Dienstag, 12. Januar 2021

Grenzen

 

                                                                     Foto: A. Wende
 
 
Wir kommen niemals weiter, wenn wir uns damit aufhalten andere ändern zu wollen, und doch beschäftigen wir uns damit. Wir sehen zum Beispiel wie ignorant, wie unverantwortlich, wie aggressiv oder wie rücksichtlos andere sich verhalten. Wir ärgen uns darüber oder werden sogar wütend. Wir versuchen an sie zu appellieren, wir versuchen sie zu überzeugen. Wir reden mit Engelszungen. Wir bitten. Wir versuchen es mit Überzeugungsarbeit und vielem mehr. Wir machen endlose Kraftanstrengungen, nur um zu erfahren: Egal was wir tun, es ist vergeblich. Sie ändern sich nicht.
Wir kommen an eine Grenze.
An dieser Grenze lassen wir es sein.
Wir lassen sie sein.
Wir betrachten die ärgerlichsten Grenzen anderer und gewinnen Einblicke in die eigenen Grenzen.
Wir kümmern uns um uns selbst und schauen auf das, was wir an uns selbst ändern wollen.
Wir unterziehen uns selbst und unsere eigenen Grenzen einer Prüfung.
Wir benutzen das ändern Wollen anderer nicht mehr als Ausrede dafür, dass wir uns selbst nicht ändern. Uns selbst ändern in dem Sinne, dass wir ändern, was uns nicht gut tut, ist nicht nur die beste Möglichkeit, uns selbst zu helfen, es ist auch die beste Möglichkeit anderen zu helfen.
Wer in sich selbst aufgeräumt hat, wer seine eigenen Dämonen erkannt und integriert hat, kann anderen helfen.
Hören wir also auf damit die Grenzen anderer zu prüfen und prüfen, wie wir unsere eigenen Grenzen verändern können.

Sonntag, 10. Januar 2021

Metta – die Meditation der liebenden Güte

 



Was ist Metta?
Metta ist das Fundament aller buddhistischen Meditationen.
Egal, ob wir Vipassana, Zen, Daishin Zen oder ähnliches praktizieren, ohne Metta wird sich das Wesen der jeweiligen Praxis nicht entfalten können.
Buddha verglich Metta mit der Mutterliebe. Die Liebe und die Herzensgüte einer Mutter sind nicht von bestimmten Qualitäten, Eigenschaften oder Verhaltensweisen des Kindes abhängig. Mutterliebe sagt: „Ich liebe dich, weil du bist.“ Ohne jede Bewertung und ohne Beurteilung.
 
Metta ist eine hohe Kunst. Sie zu leben ist den meisten von uns nicht gegeben. Bewertung und Beurteilung sind menschlich. Aber manche von uns praktizieren Metta. Sie praktizieren Herzensgüte weil sie sich dafür entschieden haben, weil sie die Bereitschaft und den Willen haben diesen Weg zu gehen. Weil sie sich für das Gute entschieden haben. Weil sie es leben und praktizieren wollen. Dieser Weg ist kein leichter, er fordert viel, er fordert ein stetes, waches Bewusstsein über die Tragweite der eigenen Gedanken, Gefühle, Worte und Handlungen und was sie zur Folge haben.
Er bedeutet ständige Arbeit an sich selbst.
Er fordert Wachheit. 
 
Warum einen so mühsamen Weg gehen?
Wer sich für diesen Weg entscheidet weiß: Solange wir im Beurteilungsmodus sind, schaffen wir entweder Zuneigung oder Abneigung. Wir sind abhängig von Bedingungen, vom Verhalten, von Worten und Handlungen, die uns begegnen und wir beurteilen sie und reagieren darauf. Wir sind gegen alles, was unseren Erwartungen und Vorstellungen nicht entspricht und reagieren darauf. Wir haben ungute Gefühle, fühlen uns angegriffen und verletzt und reagieren wiederum mit Angriff und Verletzung. Wir sind ständig im Reaktionsmodus und nicht bei uns selbst und nicht in unserer Mitte. Je mehr wir beurteilen, desto mehr reagieren wir und so sind wir abhängig vom Außen. Ein ewiger Schlagabtausch, der viel Energie kostet, viel Ärger, Frust, Groll, Wut und Angst schafft. Alles destruktive Gefühle, die sich dann wieder abreagieren müssen. Wir fühlen uns verletzt und verletzen andere. Hurt people hurt people. Ein unseliger Kreislauf.
 
Verletzte Menschen haben viel Wut.
Die Welt ist voller verletzter wütender Menschen, die versuchen diese Wut loszuwerden, die sie abreagieren müssen und andere benutzen um ihnen diese unerlöste Wut überzukippen, ohne Rücksicht darauf, was sie anrichten kann. Und was der andere dann damit macht: Seine Sache. 
 
