Montag, 29. Juli 2024

Vereinzelung, Selbstisolation, Einsamkeit

                                        

                                                                      Foto: A.Wende

 

"Was ist mit uns geschehen, dass es so viele betrifft? Was ist auf kollektiver Ebene irgendwann passiert, dass immer mehr Menschen vereinzeln, einsam sind oder sich in die Selbstisoltion zurückziehen?
Ich habe nachgedacht, ich denke schon lange darüber nach, denn ich erlebe immer mehr Menschen, die zu mir kommen, weil sie unter Einsamkeit leiden. Auch die Mitarbeiter der Telefonseelsorge berichten, dass Einsamkeit eines der das Hauptthemen ist, weshalb Menschen dort anrufen.
Fakt ist: Unsere Gesellschaft vereinzelt immer mehr.
Fakt ist: Wir bewegen uns in Richtung kollektive Einsamkeit.
Wann hat das begonnen?
Es hat begonnen, als wir in das Stadium des modernen Individualismus eingetreten sind. Manche meinen, das sei so seit der Coronapandemie. So ist es nicht. Die Pandemie und die Maßnahme, Menschen voneinander zu isolieren, hat das soziale Virus „Individualismus“ nur verstärkt und es bewusster gemacht. Nicht ohne Grund, wie ich meine: Damit wir endlich hinsehen, wo wir kollektiv hindriften.

Schon lange vor der Pandemie sprechen Soziologen und Psychologen von einem Trend zur Vereinzelung. Hans-Joachim Maaz geht in seinem Psychogramm: „Die narzisstische Gesellschaft“ auf Ursachenforschung, was Individualismus und Narzissmus kollektiv mit uns machen. In seinem Buch „Die Einsamkeit des modernen Menschen“, geht der Publizist Martin Hecht diesem Thema auf den Grund. Er spricht vom radikalen Ich, das unsere Demokratie bedroht und warnt davor, dass der moderne Individualismus zunehmend zu einer Gefahr für den Zusammenhalt im Kollektiv wird. Diana Kinnert setzt sich in ihrem Buch „Die neue Einsamkeit“ mit alter und neuer Einsamkeit auseinander und stellt fest: Eine neue Einsamkeit greift, unabhängig von Corona, immer weiter um sich. Die Gründe hierfür sieht sie darin, dass unsere Gesellschaft auf Konsum statt Intimität, Flexibilität statt Verbindlichkeit, und immer mehr Gewinn statt Stabilität ausgerichtet ist.

Höher, schneller, weiter – das ist das Lebensmotto vieler. Selbstverwirklichung, Unabhängigkeit und persönliche Freiheit werden als hohes Gut angesehen. Jeder ist sich selbst der Nächste, was das eigene Ich und dessen Verwirklichung stört, muss weg.
Haben statt sein.

 
Damit hat sich schon Erich Fromm in seinem Buch "Haben oder Sein" im Jahre 1976 auseinandergesetzt und eindringlich davor gewarnt, dass eine Gesellschaft, die vom Streben nach Besitz und markt- und konsumorientierten „Haben“ dominiert wird, scheitern wird.
Das zeigt sich jetzt immer deutlicher.
Der Individualismus, der kollektive Narzissmus, der Selbstoptimierungswahn und die Egozentriertheit vieler Menschen fordert ihren Preis: Der Mensch entfremdet sich von sich selbst und damit in der Folge von seinem Nächsten. Er dreht sich nur noch um sich selbst, er bespiegelt sich selbst und am Ende muss er feststellen: Individualismus macht allein und einsam.

Was ist Individualismus?
Individualismus definiert eine Anschauung und Geisteshaltung, die dem Individuum und seinen Bedürfnissen den Vorrang vor der Gemeinschaft einräumt. Eine Haltung also, die auf die Entfaltung und das Wohlergehen der eigenen Persönlichkeit ausgerichtet ist und dem Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft wenig Raum lässt. Die Folge: Eine individualistisch orientierte Gesellschaft, die sich durch lose, unverbindliche soziale Bindungen auszeichnet.

Das eigene Ich wird zum Maß aller Dinge.
Und so reden sie auch, die Meisten: von sich selbst. So denken sie auch die Meisten: an sich selbst. Ich, ich, ich …Und dann kommt lange nichts oder nur das, was dem Ich nützlich ist und was es brauchen kann.

Eine Geisteshaltung, die natürlicherweise ihren Preis hat: nämlich die Zersplitterung eines Gemeinsamkeitsgedankens und der Verlust des Bewusstseins des Einzelnen für das Ganze.
Verbundenheit fehlt, ein menschliches Miteinander fehlt, lebendiger Kontakt, der mit allen Sinnen erlebt wird, fehlt. All das wird ersetzt durch die virtuelle Welt, die uns vorgaukelt – wir sind verbunden.
Schimäre weiter nichts! Denn hunderte Freunde auf Facebook oder tausende Follower auf Instagram simulieren lediglich eine illusionistische Verbundenheit, die in der realen Welt nicht existiert. Flashfull Fantasy, die an der Realität zerplatzt, dann nämlich, wenn uns bewusst wird, wie allein wir da vor unseren Handys und Rechnern sitzen, während wir das Leben unserer sogenannten Freunde betrachten, liken und kommentieren, Menschen, die wir meist nicht einmal kennen.

