Montag, 9. März 2026

Die stille Kraft der Dankbarkeit

 



Dankbarkeit ist das Gefühl der Wertschätzung für das Gute, das uns widerfährt. Sie ist zugleich eine Emotion und eine innere Haltung, eine Gabe, die uns hilft, das Leben bewusster wahrzunehmen. Dankbarkeit bedeutet, Vertrauen ins Leben zu haben und das Positive in unserem Alltag zu erkennen.
Sie beeinflusst unser Denken, Fühlen und Handeln auf tiefgreifende Weise. Neurowissenschaftliche Studien zeigen, dass Dankbarkeit erstaunliche Auswirkungen auf unser Gehirn hat. Wenn wir Dankbarkeit empfinden, wird das Belohnungssystem aktiviert. Gleichzeitig steigt der Spiegel der Neurotransmitter Dopamin und Serotonin – zwei Botenstoffe, die maßgeblich zu unserem Wohlbefinden und unserer emotionalen Ausgeglichenheit beitragen.
 
Dankbarkeit beginnt oft im Kleinen, kann jedoch große Auswirkungen haben. Sie ist ein kraftvolles Werkzeug, mit dem wir unser Leben bewusst positiver gestalten können. Verschiedene Praktiken helfen uns dabei, Dankbarkeit im Alltag wahrzunehmen und zu vertiefen. Wenn wir sie regelmäßig anwenden, lernen wir, unseren Blick stärker auf die guten Aspekte unseres Lebens zu richten und mehr Zufriedenheit zu empfinden.
 
Wege, Dankbarkeit im Alltag zu kultivieren:
Das Dankbarkeitstagebuch
Diese Methode gilt als besonders wirksam – das zeigen zahlreiche Studien. Nimm dir täglich ein paar Minuten Zeit, morgens oder abends, und schreibe mindestens drei Dinge auf, für die du an diesem Tag dankbar bist.
 
Der Dankbarkeits-Rückblick
Nimm dir am Wochenende einige Minuten Zeit, um auf die vergangene Woche zurückzuschauen. Notiere dir die Momente, in denen du Dankbarkeit empfunden hast. So wird dir bewusst, wie viele positive Erfahrungen dein Alltag bereithält.
 
Dankbarkeit teilen
Schreibe einem Menschen, der dir wichtig ist, eine Nachricht und teile mit ihm, wofür du gerade dankbar bist. Vielleicht entsteht daraus eine kleine gemeinsame Gewohnheit: regelmäßig Dinge miteinander zu teilen, für die ihr dankbar seid.
 
Das Dankbarkeitsglas
Nimm ein großes Glas und einige kleine Zettel. Jedes Mal, wenn du etwas erlebst, wofür du dankbar bist, schreibe es auf einen Zettel und lege ihn in das Glas. Stelle es an einen gut sichtbaren Ort. Mit der Zeit kannst du beobachten, wie sich das Glas füllt. Am Ende des Jahres kannst du alle Zettel noch einmal lesen und dich an die vielen schönen Momente erinnern.
 
Das Erbsensammeln
Nimm dir morgens eine Handvoll Erbsen und stecke sie in deine Hosen- oder Jackentasche. Immer wenn du einen Moment der Dankbarkeit erlebst, nimm eine Erbse und lege sie in die andere Tasche. Am Abend zählst du die Erbsen und siehst, wie viele Momente der Dankbarkeit dein Tag enthalten hat.
 
Die Metta-Meditation
Die Metta-Meditation stammt aus der buddhistischen Meditationspraxis. Ihr Ziel ist es, „liebende Güte“ (Metta) und Wohlwollen gegenüber sich selbst und allen Lebewesen zu entwickeln. Dabei üben wir eine freundliche, wohlwollende Haltung, zunächst uns selbst gegenüber, dann gegenüber Menschen, die uns nahestehen, anschließend gegenüber schwierigen Menschen und schließlich gegenüber allen Lebewesen. Durch diese Praxis entwickeln wir Gefühle von Dankbarkeit, Mitgefühl und Verbundenheit. Sie stärkt Empathie, fördert inneren Frieden und kann zu mehr Zufriedenheit im Leben beitragen.
Zentral für die Metta-Meditation sind kurze, wohlwollende Sätze, die innerlich wiederholt werden:
 
Möge ich glücklich sein.
Möge ich mich sicher und geborgen fühlen.
Möge ich gesund sein.
Möge ich unbeschwert leben.
 