Das ist das Verhalten und das Handeln eines unreifen Menschen, der den eigenen Verletzungen noch immer wie ein trotziges Kind hilflos gegenübersteht. Dass dieses Verhalten zu nichts Gutem führt sehen wir Tag für Tag am Zustand dieser Welt. Im Großen wie im Kleinen. Da ist ein Präsident, der Menschen anheizt um zu wüten, weil er selbst wütend ist. Und die Welt reagiert wieder mit Wut. Wut, die daran nichts, aber auch nichts ändert. Es wird noch mehr Wutenergie in die Welt gegeben und das ändert vieles: Die Welt wird zu einem immer unheilsameren Ort.
Hurt people hurt people. 
 
So kann es nicht mehr weitergehen, weil sich die Menschen auf diese Weise selbst und gegenseitig vernichten. Wir sind auf dem besten Wege das zu tun. Wir brauchen dazu gar kein Virus, das wir übrigens auch selbst erschaffen haben, weil wir Tiere quälen und essen, weil wir das Gleichgewicht der Natur verletzen und zerstören. Die Bewohner unseres Planten schüren die Eskalation wohin man sieht. Die Folge davon ist Eskalation. Das ist für mich die moderne Apokalypse.
 
Und manche von uns praktizieren Metta.
Metta ist niemals verletzend. Metta ist das direkte Gegenmittel für Wut, Aggressivität und Angst. Letztere schaffen tiefe Gräben, Metta schüttet sie wieder zu. Metta ist wahre Hilfe für uns selbst, für uns alle und die Welt. 
 
Namasté

Samstag, 9. Januar 2021

Aus der Praxis – Das Drama der narzisstischen Mutter

 

                                              

                                               Malerei: Angelika Wende

 

Unsere Kinder sind eine Leihgabe und kein Besitz. Im Grunde wissen Mütter das alle. Aber fühlen das auch alle?

Ganz gleich wie innig die Beziehung zu unseren Kindern ist, irgendwann ist der da, der Moment, da packen sie ihre Sachen und gehen in ihr eigenes Leben. Mit dieser Zäsur endet der gemeinsame Alltag. Die Mutter bleibt zurück. Das Nest ist leer und dann ist es still im Außen. Innen allerdings wird es in manchen Mutterseelen laut. Da ist Trennungsschmerz, da ist Trauer, da ist Sehnsucht nach dem wie es war als das Haus von Lebendigkeit erfüllt war. Da ist plötzlich eine große Leere. Je größer diese Leere empfunden wird, desto größer war der emotionale Bezug auf die Kinder. Desto größer war auch die innere Überzeugung, dass nur eine enge Beziehung zu den Kindern als verwirklichtes Leben gilt. Desto größer waren die Erwartungen, dass diese enge Beziehung auf ewig bleibt, auch wenn die Erziehungsaufgabe längst beendet ist und die Kinder das Nest verlassen haben.

Was jetzt? Was, wenn die Kinder sich immer weniger melden? Was, wenn sie vielleicht sogar genervt sind wenn Mutter sich ständig meldet um zu hören wie es denn so geht. Was, wenn sie ihr Leben nicht rapportartig mitteilen wollen, Mutters gute Ratschläge nicht anhören wollen, Mutters Neugierde nicht befriedigen wollen, die oft aus der Sorge geboren ist, dass das der kleine Vogel ohne den großen Muttervogel nicht sicher in der Welt ist? Was wenn die Mutter begreift: Der Vogel will frei fliegen. Was wenn sie es zwar begreift, aber es partout anders haben möchte und nicht bereit ist loszulassen? Dann ist es schwer für die Kinder.

Es ist schwer wenn die Mutter nicht loslässt. Es ist schwer, wenn die Mutter mehr Platz einfordert als die Kinder zu geben bereit sind. Es ist schwer, wenn die Mutter die Grenzen nicht akzeptiert, die ihr gesetzt werden. Es ist schwer, wenn sie glaubt ein Recht darauf zu haben im Leben ihrer Sprösslinge auf immer und ewig präsent zu sein – für die Kinder und für sie selbst. Es ist schwer, wenn sie den Kindern vermittelt – ihr müsst für mich sorgen. Es ist schwer, wenn die Mutter versucht sich mit allen Mitteln die Aufmerksamkeit zurückzuholen.

