Montag, 25. Oktober 2010

Die Feinde der Kultur

Eine subjektive Reflexion

Anthropologisch verstanden deckt das Wort „Kultur“ alles ab, vom Ackerbau, über die Frisur, Essen mit Messer und Gabel bis hin zum Musical. Nach der anthropologischen Definiton hat der Begriff Kultur eine schier grenzenlose Weite. Daher besteht auch die Schwierigkeit einer allgemeinverständlichen, allgemeingültigen und allgemein akzeptierten Definition des Begriffs Kultur.

Der Begriff Kultur hat heutzutage die Schwammigkeit eines Ausdrucks, der praktisch alles umfasst, was von Menschen geschaffen ist und menschliches Handeln angeht. Gerade nach der anthropologischen Definition ist der Begriff Kultur eine Angelegenheit einer Massenkultur, die eine Fülle von Subkulturen lebt und praktiziert.

Kultur, im klassischen Sinne, verstanden als Geist, Schöpfungs, Bildungs - und Werteprinzip, dient ihrem Denkansatz und ihrer Ausübung nach zu dem was menschliche Seinsverwirklichung und Entwicklung ausmacht. Ihrem Wesen nach ist Kultur im klassischen Sinne die komplexeste Form menschlicher Veredelung mit dem Ziel einer bewussten, kultivierten (gepflegten) menschlichen Lebensweise (im Sinne von: was der Mensch sein könnte in Denken und Handeln, individuell und kollektiv, d.h. im Umgang mit sich selbst und anderen.

Die Fülle der Subkulturen (aus der z.B. die Vereinigten Staaten geradezu bestehen, wo Fast Food, z.B. Hamburger zum „Kulturgut“, im Sinne von Esskultur, mutiert ist) führt nicht zu menschlicher „Veredelung“ – sie führt wie in diesem Beispiel zur Verfettung eines ganzen Volkes. Diese Art von Kultur wendet sich u.a. gegen das Prinzip mens sana in corpero sano (ein gesunder Geist in einem gesunden Körper).

Subkulturen, die heute allgemein als Kultur empfunden werden, haftet oft Ungesundes und Destruktives an. Wie am Beispiel Fast Food zu sehen ist. Ungesundes und Destruktives zeigt sich auch in TV- Formaten, in welchen freiwillige Protagonisten „vorgeführt“ und im schlimmsten Fall der Lächerlichkeit preisgegeben werden. Auf diese Weise werden sukzessiv menschliche, ethische und moralische Werte wie Respekt und Toleranz im Rahmen eines Medienspektakels zerstört und letztlich zerschlagen.

Interessant dabei, am Rande bemerkt, ist der Aspekte des Opfer- Täter -Themas, das sich hier relativiert und verkehrt. Mittels dieses Wahrnehmungsstimulus wird suggeriert: Wer freiwillig handelt ist kein Opfer. Der in der Tat „handelnde“ Protagonist wird aber vom Publikum dennoch als solches wahrgenommen, verachtet, bemitleidet oder verurteilt. Die „Täter“ (die Moderatoren) werden überwiegend bewundert. Wer ist hier Täter und wer ist Opfer, oder sind beide Beides und wer sind die wahren Täter?

Kausal sind diese Verhältnisse einer verdrehten Scheinwelt von jenen inszeniert, die derartige Sendungen kreieren. Nachdenkenswert ist die Frage: Aus welcher Motivation heraus und mit welcher Absicht werden solche Formate entwickelt und von den verantwortlichen Entscheidern abgesegnet?

Die degenerative Beeinflussung der Gedanken- und Gefühlswelt eines Volkes als kulturelles Massenprogramm? Ist das Kultur?

Die subkulturelle Macht der Medien wird unterschätzt: Aufgrund ihrer Verbreitung in Millionen Haushalte sind Fernsehen und Internet nahezu allmächtig und nur durch konsequentes Selektieren des Einzelnen (was will ich sehen, was nicht?) kontrollierbar. Aber, wie bewusst ist der Einzelne?

In den Spaßgesellschafts - Formaten der medialen Unterhaltungsindustrie, wie etwa „Deutschland sucht den Superstar“ wird ein Menschenbild inszeniert, das mit Wertschätzung und Toleranz, Achtung und Respekt vor dem Gegenüber wenig zu tun hat. Der Mensch, der kreativ sein will, wird hier vor einer breiten Öffentlichkeit durch Bewertung Einzelner (Moderatoren) in seiner Individualität und Integrität verletzt und damit vor dem Kollektiv, in diesem Fall: der Masse der Fernsehzuschauer, „entwertet“.

