Montag, 13. Januar 2025

Was ist dran am Klischee vom intelligenten, glücklichen Einzelgänger?

 

                                                                           Foto: A.W.

 

Eine Studie aus dem British Journal of Psychology zeigte vor einigen Jahren, Hochintelligente Menschen, the extremely intelligent, genannt, erfahren weniger Zufriedenheit in sozialen Kontakten. Damit stehen sie im Gegensatz zur Mehrzahl der Menschen, bei der Sozialisation mit anderen Menschen einer höheren Lebenszufriedenheit gleichkommt. 

 

Wir Menschen sind soziale Wesen, wir brauchen einander, das haben zahlreiche Wissenschaftszweige belegt. Der Reiligionsphilosoph Martin Buber brachte es auf den Punkt: „Alles wirkliche Leben ist Begegnung. Der Mensch wird am Du zum Ich“,  denn nur in Beziehung zu einem Du kann sich unser Ich entwickeln. Mit "Du" meinte Buber dabei unsere Mitmenschen als auch Gott, im Sinne von: Das „ewige Du“.

 

Wie aber steht es um die intelligenten Einzelgänger, brauchen sie kein Du, keine Begegnungen, und wenn, warum ist das so?

Laut obengenannter Studie sind viele intelligente Menschen Einzelgänger. Sie vermeiden weitgehend soziale Kontakte. Die Autoren der Studie, Norman Li, ein Evolutionspsychologe an der Singapore Management University und Satoshi Kanazawa von der London School of Economics, haben sich mit der Frage beschäftigt, wie sich Intelligenz, Freundschaft und Bevölkerungsdichte auf das Glücksgefühl der Menschen auswirken. Ihr Fazit: Intelligente Menschen fühlen sich glücklicher, wenn sie ihre Zeit nicht mit anderen verbringen müssen. 

Der Grund: Sie können Aufgaben besser alleine lösen und ziehen es vor selbstständig die Herausforderungen des Lebens zu meistern. Ihr Fokus liegt auf Autonomie im Gegensatz zu Fremdgesetzlichkeit, Fremdbestimmtheit und Bindung, also der Abhängigkeit von fremden Einflüssen bzw. vom Willen und den Erwartungen anderer. Aufgrund ihres starken Autonomiebedürfnissen sind ihnen Beziehungen weniger wichtig. Manche von ihnen, so eine Aussage der Studie, empfinden Beziehungen sogar oft als Klotz am Bein. 

 

Unser Maß an Intelligenz beeinflusst die Art, wie wir die Welt sehen.

Ein Mensch mit einem hohen IQ und ein Mensch einem niedrigen IQ sehen nicht dieselbe Welt. Die Person mit dem höheren IQ erkennt und versteht komplexe Informationen, Zusammenhänge und Muster, die die Person mit dem niedrigen IQ nicht sieht. Er ist fähig abstrakt zu denken, Dinge schnell zu erfassen, zu verarbeiten und daraus angemessene Schlussfolgerungen zu ziehen. Diese Fähigkeit umfasst kognitive Prozesse wie Wahrnehmung, Lernen, Erinnern, kritisches Denken und eine hohe geistige Leistungsfähigkeit bei Entscheidungsfindungen und im kreativen Lösen von Problemen. 

Von diesen Menschen, die diese Fähigkeiten besitzen, gibt es nicht allzu viele. Was dazu führt, dass jene, die sie besitzen, oft Einzelgänger sind. 

 

Ann Clarkson von der Mensa International, der weltweit größten und bekanntesten Hochbegabtenvereinigung, sagte dazu einmal Folgendes: „Es ist belegt, dass sich sehr intelligente Menschen manchmal von den Menschen um sich herum isoliert fühlen, weil sie die Welt anders sehen und wahrnehmen. Es ist schwer, jemanden zu finden, der Informationen genauso verarbeitet wie du, wenn dein Gehirn so funktioniert, wie das von nur zwei Prozent vom Rest der Weltbevölkerung.“

 

Mit anderen Worten: Wer besonders intelligent ist, ist allein, ein Einzelgänger. 