Kinder und Jugendliche brauchen für ihre Entwicklung die Zuwendung und Aufmerksamkeit ihrer Eltern. Das wissen wir. Was aber viele nicht wissen: Kinder brauchen abgegrenzte Väter und Mütter. Und damit meine ich nicht, emotionale Abgrenzung, sondern dass sie in der Beziehung zu ihren Kindern gleichermaßen zugewandt und bei sich selbst bleiben. Und dass sie ihre Kinder als Kinder begreifen und nicht als Freunde oder Vertraute. Ist diese gesunde Balance im Laufe der Erziehung nicht gelungen zeigt sich das besonders dann, wenn Kinder ausziehen. Wo gesunde Abgrenzung nicht gelebt wurde, wird festgehalten. Es wird erwartet, gefordert und gezerrt. Dann gelingt es nicht, den Kindern zu geben was sie jetzt brauchen – Freiheit und das Geschenk Eigenverantwortung für ihren Weg übernehmen zu dürfen. Erwarten, fordern und Zerren ist Gift für die Kinder, denn Kinder spüren sehr genau, was von ihnen erwartet wird. Manche arbeiten sich ein Leben lang an den Erwartungen ihrer Eltern ab.Nichts hat einen stärkeren psychischen Einfluss auf die Kinder als das ungelebte Leben der Eltern“, schrieb der Analytiker Carl Gustav Jung.

Je reifer und selbstbewusster Väter und Mütter sind, je mehr sie ihr eigenes Leben leben, desto leichter fällt es ihnen, ihre Kinder auch ihr eigenes Leben leben zu lassen. Das bedeutet auch: Sie sein zu lassen, was sie sind und werden zu lassen, was sie sein wollen. Es bedeutet, den Kindern nicht den inneren Auftrag mitgeben, ein Leben anzustreben, das sie selbst nicht führen konnten. Dann ist da Gelassenheit anstelle ungesunder Anhaftung, auch wenn sie sich anders entwickeln, als man es ihnen vorgelebt hat.

 

Was sind das für Mütter, die nicht loslassen können?

Es sind Mütter, die ihre Bedürftigkeit an die Kinder abgeben.

Die amerikanische Psychologin  Susan Forward und Autorin des Buches „Vergiftete Kindheit“, nennt fünf Kategorien dieser Mütter: schwer narzisstische Mütter, Mütter, die selbst bemuttert werden wollen, Mütter, die sich in alles einmischen, Kontrollfreaks,  und Mütter, die ihre Kinder vernachlässigen oder misshandeln. Der häufigste Typus ist die narzisstische Mutter. Diesem möchte ich mich hier zuwenden.

 

Die narzisstische Mutter muss immer im Mittelpunkt stehen und die ganze Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Die große Mutter, die Göttin, die zu Bewundernde, die alles perfekt macht, die Wichtigste im Leben ihrer Kinder. Die Mutter, die ständig zu verstehen gibt: Ich habe dich geboren, ich habe alles für dich getan, alles gegeben, auf viel verzichtet, dir alles ermöglicht. Wie kannst du mich nicht wertschätzen, wie kannst du mich verlassen und mir deine Aufmerksamkeit entziehen? Wie kannst du mir nicht geben, was ich verdient habe?

Diese Mütter sind so von ihrer eigenen Wichtigkeit, ihrem Wollen und ihren Bedürfnissen so besessen, dass ihnen gar nicht klar ist, was sie in Kinderseelen anrichten. Die Kinder sind das Objekt, das sie sich von Beginn an einverleibt haben um ihrer eigenen Grandiosität willen, als Ausweitung ihrer narzisstischen Bedürfnisse nach Anerkennung und Bewunderung. Und wehe dieses Objekt wagt es, sich von ihr zu entfernen, sie gar zu verlassen und ein eigenes Leben zu gestalten.

 

Auch wenn die narzisstische Mutter kognitiv begreift, dass es zu einem natürlichen Abnabelungsprozess gehört, so ist die emotionale Kränkung so groß, dass das Selbstbild der Grandiosität zusammenfällt wie ein Kartenhaus. Was folgt ist eine maßlose Enttäuschung und eine tiefe innere Leere, die schon immer da war, aber mit dem Dasein der Kinder gefüllt wurde. Die Kinder, die ihr ihre Bedeutung spiegelten und ihr somit erst einen Wert verliehen sind weg. Die Inszenierung der großen Mutter ist erschüttert. Sie ist mit der Wirklichkeit konfrontiert. Alle bisher angewendeten Verdrängungs- und Abwehrmechanismen, alle Bewältigungsstrategien greifen nicht mehr. Es bedarf für narzisstische Persönlichkeiten eines hohen Maßes an Kontrolle ihrer eigenen Gefühle und der Gefühle ihrer Kinder, um ihr kreiertes Selbst- und Familienbild aufrechtzuerhalten. Alles muss perfekt sein, ist es dann nicht mehr gelingt es auch nicht mehr das grandiose Selbstbild aufrechtzuerhalten. Es droht auseinanderzubrechen. Es gelingt einfach nicht mehr das geringe Selbstwertgefühl mit Selbstüberschätzung und Allmachtsfantasien zu kompensieren. Es kommt zur narzisstischen Kränkung und in Folge zur narzisstischen Krise. Und damit wird er offensichtlich, der grundlegende Irrtum dem sie erlegen ist: Sie hat sich eine Scheinwelt erschaffen, die an der Realität zerbricht.