Diese durch das Fernsehen unterstützte und propagierte Entwertung des Menschen, betrieben durch Vorbildfiguren (wie zum Beispiel einem Dieter Bohlen), wird durch die nachhaltige Wiederholung als Normalität in zwischenmenschlicher Kommunikationsform verinnerlicht und somit zur gesellschaftlichen akzeptierten und adaptierten Norm. Die kognitive Erfahrung, die dabei konditioniert wird ist eine durch das Fernsehen gestützte und legalisierte Missachtung des Menschen in seinem Menschsein.

Darin liegt die Gefahr einer kulturellen Verrohung des Subjekts.

Man stelle sich das in etwa so vor: „Der Bohlen beleidigt doch auch die Leute …also darf ich das auch“.

Wie ist es möglich, dass ein Staat sich über eine schleichende Verrohung wundert, die ihre Auswüchse in einer Zunahme der brutalen Gewaltdelikte, besonders unter Jugendlichen hat, wenn er dem tabu – und ethiklosen Treiben der Medien kritiklos zuschaut? Und wie gefährlich ist der Gegensatz zwischen Alltagsrealität, wo das ökonomische Überleben im Focus steht - und dem was die Medien uns an schöner Konsumwelt vorgaukeln?

Sind die Texte eines Bushido mit ihren aggressiven, Frauen verachtenden und Gewalt verherrlichenden Aussagen Kultur?

Sie sind Ausdruck einer Subkultur, die aus einer allgemeinen Verrohung durch die Medien, einer Gesellschaft in der Krise, einer Vermehrung sozialer Randgruppen (Migranten, Arbeitslose, arbeitslose Jugendliche) und einer wachsenden Orientierungslosigkeit entsteht, die sich auf Perspektivlosigkeit und Angst aufbauen, welche durch das Kippen des bröckelnden Sozialstaates Deutschland wächst, dessen soziale Auffangsysteme mehr und mehr in sich zusammenfallen.

Die meisten Jugendlichen und auch Ältere leiden daran, dass ihre reale Lebenssituation, die oft voller Angst ist und auch von dem Gefühl einer absoluten Bedrohung oder Ausweglosigkeit beherrscht wird, permanent von den Erlebensmöglichkeiten einer Reizkultur überdeckt wird, durch die alles wieder erträglich sein kann.

Diese Beispiele werfen die Frage auf: Was ist Kultur? Ist das Kultur? Und in wieweit ist der Staat mitverantwortlich für das, was Kultur sein soll und als solche kommuniziert und gelebt wird?

Subkultur ist niemals Kultur im Sinne des ursprünglichen Kulturbegriffs. Dieser hat gerade durch die Subkultur an Sinnhaftigkeit und Erhabenheit eingebüßt.

Um zu einer Sinn machenden Definition des Begriffs KULTUR zu gelangen müssen wir uns unweigerlich dem Begriff der Kulturkritik zuwenden. Weiter wenden wir uns damit folgerichtig einer Differenzierung des Begriffs Kultur zu: einem Kulturbegriff, der darauf basiert, dass Kultur einst ein geistiger Begriff war.

Dieser definiert Kultur als ein ausdifferenziertes Teilsystem der modernen Gesellschaft, dass sich auf intellektuelle und ästhetische Weltdeutungen spezialisiert und von der Massenkultur abgrenzbar scheint. Mit dieser Option soll Kultur aus diesem Teilsystem heraus nach außen, bzw. in die Massenkultur wirken und zwar kritisierend, konstruktiv und mit Vorbildfunktion.

„Erst dem Tun entspringt das Sein. Tun ist gestalten, formen, bilden“. Ein Zitat des Kulturphilosophen Ernst Cassirer.

Wenn das Tun aber sinnentleert ist und zu affektiver Verrohung und Verdummung führt – welche Gestalt formt es dann und was bildet es heraus?

Subkultur/ Massenkultur versus Kultur?

Hier befinden wir uns zwischen einem entmutigenden und quälend engem Kulturbegriff, den jede der „kulturellen“ Gruppen für sich vehement verteidigt, besonders deshalb, weil die Identitätsbildung einer Gruppe stark mit der in ihr lebendigen und gelebten Kultur verbunden ist.

Die Fülle von Subkulturen schafft Massenkultur und diese bewegt sich zwischen Anthropologie und dem ästhetischen Verständnis von Kultur.

