Donnerstag, 14. Juni 2012

Angst IV

 


angst ist keine krankheit.
angst ist eine reaktion auf die gesellschaft in der wir leben.

angst haben ganz normale menschen.

angst kommt dann, wenn der mensch versucht, ein leben zu leben, das ihm fremd ist.

aber unser Innerstes lässt sich nicht täuschen.
es spürt, wenn unser leben unserem wesen fremd ist.

dann kommt die angst.
sie wird groß, wenn wir es dennoch weiter versuchen.
selbstbetrug macht angst.

angst ist keine krankheit.
angst ist eine gesunde reaktion, die uns warnt die lüge zu beenden.

Dienstag, 12. Juni 2012

Spiegel



vielleicht sah er seine fähigkeiten und ungelebten wünsche in ihr. vielleicht war sie sein spiegel. er konnte sein eigenes licht nicht sehen. sie fragte sich, jetzt wo sie fort war, ob er zurückfallen würde in seine dunkelkeit. nein, er würde es nicht aushalten. sie war sich fast sicher, er würde sehr bald eine andere finden, auf die er sein licht projizieren konnte.

Irgendwann

irgendwann 
immer wieder denken 
an dieses irgendwann

dann
wenn alles besser ist
wenn alles gut ist und schöner

irgendwann eben

dann 
kommt es
dieses irgendwann
und es ist alles besser
für eine weile

und es ist alles gut 
für eine weile
und schöner

für eine weile ...

Montag, 11. Juni 2012

Abschuss

sicher, sie hätte es auch anders sehen können. gelassener, mit humor oder zumindest so tun können, als sehe sie es gelassen oder mit humor.

sie hätte es wegstecken können, wie so vieles, das sie weggesteckt hatte. in den kleidern war es nicht stecken geblieben, das weggesteckte. vielleicht konnte sie es deshalb dieses mal nicht. dass sie dünnhäutig war wie pergamentpapier hätte er wissen müssen, er hatte jedenfalls immer wieder gesagt, er wisse es, hatte sogar gesagt, er spüre es.

er prahlte mit dem tollen schnappschuss, den er gemacht hatte, als er das i phone aus der hosentaschetasche zog. sein geliebtes i phone, das er bei sich trug wie eine brücke, die ihn mit dem aussen verband, sogar nachts. es fiel ihm schwer es auszuschalten, er tat es ihr zuliebe, in den nächten, in denen er bei ihr blieb.

wozu, hatte sie sich gefragt, muss man ein i phone haben. damit man nichts verpasste von all dem unwichtigen unter dem wenigen wichtigen, das es gab, im leben?

auf dem display erschien es, wurde sichtbar, mit einem daumendruck. eine nahaufnahme ihres gesichts. sie mit aufgerissenem mund, groß und blutrot wie eine wunde, wie ein riss im blassen gesicht. nein, das war nicht sie, diese scheußliche fratze, die er in einem von ihr unbemerkten moment, abgelichtet hatte.

oder war es ihres, war sie das, war sie das auch? und wenn sie es war, was sollte sie jetzt damit anfangen mit diesem, das bin ich auch.

sie war alt geworden, sie wusste es, litt darunter. sie spürte die müdigkeit, die kein noch so langer schlaf mehr vertreiben konnte. die zeit hatte ihr zerstörerisches werk längst begonnen. die zeit zerstört alles, dachte sie, das gesicht, den körper, die wünsche und die träume, die hoffnungen, am ende zerstörte sie das leben.

schaut, sagte er und zeigte es den anderen. sie lachten.

sie trank ihr glas leer, zog den mantel an und ging ohne ein wort zu sagen. unten vor der haustür weinte sie. sie schwor sich, diese fratze würde sie keinem menschen jemals mehr zum abschuss preis geben.