Der Mensch selbst ist nicht nur Konsument, er ist selbst zum Konsumgut geworden.  Er konsumiert und wird konsumiert. Tinder z.B., das Online Warenhaus in dem ich mir, nach dem Motto: Wisch und weg und Match!, einen One Night Stand bestelle, denn eine echte Beziehung wollen die meisten gar nicht. Das Leben mit dem eigenen Ich ist anstrengend genug.
Es geht noch krasser.
Manch einer verliebt sich in eine(n) KI-Chatbot, der/die ihm vorgaukelt, er sei in einer echten Beziehung. Eine Beziehung, die nur seine eigenen Bedürfnisse erfüllt, nichts von ihm fordert und ihm die tägliche Dosis Honig ums Maul schmiert um sein Ego zu streicheln, auf dass es weiter wachsen möge. Ich, ich, ich …

Das moderne Ich holt sich seine Bedeutung vornehmlich virtuell. 

Geredet wird auch nicht mehr viel, wenn nicht unbedingt nötig, es wird What´s appt, zugetextet, wie ich es nenne. Texten ist weniger anstrengend und zeitaufwendig als ein echter Dialog mit einem leibhaftigen Gegenüber. Vornehmlich wird mitgeteilt, es werden Gifs und flache Sprüche versendet – ein Mist, den kein Mensch braucht. Alles um das eigene Selbstgefühl zu stärken, alles um das illusionistische Gefühl zu bekommen: Ich werde wahrgenommen. Man textet einander, man kann sich einreden, dass man im Innern des anderen präsent ist, eine Bedeutung in seinem Leben hat, auch wenn der andere einer ist, den man noch nie im richtigen Leben gesehen hat. Unbemerkt bleiben, nicht gesehen zu werden, nicht existent sein für andere, ist schwer erträglich. Aber in Wahrheit ist es bei immer mehr Menschen genauso. Wer seine Bedeutung und damit sein Selbstwertgefühl auf diese Weise zu stärken versucht, baut auf Sand, er stützt sich auf etwas, das so schnell verschwindet, wie sein Getexte. Zurück bleiben vereinzelte Individuen, die sich mit der Einsamkeit abfinden müssen, wenn sich nicht radikal etwas ändert.

Die Heilung des Individuums hat nicht viel Sinn ohne das Streben nach Verbundenheit und Gemeinschaft.

Wieviel Sinn hat es, Individuen von seelischen Krankheiten zu heilen, aber nicht vor den Gefahren zu schützen, die durch eine individualistisch-narzisstische, vereinsamte Gesellschaft drohen, die ein gesundes Kollektiv zunichte macht?
Vereinzelung und Einsamkeit haben Folgen. Sie verändern den Einzelnen auf unheilsame Weise und damit auch das Ganze, denn alles ist eins. 

Olivia Lang schreibt dazu ihrem Buch "The Lonely City":
"Wenn Menschen eine längere Erfahrung der Einsamkeit machen, lösen sie ein Phänomen aus. In diesem Zustand, in den man sich unwissentlich begibt, neigt das Individuum dazu, die Welt immer negativer zu erleben und Vorfälle von Unhöflichkeit, Zurückweisung und Beleidigung sowohl zu erwarten als auch sich daran zu erinnern, was diese Reaktionen dann mehr Gewicht und Bedeutung verleiht als andere, gütige oder freundliche Reaktionen. Dadurch entsteht ein Teufelskreis, in dem der einsame Mensch immer isolierter, misstrauischer und zurückgezogener wird. Und weil die Hypervigilianz nicht bewusst wahrgenommen wird, ist es keineswegs leicht, die Voreingenommenheit zu erkennen, geschweige denn zu korrigieren. Je einsamer Menschen werden, desto weniger gelingt es ihnen, sich im sozialen Umfeld zurechtzufinden. Die Einsamkeit wächst um sie herum, wie Schimmel oder Fell, sie wird zum Prophylaxemittel, das Kontakt verhindert, egal wie stark der Wunsch nach Kontakt ist. Einsamkeit verstärkt sich selbst und hält sich selbst aufrecht."

Bedrückend wie ich finde. Leider hat sie Recht, denn genau das erzählen viele Menschen, die zu mir kommen, sie wollen raus aus der Einsamkeit, die Vereinzelung überwinden, schaffen es aber irgendwann nicht mehr, weil sie soziale Kompetenzen verlernt haben und Misstrauen und Angst vor Verletzung die Sehnsucht nach Verbundenheit überschattet.
Wir sind soziale Wesen, wir brauchen einander, gerade in Zeiten wie diesen. Möge das wieder in unser Bewusstsein dringen.



www.wende-praxis.de

Mittwoch, 24. Juli 2024

Aus der Praxis: Wenn das Ego stirbt

 

                                                                   Foto: pixybay

 
 
„Werde der du bist“, steht in Nietzsches Ecce homo“ als Aufruf zur Selbsterkenntnis und Selbstverwirklichung.
Wer bin ich? Was ist mein wahres Selbst?
Ich will ich selbst sein, ich selbst werden, zu mir selbst finden, ich habe mich selbst verloren, mein Selbst ist fragmentiert, ich kenne mich selbst nicht (mehr).
Das sind Wünsche und Gedanken, die wir alle kennen.
Bewusste Menschen, die sich auf den Weg zur Selbstkenntnis machen, suchen sich selbst und viele finden sich nicht.
 