Wenn Kultur alles bedeuten soll, was von Menschen gemacht ist und nicht von Natur aus gegeben ist, dann gehören die Medienkultur, die Gummibärchenherstellung, die Zigarettenindustrie, die Schnapsbrennerei, der Hühnerstall, Bushido und Bohlen dazu.

Die Massenkultur weicht die Ästhetik eines sinnhaften Kulturbegriffs auf. Ist die Idee der Kultur damit heute in der Krise? Oder gegen Kultur und Krise seit jeher Hand in Hand? Nie zuvor war Kultur weniger ein geistiger Begriff als im Zeitalter der Medien und der Reizüberflutung. Kulturkritiker sprechen vom Phänomen der Reizkultur. Kultur ist ein Schlagwort für alles und jedes. Ein Begriff den sich jedermann gefügig machen kann, weil er nicht geschützt ist und aufgrund seiner anthropologischen Definition unendlich ausweitbar.

Wir stecken in einem Dilemma, zumindest die, denen die Kultur als Nahrung für Seele, Geist und Körper in ihrem Ethos, den sie meiner Ansicht nach bedingt, wertvoll ist. Wie etwas verfolgen, wie etwas umsetzen, von dem keiner mehr weiß was es bedeutet? Wie damit umgehen wenn einer behauptet, Skateboarden und abtanzen sei für ihn mehr Kultur als Literatur, Kunst, Musik oder philosophisches Denken.

Die Feinde der Kultur sind die Dummheit, die Ignoranz, die Unfähigkeit zur Selbstreflexion, das Bedürfnis nach endloser Betäubung durch äußere Reize, die Gier nach Genuss und Befriedigung und das Streben nach Haben in einer Welt in der sich das Sein über das Haben definiert.

Wer für die Kultur arbeit will sicher nicht ein Wiederaufleben der bürgerlichen Hochkultur, die ausschließlich einer Elite zugänglich ist. So wird sie zu einer Minderheitsangelegenheit und verfehlt ihren Zweck, nämlich das Herausbilden von Funktionalem und das Erhalten von Werten.

Kultur heißt immer auch Tradition und Entwicklung - und zwar zum Besseren hin. Aber wer entscheidet was das Bessere ist? Die Medien sicher nicht. Die Wirtschaft sicher nicht. Der Staat? Überlassen wir die Kultur dem Staat so wird die Kultur politisch und damit unfrei und damit im Zweifel zu einer Kultur wie wir sie im Nationalsozialismus einst erfahren haben.

Kulturelle Entwicklung und Veränderung bedeuten: das, was vom Alten, Erprobten, Traditionellen, Sinnvollen, Menschlichem, Wertigem und Sinngebenden funktioniert und sich bewährt hat mit hinüber zu nehmen in das Neue. Es geht nicht um Innovation um jeden Preis, es geht um Integration, auch mit dem Ziel einer Individuation des Einzelnen im Kollektiv, denn dieses besteht letztlich aus Einzelnen, um das Beste für das Ganze durch den Einzelnen zu bewirken.

Die Verfassung der Menschenrechte fordert in Art. 15 das Recht auf Teilhabe am kulturellen Leben.

Entscheidend für ein kulturelles Leben ist meiner Meinung nach, zu erkennen was zu prosaisch ist um als Kultur empfunden zu werden.

Der Kulturphilosoph Ernst Cassirer befand, dass der Mensch nicht in einem physikalischen, sondern in einem symbolischen Universum lebt, dessen Bestandteile Sprache, Mythos, Kunst; Religion, Wissenschaft und Politik sind. Dieses von den Menschen selbst geschaffene Netz verfeinert sich nach Cassirer mit jedem Fortschritt in Erfahrung und Denken.

Subkultur, aber, die destruktiv ist und dem Menschen sichtlich und fühlbar schadet ist kein Fortschritt und damit keine Kultur. Wäre dies so, stellt sich die Frage: ist der Vernunft in einer Welt der Sinnentleerung Sehen und Hören vergangen?

Vielleicht ist die Definition von Kultur zwischen Bezeichnung und Bedeutung zu finden und auch da zu unterscheiden.

Somit wäre nicht alles was wir als Kultur bezeichnen Kultur. Kultur wäre dann das was Bedeutung hat, in dem Sinne dass sie Bedeutendes zu schaffen und zu sein vermag für das Ganze. Bedeutendes ist mit Sicherheit nicht Bohlen, Mac Donalds und Bushido. Ebenso wenig sind es kulturelle Events für eine kleine Elite einer bodenlosen Finanz- und Genusswelt.