Sonntag, 10. Juni 2012

C. Felder unterm Maulbeerbaum

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C. Felder unterm Maulbeerbaum
Baum und Axt - Von Natur und über Gesellschaft

Christian Felder ist Maler. Ein Maler, der Bilder malt, die von ihm selbst sprechen, über ihn selbst, den Menschen, ehrlich und ungeschönt und über Welt. Weil sie das tun, sind es Bilder, die etwas in uns berühren. Diese Bilder sind Kunstwerke, weil sie etwas mit uns machen, mit uns, die wir sie betrachten und mit jedem von uns machen sie etwas anderes. Ein Kunstwerk ist dann gelungen, wenn es die Trennung zwischen Künstler und Rezipient überwindet.

Der Maler könnte beim Malen bleiben. Aber über das Malen hinaus ist da etwas in ihm, nein, durch das Malen ist da etwas in ihn hinein gefahren, was raus muss. Etwas, das über das Malen und den Maler selbst hinaus muss. Das muss den Rahmen der Leinwände sprengen. Das muss sich ausweiten über das, was es ist. Dem Maler genügt das Malen nicht und den Bildern genügt nicht, dass sie gemalt wurden. Der Maler und seine Bilder fordern über sich selbst hinaus Raum.

Bilder und Raum bedingen einander, sind mittlerweile Konzept geworden und untrennbar miteinander verbunden. Ein Konzept, das jetzt in der Galerie unterm Maulbeerbaum einen Raum gefunden hat, nach all den anderen Räumen die Christian Felder „bespielt“ hat.

Historisch wurden Zeit und Ort als unabhängige Begriffe verstanden. Dies ist aber für physikalische Systeme bei großen Energien nicht sinnvoll, es zeigt sich dort, dass Zeit und Ort eines Ereignisses sich gegenseitig bedingen, unabhängig vom betrachteten physikalischen System.

So etwa können wir dieses künstlerische Konzept verstehen Zuerst einmal. Und dann weiter begreifen.

Im Raum ordnet Christian Felder  seine malerischen Denkräume. Das Ganze wird sortiert, sichtbar, komplex, begreifbar.

Künstlerische Denkräume manifestieren sich in
Lebens räumen.

Scheinbar unzusammenhängende Themen und Techniken beziehen sich aufeinander, bedingen einander, formen aus Einzelteilen ein komplexes Ganzes. Ein Muster: Staunen durch Merkwürdigkeiten erzeugen.

Was hat das denn alles miteinander zu tun?

Gehen wir die Räume ab.

Was sehen wir?
Im ersten Raum: Portraits.
Persönlichkeiten aus der Welt der Kunst und des Kulturbetriebs. Im zweiten Raum: Der menschliche Akt. Im Dritten: Politische Plastiken aus Pappmasché, Ikonographische Arbeiten. In der Scheune: Gemälde, die sich mit dem ICH auseinandersetzen. Dann: Landschaften Im sechsten Raum: Projektionen, Lichtspiele in Leuchtkästen und Plastiken aus Beton.

Scheinbar Verschiedenes, das durch die räumliche Gestaltung in Verbindung gebracht wird – die Verbindung ist von entscheidender Bedeutung für die Magie des Ganzen. Ein Zeichenmosaik in bildnerischer Erzählform und damit bekommt es SINN.

Immer wenn es Bestrebung zum Gesamtkunstwerk gab, war Inszenierung das Mittel.Der Versuch die Komplexität des Lebens abzubilden führt zur Inszenierung. Könnte man das so sagen?
Man kann.

Der Regisseur – der Künstler.
De Bühne – der Raum.
Das Stück – Welt.

Was ist Welt? Herunter gebrochen auf die einfachste Formel?

Die Antwort steckt bereits im Titel:
Baum und Axt - Von Natur  UND über Gesellschaft.

Betrachten wir das Symbol Baum wirft es uns zurück auf den Schöpfungsmythos.
Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe. Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. Oder für die Ungläubigen - das Festhalten an der Urknalltheorie.

Es ward Licht und es ward Natur und dann?

Und Gott sah, dass es gut war. Und sprach: Lasset uns Menschen machen, die da herrschen über alle Tiere des Feldes und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht. Und schuf den Menschen. Und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan ...