Da aber alles  mehrere Seiten hat, gilt auch hier: Das Thema ist komplex.

Der postulierte Zusammenhang zwischen sozialer Isolation und Intelligenz stimmt so pauschal nicht. Das würde im Umkehrschluss heißen: wer sozial integriert ist, gesunde Beziehungen führt und Freunde hat, ist nicht sonderlich intelligent. Auch unter Hochintelligenten gibt es sozial integrierte Menschen, die erfüllende Beziehungen haben. Man hüte sich wie immer vor Verallgemeinerungen. Wahr allerdings ist, es ist schwer, mit jemandem zu kommunizieren, der nicht dieselbe Welt sieht, die wir sehen.

Eine Ursache dafür, dass intelligentere Menschen oft Einzelgänger sind, liegt u.a. am Kommunikationsspektrum. Jeder Mensch kann am besten mit einem Gegenüber kommunizieren, das einen ähnlich hohen IQ und ein ähnliches Kommunikationsspektrum hat. 

Je intelligenter ein Mensch ist, desto weniger Menschen können ihn verstehen, was dazu führt, dass man sozial isoliert ist, dann nämlich, wenn man absolut keine Begabung für Small Talk hat und diesen als sinnlos, ermüdend und langweilig empfindet. Während sich die meisten Menschen für banale Dinge interessieren und darüber endlos reden, machen sich intelligentere Menschen über wichtigere und komplexere Dinge Gedanken. Sie gehen in die Tiefe, haben einen hohen Anspruch an Details, nehmen wahr, was anderen gar nicht auffällt und meiden alles, was nur die Oberfläche kratzt. Pseudothemen ohne Nährwert sind für sie reine Zeitverschwendung.

Vielen intelligenten Menschen mangelt es an Menschen mit ähnlicher Intelligenz.

Sie isolieren sich dann, auf Grund der Tatsache nicht verstanden zu werden.

Sie wählen aufgrund dessen, dass sie keine Resonanz finden, ihr Einzelgängertum selbst, nach dem Motto: „Besser allein, als schlecht begleitet.“ Ihr unerfüllter Anspruch zwingt sie in die Isolation.

Intelligente Menschen machen zudem immer wieder die Erfahrung, dass sie oft nicht verstanden oder sogar missverstanden werden, dass man ihnen sagt,  sie seien seltsam, kompliziert, überempfindlich und anstrengend.

Wozu sollen sie sich dann austauschen?

In Folge ziehen sie sich, aufgrund wiederholter Zurückweisung, in ihre eigene Welt zurück. Viele intelligente Menschen sind nicht einmal introvertiert, sie finden einfach keine Verbundenheit, sprich Menschen, die ähnlich wahrnehmen, denken und fühlen. Sie sind auch nicht unbedingt sozial inkompatibel, sie genießen Gesellschaft, wenn inspirierende Gespräche stattfinden.

 

Fakt ist auch: Je höher die Intelligenz, umso höher sind in der Regel die Selbstansprüche.  Werden diese nicht erfüllt, wachsen Frust, Enttäuschung und Selbstzweifel. Was wiederum auch zum inneren Rückzug führen kann. Je intelligenter, desto mehr Gedanken sind im Kopf, und das heißt auch, desto mehr wird gegrübelt. Was nicht immer heilsam ist.  

Eine kanadischen Studie mit dem Titel: "Intelligence and emotional disorders: 
Is the worrying and ruminating mind a more intelligent mind?", die den Zusammenhang 
zwischen Intelligenz und emotionalen Störungen untersucht hat, kam zu dem Ergebnis, 
dass das Grübeln tatsächlich ein Grund dafür ist, warum besonders intelligente Menschen 
die Einsamkeit bevorzugen. 
Zudem zeigte die Studie, dass es einen Zusammenhang zwischen Angst- und Depressionen 
mit Intelligenzmessungen gibt. Laut der Studie machen sich Menschen mit hoher Intelligenz 
mehr Sorgen. Infolgedessen haben sie ein höheres Angstniveau und entwickeln häufiger 
Angststörungen wie z.B. die GAS (Generalisierte Angststörung). 
 