Warum ist das so?
Weil das Es, das Ego, uns dabei im Wege steht.
"Du musst dein Ego auflösen!", oder ganz radikal: "Du musst dein Ego töten!, gilt als Voraussetzung um zum wahren Selbst zu finden und damit beginnt das Problem.
Wie etwas auflösen was zur Struktur unserer psychischen Instanzen gehört, was einen Sinn und eine Aufgabe hat, was zum Überleben dient, uns das Überleben seit Kindesbeinen sichert, was auf Bedürfnisse verweist und uns hilft unser Leben überhaupt zu gestalten? Ohne Ego könnten wir nicht einmal unsere überlebensnotwendigen Bedürfnisse stillen und würden zugrunde gehen. Stirbt das Ego, stirbt der Körper.
Was aber sein kann und das kann äußerst schmerzhaft sein: Ein Teil des Egos stirbt.
Das geschieht indem wir durch eine Entwicklung, die ihren Höhepunkt erlangt oder ein plötzlich ins Leben einbrechendes erschütterndes Ereignis, einen Weckruf oder eine tiefe Erkenntnis die Identifizierung mit dem eigenen Ego aufgeben müssen, indem wir plötzlich hinter die Fassade des Egos blicken und erkennen, wo es uns nicht mehr nützt oder sogar schadet.
Wir können es nicht mehr. Wir identifizieren uns nicht mehr mit den alten Gefühlen und Gedanken, die das Ego erschaffen hat, denen wir lange geglaubt haben und ihnen automatisch im Überlebensmodus gefolgt sind. Das Bild, das wir von uns hatten, hält der Illusion von uns selbst nicht mehr stand, das Wollen, das uns beherrscht hat, funktioniert nicht mehr, weil wir erleben müssen, dass wir so, wie wir drauf waren, plötzlich im Jetzt nicht mehr klar kommen. 
 
Das geschieht häufig wenn wir in eine Krise gleiten oder wenn wir in einen anderen Lebensabschnitt übergehen, wenn Vertrautes zusammenbricht, wenn was uns Halt und Sicherheit gab verloren ist, wenn wir hinfällig, alt und krank werden, wenn Werte zerbröseln und Überzeugungen der Realität nicht mehr standhalten, wenn alle Ego-Mechanismen versagen, die uns bisher dienlich waren. Das geschieht, wenn wir nicht mehr der oder die Starke, die Schöne, der Tolle, der Erfolgreiche, Wonderwoman oder Superman sind, die uns unsere Ego vorgegaukelt hat und die wir irgendwie auch waren, und wir erkennen müssen, das unser Wollen an innere und äußere Grenzen stößt. Unser Wollen prallt am Jetzt-Zustand ab.
 
Wir wissen nicht mehr wer sie sind, was wir noch wollen wollen, wozu wir da sind, was der Sinn ist. Wir wissen nicht mehr, wohin mit uns. Etwas fühlt sich an wie Sterben. Was in Wahrheit stirbt ist das alte Ego. Das tut verdammt weh und das ist schmerzhaft. Wir spüren, da geht die alte Identität zugrunde. Wie eine neue aussieht, davon haben wir keinen blassen Schimmer. Also kämpfen wir um die alte Identität aufrecht zu erhalten, merken aber, egal wie sehr wir kämpfen, es funktioniert nicht – das alte Ego geht zugrunde und die alten Überlebenstrategien mit ihm.
 
Was jetzt?
Das muss man erst einmal wirklich gefühlt begreifen um etwas tun zu können. Man muss begreifen, dass das alte Ich stirbt, weil es seine Zeit überlebt hat.
Mi einem: Ich lasse das jetzt einfach los, gelingt diese Transformation den meisten von uns nicht. Schön wäre es, funktioniert aber nicht, denn unsere Überlebenstrieb bekommt es mit der Angst zu tun. Wir haben ja noch keine neuen Strategien um die alten zu ersetzen.
Wir müssen diese erst einmal finden und installieren um eine neue Identität überhaupt formieren zu können, um uns selbst neu finden zu können, aber wir fühlen uns nur so wie wir jetzt in diesem Moment der Zeit sind – gefühlt halbtot innerlich.
Da klafft ein Loch von dem wir nicht wissen wie wir es füllen sollen, denn diese Erfahrung ist brandneu. Wir müssen sie erst einmal erfahren, sprich: uns selbst anders erfahren als wir uns über Jahrzehnte erfahren haben. Uns selbst anders sehen und begreifen als wir es gewohnt sind. Einen neuen Blick auf uns werfen und erforschen was da sonst nicht ist, was wir nie zuvor gesehen haben, was uns ausmacht wenn das Alte stirbt.
Dieser transformative Prozess ist eine riesige Challenge.
Und ja, er macht eine Heidenangst. Aber wenn wir den Mut haben und trotz und mit der Angst da durch gehen, haben wir die Chance zu erkennen, wer wir wirklich sind, das volle Potenzial, das in uns schlummert zu wecken, unsere Ganzheit zu erkennen und zu entfalten, was da noch ist, außer dem alten Ego Trip. Wir haben die Chance zu erkennen, dass wir mehr sind als unser Ego dachte. Dann erst kann Wandlung stattfinden. 
 
"Wenn das Ego stirbt, erwacht die Seele"
- Mahathma Ghandi 
 
 
Wenn Du Dir Unterstützung in diesem Prozess wünscht, schreib mir jetzt eine Mail unter: aw@wende-praxis.de
 