 

Mit dem Auszug der Kinder tritt ein Ereignis in ihr Leben, das diese Scheinwelt zerstört. Sie kann sich nicht mehr als großartig inszenieren und erleben, weil sie von der eigenen Schattenseite, die sie verdrängt hat und mit der sie die Kinder als sie klein und abhängig waren, nie zu konfrontieren gewagt haben, überwältigt wird. Die grandiose Fassade bricht zusammen. Der Spiegel in dem sie sich selbst als etwas Besonderes reflektiert sah verdunkelt sich. Dafür werden jetzt die Kinder verantwortlich gemacht. Die Mitleidskarte wird ausgespielt. Jetzt ist sie die Verlassene, die Einsame, die Leidende, die Bedürftige, die gerettet werden muss.

Das unheilsame Beziehungsspiel geht weiter, solange die narzisstische Mutter die Krise nicht als Chance erkennt: Nämlich als Chance das anzuschauen, zu verarbeiten und zu heilen, was in ihrer Biografie dazu geführt hat, dass sie ist, wie sie ist. Die Bereitschaft dazu hängt davon ab, ob sie offen dafür ist, Verantwortung zu übernehmen, sich selbst, die eigene Geschichte und ihre Dämonen radikal ehrlich anzuschauen und zu entlarven. Das ist ein schmerzhafter Prozess, besonders für einen Menschen, der sein ganzes Leben lang nicht zu sehen in der Lage war, was eigentlich ist, weil es ja keinen Grund gab. Es hat ja funktioniert das Leben, es hat ja gegeben, was man brauchte um das grandiose Selbst aufrechtzuerhalten, das im Grunde als solches gar nicht existiert und sich nur über andere überhaupt definiert und erlebt.

 

Mütter mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung sind erst dann in großer Not wenn ihr Selbstwert in Frage gestellt wird, denn beim Narzissmus dreht sich alles um den Selbstwert. Dieser wurde in der Kindheit nicht beantwortet oder zerstört. Menschen mit einer narzisstischen Störung haben oft eine belastende Kindheit erlebt und ihre Verletzungen abgespalten. Um diese abgespaltenen Teile zu integrieren müssten narzisstische Mütter in Resonanz mit den eigenen Gefühlen gehen, was sie aufgrund der Abspaltung aber nicht können. Sich der schwierigen Vergangenheit zu stellen und sich ihr nähern, kann emotional herausfordernd sein. In Resonanz zu gehen mit dem jüngeren Selbst kann schmerzhaft sein. Aber es ist der einzige Weg in Kontakt mit den eigenen Gefühlen zu kommen. Genau das ist es aber, was der narzisstische Mensch meidet wie der Teufel das Weihwasser. Im Kontakt mit den eigene Gefühlen muss er letztlich erkennen, dass das Gefühl der Liebe ihm fremd ist, sowohl für andere wie auch für sich selbst. Und er muss akzeptieren: Eine narzisstische Persönlichkeitsstörung ist nicht heilbar. In der Therapie kann jedoch gelernt werden an der Selbstwahrnehmung zu arbeiten und narzisstische Verhaltensweisen zu kontrollieren. Narzissmus kann so gemildert werden, dass Betroffene und ihre Mitmenschen, in diesem Falle die eigenen Kinder, nicht länger darunter leiden.   

Die Erfahrung allerdings zeigt: Narzisstische Mütter ändern sich selten, dazu sitzen ihre Muster zu tief. Traurig. Traurig für die Kinder, die ihren eigenen Weg der Abnabelung von diesen Müttern finden müssen um sie selbst zu werden.

 

 


 

Freitag, 8. Januar 2021

Wirf der Angst kein Futter vor die Nase

 

                                                                    Foto: A. Wende
 
Angst ist gierig und gefräßig.
Sie will mehr, je mehr wir ihr ausweichen.
Wer Angst systematisch meidet, meidet nicht nur das Erleben der Angst, er belohnt die Vermeidung, die Flucht vor der Angst.
Er wirft der gefräßigen Angst Futter vor die Nase.
Mit anderen Worten: Er belohnt seine Angst dafür, dass sie stärker ist als er.
Angst, die durch Vermeidung belohnt wird, breitet sich wie ein Virus epidemisch aus.
Sie fordert immer mehr Raum, wenn wir ihr diesen Raum geben.
Angst weicht in der Regel solange nicht, bis das "Wovor" dieser Angst weicht.