Schließlich sind intelligente Menschen oft sensibler, heißt: Verwundbarer. 
Da jeder Kontakt die Möglichkeit beinhaltet, verletzt zu werden, neigen sie zu sozialem 
Rückzug, was zur Vereinsamung führen kann. 

Intelligente Menschen, die noch dazu hochsensibel sind, fühlen sich zudem häufig missverstanden und damit nicht anerkennt und ausgegrenzt.

Daher meiden Sie Gespräche und Kontakte, die negative Gefühle auslösen. 

 

Das Klischee vom intelligenten, glücklichen Einzelgänger kommt bei genauerer Betrachtung ins Wanken. 

Ich kenne, auch durch meine Arbeit, einige intelligente Menschen, die oft einsam und traurig sind. Sie leiden unter einer inneren Einsamkeit, die C.G. Jung einmal so definierte: „Einsamkeit kommt nicht davon, keine Menschen um sich herum zu haben, sondern davon, unfähig zu sein, die Dinge zu äußern, die einem wichtig sind oder seine eigenen Standpunkte zu vertreten, die andere als unzulässig finden.“

Es ist also nicht so, dass hohe Intelligenz uns per se zum glücklichen Einzelgänger macht, und dass sie generell zu einem gelingenden Leben führt, es macht auch nicht unbedingt Spaß allein zu sein. Das Klischee vom intelligenten Einzelgänger ist eine hochkomplexe Sache, es ist u.a. die Reaktion auf die Umwelt, verbunden mit vielen Parametern der Persönlichkeit und der Psyche, wozu übrigens auch die Bindungsangst und Bindungsstörungen gehören, welche dann als „Splendid Isolation des einsamen Genies “ stilisiert und romantisiert werden.

Manchmal ist es auch einfach bequemer intelligenter Einzelgänger zu sein, nach dem Motto: Am Gipfel bleibt die Lage überschaubar.

Mein Fazit: Intelligenz ist leider nicht genug für ein gelingendes Leben.

 

 

 

 

 

Samstag, 11. Januar 2025

Was wachsen soll

 

                                                                      Foto:A.W.

 
Immer, wenn ich gegen etwas kämpfe oder mich etwas widersetze, das ich nicht haben will, bekommen ich mehr davon. Wogegen ich Widerstand leiste, bleibt bestehen. Und ich verstricke mich immer mehr darin.
Man kann nichts erzwingen, was nicht sein soll. Sollte es sein, würde es sein. 
Wenn wir zu hart und zu lange kämpfen und nichts erreichen, ist es Vergeblichkeit.
So macht beispielsweise der Kampf gegen den Krieg keinen Sinn. 
Der Kampf für den Frieden macht Sinn. 
 
Es geht darum, unsere Aufmerksamkeit und unsere Energie auf das zu lenken, was wachsen soll, statt auf das, was wir bekämpfen.
„Was würde ich stattdessen, was ich bekämpfe, gerne haben?“ ist eine gute Frage. 
Damit konzentrieren wir unsere Energie und unsere Emotionen auf das, was wachsen soll.

Dienstag, 7. Januar 2025

Respekt & Respektlosigkeit

 

                                                            Zeichnung: A.Wende


Was ist Respekt?
Respekt ist eine innere Haltung und ein Verhalten im sozialen Miteinander. Das Wort kommt aus dem Latenischen respectus und bedeutet so viel wie Zurückschauen, Rücksicht, Berücksichtigung und bezeichnet eine Form der Wertschätzung und der Achtsamkeit anderen gegenüber, mit anderen Worten: Respekt beinhaltet Achtung vorm anderen und kennzeichnet sich durch höfliches, tolerantes, ehrliches Verhalten.
Respekt bedeutet auch: Wir achten die Würde des anderen.
Wenn sich zwei Menschen begegnen oder eine intime Beziehung haben, gibt es genau drei Möglichkeiten: Beide haben Respekt voreinander und es besteht Harmonie. Beide haben keinen Respekt voreinander, sie verletzen einander. Einer hat Respekt, der andere nicht und verletzt den anderen.
 