Dienstag, 23. Juli 2024

Eine kleine Geschichte über die Wahrnehmung

                                                                 Foto: Alexander Szugger
 
 
Der blinde Mann und der Elefant
 
Vier blinde Gelehrte bekamen vom König die Aufgabe einen Elefanten zu beschreiben. Der Erste fasste den Elefanten an seinem Bein an und sagte, der Elefant ist rund und steht fest in der Erde. Der zweite hielt den Rüssel und beschrieb den Elefanten als eine Art Schlange. Der Dritte berührte das Bein und meinte, der Elefant sei wie eine Säule. Der vierte fasste den Schwanz an und sagte, der Elefant sei wie ein Seil. Jeder der vier Gelehrten war fest davon überzeugt, dass seine Beschreibung die richtige ist und bestand darauf, dass die anderen falsch liegen.
Die Geschichte vom blinden Mann und dem Elefanten ist eine Parabel aus der indischen Philosophie hat. Sie veranschaulicht die Begrenztheit und Subjektivität menschlicher Wahrnehmung und die Unfähigkeit die komplexe Wirklichkeit zu erkennen. Sie zeigt, dass jeder von uns sein eigenes Modell von Wirklichkeit hat, die sich von den Wirklichkeiten anderer unterscheidet.
Dabei geht es nicht um richtig oder falsch. Es geht einzig um Wahrnehmung von Wirklichkeit.
Wahr ist, alle vier blinden Gelehrten hatten ja teilweise Recht, aber eben nicht ganz.
Paul Watzlawick brachte es auf den Punkt:
“Der Glaube, dass die eigene Sicht auf die Realität die einzige Realität sei, ist die gefährlichste aller Wahnvorstellungen.“
 
Jeder von uns hat im Laufe seines Lebens sein eigenes Modell von Wirklichkeit geschaffen und denkt, fühlt und handelt im Rahmen dieses Modells. Die Basis für dieses Modell sind unsere Erfahrungen und unsere Prägungen aufgrund derer wir Welt und Wirklichkeit dann filtern. So treten nur bestimmte Ausschnitte und Inhalte in unser Gewahrsein, die wir dann für Wirklichkeit halten und auf der die Mehrzahl der Menschen dann beharren.
Persönliches Wachstum findet so nicht statt.
Persönliches Wachstum bedeutet eine Ausdehnung und Erweiterung des eigenen Gewahrseins, Offenheit für die Komplexität der Dinge, Bewusstwerden der eigenen Automatismen, die Bereitschaft über die Begrenzung des eigenen Denkrahmens hinausschauen, ein Hinterfragen dessen, was wir meinen zu wissen, ein beständiges Lernen und ein Ausweiten des eigenen Denkrahmens – im Außen wir im eigenen Inneren.

Montag, 22. Juli 2024

Leben

 

                                                                     Foto:pixybay
 
 
„Das Leben macht dies und das, das Leben nimmt und das Leben gibt, das Leben entfernt, was nicht zu uns gehört, das Leben straft uns, das Leben belohnt uns, und, und, und.“
Kling alles so als sei das Leben ein alleiniger Herrscher, eine Kraft, die über uns entscheidet, im Guten wie im Bösen.
Ist das wirklich wahr?
Wahr ist, was ich glaube.
Möge jeder seinem Glauben folgen.
Ich glaube nicht an das Leben, das alles macht.
Ich glaube, dass es etwas gibt, das größer ist als wir, aber nicht an das Leben, als allmächtige und dirigistisch eingreifende Kraft. Würde ich das glauben wäre ich ein ewiges Opfer, denn dann könnte ich machen was ich will, wenn das Leben nicht will, wäre es wirkungslos.
Ich glaube, was das Leben angeht, an das Prinzip von Ursache und Wirkung. 
Die Buddhisten nennen es Karma.
Das Gesetz von Karma besagt:
Alles, was du jetzt tust, ist die Ursache für eine zukünftige Wirkung und alles, was jetzt geschieht, ist die Wirkung einer früheren Ursache.
Kurz: Einer Aktion folgt eine Reaktion.
 
Alles was wir denken und tun, all unsere Handlungen haben Konsequenzen. Wenn wir unheilsam gegen uns selbst und andere handeln wird unser Leben nicht heilsam sein, wenn wir uns selbst vernachlässigen wird es uns irgendwann nicht gut gehen. Wenn wir Fehler machen, werden wir die Konsequenzen erfahren. Wenn wir nicht achtsam sind mit dem Leben, wird es Folgen haben.
Diese Zeit der Transformation zeigt uns allen, was wir versäumt haben, was wir ignoriert haben, was wir zugrunde gerichtet haben, was wir nicht gelernt haben, was wir achtlos und ignorant mit der Natur getrieben haben, was wir an Unheilsamen wiederholen, was wir aus der Geschichte nicht gelernt haben. All das fällt uns jetzt kollektiv und als Einzelne vor die Füße.
Aktion – Reaktion, wie im Kleinen so im Großen.
 
Karma wird oft fälschlicherweise als Belohnung und Bestrafung verstanden, nach dem Motto: Wenn du in diesem Leben leidest, musst du in einem früheren Leben Böses getan haben. Wenn du ein gutes Leben hast, musst du in einem früheren Leben Gutes getan haben. So einfach ist es nicht.
Es geht um das Bewusstsein für die Eigenverantwortung. Und die lässt sich nicht dem Leben in die Schuhe schieben.Wir selbst tragen die Verantwortung dafür, wie wir mit uns und dem Leben umgehen und das Leben antwortet dann mit den entsprechenden Folgen. Daran glaube ich, weil meine Erfahrung mit mir selbst und vielen anderen Menschen, mir das immer wieder zeigt.
 
Wenn ich mir meiner Eigenverantwortung bewusst bin, werde ich mit meinem Denken und Handeln anders umgehen – bewusster, verantwortungsbewusster. Ich werde mir bewusst werden über das, was ich in die Welt geben will und was für ein Mensch ich sein will. Ich werde meine unbewussten Gedanken ans Licht holen, meine destruktiven Überzeugungen über mich selbst und das Leben überprüfen. Ich werde existenzielle Wunden wie Traumata oder schwere Schicksalsschläge nicht einfach übergehen, sie abdecken und durch konstruierte Sinnfindung kompensieren, denn das führt niemals zur Heilung.
 