Anschließend richten wir diese Wünsche auch an andere:
Mögen alle Menschen und Lebewesen glücklich sein.
Mögen alle Menschen und Lebewesen sich sicher und geborgen fühlen.
Mögen alle Menschen und Lebewesen gesund sein.
Mögen alle Menschen und Lebewesen unbeschwert leben.
 
Dankbarkeit ist eine stille Kraft, die unser Leben verändern kann. Sie verlangt nichts von uns, außer einen Moment der Aufmerksamkeit. Einen Moment, in dem wir innehalten und erkennen, wie viel Gutes bereits in unserem Leben vorhanden ist. Wenn wir beginnen, Dankbarkeit bewusst zu kultivieren, verändert sich unser Blick auf uns selbst und die Welt. Aus Selbstverständlichem wird etwas Wertvolles. Aus kleinen Augenblicken entstehen kostbare Erinnerungen. Und aus dem Gefühl des Mangels wächst langsam ein Gefühl von Fülle. Dankbarkeit bedeutet nicht, dass alles im Leben immer leicht ist. Aber sie hilft uns, auch in schwierigen Zeiten Lichtpunkte zu entdecken, kleine Zeichen des Guten, die uns Kraft geben. Mit jedem dankbaren Gedanken öffnen wir unser Herz. Für das Leben, für andere Menschen und auch für uns selbst.
Dankbarkeit beginnt mit einer einfachen Entscheidung:
Heute nehme ich mir einen Moment Zeit, um dankbar zu sein. Denn wer Dankbarkeit im Herzen trägt, entdeckt im Alltag immer wieder kleine Wunder.
 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Sonntag, 8. März 2026

Die heilsame Kraft des expressiven Schreibens

 



„Menschen, die von einem schrecklichen traumatischen Erlebnis berichteten und dieses geheim hielten, hatten weitaus mehr gesundheitliche Probleme als Menschen, die offen über ihre Traumata sprachen." Diese Worte sind von dem amerikanischen Psychologen James W. Pennebaker, dem Erfinder des Expressiven Schreibens. 
 
Manche von uns tragen Erinnerungen in sich wie verschlossene Räume
Wir wissen, dass sie da sind, doch wir betreten sie nur selten oder nie. Die Türen bleiben geschlossen, die Geschichten unausgesprochen. Doch was wir verschweigen, verschwindet nicht. Es wirkt weiter – im Körper, in unseren Gedanken, in unserem Leben. James W. Pennebaker widmete einen großen Teil seiner Forschung genau diesem Zusammenhang: der Frage, wie Sprache, Gefühle und körperliches Wohlbefinden miteinander verbunden sind. Pennebaker untersuchte, wie Menschen sprechen und schreiben und was ihre Worte über ihre inneren Zustände verraten. Seine Forschung bewegte sich an der Schnittstelle von Persönlichkeitspsychologie, Sozialverhalten und psychosomatischen Erkrankungen. Besonders interessierte ihn, ob und wie sich belastende Erfahrungen auf unsere Gesundheit auswirken, wenn wir sie verschweigen – und was geschieht, wenn wir ihnen Worte geben.
In den 1980er-Jahren führte Pennebaker ein Experiment durch, das bis heute als Meilenstein in der Forschung zum sogenannten expressiven Schreiben gilt. Eine Gruppe von Studierenden schrieb an vier aufeinanderfolgenden Tagen jeweils fünfzehn Minuten lang über alltägliche, eher belanglose Ereignisse. Eine zweite Gruppe erhielt eine andere Aufgabe: Sie sollte über belastende oder traumatische Erfahrungen aus ihrer Kindheit schreiben – offen, ehrlich und ohne Zensur.
In den folgenden sechs Monaten beobachtete Pennebaker das Wohlbefinden der Teilnehmenden. Das Ergebnis war überraschend und zugleich bemerkenswert: Denjenigen, die sich schreibend mit ihren traumatischen Erinnerungen auseinandergesetzt hatten, ging es langfristig psychisch besser als der Kontrollgruppe. Das Schreiben über Schmerz, Verlust und Angst schien nicht zu belasten, im Gegenteil - es wirkte entlastend. Aus diesen Beobachtungen zog Pennebaker eine Schlussfolgerung, die heute von vielen Studien gestützt wird: Schreiben kann heilsam sein.
 