Was ist Respektlosigkeit ?
Respekt ist ein Ausdruck der Achtsamkeit.
Respektlosigkeit trägt immer die Missachtung der Würde des anderen in sich.
Sie gehört zum unguten Ton. Sie gehört leider mehr und mehr zum normalen Ton unter Menschen. Respektlosigkeit beginnt bereits in der Kindheit, dann wenn Bindungspersonen und oder Erzieher, die Würde des Kindes nicht achten, in welcher Form auch immer. Respektlosigkeit herrscht u.a. in Familien, in Beziehungen, in Schulen, im Job, auf den Straßen, in der Politik, in der Presse und in Social Media, in jeder Art sozialen Miteinanders. Sie ist uns so vertraut, dass sie von vielen als normal empfunden wird. Aber zugleich fällt vielen von uns auf, dass die Menschen untereinander keinen Respekt mehr haben. 
 
„Die Würde des Menschen ist unantastbar, sagt das Grundgesetz. Das ist natürlich falsch, denn sie wird dauernd angetastet“, schreibt Ferdinand von Schirach in seinem Essay: Die Würde ist antastbar. Tag für Tag tasten Menschen überall auf der Welt die Würde anderer an, im Großen wie im Kleinen. Zu diesem Antasten der Würde gehört auch die Respektlosigkeit.
 
Ob ein Mensch respektvoll gegenüber anderen ist, ist Teil seiner Persönlichkeit. Ebenso wie Respektlosigkeit Teil einer Persönlichkeit ist. 
Respekt ist ein Wert ist, der eng zusammenhängt mit Persönlichkeitsmerkmalen wie Ehrlichkeit, Bescheidenheit, Verträglichkeit, Warmherzigkeit, Freundlichkeit, Gewissenhaftigkeit, Toleranz, Offenheit, Empathie und Verantwortungsbewusstsein. Je mehr ein Mensch über diese Eigenschaften verfügt, desto respektvoller ist sein Verhalten anderen gegenüber. Je weniger dieser Eigenschaften vorhanden sind, desto wahrscheinlicher verhält sich ein Mensch respektlos anderen gegenüber.
Immer respektvoll zu bleiben ist nicht einfach, nobody is perfect.
Es kommt in Beziehungen immer wieder zu Konflikten, Streit und Missverständnissen. Hier kommt es darauf an, wie wir dann miteinander umgehen – im besten Falle im gegenseitigen Respekt. Dieser beinhaltet nicht nur die Würde des anderen zu achten, sondern auch seine Sichtweisen, seine Argumente und seine Werte und es bedeutet: Ambivalenzen auszuhalten. Wenn aber immer wieder oder permanent Respektlosigkeit, Kränkungen und Verletzungen vorkommen, ist es Zeit eine gesunde Grenze zu setzen – der eigenen Würde und des eigenen Seelenheils wegen. 
 
Ein Mensch, der uns immer wieder respektlos behandelt, tut uns nicht gut. Wir können tausend Gründe dafür finden, warum er das tut, es ändert nichts daran, dass uns dieses Verhalten Schaden zufügt.  
Wenn wir diesen Menschen wiederholt darauf hinweisen, dass uns seine Respektlosigkeit verletzt und er keinen guten Willen zeigt sein destruktives Verhalten zu ändern, ist es Zeit uns von diesem Menschen zu distanzieren oder abzuwenden, es sei denn, wir gehören zu der oben genannten Kategorie: Beide haben keinen Respekt voreinander, sie streiten und verletzen einander.
Respektlosigkeit im menschlichen Miteinander ist immer unheilsam. Sie verhindert, dass sich Menschen gegenseitig gut tun. Respektlos behandelt zu werden, verursacht emotionalen Stress, denn respektloses Verhalten schmerzt, es abzuwehren, kostet Kraft und Energie. Wenn wir auf dem Weg der Genesung sind, wissen wir das. Wir wenden uns ab, um unseres Seelenheils willen. Das ist Selbstfürsorge. Das ist Respekt vor uns selbst.
 