Kultur ist Nahrung für den Geist und wichtig für eine vitale Zivilgesellschaft.



Mittwoch, 20. Oktober 2010

Ich lass dich an der Wand abrutschen ...

Dem was ich tue, meiner Arbeit liegt immer Kommunikation zugrunde. Meine Arbeit ist immer an Menschen gebunden. Meist sind es Kreative, wie Künstler, Schriftsteller, Regisseure, Schauspieler oder Philosophen und Psychologen. Es liegt in der Natur dieser Menschen, dass sie Individualisten sind mit eigenen Lebenskonzepten, die sehr nah an dem sind, was sie ausmacht. Vereinfacht könnte man sagen - sie leben in ihrer eigenen Wirklichkeit und folgen ihrer eigenen Wahrheit. Im Grunde tut das Jedermann.

Der Unterschied zwischen "Jedermann" und diesen Männern und Frauen ist jedoch ein sehr eklatanter: die Kreativen, Psychologen und Philosophen wissen um ihre eigene individuelle Wirklichkeit, die Meisten jedenfalls. Darum wirken solche Menschen auch sehr stark, sehr gefestigt in dem was sie Denken, Fühlen, Tun und Erschaffen. Sie wirken authentisch. Ich mag dieses Wort eigentlich nicht, weil es langsam überstrapaziert ist, aber es fällt mir gerade kein anderes ein. Man beachte aber bitte das Wörtchen "wirken".

Bewusstsein über das eigene in- der -Welt- Sein bedeutet ein Leben zu führen, das reflektiert ist, ein beständiges Auseinandersetzen mit Gedanken über das eigene Leben, das Leben im Kollektiv mit den Anderen, die unsere Spiegel sind.

Das ist erst mal nichts Gutes und nichts Schlechtes. Alles ist sowieso erst mal das, was es ist, auf der Metaebene sozusagen. Es wird nur zu Etwas, indem wir beginnen den Dingen Bedeutungen zuzumessen.

Menschen sind aber nun mal so konstruiert, von wem auch immer, Gott ist nämlich auch nur eine Wahrheit, dass sie gar nicht anders können als Bedeutungen beizumessen und Interpretationen zu versuchen. Weiß jeder von sich selbst wie das so funktioniert. Reines Beobachten ohne Bewertung ist nicht möglich.

Worauf ich hinaus will?

Unter diesen "bewussten" Menschen, gibt es eine Spezies, die ich die "Ich lass Dich an der Wand meiner individuellen Wahrheit abrutschen". Und die sind schwierig, die sind fast schon unangenehm was die Kommunikation angeht. Die haben ihre eigen Wahrheit und alle anderen Wahrheiten einfach mal ausgeschlossen. Gut wenn sie letztere noch achten können, mit der Wahrnehmung derselben hapert es nämlich schon sehr.

Die allerschlimmsten aber sind die, die ich die Jünger Watzlawicks nenne. Diese Spezies nämlich behauptet immer und überall: Es gibt sie nicht die eine Wahrheit! Du hast Recht, ich hab Recht und Basta!

Was soll man da noch sagen? Man nickt, weil es wahr ist. Kommunikation beendet. Langweilig und man geht. Frustrierend wird das aber, wenn man nicht gehen kann, weil man mit diesen Menschen arbeiten muss. Man hat sich ja verpflichtet und den Job hinschmeissen zieht Folgen nach sich, auch für andere Beteiligte. Man versucht also wider bessere Wissens weiterhin untaugliche Kommunikationsversuche und spielt weiter Rutschbahn. Als Kind fand ich das übrigens auch nicht wirklich prickelnd die Rutschbahn runter zu rutschen. Das auf die Leiter klettern schon eher.

Also die " Ich lass dich an abrutschen" Vertreter wissen, dass alle Wahrheit, alle Realität eine Konstruktion ist, weil das Watzlawick und andere Anhänger des Konstruktivismus "bewiesen" haben.

Aber mal ehrlich, Leute - wenn alle Wahrheit eine Konstruktion ist, dann ist doch auch der Konstruktivismus nur eine Konstruktion von einer Wahrheit. Eben drum. Und das erlaube ich mir zu bemerken bei solchen "Ich lass dich abrutschen" Vertretern.

Und da steigen die dann aus, weils gefährlich rüttelt an der eigenen Wahrheit. Weil, die ist ja dann vielleicht auch nicht wahr .... grübel...