Ich werde versuchen ein heilsameres Denken und Handeln zu entwickeln – für mich selbst und für andere. Ich werde mit meinem kostbaren Leben achtsam umgehen und mit dem Leben anderer ebenso. Ich begreife mein Leben als mein Leben und nicht als etwas, das außerhalb von mir ist und bin mir meiner Schöpferkraft bewusst. Ich begreife das Leben als Ganzes, und alles Leben dieser Welt als ein miteinander verbundenes Ganzes und erkenne die Energie dieses Ganzen, zu der ich beitrage, mit jedem Gedanken und jeder Handlung. Ich agiere „pro Leben“ und nicht als Abhängige eines Lebens, das macht, was es will. 
 
“Bis du dem Unbewussten bewusst wirst, wird es dein Leben steuern und du wirst es Schicksal nennen.”
C.G.Jung
 
 
Angelika Wende

Freitag, 19. Juli 2024

Aus der Praxis: Hypervigilanz & Achtsamkeit

 

                                                                                                               Foto: Pixybay


Traumata und die darauf folgende posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) führen oft zur Hypervigilanz. Hypervigilanz ist eine kontinuierliche Hab-Acht-Stellung über eine lange Zeit, die zum Automatismus werden kann. Hypervigilanz äußert sich in innerer Unruhe, ständiger Reizbarkeit und erhöhter Wachsamkeit in Bezug auf potenzielle Gefahren. Es kommt zu Konzentrationsschwierigkeiten und einer übersteigerten Reaktion auf laute Geräusche und erhöhter Schreckhaftigkeit gegenüber anderen Reizen. Das Angstniveau traumatisierter Menschen ist permanent erhöht, manche neigen zum Katastrophisieren. In schweren Fällen kann es zu zwanghaftem Verhalten bis hin zu paranoiden Zuständen kommen. Traumatisierte nehmen die Realität oft verzerrt wahr. 
 
Besonders Kindheitstraumata führen dazu, dass Betroffene lernen mussten immer auf der Hut zu sein und genau zu beobachten, wie die Stimmung der Bezugspersonen ist
Dieser Bewältigungsmechanismus ist tief im Gehirn gespeichert, sodass diese Menschen auch später im Leben extrem wachsam sind, vor allem in zwischenmenschlichen Situationen und Beziehungen. Sie sind übermäßig misstrauisch anderen gegenüber, fürchten Nähe obwohl sie sich danach sehnen, haben aber Angst wieder verletzt zu werden. Im Extremfall birgt jede soziale Interaktion eine Gefahr, was in der Folge zur sozialen Phobie, zu sozialem Rückzug, Vereinsamung und in die Isolation führen kann.
Im Grunde meint es unser Gehirn gut. Es versucht uns mit der übersteigerten Wachsamkeit zu schützen, allerdings vor etwas, was längst passiert ist und mit dem Jetzt nichts mehr zu tun hat. 
 
Was kann man tun?
Außer einer Traumatherapie, deren Ziel ist das Trauma zu integrieren ist, ist Achtsamkeit hilfreich.
Achtsamkeit umfasst mehr als bewusstes Atmen oder Achtsamkeitsübungen.
Achtsamkeit ist das kontinuierliche Bewusstsein über unsere Gedanken, unsere Gefühle und unsere Umgebung. Sie hilft uns präsent im gegenwärtigen Moment zu sein, was gerade für traumatisierte Menschen wichtig ist. 
 
Durch die Praxis kontinuierlicher Achtsamkeit gelingt es uns, uns unserer inneren Zustände und unserer Gefühle gewahr zu sein und sie wertfrei und ohne uns damit vollkommen zu identifizieren, zu beobachten.
Mittels der kontinuierlichen Praxis der Achtsamkeit kultivieren wir Selbstberuhigung.
Wir lernen uns selbst zu regulieren um das Gehirn und das Nervensystem zu besänftigen.
Wenn wir täglich Achtsamkeit praktizieren, verhilft sie zu mehr innerem Frieden und Klarheit, was es uns ermöglicht, mit mehr Gelassenheit zu reagieren und uns nicht von unseren Gefühlen beherrschen und überfluten zu lassen. 
 
Achtsamkeit ist ein hilfreiches Werkzeug um bewusst unser Nervensystem zu beruhigen, dafür müssen wir es aber täglich nutzen. Wir dürfen uns Zeit nehmen, wichtig ist, dass wir konsequent sind, um Erfolg zu haben.
 
Slow and steady wins the race!

Sonntag, 14. Juli 2024

Denken

 

                                                                                 Foto: A.Wende

 

Unser Denken kann vollkommen absorbierend sein. Unser Verstand mit all seinen Dramen, Befürchtungen und Erwartungen kann uns wie ein Sog in tiefe Abgründe ziehen. Manchmal zieht er uns in eine Welt hinein wo es nur noch dunkel und bedrohlich ist. In eine Welt wo wir das Gefühl haben nichts mehr kontrollieren zu können, wo wir nur noch Spielball der äußeren Umstände sind, die unser Leben kompliziert und anstrengend machen. 

In dieser Gedankenweltwelt des Ich-fixierten Denkens geht es fast immer um das Haben Wollen, das Behalten Wollen oder des Nicht Haben Könnens was wir meinen haben zu müssen um ein gutes Leben zu führen.  

Es geht fast immer um Kontrolle, um Berechenbarkeit, um Festhalten. Je tiefer wir uns in dieses urteilende, wertende, kontrollierende Denken verstricken, desto leidvoller wird unser Leben. Wir leben unter ständigem Druck, wir leben in Angst vor der Zukunft, wir leben fremdgesteuert vom eigenen destruktiven Gedankengebäude, das wir nicht abstellen können. 