Innere Freiheit beginnt in dem Moment, in dem wir aufhören, andere unsere Gefühle kontrollieren zu lassen.
 
 
Angelika Wende

Samstag, 4. Januar 2025

Symbole


 


Der Raum in dem wir leben, sagt viel über uns selbst aus.
Wenn wir eine fremde Wohnung zum ersten Mal betreten, sehen wir mit welchen Dingen ihr Bewohner sich umgibt und diese Dinge sagen etwas über seine Art zu leben aus.
Wir erkennen, ob er Sinn für Schönheit, Harmonie und Kunst hat, ob er eher sachlichen Kühle mag, weil ihm Struktur und Ordnung wichtig sind, ob er chaotisch ist, kreative Unordnung mag und vieles mehr. Auch die Farben, in denen ein Raum gestaltet ist, sagen einiges über seinen Bewohner aus.
Räume sprechen über ihre Symbolik und diese macht etwas mit uns.
Gestern habe ich mir die Zeit genommen, den Raum in dem ich lebe und arbeite, in Ruhe zu betrachten. Ich bin aufmerksam durch jedes Zimmer gegangen und habe ihn mir genau angesehen. Alles was herumsteht, von den Möbeln bis hin zu den Bildern, die an der Wand hängen. Ich habe mich gefragt, ob mir gefällt, was ich sehe, ob es noch zu der passt, die ich jetzt bin, ob es zu meinen Vorstellungen, meinen Werten und zu meiner Art zu leben, passt.
Ich sah Dinge, die mir nicht mehr gefallen und die ich nicht mehr brauche. Ich sah Dinge, mit denen ich Vergangenes verbinde, was mir nicht guttat und deren Symbolik unschöne Erinnerungen in mir auslöst. Von diesen Dingen habe ich mich getrennt.
Ich habe den Raum befreit von allem, was mich belastet, um ihn frei zu machen, für das, was ich jetzt in mein Leben einladen will. Es tat gut.
 
Wenn du magst, kannst Du achtsam durch Deine Räume gehen und Dich fragen:
Was bedeutet das, was bei mir im Raum ist, symbolisch für mich?
Welche Gefühle löst es in mir aus.
Welche Gedanken?
Wirkt es ausgleichend?
Stärkt es mich?
Freue ich mich dich daran, wenn ich es sehe?
Will ich diese Energie noch in meinem Raum?
Welche unterstützende Energie will ich jetzt in meinem Raum?
Und: wie kann ich sie durch Symbole herstellen?
Viel Freude dabei!
 
Angelika Wende

Freitag, 3. Januar 2025

Aus der Praxis: Fear of Happiness, die Angst vor Glück

 



Was ist Glück?
Wie fühlt sich Glück an?
Gibt es einen Weg zum Glück?
Wie werde ich glücklich?
Wie halte ich das Glück, wenn es mit begegnet?
 
All das sind Fragen, die wir uns stellen, wenn es um das Glück geht.
Glück bedeutet für die meisten von uns optimales Wohlbefinden. Wir sind maximal einverstanden mit dem, was ist, wir sind eins mit dem, was ist, wir haben das Gefühl angekommen zu sein, so wie der Hans im Glück, der am Ende seiner Reise auf der Suche nach dem Glück das Wesentlichen erkennt. Zumindest ist das die Lektion im Märchen der Brüder Grimm: Glück liegt nicht in materiellem Reichtum, sondern in der Zufriedenheit mit dem, was man hat. Hans jedenfalls ist am Ende glücklich.
 