Kann sie ja auch nicht sein, denn alle Wahrheit, alle Bilder und Vorstellungen von Realität entsteht über Kommunikation und die beginnt beim ersten Atemzug also in der Interaktion mit anderen. Und da mischt sich dann gleich mal die fremde Wahrheit unter die noch nicht mal vorhandenen eigene Wahrheit.

Oder kommen wir als mit einer eigenen Wahrheit ausgestatteten Wesen auf die Welt? Ne, sicher nicht. Oder ist das auch wieder nur eine Wahrheit?





Sonntag, 17. Oktober 2010

Top und Flop, oder Schluss mit Multi Kulti ...

Ich war nie ein politischer Mensch, nicht in dem Sinne, dass die tagespolitischen Ereignisse von immenser Wichtigkeit für mein Seelenheil waren, oder, dass ich wissen musste was in der Politik abgeht, damit ich mitreden kann.

Irgendwo habe ich allerdings mal gelesen, dass jeder Mensch politisch ist. In diesem Sinne war und bin ich es wohl doch.

Ich interessiere mich für den Menschen und wie er funktioniert. Ich interessiere mich für Menschlichkeit. Alles was unmenschlich ist, alles was gegen die Würde des Menschen verstößt, macht mich traurig und manchmal wütend.

Im Moment geschieht viel, was mich traurig und wütend macht.
Zuviel was mich glauben lässt, wir haben vergessen, was ein Mensch sein könnte. Nein, eigentlich hat der Mensch immer wieder bewiesen, dass er es nicht nur vergessen hat, sondern dass er es einfach nicht weiß.

Gestern Morgen habe ich verschlafen. Ich musste mir ein Taxi nehmen um einen Termin pünktlich einhalten zu können. Der Fahrer war ein Türke, ein alter Mann mit grauem Bart und vielen kleinen Falten um die gütigen Augen. Das Radio im Wagen war an und wir hörten die Meldung, dass "Multikulti" gescheitert ist.

Der alte Mann fragte mich, ob die Deutschen nichts gelernt hätten aus dem was war. "Ich habe Angst", sagte er. Nicht um mich, ich bin alt, ich habe Angst um meine Kinder". Sie werden immer mehr ausgegrenzt, in der Schule und auch sonst. Er erzählte mir von seiner siebzehnjährigen Tochter, die deutsche Freundinnen hat, die eingeladen war auf eine Party und nicht reingelassen wurde. "Hier ist kein Platz für Ausländer", meinte der Türsteher. "Er war genauso alt wie meine Tochter", sagte der alte Mann und: "Das ist neu, sie durfte bisher immer auf diese Partys."

Ich hörte zu und ich schämte mich für die Deutschen, für die Menschlichkeit, die nicht da ist.

Auf dem Heimweg, als ich an der Haltestelle auf den Bus wartete, saß neben mir ein Deutscher. Er las in der Bildzeitung. Ich sah zwei Fotografien, die zwei ausländische Mitbürger zeigten.
Der eine, ein gut aussehender junger Mann im schwarzen Nadelstreifenanzug. Über dem Foto stand zu lesen: TOP. Daneben ein anderes Foto. Es zeigte auch einen Mann. Er war schlecht gekleidet, auch ein ausländischer Mitbürger. Über dem Foto stand zu lesen: FLOP.

Ich war wütend. Wütend über diese polarisierenden Fotos, das stigmatisierende Wort, das diese beiden Menschen in ihrem Sein zu identifizieren sich erdreistet.

Menschen lesen so was, Menschen glauben so was, Menschen lassen sich beeinflussen durch so was, Menschen lassen sich aufhetzen durch so was. Ich frage mich: Wohin führt so was?

Einst haben Deutsche jüdischen Menschen befohlen gelbe Sterne zu tragen, damit man sie erkennt, damit man sie ausgrenzen kann von den anderen Menschen. Das war der Anfang. Das Ende kennen wir.

Heute steht da Flop.

Ich habe Angst wie der alte Mann. Ich habe keine Angst um mich. Ich habe Angst vor den Menschen und dem was sie auch sind. Ich habe Angst um unsere Kinder.



Montag, 11. Oktober 2010

Verschmelzung

Eine der großen Paradoxien des Lebens ist der Fakt das Selbstwahrnehmung Angst macht. Die Verschmelzung mit einem Du rottet dieses Angst aus, indem sie die Selbstwahrnehmung auschaltet.