Und dann?

Betrachten wir die Axt – Symbol der menschlichen Kultur. Stellvertretend für die kulturell entwickelten Werkzeuge, die sich der Mensch zu Eigen macht um die Natur nach seinem Gutdünken zu gestalten und zu zerstören. Auch das  - denn alles hat zwei Seiten. Und in diesen zwei Seiten sind unendlich viele Seiten, Facetten und Ausformungen enthalten. Und alles ist eins.

Das organische, gewachsene naturale Chaos versus der kultivierten Ordnung und die sich bedingende und ergänzende Wechselwirkung. „In der Synthese entsteht das Interressante“, sagt Christian Felder.

In der Synthese entstand und wird Welt wie sie ist. Die Synthese ist unsere Realität.

Dazwischen das UND
Das Ich – der Mensch, der in die Welt geworfen, seinen Platz sucht, sich zu behaupten sucht in seinem Lebensraum, der Mensch zwischen Innen und Aussen. Der Mensch als Schöpfer seiner Welt und als Zerstörer. Appolinisch und Dionysisch. Der Mensch in seiner Zerrissenheit und seinem Streben nach Sinnsuche.

Dieses Gesamtkunstwerk, das sich in diesen Räumen entfaltet, erinnert mich an diese Worte von Gerhard Richter: „Sich ein Bild machen, eine Anschauung haben, macht uns zu Menschen – Kunst ist Sinngebung, Sinngestaltung, gleich Gottsuche und Religion. Nachdem es keine Priester und Philosophen mehr gibt, sind die Künstler die wichtigsten Leute auf der Welt.“

Einer dieser „Leute“: Christian Felder, ein Sucher, ein gestaltender Philosoph, dessen künstlerisches Gesamtkonzept, Werk für Werk, mit hoher handwerklicher Präzision und meisterlichem Können Sinn gestaltet.

Wer als bildender Künstler Sinn sucht muss experimentieren. Der nutzt Techniken und Möglichkeiten, der malt und bildhauert, der installiert, der schöpft aus seinem Innersten und strebt nach einer Wahrheit, die über das Eigene hinausgeht ins Kollektiv wirkt. Der klebt nicht am einmal Gefundenen, denn Wahrheit ist niemals starr. Sie ist veränderbar, muss veränderbar sein, sich immer wieder neu formieren. Nur so funktioniert Entwicklung – durch immer wieder neues Fragen und Antworten finden. Antworten, die wieder Impulse geben für wieder neue Fragen und neue Antworten, die sich manifestieren auf Leinwänden, in der Zeichnung, als Plastik oder in Leuchtkästen.

Die Suche – die Untersuchung  - als Kunstform, als universelle Methode der Weltbetrachtung.

In diesen Räumen, in Folge der Utopia Ausstellung in Mainz, geht die Suche wieder einen Schritt weiter. „Hier“, so Christian Felder, „findet eine Vertiefung und Wachstum statt. Der Portraitraum ist gewachsen, auch der Raum mit den Plastiken und der Raum und die Form der Flüssigkeitsexperimente.

Der weitere Weg des Künstlers?  „Ich werde mir das Einzelne näher anschauen.“















© angelikawende, 9. juni 2011
foto: alexander szugger

Freitag, 8. Juni 2012

Nutzlos




aus trüben augen sah sie ihn an. man sieht, dass sie viel weint, dachte er und an die tränen, die man die perlen der seele nannte, und dass ihre tränen sicher keine perlen waren, wenn dann allenfalls schwarze. die schatten unter ihren augen waren steingrau. er mochte sie nicht, ihr gesicht nicht und ihre ganze haltung nicht, dieses gebeugte an ihr, stieß ihn ab.

ich habe alles versucht, sagte sie, kaum hörbar.