Eine andere Geschichte geht so: "Endlich habe ich verwirklicht wovon ich immer geträumt haben. Und es war sogar ein Erfolg. In diesem Moment war ich unfassbar glücklich. Und sofort kam sie, die Angst, da kommt sicher ein Unglück. Mein Blick in die Zukunft ist voller Angst, sie wird wieder Schmerz bringen. Ich kenne es doch, immer wenn es mir gut geht, dauert es nicht lange und es ist vorbei. Dieser Glücksmoment, der das Grau des Alltags in helles Licht taucht, Augenblicksglück, vergänglich wie alles. Vom Moment des Eintauchens bis zum Moment des Auftauchens, nur ein Augenblick. Schon im Kommen liegt sein Gehen. Ich falle zurück in diese existenzielle Angst, die durch kein Glück überwindbar ist. Sie ist da, schaut mich aus großen Augen an, sagt: Pass auf, das nächste Unglück kommt bestimmt! Das Glück trägt nicht. Ich habe es doch immer wieder erfahren."
Diese Geschichte ist die Geschichte einer Klientin. Sie gehört zu den Menschen, die sich davor fürchten, glücklich zu sein.
 
„Fear of happiness“, Angst vor dem Glücklichsein nennen Psychologen das Phänomen.
Die Betroffenen haben große Probleme, sich selbst Glück oder Freude zuzugestehen. Beides beunruhigt oder ängstigt sie. Sie denken: Heute bin ich glücklich, und morgen passiert bestimmt etwas Schlimmes. Bei mir darf es nicht gut sein, und wenn es gut ist, werde ich dafür bestraft. Wenn ich mich zu sehr über etwas freue, wird es mir wieder genommen.
Die Strategie dieser Menschen um diese belastenden inneren Überzeugungen zu kompensieren oder abzuwehren, sieht dann so aus: Sie versuchen starke Glücksgefühle zu unterdrücken oder sie erlauben sich, sie für den Moment zu fühlen, um das Glücksgefühl dann wieder mit destruktiven Gedanken zu vernichten. Statt ihr Glück zu genießen und es auszukosten, versuchen sie bewusst es zu dämpfen oder zu demontieren. Es kann nicht sein, was nicht sein darf! Für sie nicht. Für alle anderen schon.
 
Strategien gegen Glücksgefühle gibt es viele. Manche gehen soweit, das Betroffene akut krank werden, nachdem sie Glück erlebt haben. Der Körper symptomatisiert, was sie als unverdient und nicht zu ihnen gehörig empfinden und „straft“ sie mit Kranksein oder Schmerzen ab. 
 Die Angst vor dem Glück ist eine emotionale Grundhaltung, die jeden möglichen Fortschritt in Richtung Wohlbefinden behindert. Eine Tatsache kann nicht anerkannt werden, weil sie gegen das eigene Weltbild verstößt, eine Art Selbstbeschwörung, die Christian Morgenstern in seinem Gedicht "Die unmögliche Tatsache", treffend beschreibt:
"Und er kommt zu dem Ergebnis:
Nur ein Traum war das Erlebnis.
Weil, so schließt er messerscharf,
nicht sein kann, was nicht sein darf."
Das Glück trägt auf diese Weise immer Zweifel mit sich und der ängstlich Zweifelnde fragt sich: Habe ich mein Glück verdient?
 
Es gibt Ursachen, die die Angst vor dem Glücklichsein erklären.
Eine Ursache steht, so die Annahme der Psychologie, eng in Verbindung mit der Melancholie, der Depression oder anderen psychischen Störungen. Eine andere Ursache liegt in einem niedrigen oder mangelnden Selbstwertgefühl und Gefühlen, bzw. dem Drang zur Selbstabwertung. Betroffene empfinden ihr Selbst und ihr Leben als nicht wertvoll, nicht lebenswert oder gar unverdient. Besonders Menschen, die unter einer Existenzschuld leiden, die ihnen als Kind vermittelt wurde, sind davon überzeugt nichts Gutes verdient zu haben, denn eigentlich dürften sie ja gar nicht existieren. Und wenn schon, dann dürfen sie gefälligst nicht glücklich existieren.
 
