Früher glaubte man, Denken sei eine Tugend. Heute scheint sie eher ein Kommunikationshindernis zu sein. Der Denkende spricht vorsichtig. Er wägt ab, er erkennt die Grenzen seines Wissens und formuliert seine Gedanken mit der Vorsicht eines Menschen, der die Komplexität der Welt begriffen hat. Der Dumme kennt diese Probleme nicht. Er steht auf dem Gipfel seiner Ignoranz und genießt die Aussicht. Wo der Denkende ein komplexes Ganzes aus Zusammenhängen, Widersprüchen und Unsicherheiten wahrnimmt, hat der Dumme eine einzige Erklärung. Wo die Wissenschaft Jahrzehnte forscht, findet er innerhalb von Sekunden eine Lösung. Wo Philosophen Jahrtausende ringen, hat er bereits eine Meinung. Und zwar eine sehr laute.
Die Philosophie hat sich seit Jahrtausenden mit Wahrheit, Erkenntnis und Weisheit beschäftigt. Vergeblich, könnte man meinen.
Denn parallel dazu existiert eine zweite Tradition - die Kunst, von Dingen zu sprechen, von denen man keine Ahnung hat. Der wahre Meister dieser Disziplin benötigt weder Wissen noch Erfahrung. Warum sollte er? Wissen ist schließlich nur Ballast. Wer nichts weiß, muss auch nichts überprüfen. Die Gedanken sind frei. Frei von Zweifeln, frei von Komplexität, frei von Tiefe und frei von jedem Bezug zur Realität. Es ist überhaupt die größte Leistung des Unwissenden, dass er aus Mangel an Erkenntnis eine Quelle unerschütterlicher Gewissheit macht. Andere benötigen Belege. Er benötigt lediglich die Überzeugung, recht zu haben. Philosophie begann mit dem Eingeständnis des Nichtwissens. Die Dummheit begann mit dessen Abschaffung. Dabei liegt der Unterschied nicht zwischen Wissen und Nichtwissen. Unwissenheit bedeutet: „Ich weiß etwas nicht.“ Dummheit bedeutet: „Ich weiß nicht, dass ich etwas nicht weiß“, oder noch krasser: „Ich halte mein Nichtwissen für Wissen.“ Der Dumme fragt nicht: „Ist das wahr?“ Er fragt: „Gefällt mir diese Vorstellung?“ Und wenn die Antwort ja lautet, ist die Angelegenheit für ihn erledigt.
Man könnte nun meinen, Dummheit sei ein Mangel an Intelligenz. Irrtum.
Es gibt intelligente Dumme. Menschen mit akademischen Titeln, beeindruckenden Lebensläufen und einer erstaunlichen Fähigkeit, ihre Bildung als Deko für Vorurteile zu benutzen. Dummheit ist keine Schwäche des Verstandes, sie ist die Weigerung, ihn zu benutzen. Dummheit beginnt dort, wo das Bedürfnis, recht zu haben, größer wird als das Bedürfnis, die Wahrheit zu suchen. Besonders auffällig wird dies bei jener Spezies, die zu jedem Thema ihren Beitrag leisten muss. Sie weiß nichts über Medizin, aber äußert sich zur Medizin. Sie weiß nichts über Wirtschaft, aber erklärt die Wirtschaft. Sie weiß nichts über Geschichte, aber belehrt Historiker. Sie weiß nichts über Philosophie, aber belehrt Philosophen. Sie weiß nichts über Psychologie, aber korrigiert Psychologen. Man sollte meinen, Unkenntnis erzeugt Zurückhaltung. Das Gegenteil ist der Fall.
Wissen führt zu Demut. Je mehr man weiß, desto größer das Nichtwissen.
Das wusste schon der weise Sokrates. Wer nichts weiß, bleibt von dieser Erkenntnis verschont.
Und so lebt der Dumme in einem Zustand geistiger Schwerelosigkeit. Keine Zweifel, die ihn belasten. Keine Selbstkritik, die seinen Frieden stört. Keine komplexe Tatsache, die sein einfaches Weltbild ankratzt. Kein Gedanke, der seinen Denkapparat herausfordert. Er hat Meinungen und Antworten. Immer und überall. Vor allem aber besitzt er eine seltene Gabe: die völlige Immunität gegen Argumente. Argumente setzen voraus, dass Wahrheit wichtiger ist als das eigene Ego. Für den Dummen eine unzumutbare Forderung. Man erklärt. Der Dumme widerspricht. Man belegt. Der Dumme ignoriert. Man widerlegt. Der Dumme fühlt sich missverstanden.
Dummheit, ein geschlossenes System, das keinen Kontakt zur Wirklichkeit braucht.
Diese Beobachtung brachte einst Dietrich Bonhoeffer zu der These, Dummheit sei gefährlicher als Bosheit. Gegen das Böse könne man protestieren, gegen das Dumme nicht. Der Dumme ist nicht zugänglich für Gründe. Tatsachen, die seinem Weltbild widersprechen, werden einfach ignoriert oder umgedeutet. Er hat nicht aufgehört zu denken, sondern aufgehört, bzw. nie angefangen, selbst zu denken. Der Dumme ist nicht deshalb gefährlich, weil er nichts weiß, er ist gefährlich, weil er sein Nichtwissen mit der Entschlossenheit eines Propheten vorträgt. Bosheit braucht eine Absicht. Dummheit braucht lediglich ein Publikum.
Hier stellt sich für mich die eigentliche Frage: Ist Dummheit eher ein Erkenntnisproblem im Sinne von: „Ich verstehe die Welt nicht“?, oder ist sie ein Charakterproblem im Sinne von: „Ich will die Welt gar nicht verstehen“? Die zweite Möglichkeit ist die beunruhigendere. Gegen mangelndes Wissen hilft Lernen, Wissen, Forschen, Erfahrung und Denken. Gegen die bewusste Abwehr von Erkenntnis hilft nichts.
Die Tragik besteht darin, dass Dummheit ansteckend ist. Nein, nicht biologisch. Kulturell.
Wo Lautstärke höher bewertet wird als Denken, wo Meinung wichtiger wird als Erkenntnis, wo jede sinnentleerte Eingebung denselben Rang hat wie jahrelange Forschung und Jahrhunderte altes Wissen, beginnt die Herrschaft der Ahnungslosen. Dann wird Kompetenz verdächtig. Dann gelten Zweifel als Schwäche. Dann wird Differenzierung als Gefahr empfunden und die einfachste Erklärung gewinnt gegen die richtige.
Dummheit zerstört nicht nur die Wahrheit. Sie macht die Wahrheit gesellschaftlich irrelevant. Der Dumme muss nicht recht haben. Er muss nur laut genug sein.Und so entsteht jene sonderbare Welt, in der Menschen auf Dinge verzichten, die früher als Tugenden galten: Bildung, Besonnenheit, Selbstreflexion und der altmodische Glauben, dass Fakten wichtiger sind als bloße Annahmen. Die Tragik besteht darin, dass ausgerechnet die, die am wenigsten verstehen, am seltensten merken, dass sie etwas nicht verstehen. Und während der Kluge noch überlegt, ob seine Argumente wahr genug sind, hat der Dumme bereits das Wort ergriffen. Nicht weil er mehr weiß, sondern weil ihm nie der Gedanke gekommen ist, dass er irren könnte.
Angelika Wende
www.wende-praxis.de

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen