Sonntag, 17. November 2019

Alleinsein, die unerträgliche Leichtigkeit des Seins

Malerei: Angelika Wende


"Ist aber das Schwere wirklich schrecklich und das Leichte herrlich?
Das schwerste Gewicht beugt uns nieder, erdrückt uns, presst uns zu Boden. In der Liebeslyrik aller Zeiten aber sehnt sich die Frau nach der Schwere des männlichen Körpers. Das schwerste Gewicht ist also gleichzeitig ein Bild intensivster Lebenserfüllung. Je schwerer das Gewicht, desto näher ist unser Leben der Erde, desto wirklicher und wahrer ist es. Im Gegensatz dazu bewirkt die völlige Abwesenheit von Gewicht, dass der Mensch leichter wird als Luft, dass er emporschwebt und sich von der Erde, vom irdischen Sein entfernt, dass er nur noch zur Hälfte wirklich ist und seine Bewegungen ebenso frei wie bedeutungslos sind.
Was also soll man wählen? Das Schwere oder das Leichte?"
Worte aus Milan Kunderas "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins"

Ja, was soll man wählen? Und ist es wirklich so wie Kundera schreibt?
Sind wir ohne die völlige Abwesenheit vom Gewicht der Begleitung, so weit entfernt vom irdischen Sein, dass wir nur halb sind, frei und bedeutungslos?

Manchmal fühlt es sich so an. Dann wenn wir verlassen wurden vom Geliebten oder ihn verlassen haben. Ja, dann fühlen wir uns halb, frei und bedeutungslos. Wir sind wieder allein ohne diesen Einen, der uns beim Leben zusieht. Ungesehen fühlen wir uns bedeutungslos.
Kundera hat Recht. In diesen Moment ist das so. So habe ich es erlebt, einige Male schon, als das schwere Gewicht fort war. Da legt sich Schmerz über das Gefühl des Freiseins. Da fühlt sich halb an was ein Ganzes war. Da spürte ich sie, diese „unerträgliche Leichtigkeit des Seins“.

Alleinsein ist eine Kunst, die wir nicht sofort wieder beherrschen, wenn wir es lange nicht waren.
Immer mehr Menschen sind allein. Die Vereinzelung nimmt zu. Viele Menschen können dem Alleinsein nicht entgehen. Das ist traurig, denn jeder von uns braucht einen Gefährten. Menschen, die von sich behaupten, dass sie ihr Leben gern alleine leben scheinen stark zu sein.
Sie sind es geworden. Sie mussten es lernen, weil da ab einem Moment in der Zeit niemand mehr war, der blieb und keiner mehr kam um zu bleiben. Sie sind es geworden, weil sie müde wurden von den vielen Verlusten und Verletzungen, die Beziehungen mit sich bringen können. Sie haben gelernt damit zu leben, dass da kein Lieblingsmensch ist, der ganz nah ist, ganz vertraut, ganz zugewandt, keiner der mit ihnen in die gleiche Richtung schaut, der sie sieht, der sie liebt, der für sie da ist und für den sie da sein können. Sie mussten lernen alleine zu gehen. Viele von uns müssen alleine gehen. Einzeln. Halb. Frei.

Einzelgängertum ist Zeitgeist. Es ist das Symptom einer schizoid- narzisstischen Gesellschaft.
Die meisten Einzelgänger haben diese Lebensform nicht selbst gewählt.
 

Kein Mensch ist gern für immer mit sich allein. Niemand ist eine Insel. Wir alle brauchen Augen, die sich liebend auf uns legen. Wir alle brauchen das Gesehenwerden, das Geliebtwerden, das Verstandenwerden. Wir brauchen eine Hand, die sich in die unsere legt. Wir brauchen zärtliche Berührungen. Es ist ein zutiefst menschliches Bedürfnis teilen zu wollen, was wir zu geben haben und zu empfangen was ein anderer Mensch zu geben hat. Sich etwas anderes vorzumachen ist Selbstschutz um den Schmerz des Alleinseins nicht spüren zu müssen. Alleinsein kann zu Einsamkeit werden, wenn es zu lange andauert. Und da kann ich mir selbst noch so viel Bedeutung zuschreiben, meine Freiheit noch so sehr lieben und feiern - die Sehnsucht nach einem Gefährten bleibt. 
Und das ist okay. Und nein, es ist kein Zeichen mangelnder Selbstliebe.

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