Sind wir verliebt erleben wir das Glück der Vereinigung mit einem anderen Menschen. Wir denken nicht mehr über uns selbst nach, weil das fragende, einsame Ich sich im WIR auflöst. Das Verschmelzen mit dem Du, besonders im sexuellen Akt, wirkt wie ein Wundermittel gegen die Einsamkeit, den Verfall, das Altern, den Tod. Verschmelzung gibt uns das trügerische Gefühl das Getrenntsein zu überwinden.

Verschmelzung erscheint uns wie die Befreiung von der Angst, vor der Isolation als Einzelner im Ganzen. Doch das ist eine Illuison, denn der Preis ist der Verlust des Selbst.

Viele Beziehungen zerbrechen, wenn wir den anderen als Schutz gegen die Isolation benutzen, anstatt uns aufeinander zu "beziehen", füreinander da zu sein. Die Fusion ist eine trügerische Allianz. Liebe ist weit mehr. Sie ist eine Form des Seins und nicht auf eine einzige Person bezogen.

Freitag, 8. Oktober 2010

Freie Meinungsäußerung mit Risiken und Nebenwirkungen

Wir leben in einer Demokratie. In der Tat, weiß doch jeder. Und weil das so ist, dürfen wir alle unsere freie Meinung äußern. Ist doch so, oder irre ich mich? Das steht sogar in Art. 5 des Grundgesetzes. Lohnt sich übrigens den mal nachzulesen.

In letzter Zeit scheint mir die Realität etwas anders vorführen zu wollen. Und das mehrfach. Ist schon sehr auffällig diese Gegenteilsbeweisführung.

Beispielsweise lebe ich davon meine Meinung zu sagen, beziehungsweise öffentlich kund tun zu dürfen. Ich schreibe unter anderem für Zeitungen. Die Redaktionen schicken mich zu einer Veranstaltung, meistens kultureller Art, weil ich mich da am Besten auskenne. Ich gehe dann da hin und guck mir alles an. oder ich höre und schaue aufmerksam zu und manchmal, wenn der Künstler Zeit hat und Laune, spreche ich mit ihm über seine Kunst um seine Meinung zu hören. Dann gehe ich wieder nach Hause, setze mich an den PC und schreibe meine Meinung. Das Endprodukt ist die Rezension, zu deutsch: die Kritik.

Tage später lese ich dann meinen Artikel. Und was ich da lese ist entweder sehr zusammengeschrumpft, auf Kosten wirklich schöner Sprache oder Satzteile, oder, das passiert auch, ich erkenne den Artikel nicht wieder. Bisweilen werden da die Worte herumgedreht, also derart verdreht, dass die Aussage des von mir ursprünglich Gemeinten eine völlig andere ist. Im Zweifel keine Kritik mehr, sondern eine Lobeshymne.

Was soll ich da sagen? Sage ich man was und bestehe damit auf mein Recht auf Meinungsfreiheit, oder schweige ich still, wohlweißlich, dass man als unbequemer, auf seine Meinung bestehender Autor im Zweifel gar nichts mehr sagen, bzw. schreiben darf und das heißt im Klartext: man wird nicht mehr gedruckt.

Ich habe entschieden, dass ich den Mund halte, weil ich ja was essen muss und Miete zahlen und alles was man sonst so muss. Aber - ich nehme die Herausforderung an zwischen den Zeilen zu schreiben, so dass das, was ich meine, die, die zwischen den Zeilen lesen können, es auch lesen können. Man wächst an seinen Aufgaben.

Übrigens, Meinungsfreiheit ist auch an Authentizität gekoppelt. Das Thema hatte ich schon in diesem Blog. Alle lieben es authentisch. Solange man es nicht ist. Seine freie authentische Meinung soll jeder verkünden dürfen, unter Freunden sowieso. Solange sie dem Anderen in den Kram, beziehungsweise in die eigene Realität passt, musste ich just feststellen.

Also ich sage ohne bösen Vorsatz und ohne die Absicht verletzen zu wollen, meine authentische "aus dem Bauch heraus freie Meinung" und merke, kaum, da sie mir über die Lippen gekommen: das kann derartige Nebenwirkungen haben, dass man am Ende keinen Freund mehr hat, jedenfalls keinen, von dem man gedacht hat er wäre es, oder könnte es werden. So ist das mit der Meinungsfreiheit, der Authentizität und der individuellen Realität.

Lerneffekt: Die eigene Meinung immer und überall zu verkünden hat Risiken und Nebenwirkungen. Da muss ich nicht mal meinen Arzt oder Apotheker fragen, das spüre ich am eigenen Leibe.

Ich kann aber auch den Mund nicht halten. "Bis Du mal eins auf die Fresse kriegst", meint meine beste Freundin.