Aus der Praxis – Das Leiden des Egozentrikers

 
Malerei: A. Wende

 

Egozentrik: lateinisch ego „ich“ und centrum „Mittelpunkt“ bezeichnet die Eigenschaft des menschlichen Charakters, sich selbst stets im Mittelpunkt zu sehen. Egozentrismus ist die Unfähigkeit oder der Unwille, zwischen sich selbst und anderen zu unterscheiden. Genauer gesagt ist es die Unfähigkeit, subjektive Schemata aus der objektiven Realität zu entwirren; eine Unfähigkeit, irgendeine andere Perspektive als ihre eigenen zu verstehen oder zu übernehmen. 

 

Der egozentrische Mensch ist sich seiner selbst im Tiefsten unsicher und bezieht alles auf sich. 

 „Warum tun man mir das an? Warum passiert das immer mir? Warum sind die anderen so gemein zu mir? Warum nutzen mich alle nur aus?

Alles in ihm ist ein selbstsüchtiges „mir“.


 

Egozentrik ist Selbstsucht.

Bei allem was der Selbstsüchtige denkt, fühlt und tut, steht er mit seinen Bedürfnissen und Erwartungen im Mittelpunkt. Egozentrische Menschen halten sich selbst für außergewöhnlich oder sie verhalten sich außergewöhnlich, ohne sich um die Meinung anderer zu kümmern. Sie sind nicht in der Lage sich in andere Menschen hineinzuversetzen. Der Egozentriker sieht alles nur aus der eigenen Perspektive. Das geht so weit, dass seine Sicht der Dinge und seine Meinung die einzig wahre ist. Seine Wahrnehmung des Außen ist so stark reduziert, dass er unfähig ist, andere Blickwinkel einzunehmen. Er leidet am Mangel der Unterscheidung zwischen dem Ich und der äußeren Realität. Typische Denkmuster sind: Alles was die anderen auch immer tun, sie tun es für oder sie tun es gegen mich. Und: Die anderen haben für mich da zu sein.

Nach diesen Kriterien bewertet er seine Mitmenschen und seine Beziehungen.

Er ist weder großmütig, noch bei dem, was er für andere tut, uneigennützig. Er ist wenig einfühlsam, dafür auffallend aufdringlich, fordernd, penetrant und taktlos.  

 

Der Egozentriker ist ein Getriebener. Ständig jagt er der Aufmerksamkeit und der Anerkennung von anderen nach. 

Es ist der unbewusste endlose Versuch seine Defizite im Selbstwerterleben aufzufüllen, indem er ständig nach dem heischt, was in innerlich aufwertet. Er neigt dazu andere zu entwerten, um zu betonen, wie bewundernswert er selbst ist. Jedoch bewirkt er damit das Gegenteil von dem, was er beabsichtigt: die anderen wenden sich von ihm ab.

 

Egozentriker fürchten Verbindlichkeit und echte Nähe und können diese daher nur schwer zulassen. 

Die Beziehungen des Egozentrikers sind in der Regel disharmonisch, anstrengend, frustrierend, geprägt von Wettbewerb und Kampf und unbeständig.

Diesen Menschen fehlt vor allem die Fähigkeit, sich selbst zu reflektieren und eine gesunde Beurteilung von eigener Aktion und fremder Reaktion. Ein egozentrischer Mensch begreift nicht was sein Handeln anrichtet, sondern sieht nur die Reaktion anderer auf sein Handeln und deutet diese dann als Angriff auf seine Person. Er ist sich gar nicht bewusst, was er auslöst, weil er sich ja nur um sich selbst dreht.

Er jagt blind der Anerkennung hinterher. Entweder ist er sehr erfolgreich und wundert sich darüber, dass ein Gefühl von Mangel und innerer Leere nicht verschwindet, oder er ist frustriert, weil seine Bemühungen nicht ausreichend gesehen und honoriert werden und fühlt sich vom Leben und seinen Mitmenschen ungerecht behandelt.

 

Sicher, es ist gesund, wenn sich ein Mensch an die erste Stelle setzt in dem Sinne, dass er gut zu sich selbst ist und gut für sich sorgt, aber der Antrieb im Leben anderer Menschen oberste Priorität zu haben, ist nicht gesund.

