Malerei: A.Wende
„Ich wurde wegen einer anderen Frau verlassen. Ich kann nicht aufhören mich mit ihr zu vergleichen. Sie ist nicht einmal hübscher als ich. Was hat sie, was ich nicht habe? Warum hat er sich für sie entschieden?“ Dies Fragen zerreißen meine Klientin innerlich. Diese Fragen trägt viel Schmerz in sich. Nicht nur den Schmerz des Verlassenseins, sondern auch die Erschütterung und die Fassungslosigkeit, ersetzt worden zu sein. Zur Trauer über die Trennung legt sich ein bohrender innerer Vergleich.
Was hat sie, was ich nicht habe? Warum hat er sich für sie entschieden?
Diese Fragen entstehen nicht aus Neugier, sondern aus der Verletzung heraus. Der Vergleich ist ein Versuch, etwas Unfassbares fassbar zu machen. Wenn eine Beziehung endet und ein Partner sich einer anderen Person zuwendet, entsteht oft ein Gefühl von Austauschbarkeit und dieses Gefühl ist schwer auszuhalten. Der Vergleich mit der oder dem anderen wird dann zu einer Art innerer Suche nach einer Erklärung. Hinter all dem liegt die unausgesprochene Hoffnung, wenn ich den Unterschied finde, verstehe ich vielleicht, warum ich nicht genügt habe. Der Fokus verschiebt sich von der Beziehung hin zur anderen Person, sie wird zur scheinbaren Antwort. Doch genau hier beginnt zusätzliches Leiden. Aus einer Entscheidung des anderen für einen anderen Menschen wird eine Bewertung der eigenen Person. Die Frage „Warum sie?“ verwandelt sich in die schmerzhafte Frage: Warum nicht ich? Was fehlt mir, dass ich verlassen wurde? Diese Schlussfolgerung ist menschlich, aber nicht hilfreich. Wir wählen einen Menschen nicht nach einer Rangliste von Eigenschaften. Bindungen entstehen aus komplexen Dynamiken, aus Anziehung, Bedürfnissen, Konflikten, Sehnsüchten, Wünschen, aus Dingen, die nichts mit objektiv besser oder hübscher zu tun haben.
Was macht den Vergleich so machtvoll?
Der Vergleich hat eine solche Macht, weil er kurzfristig eine scheinbare Ordnung in das emotionale Chaos bringt. Er gibt dem Schmerz eine Richtung. Er ist ein inneres Abtasten. „Wenn ich weiß, was die oder der andere mehr zu bieten hat als ich, dann verstehe ich, warum ich ersetzt wurde. Wenn ich das verstehe, verstehe ich auch, was an mir nicht genügt hat."
Fatalerweise entsteht genau dadurch ein unheilsamer Kreislauf. Je mehr verglichen wird, desto stärker wird die innere Verunsicherung, desto stärker werden Selbstzweifel und Selbstabwertung. Denn der Maßstab bleibt unscharf und das eigentliche Thema, die Trauer, die Wut und der Schmerz über den Verlust, verschiebt sich immer weiter weg von der Beziehung, weg von dem, was in der Beziehung passiert ist, weg von dem, was in der Beziehung nicht mehr gut war, hin zu einem harten Urteil über uns selbst. Unter all dem liegt der Wunsch, dass es eine klare Erklärung gibt. Eine, die für uns nachvollziehbar und greifbar ist. Eine, die das zersetzende Gefühl von Austauschbarkeit wieder auflöst. Aber die Gründe für eine Trennung sind selten so eindeutig, wie der Vergleich sie gerne machen würde.
Indem wir vergleichen versucht unser System, die Ohnmacht abzuwehren indem wir scheinbar die Kontrolle zurückzugewinnen über etwas, das sich uns völlig entzogen hat, über das wir keine Macht haben: die Entscheidung eines anderen Menschen.
Dieser Vergleich hat seinen Preis, er verzerrt die Realität und reduziert den Blick auf eine einzige Frage und zwar die nach unserem eigenen Wert. Der Vergleich sagt weniger etwas über die andere Frau oder den anderen Mann, als über die eigene Verletzlichkeit. Er berührt unser Selbstbild, unsere inneren Überzeugungen über uns selbst. Er berührt vielleicht alte Erfahrungen von Zurückweisung, Ablehnung und Verlassenwerden. Er berührt unsere Selbstzweifel, unsere Identität, unsere Unsicherheiten und die Frage, ob wir genug sind. Deshalb fühlt es sich so schmerzhaft an. Der Kern liegt nicht im Vergleich selbst, sondern in dem, was er in uns auslöst, den Wunsch zu verstehen, warum der andere nicht geblieben ist und die Angst, dass die Antwort etwas über unseren eigenen Wert aussagt. Dabei vergessen wir: Die Entscheidung eines anderen Menschen für einen anderen ist keine Aussage über unseren Wert als Mensch.
Was ist hilfreich?
Hilfreich ist nicht, den Vergleich einfach „abzustellen“, das funktioniert nicht so einfach, sondern ihn innerlich anders einzuordnen.
Es hilft, uns bewusst zu machen, dass unser Denkapparat gerade versucht, eine schwer aushaltbare Erfahrung verständlich zu machen und damit die Kontrolle zu erlangen. Aus einer emotionalen Erschütterung wird ein gedanklicher Vergleich, der kurzfristig Orientierung geben soll, aber unheilsamerweise in Selbstabwertung endet.
Es macht Sinn den Vergleich nicht als eine Wahrheit über uns selbst zu interpretieren, sondern als Reaktion auf eine maximale Verletzung. Statt „Sie ist besser als ich“ könnte der innere Satz meiner Klientin lauten: „Ich bin gerade in einem Zustand, in dem mein Kopf versucht, das Geschehene erklärbar zu machen.“ Diese kleine Verschiebung schafft Abstand zwischen Gefühl und Bewertung und nimmt dem Gedanken etwas von seiner Absolutheit.
Wichtig ist auch, die Aufmerksamkeit wieder stärker vom Außen auf unser eigenes Erleben zu lenken. Die Frage „Was hat sie, was ich nicht habe?“ wirkt zwar naheliegend, führt aber nicht zu echter Entlastung. Hilfreicher ist die Frage, was genau dieser Vergleich innerlich in uns auslöst: Geht es um Zurückweisung, um Kränkung oder um einen Verlust, den wir nicht akzeptieren können? Kommt da etwas sehr Altes wieder hoch? Und wie zeigt sich dieses Gefühl konkret im eigenen Erleben? Statt den Vergleich aktiv zu bekämpfen, ist es entlastender, ihn wahrzunehmen, ohne ihm weiter zu folgen, uns selbst zu beobachten und zu erkennen: „Aha, ich vergleiche mich gerade“, und dann bewusst wieder bei dem zu bleiben, was innerlich an Gefühlen da ist, ohne weiter zu bewerten. Dadurch verliert der Vergleich nach und nach seine Macht.
Letztlich verweist der Vergleich immer auf etwas Tieferes - auf unser verletztes Selbstwertgefühl, auf die Erfahrung von Verlust und auf das Bedürfnis nach Sicherheit in Bindung. Wenn wir das verstehen und es ernst nehmen, wird der Vergleich oft leiser, weil er nicht mehr die einzige Sprache für den Schmerz bleiben muss.
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

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