es kostete ihn mühe ihr zuzuhören, sie flüsterte die worte. das war so seit sie zu ihm kam und sie wurde von mal zu mal leiser, als würde sie sich verflüchtigen, sich auflösen in ein undefinierbares nichts. irgendwie fürchtete er sich vor ihr. nicht wirklich vor ihr, aber vor ihrem kommen, davor fürchtete er sich. sie kam immer mittwochs um zwei nach seiner mittagspause. er hatte schon beim essen nicht den gewohnten appetit. er beschränkte sich an diesen tagen auf eine curry wurst, die er im stehen aß. es war, als würde ihm im wahrsten sinne des wortes das essen im hals stecken bleiben, wenn er an ihr kommen dachte. nicht selten hatte er gehofft, die stille stunde ihres kommens, wie er die sitzung mit ihr innerlich nannte, möge ihm erspart bleiben.

sie blieb ihm nicht erspart. sie kam jedes mal wieder und immer zehn minuten vor dem termin. das ärgerte ihn. noch mehr ärgerte er sich über den ärger, den sie ihn ihm auslöste. dabei war es sein job, er hatte ihn gewählt, weil er menschen helfen wollte. anderen helfen machte sinn, vielleicht den einzigen. er brauchte einen sinn um sich nützlich zu fühlen.

ich habe doch alles versucht, flüsterte sie, noch einmal. aber es ist egal, was ich anfange, es wird nichts. ich bin so unendlich müde.

er kannte die leier, sie spulte sie ab wie eine endlosschleife, immer wieder, jedes mal. ihm blieb nichts, als sie zu motivieren, ihr kraft zu geben um sie am aufgeben zu hindern.

sie hatte schon einmal aufgeben. sie war gefährdet. er wusste um seine verantwortung. er war es, den man angerufen hatte, als sie mit schlaftabletten im magen im krankenhaus lag. wie sie auf ihn kämen, hatte er gefragt und die schwester am anderen ende der leitung hatte geantwortet, weil man seine visitenkarte in ihrem morgenmantel gefunden hatte, den sie trug, als die tochter sie bewusstlos in ihrer wohnung gefunden hatte.

er trug die verantwortung und daran trug er schwer. sie hatte ihn wohl anrufen wollen, vorher und es dann doch nicht getan. sie hatte es ernst gemeint.

es hat nicht sein sollen, hatte er zu ihr gesagt, sie haben hier unten wohl noch etwas zu erledigen, als sie dann wieder kam, weil sie die therapie fortsetzen musste. die alternative wäre eine einweisung in eine psychiatrische klinik gewesen. sie hatte ihn gewählt, weil sie keine andere wahl hatte.

er sah sie an. suchte nach worten, irgend etwas, das sinn machte um ihr eine kleine dosis hoffnung mitzugeben, bis zum nächsten mittwoch. es ging ums reine durchhalten bei ihr. er glaubte nicht an sie und dass es einmal klappte. sie hatte recht.

irgend etwas in ihr hatte aufgegeben. sie hatte zu viele jahre zuviel einstecken müssen. zu viele verluste erlitten, ein schicksalsschlag nach dem anderen. sie war alt und ausgebrannt. sie hatte genug. er verstand sie.

vielleicht sollte ich ihr endlich die wahrheit sagen, dachte er. er setzte  auf die wahrheit. es war ein teil seine methode, seine klienten mit der wahrheit zu konfrontieren. nur die wahrheit konnte etwas verändern. meist stieß er auf widerstand, aber dann konnte er am kern ansetzen. wenn sie ehrlich zu sich selbst waren, gab es immer eine chance. die erfahrung gab ihm recht.

bei ihr fürchtete er sich vor der wahrheit. die wahrheit, ihre wahrheit über sich selbst, durch ihn bestätigt, würde sie zerschmettern. er konnte ihr das nicht antun. nicht er, an dem sie sich festhielt wie an einem strohhalm. er war nicht mehr als dieser strohhalm, das war ihm klar, aber das war besser als nichts. war es das wirklich? er war ratlos.

ich bin so unendlich müde, sagte sie.