Jedes Gedankengebäude wird zur Gewohnheit

Unser Gehirn arbeitet gerne mit Mustern und Automatismen. Erfahrungen werden abgespeichert und dann in Blitzgeschwindigkeit abgerufen. Das gilt auch für unsere Gedankengewohnheiten. Sie werden mit der Zeit so selbstverständlich, dass sie kaum mehr reflektiert und hinterfragt werden. Sie werden zum Autopiloten, der das ganze Sein steuert. Je fester diese Gewohnheiten sind, desto mehr geht aus dem Blick, was wir das „Selbst“ nennen. Es verliert sich im Ich-fixierten unbewussten Denken. Wir denken wie wir denken, weil wir es schon immer so tun. Wir reagieren wie wir reagieren, weil wir es schon immer so tun. Und wir handeln wie wir handeln, weil wir es schon immer so tun. Im Autopiloten hinterfragen wir nicht mehr was wir denken, auch wenn wir uns damit kaputt denken. Darum ist es so wichtig immer wieder in die Stille zu gehen und inne zu halten um unser Denken zu beobachten, es zu durchschauen und die Welt, die es kreiert zu hinterfragen, ob sie wirklich so ist, wie wir sie uns denken. Es ist wichtig uns zu fragen, ob dieses Denken hilfreich ist oder nicht hilfreich, ob es heilsam ist oder unheilsam.

Heilsame Bewusstheit ist notwendig um das Unheilsame zu befrieden und ihm die destruktive Kraft zu entziehen, die es auf uns hat. 

Es ist heilsam unsere destruktiven Gedanken immer wieder auf den ihnen gebührenden Platz zu verweisen, indem wir die Täuschung durchschauen und uns von ihnen disidentifizieren. Das ist eine Sache der Übung, eine schwere Übung, weil wir damit von unseren Denkgewohnheiten Abstand nehmen müssen, weil wir uns selbst hinterfragen müssen und damit auch in Selbstzweifel gleiten können. Aber nur im Beobachten und Hinterfragen unserer Denkgewohnheiten können wir sie erneuern, in dem Sinne, dass sie uns stärken anstatt weiter schwächen.

 

Wenn Du in diesem Prozess Unterstützung wünscht, bin ich gerne für Dich da. 

Kontakt: aw@wende-praxis.de

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Freitag, 12. Juli 2024

Aus der Praxis: Scham

                                                                                                                 Malerei: Angelika Wende

Wer mit Menschen arbeitet, bekommt es immer wieder mit dem Thema Scham zu tun. Die meisten sind sich ihrer Schamgefühle nicht bewusst oder sie verdrängen sie. Nachvollziehbar, denn Scham ist eine sehr intensive, schwer aushaltbare Emotion mit der wir alle im Leben konfrontiert werden, auf die ein oder andere Weise. Der Traumaexperte Peter Levine schreibt über Scham sinngemäß, dass die Scham so eine intensive Emotion sein muss, damit gewisse Dinge in der Kindheit wirklich verinnerlicht werden. Ein Kind fühlt sich beschämt, wenn es für etwas, was ihm selbst oder anderen schadet oder zur Gefaht werden kann, gerügt wird. Es verinnerlicht dann, dass es das nicht mehr tun darf. Folgt der Rüge allerdings ein Beziehungsabbruch der Bindungsperson oder wird das Kind in seinem ganzen Sein gedemütigt oder hart bestraft, fühlt es sich in seinem ganzen Sein abgewertet und beginnt in der Folge sich selbst abzuwerten. Das Kind und später der Erwachsene verurteilt sich selbst für bestimmte Eigenschaften, Gefühle, Bedürfnisse und Wünsche. Das macht die vernichtende Qualität der Scham aus: Sie nimmt dem kleinen Menschen seine Existenzberechtigung. Das nennt man toxische Scham, eine Scham, die das Selbstbild eines Menschen dauerhaft, im wahrsten Sinne des Wortes, vergiften kann.

„Scham ist das Gefühlsäquivalent zu einer Erfahrung von innerer und/oder äußerer Zurückweisung, Missachtung oder Ablehnung, die der Beschämte als durch eigene Unfähigkeit, Unzulänglichkeit oder Mangelhaftigkeit ausgelöst erlebt, wobei keine Kontroll-, Alternativ- oder Ausweichmöglichkeiten bestehen und daher die Unentrinnbarkeit der Situation ein tiefes Ohnmachtsempfinden erzeugt. Das so entstehende Schamgefühl zeigt immer eine Verletzung des Selbst(-wertgefühls) an.“
Bastian/Hilgers: Scham und Schuld
 