 Egozentriker sind sehr unsicher und innerlich emotional instabil. Daher brauchen sie ständig die Bestätigung durch andere. Kritik aber können sie nicht ertragen. Sie fühlen sich sofort angegriffen und fangen an zu streiten oder wenden sich ab. Der Egozentriker wird prinzipiell alles als Angriff gegen sich selbst betrachten, auch wenn man es noch so gut mit ihm meint und es ihm noch so verständlich erklären mag, er fühlt sich immer bedroht. Sein Ego will Recht haben, es will Bewunderung, Lob, Einfluss und Macht. Es ist nie satt. Wenn es nicht bekommt, was es will, ist es gekränkt und der andere ist schuld daran. Es geht um Erfolg auf allen Ebenen, aber es existieren eben Bereiche im Leben, die durch Erfolg nicht kompensiert werden können. Das kann der Egozentriker nur schwer verkraften. Er fällt in ein tiefes Loch.

 

Obwohl Egozentrismus und Narzissmus sich in ihren Erscheinungsformen ähneln ähnlich erscheinen, sind sie nicht gleich. 

Ein Egozentriker glaubt zwar, er befindet sich im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, aber er besitzt nicht, wie der Narzisst, die Befriedigung durch die eigene Bewunderung. Ihm fehlt die, den Narzissten ausmachende Größenfantasie.

 

Wie wird ein Mensch egozentrisch?  

Auf Grund kindlicher Traumata hat der Egozentriker um sich vor Verletzung und Schmerz zu schützen , seine Wahrnehmung nicht nach außen gerichtet. Er nimmt sein Umfeld deshalb nur fragmentiert und oberflächlich war. Die ständige Sorge und Angst um sich selbst, die im Kindesalter aus Selbstschutz und um emotional zu überleben berechtigt war, lässt ein sich Hinwenden zum anderen und die Auseinandersetzung mit dem anderen nicht zu.

Was diesen verletzen Seelen fehlt ist Liebe und Wertschätzung durch die ersten Bezugspersonen. Wurden weitere bedürfnisrelevante Zustände in der Kindheit ersten Lebensjahren nicht erreicht, wenn z.B. die kindlichen Bedürfnisse keine Berücksichtigung fanden oder verlässliche Nähe nicht genügend hergestellt wurde, dann kann der Mensch auch in seinem späteren Leben kein sicheres Verhältnis zur eigenen Person und zu anderen herstellen. Er ist selbstunsicher und sucht die Sicherheit seiner selbst durch Bestätigung. Immer mehr, immer besser, immer höher, immer weiter ist die Maxime seines Lebens. Dahinter schreit das insich selbst verkapselt inner Kind: Bitte seht mich doch endlich. Und gebt mir doch endlich was mir zusteht.

 

Eine ewige Suche

Wer als Kind keine echte Liebe und keine Zuwendung erfahren hat, wird im späteren Leben genau das immer suchen. Er wird anderen immer Liebesbeweise abverlangen. Er kann diese aber nicht wirklich empfangen werden, weil er unter der Distanz leidet, die ihn an die kindliche Frustration erinnert, nämlich fehlende Zuwendung. Er sitzt im inneren Käfig, der ihn einst schützte und geht automatisch immer wieder in Distanz. Die Klaquere sollen besser draußen bleiben, denn kommen sie mir zu nahe, wird es gefährlich. Dann könnten sie an meinem Universum kratzen und es kommt ins Wanken.

 

Gesunde echte Beziehung bedeutet auch Auseinandersetzung und diese fordert auch immer Auseinandersetzung mit sich selbst. 

Wird ein Egozentriker zu einer Auseinandersetzung gezwungen, kann das bei einer ausgeprägten egozentrischen Störung zur Gleichgültigkeit gegenüber dem Partner oder anderer Bezugspersonen führen. 

Aber genau diese Auseinandersetzung mit sich selbst ist für den Egozentriker heilsam.

Nur so gelingt der Weg vom Ich zum Du.

Was dieser Mensch braucht ist im ersten Schritt gesunde Selbstreflektion. Denngenau das ist sein Thema: Sich selbst erkennen und seine Kindheitswunde.

Um sie dann zu verarbeiten.

Der Weg geht zur Selbstfreundschaft - zur Selbstanerkennung und Selbstwertschätzung als Mensch, ohne das fragile Gebäude das aus den Bausteinen der Außenwirkung erichtet wurde. 

Im besten Falle findet er zur Eigenliebe. Also dem Gefühl: So wie ich bin, mag ich mich gern. Ich bin okay und liebenswert. Und weg von: Ich bin der Mittelpunkt der Welt und  Welt, gib mir das gefälligst als Feedback. 

Nur wer ein warmes Gefühl für sich selbst in sich trägt, kann es auch anderen geben.

 

Was der Egozentriker lernen darf ist, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen.