ich sagte ihnen, sie müssen sich schonen. tun sie das auch? sie lachte verächtlich. ich schone mich den ganzen tag, die ganzen tage, die ganzen wochen und monate. sie wissen doch, dass ich keine arbeit habe.

aber sie schonen sich selbst nicht, sagte er. sie hadern mit sich und ihrem leben, das macht sie müde. noch müder.

ich bin alt, erwiderte sie. zu alt für alles. ich fühle mich nutzlos. wissen sie, wie sich das anfühlt, nutzlos zu sein?

er wusste es nicht, es hatte in seinem leben keinen tag gegeben an dem er sich nutzlos gefühlt hatte.

er hasste es, wenn er sich in ein gefühl nicht einfühlen konnte. er war stolz auf seine empathie. er fühlte sich schlecht. er wünschte sie weg. weg aus seiner praxis, aus seinen mittagspausen, aus seinem leben.

ich habe mich bei einer putzkolonne beworben. sie haben eine jüngere genommen.

putzen ist nichts für sie, ich habe es ihnen schon einige male gesagt. sie sind akademikerin, warum versuchen sie es nicht wieder bei einem verlag als lektorin. da spielt das alter doch keine rolle.

sie senkte den blick. ich habe dreißig absagen bekommen, haben sie das vergessen?

er hatte es vergessen, schließlich war sie nicht seine einzige klientin. er konnte sich doch nicht alles merken. verdammt. er spürte wie wut in ihm hoch kroch. er versuchte sich zusammenzureißen.

mein gott, warum ist das so, sagen sie es mir bitte, es kann doch nicht sein, dass alles nichts nützt, was ich versuche.

da war sie wieder, die nutzlosigkeit, die sie ihm hinhielt, so als sei er schuld.

sie weinte leise.

mein gott, ich ertrage das nicht mehr, dachte er, bei der nützt nichts was. plötzlich fühlte er sie, eine unendliche, bleischwere müdigkeit.



Donnerstag, 7. Juni 2012

Aus der Praxis - Vom Vater verlassene Töchter



Malerei: Angelika Wende


Sie haben derart tiefe Zweifel an ihrem eigenen Wert, sie fühlen sich so wenig liebenswert, sie sind innerlich so unsicher, sie haben das Gefühl nichts Gutes verdient zu haben und sie sind nur beschränkt fähig mit einem anderen Menschen eine erfüllende dauerhafte Beziehung einzugehen: Ich nenne sie, die vom Vater verlassenen Töchter. 
Es sind Töchter, die in ihrer Kindheit vergeblich die Aufmerksamkeit und die Achtung des Vaters gesucht haben, Töchter, die als Kind vergeblich um die Liebe des ersten Mannes in ihrem Leben gerungen haben.

Die Erfahrung dieser Frauen ist: Egal was ich tue, die ersehnte Liebe bleibt mir versagt. 
In ihre Seele brennt sich das Gefühl einer tiefen Verlassenheit ein. Und dort bleibt es, meist ein Leben lang. Diese Frauen bleiben in der Rolle der Tochter, die gefallen und geliebt werden will, stecken. Unbewusst spulen sie in jeder Beziehung exakt das Programm ab, das sie als Kind gelernt und verinnerlicht haben. Der Schlüssel des Programmes: Emotionale Unerreichbarkeit, Desinteresse, Zurückweisung, Abwertung. Der Mann auf den diese Frauen emotional reagieren, muss diesen Schlüssel besitzen, das heißt: Er muss dem Vater gleichen. Er muss gleichgültig, verletzend, emotional unerreichbar, überlegen und lieblos sein um in ihr "Schloss" zu passen. So suchen und finden die ungeliebten, vom Vater verlassenen Töchter immer wieder instinktiv diesen Typ Mann. In Wahrheit aber suchen sie den Vater, sie holen ihn sich herbei und leiden aufs Neue.

