Dienstag, 6. August 2013

Aus der Praxis - Über das Vertrauen

 
 
Vertrauen ist der Mut sich verletzlich zu zeigen. Deshalb ist es um so schmerzhafter, wenn wir vertrauen und die Erfahrung machen, dass gerade dieser Mut nicht wertgeschätzt, sondern enttäuscht wird. Wir alle wollen vertrauen, wir alle sehnen uns danach anderen und vor allem uns selbst Vertrauen schenken zu können. Der Wunsch zu vertrauen ist eine zutiefst menschliche Sehnsucht, eine Sehnsucht die dem Wunsch entspringt Halt zu finden. Woran sollen wir uns halten, in einem Leben, in dem nichts sicher ist, in dem wir alles erfahren und erleben können auf der unendlichen Klaviatur von Möglichkeiten mit all den Zwischentönen, die da sind, auch den schiefen.

Wir wollen vertrauen und auch die unter uns, deren Vertrauen missbraucht wurde, vielleicht sogar oft, wollen es immer noch und immer wieder. Irgendwo tief in uns wissen wir, wenn wir das Vertrauen verlieren, verlieren wir den Glauben an das Leben selbst, wir verlieren das Gottvertrauen, das uns in die Wiege gelegt wurde wie die Liebe. Vertrauen ist der Glaube an die Richtigkeit, die Ehrlichkeit und an die Wahrhaftigkeit von Personen oder Handlungen von Personen. 

Für unsere seelische Gesundheit und unsere Fähigkeit im Leben zu bestehen ist Vertrauen von essentieller Bedeutung. Darauf vertrauen, dass alles gut geht, dass wir an einem sicheren Ort sind, dass wir gesund bleiben, dass unser Partner, unsere Familie und unsere Freunde zu uns stehen, dass wir von etwas, das größer ist als wir, getragen und aufgefangen werden, ist von essentieller Bedeutung um zuversichtlich unseren Lebensweg zu gehen, um die Hoffnung zu behalten und an das Gute zu glauben. 

Jenseits aller romantischen Verklärung aber ist das Vertrauen mehr als Glaube und Zuversicht, es braucht ein Fundament. Dieses Fundament basiert auf den Erfahrungen, die wir als Kind gemacht haben. Haben wir als Kind emotionale Sicherheit erlebt und daraufhin entwickeln können, tragen wir das positive Grundgefühl in uns, dass wir dem Leben und den Anderen vertrauen können, dass sie verlässlich sind. Wir spüren emotionale Sicherheit und diese wird zur Grundhaltung, die sich durch das ganze weitere Leben zieht.
Besitzen wir diese Grundhaltung heißt das, wir haben Urvertrauen entwickeln können. Urvertrauen entsteht aus der Erfahrung, dass zwischen der äußeren Welt und den Bedürfnissen des eigenen Inneren eine hohe  Übereinstimmung herrscht.  


Neben dem Erleben des Vertrauens wird aber auch von jedem Kind das Misstrauen erlebt, indem z. B. die Mutter beginnt das Kind auch hin und wieder alleine zu lassen, um in einem anderen Raum zu arbeiten. Die Zeitspannen, in den das Kind alleine ist, fördern sein Misstrauen. Für eine normale Entwicklung ist dies aber notwendig, denn es ist wichtig, dass das Kind beide Pole – also Vertrauen und Misstrauen erfährt. Entscheidend aber ist, dass sich das Vertrauen stärker entwickelt. Ein gesundes Urvertrauen entwickeln wir dann, wenn Eltern, bzw. Bezugspersonen, kontinuierlich liebevoll, verlässlich und fürsorglich für uns da sind. Wenn Eltern oder Bezugspersonen ein Kind gefühlsmäßig ablehnen, es vernachlässigen oder sogar misshandeln, ist es nicht fähig Vertrauen zu entwickeln. Es misstraut der Welt und erlebt sie als einen unsicheren Ort.

Die erste Bedeutung des “Urvertrauens” geht auf Forschungen des amerikanischen Psychologen Harry Harlow zurück, der die Intelligenz und das Sozialverhalten von Rhesusaffen studierte. Nach dem Psychoanalytiker Erik H. Erikson dessen Entwicklungstheorie auf  Sigmund Freuds Dreiphasentheorie basiert, aber auf acht Phasen erweitert ist, ist das Erlangen des Urvertrauens die erste Stufe des Stufenmodells unserer psychosozialen Entwicklung. Urvertrauen entwickelt sich im ersten Lebensjahr und steht dem Urmisstrauen gegenüber. 

Erikson bezeichnet das Gefühl des Urvertrauens als ein „Gefühl des Sich-Verlassen-Dürfens“, was heißt: Das Kind ist angewiesen auf die Verlässlichkeit seiner Bezugspersonen. Werden ihm körperlicher Nähe, Sicherheit und Geborgenheit verweigert, entwickelt es Bedrohungsgefühle und Ängste, da die weitgehende Erfüllung dieser Bedürfnisse für das Kind überlebenswichtig sind. Zum anderen verinnerlicht es das Gefühl seine Umwelt nicht beeinflussen zu können und in der Folge - ihr hilflos ausgeliefert zu sein. Hier entsteht die Gefahr der Etablierung eines Ur-Misstrauens. Das Kind entwickelt Ängste des „Leergelassenseins“ und „Verlassenwerdens“. Da es die Zuverlässigkeit und die Glaubwürdigkeit anderer nicht erlebt und so auch kein Vertrauen entwickeln kann, entwickelt es auch kein Vertrauen in die Zuverlässigkeit seiner selbst. Geprägt wird auf diese Weise ein Mensch voller Zweifel und Selbstzweifel, voller Misstrauen gegen andere, ohne Selbstvertrauen und dem Gefühl innerer Leere.

