Manche von uns haben die Vorstellung, dass irgendwo in uns eine feststehende Version unseres wahren Ichs existieren, ein unverfälschtes, wahres Selbst, das nur darauf wartet, entdeckt zu werden. Also suchen wir. Wir hinterfragen unsere Entscheidungen, unsere Beziehungen, unsere Ziele. Wir fragen uns, wer wir wirklich sind. Wir machen unendlich viele Verrenkungen um endlich dieses wahre Selbst zu finden. Aber der Mensch ist kein Rätsel, dessen Lösung tief in seinem Inneren verborgen liegt. Unsere Persönlichkeit ist kein unveränderlicher Kern, den wir irgendwann vollständig freilegen. Sie entsteht in einem ständigen Wechselspiel zwischen dem, was wir erlebt haben, dem, was uns geprägt hat, was wir im Laufe der Zeit erleben und dem, was wir daraus machen. Wir sind nicht nur das Ergebnis unserer Vergangenheit. Wir sind auch das Ergebnis unserer Entscheidungen, unserer Reaktionen und der Richtung, in die wir unser Leben lenken.
Wir tragen Dinge in uns, die wir nicht selbst gewählt haben.
Unser Temperament, unsere frühen Erfahrungen, unsere Verletzungen, unsere Bedürfnisse und unsere Ängste. Vieles davon entsteht, bevor wir überhaupt die Möglichkeit haben, bewusst darüber zu entscheiden. Manche Prägungen begleiten uns ein Leben lang. Aber keine Prägung muss unsere endgültige Identität bestimmen.
Persönliche Entwicklung bedeutet für mich, zwischen dem zu unterscheiden, was mich geprägt hat, und dem, was mich definieren soll. Nicht jede Angst muss Teil meiner Identität bleiben. Nicht jede Verletzung muss bestimmen, wie ich liebe. Nicht jede Erwartung, die andere an mich gestellt haben, muss zu meinem eigenen Lebensentwurf werden.
Sich selbst zu finden bedeutet deshalb nicht zwangsläufig, krampfhaft eine verborgene Wahrheit über ein Selbst aufzudecken. Es bedeutet, mich selbst immer bewusster zu gestalten.
Es gibt keine endgültige Version von uns, die wir eines Tages erreichen. Wir verändern uns, wenn wir lieben. Wir verändern uns, wenn wir verlieren. Wir verändern uns, wenn wir scheitern, Grenzen setzen oder den Mut finden, etwas Neues zu beginnen. Menschen bringen Seiten in uns zum Vorschein, von denen wir vorher nichts wussten. Einschneidende Erfahrungen zerstören manchmal ein Selbstbild, an dem wir jahrelang festgehalten haben. Und all das ist der Raum für ein ehrlicheres und bewussteres Selbstverständnis.
Man selbst werden bedeutet für mich nicht, irgendwann herauszufinden, wer man wirklich ist. Es bedeutet, Verantwortung dafür zu übernehmen, wer man werden will.
Die Vergangenheit erklärt, warum wir heute so sind. Sie entscheidet aber nicht darüber, wer wir morgen sein werden. Wir können unsere Geschichte nicht auslöschen. Wir können nicht jede Prägung abschütteln und nicht jede Wunde durch Willenskraft überwinden. Aber wir können entscheiden, welche Bedeutung wir dem Erlebten geben und welchen Einfluss es auf unser weiteres Leben haben soll. Wer sein ganzes Leben damit verbringt, sich selbst zu finden, übersieht dabei, dass man sich nicht unbedingt finden, sondern entwickeln darf. Wer ein Leben lang nach sich selbst sucht, wartet auf eine Antwort, die außerhalb von ihm liegt. Auf eine Eingebung, einen Moment des Erwachens, in dem plötzlich alles einen Sinn ergibt und man endlich weiß, wer man wirklich ist. Doch dieses Erwachen kommt vielleicht nicht und vielleicht ist dieses Erwachen auch wieder nur eine Illusion des Geistes, der nach sich selbst sucht.
Das Selbst ist keine verborgene Wahrheit, die darauf wartet, entdeckt zu werden.
Es entsteht in dem Moment, in dem wir aufhören zu suchen und beginnen, bewusst zu entscheiden, wer wir sein wollen. Für mich besteht die eigentliche Freiheit nicht darin, irgendwann endgültig herauszufinden, wer ich wirklich bin. Sie besteht darin, mich immer wieder bewusst zu fragen: Wer möchte ich von hier an sein?
Am Ende finden wir uns nicht, wir werden.
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