Menschen, die Angst vor dem Glück haben, neigen dazu, sich auf das Negative zu fokussieren. Statt das Gute zu sehen, was ihnen widerfahren könnte, versuchen sie stattdessen ständig, das Schlechte zu sehen und zu vermeiden. Durch ihre innere Brille nehmen sie vorzugsweise das wahr, was sie bedrohen und verletzen könnte. Die Angst vor dem Glück ist ein emotionales Problem, das Ursachen hat. Diese liegen meist in der Biografie der Betroffenen. Sie haben in ihrem Leben viel Unheilsames erlebt. Sie haben das Unglück sozusagen gespeichert und als das normale Leben verinnerlicht. Es war zu oft und zu lange ungut, so dass sie den Glauben, die Hoffnung und das Vertrauen in die Möglichkeit verloren haben, es könne jemals gut werden, geschweige denn, sie könnten glücklich sein. Sie haben gelernt, dass das Streben nach Glück zu nichts führt. Sie haben innerlich dicht gemacht um sich vor weiteren Enttäuschungen zu schützen. Lieber dauerhaft unglücklich als ein Glück, das wieder zerbricht. Das ist dann zumindest scheinbar kontrollierbar und verleiht das Gefühl von Sicherheit – es gibt keine Überraschungen, jedenfalls keine glücklichen.
 
Auch magisches Denken führt zur Angst vorm Glück.
„Wer glücklich ist, muss mit dem Unglück rechnen.“ „Glück und Glas, wie leicht bricht das.“
Das sind Sprüche, die sich im kollektiven Gedächtnis verankert haben. Wenn wir uns unser Leben anschauen, ist in der Tat viel Wahres dran. Was allerdings nicht wahr ist: Wer glücklich ist, muss mit einer Bestrafung für das Glück rechnen.
Derartige innere Überzeugungen kommen meist aus der Kindheit. Ich selbst erinnere mich an meine Mutter, die immer, wenn ich mich gefreut habe oder glücklich war, mit einem Ausdruck von Vernichtung im Gesicht sagte: „Freu dich lieber nicht zu früh, das nächste Unglück kommt bestimmt!“
Sätze wie diese, gepaart mit der entsprechenden Mimik, prägen sich ein. Manche von uns wurden als Kinder sogar getadelt oder bestraft, wenn sie zu viel Freude zeigten. Andere wieder, haben gelernt, dass man nicht glücklich sein darf oder Freude empfinden und zeigen darf, wenn Mutter oder Vater unglücklich sind. Dann verknüpfen sich Glücksempfinden, Angst, Scham und Schuldgefühle zu einer unheilsamen Melange. Die Angst zieht das Unglück dann im Zweifel sogar an. 
 
Das sind nur einige Annahmen und Ursachen für die Angst vor dem Glück. Sie zeigen wie sehr manche von uns mit dem Unglück verhaftet sind, vor allem dann, wenn wir es schon oft erlebt und am eigenen Leib gespürt haben. Verständlich, dass sich daraus entsprechende innere Überzeugungen entwickeln, die uns daran hindern, das Glück anzunehmen, eben weil es vergänglich ist.
Für alle, die Angst vor dem Glück haben, könnte dieser Gedanke hilfreich sein: Jetzt bin ich glücklich. Und was morgen ist – ich weiß es nicht. Niemand weiß das. Aber diesen Moment kann mir niemand nehmen. Das ist heute meine Haltung und ich gehörte lange zu denen, die glaubten Glück nicht verdient zu haben. Glück dürfen wir haben, ohne es uns verdienen zu müssen.
Je öfter wir den Glücksmomenten bewusst erlauben da zu sein und uns dafür bedanken, dass sie uns widerfahren, desto weiter öffnen wir den Raum für das Glück - es braucht dann keine Angst mehr zu haben, dass es uns Angst macht.
 