Er darf lernen, was Geben und Nehmen bedeutet. Er darf lernen, über sein ichsüchtiges um-sich-selbst-Kreisen hinauszukommen und andere so zu akzeptieren wie sie sind, selbst wenn ihre Gedanken, Gefühle, Ideen und Handlungen anders sind als seine egoistischen Erwartungen. Er darf lernen, über sich selbst hinaus, zum anderen hin zu fühlen. Er darf lernen, sich als Teil des Ganzen zu begreifen und nicht als den Mittelpunkt der Welt. Macht er sich nicht auf den Weg, bleibt er Opfer seiner Ichsucht und damit im Tiefsten allein.

Donnerstag, 7. Januar 2021

Ist es nicht so?

 

                                                              Malerei: A. Wende
 
 
Die Menschen wollen bloß in ihren Alltag zurück. 
Aber das ist nicht mehr möglich. 
Erst jetzt, wo dieser Alltag nicht mehr möglich ist, sehen sie, was ihnen in ihrem Alltag gar nicht bewusst gewesen ist: Nichts ist selbstverständlich.
Muss es erst die Bedrohung sein, muss es erst soweit kommen, um zu erkennen, wieviel in unserem Leben gut war um dankbar zu sein?
Muss erst die Bedrohung kommen um zu erkennen wie viel Gutes nicht gesehen und mehr noch - zerstört wurde?
Und müsste, angesichts der Bedrohung, nicht das Denken und Handeln der Menschen sich ändern hin zum Guten?
Und ist es nicht so, dass genau das sich bei der Mehrzahl der Menschen nicht ändert?
Und ist es nicht so, dass sich die Meisten nur gezwungenermaßen anpassen an das Jetzt, abwartend, ohne tiefgehende innere und äußere Veränderungen vorzunehmen, damit das Danach ein Besseres wird?

Dienstag, 5. Januar 2021

Sehnsucht nach Berührung

 

                                                                      Foto:www

 

Wenn uns lange niemand mit liebenden Händen berührt ist das, wenn wir Sehnsucht danach haben, und die hat jeder gesunde Mensch, schmerzhaft. Je länger das Nichtberühren dauert, desto schmerzhafter kann es sein. Berührung gehört zu den Grundbedürfnissen des Menschen. Eine Umarmung, ein liebevolles Schulterklopfen, Streicheln, Kuscheln, Küssen, Sex: Nähe und Wärme sind existenziell für uns Menschen. Berührung lässt sogar Babys schneller wachsen. Ein Mangel daran kann nachweislich krank machen. Umgekehrt können Berührungen sowohl bei körperlichen als auch psychischen Erkrankungen therapeutisch eingesetzt werden und heilsam sein. Wenn wir Menschen nicht berührt werden, verkümmern wir.

Berührung ist gut für unsere Seele, für unser Immunsystem, für die kindliche Entwicklung, und im Umgang mit kranken und alten Menschen.

 

Eine Hand halten, eine Umarmung beruhigen.

Die Haut ist das Organ, an dem unsere Identität hängt und das über eine eigene Intelligenz verfügt. Haut und Gehirn kommunizieren miteinander. Es gibt eine Verbindung von Haut und Gefühlen. Durch die Ausschüttung des Botenstoffs Oxytocin nach einer angenehmen Berührung werden zum Beispiel Stresshormone im Körper abgebaut. Das reduziert das Stresshormon Cortisol. Das wiederum reduziert nicht nur Ängste, sondern stärkt auch das Abwehrsystem. Denn ein Teil der Stressreaktion des Körpers ist die Unterdrückung von Immunfunktionen. Oxytocin bewirkt, dass wir ruhiger atmen, es senkt Herzschlag und Blutdruck – wir entspannen uns. Oxytocin schützt vor Krankheiten, es lindert Schmerzen und sorgt dafür, dass wir andere lieben und ihnen vertrauen können. Oxytocin spielt für das Zusammenleben aller Menschen eine große Rolle - es wirkt prosozial. Berührungen transportieren Emotionen und sie fördern ein harmonisches Miteinander. Ob körperlich, seelisch oder geistig: Berührung stellt Beziehungen und Zusammenhänge her. 

 

Was wird aus einem Menschen, wenn er zu wenig Berührung erfährt?

Was macht es mit unserer Seele, wenn wir uns nicht mehr anfassen dürfen?