Der Zweck der "Übung" ist, in jedem neuen Versuch die Liebe des Vaters doch noch zu bekommen - nach dem Motto - dieses Mal muss es doch klappen: Er muss mich doch lieben. Es kann nicht klappen, denn auch wenn sie geliebt werden würden - diese Liebe heilt die Wunde nicht. Der Geliebte ist nicht der Vater. Allein der Vater ist es, der die Wunde heilen könnte. Das Unbewusste begreift dies aber nicht.

Auch wenn diese Frauen sich ihrer Kindheitswunde bewusst sind, haben sie kaum eine Chance dem verinnerlichten Musters zu entkommen. Oft braucht es jahrelange Therapie um das unheilsame Beziehungsmuster aufzulösen und die Verletzungen des inneren Kindes zu heilen.

Die in der Kindheit tagtäglich erlebte emotionale Zurückweisung und Abwertung bewirkt ein Trauma.
Die Krux des traumatisierten Kindes ist, dass es als erwachsener Mensch eben nicht versucht alte Verletzungen und Erfahrungen zu vermeiden, sondern sie geradezu zwanghaft, versucht zu wiederholen. Es klingt paradox, aber die Entwicklungspsychologie weiß: Die Wiederholung des Erlebten lindert den Schmerz. Emotional missbrauchte, traumatisierte Menschen sind gefangen in der Wiederholungsfalle der Kindheit.  

Innere Einsamkeit
Eine Frau, die als Kind vom Vater weder wohlwollende Aufmerksamkeit, noch liebvolle Zuwendung bekommen hat, ist innerlich einsam. Sie fühlt sich wertlos und nicht liebenswert. Die erfahrene und verinnerlichte Nichtbeachtung, die erlebte Zurückweisung in der Kindheit wird als Mangel empfunden, als Fehler. Sie fühlt sich falsch, nicht gut genug, schuldig und speichert diesen Makel in ihrem Selbstbild ab.
Da das Kind den Vater liebt, tut es alles um ihm zu gefallen. Es entwickelt die verhängnisvolle Bereitschaft seine Erwartungen zu erahnen um sie zu erfüllen. Gleichzeitig aber demontiert die kindliche Psyche, um den Schmerz der Zurückweisung zu ertragen, den Vater und beginnt ihn innerlich zu entwerten. Ein Mechanismus, der zwei Pole in sich trägt. Einer ist so fatal und zerstörerisch wie die andere: Die Frau fühlt sich nicht nur wertlos und besonders im Hinblick auf das andere Geschlecht als ein Niemand - sie entwertet gleichzeitig das Männliche schlechthin um seelisch zu überleben. 

Trifft sie dann auf einen Mann, der ihr Aufmerksamkeit, Zuwendung und Liebe schenkt, gerät ihr Überlebensmechanismus ins Wanken. 
Das innere Kind kann nicht begreifen, dass es möglich ist liebenswert zu sein. Es signalisiert: Da stimmt Etwas nicht. Weil das Vertrauen in das Männliche nicht aufgebaut werden konnte, misstraut sie diesem Mann. Kurz - ihr Programm wird gestört. Um diese innere "Störung" aufzulösen versucht das Unterbewusstsein die verinnerlichten Mechanismen der väterlichen Hypothek wieder herzustellen. Sie tut, was sie als Kind tat: Sie beginnt den Mann zu entwerten mit dem Ziel die eigene emotionale Sicherheit wieder herzustellen. Der Preis ist die Zerstörung oder das Verlassen der Beziehung um das falsche Selbst am Leben zu halten.

Die Wut, die Vorwürfe, der Hass, all die unausgelebten unterdrückten Emotionen, die eigentlich dem Vater gelten, richten sich dabei in Wahrheit nicht gegen diesen Mann, sondern gegen das Männliche überhaupt - mit anderen Worten - sie überträgt das negative Vaterbild auf den Partner und jagt ihn durch den väterlichen Filter. Auf diese Weise reinszeniert das Unterbewusstsein die ihm vertraute Wirklichkeit.
Am Ende ist sie allein. Allein wie sie als Kind war, für sie - die einzige mögliche Art emotional zu überleben ohne den alten Schmerz zu fühlen.