Montag, 4. Oktober 2010

Ich kenne sie nicht wirklich

Ich kenne sie nicht wirklich und ich kenne sie nicht gut. Was ich von ihr kenne ist das, was sie von sich Preis gibt. Es ist immer das Gleiche über das sie spricht. Sie spricht von der Tochter, die sie verlassen hat und die seit Jahren nicht mehr mit ihr spricht. Über die Enkelkinder, die sie nicht sehen darf und die Sehnsucht, die sie hat und das Nichtverstehen warum alles so ist und nicht anders.

Wenn sie einmal begonnen hat zu sprechen weiß ich, dass ich mir eine Weile Zeit nehmen muss, auch wenn ich keine Zeit habe oder glaube keine Zeit zu haben.

Wie alt sie ist habe ich vergessen. Irgendwann hat sie es mir gesagt, über siebzig oder so. Es spielt keine Rolle. Sie ist alt, aber Alter interessiert mich nicht im Geringsten. Mich interessieren Menschen und ihre Geschichten und manchmal schreibe ich sie auf.

Sie geht an einem Stock langsam und schwerfällig, als trage sie eine Last auf den schmalen Schultern, die der Stock ihr nicht stützen hilft. So schwer wie ihr Gang ist das, was sie ausstrahlt. Immer ist da die Trauer, die an ihr klebt wie zäher Leim, die ich spüre, sobald ich in ihre Nähe komme. Ich kenne das Gefühl von Trauer, das keine vorrübergehendes ist, das bleibt und sich einfrisst in das Leben.

Vorhin, als ich beim Bäcker mein Brot kaufe sitzt sie da auf einem Stuhl an einem der kleinen Tische mit den orangefarbenen Deckchen drauf und den künstliche gelben Rosen in der kleinen silbernen Vase. Rote Backen über einem halbvollen Glas Ferderweiser und einem leeren Teller mit Kuchenkrümeln. Das Rot der Wangen beißt sich mit dem grellen Orange. Sie sieht mich, strahlt über das ganze Gesicht und hält sich dabei die Hand vor ihr Strahlen, weil ihr ein Vorderzahn abgebrochen ist. Einmal habe ich sie gefragt warum sie sich das nicht machen lässt, das mit dem Zahn, sie sagte, ich kann es mir nicht leisten.

Sie winkt mich zu sich, lädt mich zu einer Tasse Kaffee ein, die sie sich auch nicht leisten kann. Ich setze mich zu ihr und lehne den Kaffee ab. Mit ist nicht gut, ich habe Grippe und will eigentlich schnell wieder nach Hause auf mein Sofa und mich auskurieren.

Vor ihr liegt ein Briefumschlag und ein Blatt mit krackeligen Buchstaben drauf, die Sätze bilden. "Ich habe einen Brief geschrieben, sehen Sie." Mit zittrigen Fingern deutet sie auf das Papier. "Sie wird ihn nicht lesen, sie kommen alle zurück meine Briefe, ungeöffnet. Aber egal, ich schreibe ihr trotzdem." Sie lächelt.

Ich lächle zurück und verstehe sie.

Sonntag, 3. Oktober 2010

Gedanken zur Einheit

Es ist ziemlich lange her, da fielen sich Menschen aus dem Osten und dem Westen Deutschlands euphorisch in die Arme. Fremde weinten gemeinsam, lachten gemeinsam und feierten gemeinsam wie Brüder und Schwestern. Ein Volk, getrennt durch eine Mauer, kam endlich zur Einheit.

Heute feiern wir diesen Tag. Oder wir feiern ihn nicht, wir nehmen ihn lediglich zu Kenntnis, weil anderes wichtig ist. Möglicherweise lesen wir online oder in Zeitungen was kluge Menschen schreiben, in Memoriam an diesen denkwürdigen Tag einst im Oktober und über das Gute und das Schlechte, das uns unsere deutsche Einheit eingebracht hat.

Einheit, was ist das eigentlich? Ich könnte das jetzt googlen, so wir wir mittlerweile alles googeln können. Ob alles stimmt, was uns vorgegoogelt wird, wer weiß? Ich mache mir meine eigenen Gedanken.

Einheit fühlt sich für mich an wie ein gemeinsames Ganzes, ein aus vielen Teilen sich formierendes Eins. Zunächst nichts weiter. Alles Weitere sind Bewertungen und Interpretationen. Ist das etwas Gutes, etwas nicht Gutes, wozu eine Einheit und muss eine Einheit aus gleichen, homogenen Teilen bestehen oder aus vielen durchaus verschiedenen Teilen?