Die Therapeutin Virginia Satir sagte einmal: Wir brauchen 4 Umarmungen pro Tag zum Überleben, 8 Umarmungen pro Tag, um uns gut zu fühlen, und 12 Umarmungen pro Tag zum innerlichen Wachsen. Machen wir uns das bewusst, erkennen wir wie wichtig es ist zu berühren und berührt zu werden. Wenn Berührung lange fehlt, kann Sinnleere die Folge sein. Wer nicht berührt wird, spürt sich weniger selbst – er wird seiner selbst ­unsicher oder sich selbst im ungünstigsten Falle fremd. Und das hat wiederum Folgen für seine Beziehungen zu anderen. Er wird misstrauischer. Nähe ist für ihn angstbesetzt. Er geht auf Distanz -  in dem Maße wie er eine innerliche Distanz zu sich aufgebaut hat. Er beginnt im wahrsten Sinne des Wortes zu fremdeln. Je mehr ein Mensch unter Nichtberührung leidet, desto höher ist die Gefahr seelisch und körperlich zu erkranken.

 

Was können wir tun, wenn Haut und Seele weh tun von der Nicht-Berührung?

Früher haben wir auf das Phänomen der Berührung gar nicht geachtet. Berührung war selbstverständlich, es gab sie oder es gab sie nicht, aber meist gab es sie im alltäglichen Umgang in irgendeiner noch so kleinen Weise. 

Jetzt ist das anders. In unserem Jetzt fehlt es vielen von uns genau daran. Wir dürfen uns nicht mehr berühren. Der Pfleger nicht mehr den Pflegebedürftigen, der Arzt nicht mehr die Patienten, der Therapeut nicht mehr den Klienten, das Familienmitglied nicht mehr den Kranken. Hände schütteln, Küsschen auf die Wange, eine spontane Umarmung geht nicht. Geht schon, aber mit Risiko. Uns auf eine intime Begegnung einlassen - Risiko. 

Die Dinge haben sich verändert. Aber wir uns nicht. Wir brauchen noch immer Berührung und wir leiden darunter sie nicht mehr angstfrei oder zumindest nicht mit mulmigem Gefühl erfahren zu dürfen. Für viele Menschen aber ist Nichtberührtwerden nichts Neues. Immer gibt es Menschen, die ohne Berührung leben müssen, einfach weil es da niemand Berührbaren in ihrem Leben gibt. Sie kennen den Schmerz des Vermissens gut, den jetzt viele von uns zum ersten Mal intensiv zu spüren bekommen.

 

Was aber können wir jetzt tun, wenn wir niemanden haben, der uns berührt und wir ihn?

Die Berührung warmer Gegenstände tut gut und macht großzügig.

Zu dieser Erkenntnis gelangten in zwei Experimenten Lawrence Williams von der Universität von Colorado und John Bargh von der Yale Universität im Jahr 2008. Einerseits bewerteten Teilnehmer einen Fremden als großzügiger und fürsorglicher, wenn sie zuvor kurz einen Becher mit warmem Kaffee in Händen hielten. Andererseits sorgte ein Wärmekissen dafür, dass die Teilnehmer eher ein Geschenk für Freunde aussuchten als für sich selbst.

Wärme tut also gut.

Das können wir für uns nutzen. Achtsam einen warmen Tee trinken.Achtsamkeit im Umgang mitdem eigenen Körper tut gut. Ein warmes Bad nehmen, uns mit warmen Öl selbst massieren, eine Wärmflasche auf den Bauch legen und warmes Licht anmachen hilft. Meditation hilft. Schöne Dinge bewusst berühren hilft. Bewusst schmecken, was wir essen hilft. Was wir zum Essen zubereiten bewusst berühren hilft. Bewegung, am besten draußen in der Natur, hilft. Die warme Sonne, aber auch Kälte oder Wind helfen, den Körper zu beruhigen, wenn er lange auf Berührungen verzichten muss. Kreativität, die uns in Flow versetzt, hilft. Die Seele von schöner Musik berühren zu lassen hilft. Worte, die uns berühren, helfen. Ein Haustier streicheln hilft. Den alten Teddy aus Kindertagen in den Arm nehmen hilft. 

Wahr ist leider: Alles hilft nicht so richtig.

Wir, die wir keinen zum Anfassen haben, sind jetzt gezwungen mit unserer Sehnsucht nach Berührung zu leben.

Aber was hilft gegen die Sehnsucht?

Vertrauen - darauf, dass es anders wird. Und das wird irgendwann so sein. Und gut zu uns selbst sein, so gut wir es vermögen.

Und was noch?

Mir hilft mein Glaube.

Ein Mensch, der glaubt, unterscheidet sich vom dem, der nicht glaubt, dadurch, dass er glaubt, dass Gott ihn durch das, was er ihn erfahren lässt, berühren will. Dieser Glaube berührt die eigene Seele auf einer höheren Ebene und befriedet sie. An etwas Größeres glauben in schweren Momenten öffnet die Bereitschaft für einen hoffnungsvollen Umgang mit der Sehnsucht. Darin liegt die heilsame Berührung im sich Sehnen.