Wer kein Urvertrauen aufbauen konnte ist ein unsicherer, innerlich einsamer Mensch, der in seinem In-die-Welt-geworfen-Sein wie in einer Nussschale auf dem Ozean treibt, ohne Halt und ohne das Gefühl getragen zu werden.

Was, wenn uns dieser Vertrauensvorschuss aus der Kindheit fehlt?  
Kann Vertrauen wachsen, gibt es eine Möglichkeit doch noch Vertrauen zu lernen?
Es ist ein fundamentaler Irrtum, Vertrauen entstünde, wenn man es übt oder es immer wieder neu versucht, es „verschenkt“, wie man landläufig sagt. So entsteht allenfalls Vertrautheit, aber kein wirkliches Vertrauen. Vertrauen ist viel mehr: Es ist die Gewissheit, sich auf Menschen verlassen zu können, auf das Leben selbst und vor allem: auf sich selbst.

"Du musst mir einfach vertrauen!" Auch das hilft dem, der kein Urvertrauen erfahren hat, nichts. Vertrauen kann man nicht einfordern und nicht haben wollen. Jeder Versuch etwas gewaltsam herstellen zu wollen muss scheitern. Er bewirkt nämlich exakt das Gegenteil – inneren Widerstand.

Ein in der Kindheit nicht erlangtes Vertrauen entwickelt sich wie eine Pflanze. Man muss es säen, es muss wachsen und zwar freiwillig und allmählich, so wie es der Pflanze entspricht. Und dennoch, auch dann bleibt Vertrauen, bei denen, die es nie gelernt haben, eine zarte Blüte, die nicht kräftiger wird allen durch Zeit. Auch ein hohes Maß an gegenseitigem Vertrauen beispielsweise kommt nicht dadurch zustande, dass man einander lange genug kennt. Gewohnheit ist zwar Vertrautheit aber Vertrautheit ist noch lange nicht Vertrauen. Vertrauen ist keine Frage der Zeit, es ist keine Frage des Wollens - es ist eine Frage des Könnens – und manche Menschen können es aus all den oben aufgeführten Gründen nicht oder nicht sonderlich gut. 

Was bleibt? Nun, entweder ein Leben im Glashaus, in dem wir niemanden an uns heranlassen oder der immer neue Versuch Vertrauen zu üben, getragen vom Mut und der Einsicht auch Enttäuschungen als sinnvoll und lehrreich anzuerkennen. Und letztlich ist es doch so: Nichts im Leben ist sicher, außer, dass nichts sicher ist. Lassen wir seine Endlichkeit einmal außen vor.


in mir




will 
mich eingraben
will
nichts sehen
will
nichts hören
will 
dass es still ist
will 
frieden finden 
in mir.

Samstag, 3. August 2013

zwei mal loslassen




anna versuchte es, sie versuchte es mit einem solchen kraftaufwand, dass ich das gefühl nicht los wurde, sie brauchte neunzig prozent dieser kraft um sich selbst zusammenzuhalten. ihr kampf mit der vergangenheit beherrschte ihr leben. ja so könnte man sagen. ich versuchte mir vorzustellen, wie sich das anfühlte, dieser kraftaufwand, dieser innere kampf gegen etwas, das so machtvoll zu sein schien, dass es alles andere in den hintergrund drängte. das andere  - das leben jetzt mit mir, mit sich selbst und den anforderungen, die dieses leben an sie stellte.

in der grauen stunde zwischen nacht und tag, in der ich sie, wie so oft, am fenster sitzend fand, versunken in eine welt, deren bilder ich nicht kannte, fragte ich sie, warum sie nicht loslassen konnte, oder wollte. ein wollen musste doch ein können bewirken, dachte ich.

anna antwortete, dass sie wolle, ihr das wollen aber rein gar nichts nütze, weil es nicht ihre alleinige vergangenheit war, weil ihre vergangenheit eng verknüpft war mit der eines anderen. der andere, der gelitten hatte, wie sie, durch sie, wie anna glaubte. dieser unverrückbare glaube verantwortlich zu sein für eine andere vergangenheit, das würde zwei mal loslassen bedeuten und das sei noch viel schwerer als das einmal loslassen. wenn es nur ihre vergangenheit gewesen wäre, hätte sie frieden schließen können. aber so sei es nicht und deshalb sei es, wie es sei.

ihre worte trafen mich ins herz. ich wusste, wie es war, wenn man sich das glück für einen anderen wünschte und freiheit und vergessen. ich wünschte es mir für anna und ich wünschte es mir für die, die ich verletzt hatte.

hilflos, müde und erschöpft von den schweren gedanken in unseren köpfen und der traurigkeit in unseren herzen saßen wir da. ich sah in das aufreissende blau des morgenhimmels, das mit aller kraft graue wolken vor sich her schob.



Donnerstag, 1. August 2013

identisch




die identität, die sich aus der identifikation heraus bildet, ist von introjektionen gebildet und nicht unsere wahre identität, 
die nämlich, die unserem wesenskern entspricht. 

wir sind nicht das leid, der schmerz, die enttäuschung - wir haben es erfahren. 
 das überdeckt und verhindert die entfaltung des menschen, der in uns angelegt ist.