geht es ihnen?, kommt wie aus der Pistole geschossen: Alles gut.

Alles gut! Auch so ein Konzept um das Fühlen abzuspalten, nur, dass sich damit nichts an dem Gefühl ändert, das sie zum Weinen gebracht hat, sondern nur das Bild, das sie nach Außen abgeben will, nämlich - ich habs im Griff.

Nichts scheint dem Menschen schwieriger als seine Hilflosigkeit zuzugeben, die das Leben eben auch mit sich bringt und eigentlich will das auch keiner wissen. Denn würde es einer wissen, müsste er sich dann vielleicht gar mit seiner eigenen Hilflosigeit auseinandersetzen, die in ab und an überfällt, wenn die Methode der Verdrängung und das Konzept "ich habs im Griff", kurzzeitig mal nicht funktionieren.

Wer sich auf Konzepte, Methoden und Theorien einlässt vergisst eines: Er blockiert den Zugang zu seiner Lebendigkeit. Er wird taub gegen sich selbst, er entflieht seiner Menschlichkeit. Und damit entflieht er dem Leben selbst um dort zu landen, wo man ihm Wirklichkeit, wie sie die Norm zu sein hat, suggeriert. Scheinbar ist das leichter als sich der eigenen Wirklichkeit zu stellen, egal wie sie sich gerade anfühlt, aber das fühlen soll den Menschen ja vergehen, ebenso wie die Emapthie mit sich selbst und mit anderen, so sind sie einfacher mainpulierbar. Ach, ich vergaß, fürs Fühlen haben wir ja die Methode der süßen Katzenfotos.

Wie sagt Arno Gruen so treffend: 
Es geht darum, den Kampf um unsere eigene Realität angesichts des allgemeinen Drucks, uns einer verzerrten Realität und reduzierten Wirklichkeit zu fügen, durchzustehen.

Nur dass damit eben einhergeht, sich der eigenen Wirklchkeit erst einmal zu stellen, auch wenn sie gerade mal nicht ins Kozept des funktionierenden Menschen passt.