Was ist der Sinn einer Einheit und gibt es sie überhaupt, ausserhalb des mathematischen Einheitsbegriffes vom Ganzen?

Einheit ist ein schönes Wort, irgendwie. Dabei denke ich an Hesse und sein "Alles ist Eins". Ja, das fällt mir ein. Weil sich das gut anfühlt. Wenn alles Eins ist, eine Einheit, dann sind wir alle ein Teil von Allem und niemals allein.

Die Gegenwartsbeweisführung zeigt uns das Gegenteil. So viel an Uneinigkeit, soviel an Zersplitterung und Trennung, dieses Übermaß an Individualismus und Egozentrik haben mit Einheit nichts zu tun.

Einheit ist, wie so Vieles in unserer virtuellen hochtechnisierten und chemisierten Gesellschaft, eine Illusion, ein Wunsch, nichts weiter. Seine Erfüllung scheitert an der Wirklichkeit und ihrem unendlichen Meer an Möglichkeiten, Einstellungen, Wahrheiten und individuellem In der Welt sein. Nein, wie sind uns nicht einig in diesem Land. Nicht, mit unseren Nachbarn, weder mit denen im Osten Deutschlands, noch mit denen in der Welt, noch mit denen, mit denen wir Tür an Tür wohnen. Wir kennen sie nicht einmal wirklich. Wir sind uns nicht einig mit uns selbst, denn all das sich gegenseitig Widerstrebende im eigenen Ich macht Individuumseinheit unmöglich. Das Selbst ist das größte Rätsel und niemals mit sich einig, es sei denn wir sind Erleuchtete.

Das Leben an sich ist zur Einheit angelegt, mit uns selbst, dem Nächsten und der Natur aus der wir kommen und von der wir leben, in der wir leben, aber so funktionieren wir nicht.

Die Natur haben wir, getrieben von menschlichem Größenwahn auseinandergerissen und verwundet, so sehr, dass sie längst begonnen hat zurückzuschlagen. Das "Alleins" ist eine schöngeistige Idee von Philosophen, Gläubigen und Dichtern wie Hesse einer war. Und letztlich litt er, zeitlebens schwer depressiv, am Mangel des Gefühls der Einheit. Zerissen, suchend, verstehend - am Ende sein Fazit: Jeder ist allein.

Jeder ist allein, die andere Seite der Medaille Einheit. Polarität eben, so ist Welt.
Wir sitzen allein am PC und vereinen uns mit Fremden, die wir nie persönlich gesehen haben, nennen sie Freunde. Wir fühlen Augenblicke von Einheit, fühlen uns verbunden mittels Worten, an denen wir Gefallen finden, die anmuten, als sprechen sie uns aus der Seele. Worte, die das Gefühl aufkommen lassen eins mit dem anderen zu sein - verbunden, eine Augenblickseinheit ohne Dauertüchtigkeit, die uns, fahren wir den PC herunter allein zurück lässt ... bis morgen, dann!

Wir leben in Beziehungen, die auf gegenseitigen Nutzen ausgerichtet sind. Liebe ist glücklicher Zufall, ein uns findendes, flüchtiges, vorübergehendes großes Gefühl von Einssein mit dem Anderen, kostbar und selten. Verlieren wir sie, findet sie uns nicht mehr, begnügen wir uns mit Fickgeschichten und halbherzigen Arrangements, die uns für Momente das Gefühl von Einheit vorgaukeln. Wir pflegen Freundschaften schlechter als unsere Zähne, weil sie Zeit kosten und verbringen unsere Zeit damit dem fragwürdigen Erfolg nachzujagen oder dem Brot, das uns ernährt, in Jobs diemittelfristige Strecken von Zeit nicht mehr überleben, wir verbringen Lebenszeit mit Kollegen, die wir nicht kennen und nicht kennen lernen wollen, von Lebenszielen können wir uns wir nur noch überraschen lassen. Wir erziehen Kinder für die wir nicht die Aufmerksamkeit aufbringen können, die wir uns wünschen und die sie brauchen. Wir engagieren uns für Projekte, die wir uns zur Aufgabe machen, weil da nichts anderes ist, wofür wir uns engagieren können oder wollen, oder weil es dem Ego schmeichelt.

Einheit, in all dem ist sie nicht zu finden und doch, zwischen all dem schwingt sie mit, als Wunsch, bewusst oder unbewusst.