Scham ist ein existenzielles Gefühl und es ist komplex.  
Verwandte Gefühle sind: Kränkung, Demütigung, Verachtung, Bloßstellung, Entblößung, Entwertung, Ekel, Erniedrigung, Schande. Scham ist das Gefühl des Unwürdigseins, das Gefühl total versagt zu haben. Ein vor sich selbst zurückschrecken, sich selbst verachten, sich selbst entwerten für die Schande, die man fühlt. Scham ist die Angst vor der Verurteilung von außen. Innere Scham ist innere Verurteilung. Je größer die Scham, desto brüchiger die Selbstachtung eines Menschen. Ich kenne Scham. Ich habe noch heute den Satz meiner verzweifelten Mutter im Kopf, den sie herausschrie, als ihre Mutter nach der Diagnose einer Krebserkrankung innerhalb kürzester Zeit starb. Ich war fünf Jahre alt und hatte diese ersten fünf Jahre bei meiner Oma verbracht, weil meine Mutter mich nicht bei sich haben wollte. „Du bist ein böses Kind, du hast die Oma totgeärgert!“, sagte sie und wandte sich emotional von mir ab. Ich war von da an immer das böse Kind. Mein Daseinsrecht wurde in Frage gestellt. Ich war für meine Mutter liebensunwert. Ich war verachtungswürdig. Durch Verachtung wird ein Kind in ein Nichts verwandelt oder in etwas, das keiner in seiner Nähe haben will. Das ist die Erfahrung von Urscham. Die innere Repräsentanz meiner Mutter: Du bist böse!, immer war sie da. Früher unbewusst, wie ein inneres Rauschen, heute ist sie mir vollkommen bewusst. Ich habe mir von Kindheit an eine Fassade der fleißigen, guten, klugen, hilfsbereiten, verantwortungsvollen Angelika zugelegt. Ich trug eine Rüstung von hohen Werten und Perfektion, mein Schutzpanzer für die Angst vor Entdeckung des tief verinnerlichten Bildes von mir selbst: Das böse Kind. Niemand darf den Schandfleck sehen. Ich wurde die Leistungstochter, die Erfolgreiche, die Problemlöserin für andere, die Starke, die alles bewältigt für sich selbst und andere. Was für ein Schauspiel. Der kraftzehrende Versuch ein Ideal-Selbst herstellen zu wollen. Egal welche Leistung ich erbrachte, sogar als ich als Moderatorin vor der Fernsehkamera stand, ich verfiel immer wieder in ein tiefes Gefühl von Wertlosigkeit. Wie konnte irgendetwas einen Wert haben, wenn es ein Teil von mir ist? 
 
Scham ist durchdringend. Sie ist gnadenlos und vernichtend, wenn wir sie nicht ablegen können.  
Da ist immer die gewünschte Vorstellung eines idealen Selbst und zugleich die Diskrepanz zwischen dem, was man tut, um diesem idealen Selbst zu entsprechen und dem, was man fühlt und sich wünscht. Und immer ist da die Angst vor Selbstverlust, vor Zurückweisung, Beschämung und Bloßstellung, wenn man sich offen zeigen würde. Ein Leben mit Scham ist eine permanente Rettungsaktion gegen die tiefe Verachtung und die Scham in uns selbst. Immer ist da die Angst nicht „gut“ anzukommen, keinen „guten“ Eindruck zu machen, nicht „gut genug“ zu sein. Weil man ständig so viel Angst hat nichts wert zu sein, muss man ständig so tun, als ob man besser wäre als man es ist. Dahinter steht die Überzeugung: Wenn ich, ich selbst bin, dann will mich keiner sehen und schon gar nicht lieben. Man will perfekt sein, damit man den Makel nur ja nicht sieht. In Wahrheit ist da ständig Angst die Kontrolle zu verlieren, erkannt zu werden. Ständig Versagensangst. Angst nicht genügen können.
 
In der Scham erleben wir uns als schwach.  
Alles, was mit Selbstabwertung und/oder Selbstzerstörung zu tun hat, hat immer auch mit Scham zu tun. Ein Mensch, der sich schämt lebt in der inneren Überzeugung, dass er schadhaft ist, mangelhaft, meist unbewusst, manchmal bewusst.
Scham erfindet viele Abwehr- und Kompensationsmanöver um nicht entlarvt und bloßgestellt zu werden. Perfektionismus gehört dazu. Überheblichkeit gehört dazu. Manche Menschen wehren Scham ab, indem sie andere abwerten und beschämen, indem sie arrogant, (passiv) aggressiv und zynisch sind. Auch beim Narzissmus findet sich unbewusst die Scham, die auf destruktive Weise abgewehrt wird. Trotz gehört dazu. Trotz als Abwehr gegen das überwältigende Gefühl von Hilflosigkeit und Ohnmacht. Zurückweisung von Nähe gehört dazu. Flucht vor Nähe. Nähe bedeutet die Gefahr erkannt zu werden. Aber intime Nähe gelingt nur durch das Überwinden von Scham. Funktionieren durch gewisse Umstände, wie z.B. Verluste, Trennung, Verlassenwerden, Scheitern, Krankheit, Altern oder traumatische Erlebnisse, die Abwehr- und Kompensationsmechanismen nicht mehr, kommt es zur Dekompensation. Die Scham kann dann so groß werden, das der Mensch innerlich zusammenbricht. Die Folge: Selbstverlust, Fragmentierung, Versagen und wieder Scham.
 
Wenn die Scham ganz groß wird, hat sie nur ein Ziel: Verstecken.
Der Mensch will sich verbergen, am besten verschwinden, so dass ich nicht mehr (an) gesehen werde. Die schützende Maske fällt, er hat sein Gesicht verloren. Das ist ein Gefühl der totalen Vernichtung. Nur noch Rückzug und Selbstisolation schützen vor der Gefahr preisgegeben zu sein. Es kann zu Ängsten, Zwängen, Depression und sogar zu Suizid(gedanken) kommen. Und wieder Scham, weil man sich selbst verurteilt, ausschließt, einsperrt und hemmt. Wenn die Scham riesengroß wird, hat sie nur noch ein Ziel: Im Erdboden versinken.
 
