Alles Liebe“ heißt Ronja von Rönnes neues Buch.
Nur dass von Liebe in diesem Buch nicht die Rede ist, eher vom Geliebtwerdenwollen, was den Protagonisten aber nicht gelingt, obwohl sie einiges dafür tun und vieles dafür halten.
Es geht um Selbstlügen, ums Anlügen, um Lebenslügen. Die Menschen in den Geschichten sind erbärmlich, verzweifelt, neurotisch, depressiv, größenwahnsinnig, frustriert, resigniert, mutlos, verbittert, obsessiv und alle sind auf ihre eigene Weise einsam. Sie alle sind Menschen, die nebeneinanderher leben, geliebt werden wollen und doch nicht wissen, wie man sich selbst und anderen wirklich nahekommt. Und sie alle haben ihre Strategien, mit denen sie versuchen, ihren Mangel an Liebe zu kompensieren.
Sie leiden unter ihren Lebensumständen, tragen aber gleichzeitig selbst dazu bei, dass sich diese Umstände immer weiter verfestigen. Sie leben nicht wirklich, sondern reagieren nur noch auf ihr eigenes, immer enger werdendes Konstrukt von Wirklichkeit. Ihr Leben ist ein Drüberleben, ein Versuch von Leben, der am Ende scheitert. Sie schaffen sich ihre eigene Wirklichkeit, die bisweilen so absurd, befremdlich und grotesk daherkommt, dass sie einem trotz ihrer Erbärmlichkeit nicht einmal leidtun. Sie werden nicht erklärt. Man muss sie aushalten. Sie sind Opfer, die zu Tätern werden, Opfer, die es nicht schaffen, aus dem Hamsterrad auszusteigen und Eigenverantwortung zu übernehmen, und stattdessen einen Kampf gegen sich selbst führen, den sie am Ende nicht gewinnen. Und irgendwie wird man beim Lesen den Eindruck nicht los, dass sie alle in die Psychiatrie gehören, damit ihnen geholfen werden kann.
Ronja von Rönne beschreibt das stille Leid ihrer Figuren mit einer an Empathielosigkeit grenzenden Distanz. Jedem von ihnen widmet sie ein Kapitel und überschreibt es mit dem Vornamen ihrer trostlosen Heldinnen und Helden. Sie bewertet nicht, interpretiert nicht, psychologisiert nicht. Sie beobachtet und beschreibt. Gerade dadurch werden ihre Figuren so unangenehm wirklich. "Alles Liebe" ist ein ziemlich liebloses Buch. Und am Ende fragt man sich, ob es solche lieblosen Leben wirklich gibt. Ja, es gibt sie. Und gerade das macht das Buch noch trostloser, weil es eine Wirklichkeit abbildet, die sich Tag für Tag hinter verschlossenen Türen abspielt.
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