 
Angelika Wende

Donnerstag, 2. Januar 2025

Mein Buch

 



Worum geht es in Deinem Buch?, schrieben mich einige von Euch an. 
Es geht darum ...
 
Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) geht von bis zu 8 Millionen Angehörigen aus, die in enger Gemeinschaft mit einem alkoholabhängigen Menschen leben.
All diese Menschen sind, wie der Suchtkranke, im Sumpf der Sucht gefangen. Je weiter die Sucht fortschreitet, desto ausgeprägter wird das co-abhängige Verhalten. Je ausgeprägter das co-abhängige Verhalten wird, desto mehr tritt das eigene Leben in den Hintergrund. Alles dreht sich nur noch um den Suchtkranken. Co-Abhängige verlieren sich selbst und ihre gesunden Grenzen. 
 
Co-Abhängigkeit ist eine Beziehungsstörung: ihr Kennzeichen ist emotionale Abhängigkeit.
Co-Abhängigkeit betrifft besonders Frauen.
 
Ich war eine dieser Frauen. Ich weiß, was diese Frauen durchmachen. Ich weiß, wie schwer es ist, sich aus der Hölle der Abhängigkeit zu befreien. Ich bin durch diese emotionale Hölle gegangen und ich habe sie hinter mir gelassen. 
Weil ich weiß, dass es eine Hölle ist, weil ich weiß, was Co-Abhängigkeit mit der Seele und dem eigenen Leben macht, weil ich weiß, wie schwer es ist, zu verstehen und nur im Ansatz nachzuvollziehen, was ein co-abhängiger Mensch durchmacht, weil ich all das erfahren habe, begleite ich co-abhängige und emotional abhängige Menschen auf ihrem Weg zur Selbstermächtigung. 
„Weil ich endlich geliebt sein will“ ist meine Geschichte. Ich habe sie aufgeschrieben für alle co-abhängigen Menschen, die sich in ihrem Drama allein und verlassen fühlen. Ich habe sie aufgeschrieben, weil ich weiß, wie schwer es für Co-abhängige ist, ihre Gefühle und ihr Leid in Worte zu fassen, um es Freunden, Familie, Therapeuten und dem suchtkranken Angehörigen zu vermitteln.
Viele Co-abhängige schweigen deshalb. Sie leiden still.
Ich habe beschlossen ihnen, mit diesem Buch, eine Stimme zu geben. 
 Wenn meine Geschichte nur für einen Menschen hilfreich ist, um sich selbst zu retten, habe ich sie nicht umsonst geschrieben. 
 
"Eines Tages wirst du deine Geschichte erzählen, wie du das überwunden hast, was du durchgemacht hast, und sie wird der Überlebensratgeber eines anderen sein", schreibt Brené Brown.
Dieser Tag ist jetzt.
 
 
Ihr könnt das Buch als Taschenbuch oder als Kindle Ausgabe im Buchhandel bestellen, bei Amazon oder direkt bei BoD:
 
An dieser Stelle möchte ich meinem Lektor, dem Psychologen und Schriftsteller Matthias Thiele, für seine sensible und tatkräftige Unterstützung von Herzen danken.


Angelika Wende 

www.wende-praxis.de


Mittwoch, 1. Januar 2025

Erzähl deine Geschichte ...


 

Erzähl deine Geschichte.

Schrei sie raus.

Schreib Sie auf.

Flüstere sie, wenn es sein muss.

Aber erzähl Sie.

Manche werden sie nicht verstehen.

Einige werden dich ablehnen.

Aber viele werden es nicht tun.

Und sagen: Danke dafür.

Und dann wird etwas Magisches passieren.

Nach und nach ertönen Stimmen, 

flüstern: „Ich auch.“

Und dein Stamm wird sich versammeln.

Und dann wirst du fühlen: Du bist nie wieder allein.

 

L.R. Knost

 

 

Mein Buch ist ab jetzt im Buchhandel bestellbar und auch bei Amazon.