Toxische Scham auflösen ist schwer.
Letztlich geht es darum zu erkennen, zu verstehen und zu fühlen, dass man beschämt wurde, dass diese Scham etwas ist, was von außen introjiziert wurde und dass das, was sie in einem selbst an Destruktion anrichtet, etwas ist, was nicht wahr ist. Wahr ist: da ist etwas maximal schief gelaufen und das hat nichts mit dem eigenen Wert als Mensch zu tun, sondern mit denen, die diesen Wert missachtet und zerstört haben. Bis das wirklich tief verinnerlicht ist braucht es viel Geduld und Mitgefühl mit sich selbst und es braucht eine empathische, wertschätzende therapeutische Begleitung, die vor der Scham, auch der eigenen, nicht zurückschreckt. 
 

Mittwoch, 10. Juli 2024

Schmerzen

 




Selbstmitgefühl bedeutet fürsorglich, wohlwollend, sanft und freundlich mit uns selbst umzugehen. Es ist eine Sache der Bereitschaft und der Übung. Dabei geht darum innerlich eine Haltung des Wohlwollens, der liebenden Güte und der Geduld uns selbst gegenüber zu kultivieren. Es geht darum uns hinreichend gut zu behandeln, besonders dann, wenn wir uns nicht gut fühlen, wenn wir verletzt wurden, traurig sind oder krank. Wir aber wollen immer schnell wieder funktionieren und da stört eine solche Haltung. Also ignorieren wir die Güte uns selbst gegenüber und leben drüber, auch wenn wir längst auf dem Zahnfleisch gehen.

Ich bin auch so jemand, besonders mit der Geduld habe ich es als Widder nicht so. Geduld, besonders wenn ich krank bin, ist eine meiner schwersten Übungen. Ich komme mit vielem klar mit Kranksein ganz schlecht. Ich ertrage es nur schwer, wenn mein Körper nicht will wie mein Geist will, wenn er mich stoppt, mich quält und ich etwas aushalten muss, was ich überhaupt nicht beeinflussen kann, zumal ich keine Schmerztabletten schlucke und den Schmerz dann so richtig fühle. Aber ich weiß auch, je größer der Widerstand, desto größer der Schmerz. Und trotz meines Wissens steht er dann vor mir, ganz groß, der innere Widerstand und ich ganz klein und mit viel Aua und viel Wut, weil ich es nur schwer schaffe loszulassen von meinem gesund sein Wollen. Dann geht es mir noch schlechter, weil ich gegen mich selbst ankämpfe, anstatt mich zu fügen in mein Kranksein und alles zu tun um zu genesen und zwar geduldig und nicht mit dem Druck, es muss schnell wieder gut sein.

In diesen letzten Tagen habe ich viel über Kranksein und körperliche Schmerzen nachgedacht. Es kann jedem von uns passieren kann, auch mir, dass wir so schwer krank werden, dass wir nicht mehr gesund werden, dass wir mit Schmerzen, Schwäche und Einschränkungen leben lernen müssen. Ich habe an meine siebzigjährige Freundin gedacht, die ohne Schmerzen nicht mehr laufen kann, für die jede kleine Anstrengung eine große Kraftanstrengung ist und an eine Klientin, die unheilbar krank ist, für die ein „normales“ Leben nicht mehr möglich ist und ich konnte beide nach einer Woche Dauerschmerzen fühlen. Ich kann jetzt fühlen wie es ist, wenn man will und nicht kann, weil die Schmerzen einen ganz ausfüllen. Und ich habe gefühlt wie es ist, zu dem körperlichen Schmerz begreifen zu müssen – das hört nicht auf, weil ich das will.

Man muss damit leben. Man muss damit leben nicht mehr der Mensch zu sein, der man war, denn eine schwere Krankheit verändert alles, innen wie außen und damit auch die Seele und das eigene in-der-Welt-sein. Damit klar zu kommen ist eine existenzielle Herausforderung. Ich bin auf dem Weg der Genesung, jetzt ist es so, aber vielleicht ist es irgendwann nicht mehr so, denn das Alter bringt im Zweifel auch chronisch und schwer Kranksein mit sich. Und dann ist plötzlich alles anders. Da hilft kein Widerstand. Da hilft nur Akzeptanz. Hört sich cool an, ist aber nicht cool, wenn man das so sagt oder denkt oder es einem empfohlen wird. Etwas akzeptieren was chronisch schmerzt und nicht aufhört zu schmerzen ist eine so große Herausforderung, dass es uns an unsere Grenzen bringen kann.

Wenn das Leben zur Last wird, was dann? Wenn der Körper uns derart einschränkt, dass ein normales Leben nicht mehr möglich ist, was dann? Wenn wir die Kontrolle über den Körper verlieren, wenn wir der eigenen Machtlosigkeit und Hilflosigkeit gegenüberstehen, was dann? Dann wird uns gefühlt bewusst wie klein wir doch sind, wie verletzbar, wie zerbrechlich und wie vergänglich und vor allem wie viel von dem, was wir für wichtig halten, absolut unwichtig ist. Dann sind wir nur noch wir selbst, wir sind so sehr bei uns selbst in diesem Schmerz, das alles andere, was wir an Rollen und Masken so mit uns herumtragen, abfällt. Mir ging es jedenfalls so. Eine kleine Ahnung von Sterben lag in diesem Zustand und das ich dem letztlich entgegengehe, denn ich bin angezählt. Ich muss noch besser auf mich aufpassen und langsamer machen, noch mehr Grenzen ziehen wenn ich spüre, das ich mir zu viel zumute.
Aber was wenn ich, trotz aller Selbstfürsorge, einmal nicht mehr gesund werde?

Meine siebzigjährige Freundin sagte zu mir: „Ich schaue nicht mehr auf das, was ich nicht mehr kann, ich schaue nur auf das, was ich noch kann und das mache ich dann.“
Wie groß, wie weise und demütig.
Ob ich das wäre?
Ich weiß es nicht.