Auch aus meiner eigenen Erfahrung und aus der Arbeit mit Menschen in der Praxis und auch in meinen Schreibworkshops, weiß ich, welche Kraft im Schreiben liegen kann. 
Wenn wir schreiben, beginnen wir, unsere Gedanken zu ordnen. Wir halten inne, schauen hin und versuchen zu verstehen. Aus Erinnerungen, Gefühlen und Gedanken entsteht langsam eine Geschichte, eine Erzählung, in der unsere Erfahrungen einen Platz finden. Indem wir sie aufschreiben analysieren wir sie und fügen sie zu einer kohärenten Geschichte zusammen - wir fügen sie in unsere Biografie ein. Was zuvor nur als diffuse Empfindungen oder drängende Gedanken in uns kreiste, bekommt eine Form. Und mit dieser Form entsteht oft auch ein neues Verständnis. Viele Menschen erleben dabei etwas Entscheidendes: Die Vergangenheit verliert einen Teil ihrer Macht. Erinnerungen werden nicht gelöscht, aber sie werden integrierbar und genau darum geht es wenn wir von Heilung sprechen.
 
Wie Schreiben wirkt
Schreiben hilft uns zunächst, Struktur zu finden. Während wir formulieren, greifen wir automatisch auf Wörter zurück, die zeitliche und logische Zusammenhänge herstellen. Unsere Gedanken ordnen sich entlang einer inneren Linie. Das Chaos der Gefühle beginnt sich zu sortieren. Gleichzeitig eröffnet das Schreiben einen Raum der Beobachtung. Wenn wir unsere Gedanken zu Papier bringen, treten wir gewissermaßen einen Schritt zurück und betrachten, was in uns vorgeht. Wir erkennen Muster, Verbindungen und haben manchmal auch überraschende Einsichten: Warum uns bestimmte Situationen so stark berühren. Welche Geschichten wir über uns selbst erzählen. Und welche vielleicht längst überholt sind und mit welchen wir uns noch immer zu auf selbstschädigende Weise identifizieren.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Distanz, die durch das Schreiben entsteht. Indem wir ein Erlebnis beschreiben, verwandeln wir es in eine erzählbare Erfahrung. Wir sehen uns selbst nicht mehr nur als Betroffene oder Betroffene eines Ereignisses, sondern auch als Erzählerinnen und Erzähler unseres Lebens. Diese Beobachter - Perspektive kann ein Gefühl von Selbstwirksamkeit zurückbringen. Wir beginnen zu spüren: Ich bin nicht nur Teil der Geschichte, ich gestalte sie auch.
 
Während sich die frühe Forschung vor allem mit der Verarbeitung traumatischer Erfahrungen beschäftigte, zeigte sich später, dass die positive Wirkung des Schreibens weit darüber hinausreicht.  
Schreiben kann helfen, kreisende Gedanken zu beruhigen, Klarheit in schwierigen Entscheidungen zu finden oder Übergänge im Leben zu begleiten. Es kann ein Ort sein, an dem wir Krisen verstehen und als Chance erkennen, Veränderungen reflektieren und akzeptieren und selbst alltägliche Erlebnisse bewusster wahrnehmen und verarbeiten.
 
Ob expressives Schreiben allein ausreicht, um schwere Traumata zu heilen, lässt sich sicherlich nicht pauschal beantworten. Ich wage es zu bezweifeln. Jeder Mensch braucht etwas anderes um zu genesen. 
Manche Erfahrungen und schwere Traumata brauchen therapeutische Begleitung, Zeit, Geduld und andere Formen der Unterstützung. Doch das Schreiben kann ein kraftvolles Werkzeug sein – ein stiller Raum, in dem Gedanken und Gefühle Ausdruck finden dürfen. Beim Schreiben brechen wir aus dem inneren Gefängnis unausgesprochener Emotionen aus. Wir geben dem eine Sprache, was sich in uns festgesetzt hat. Was zuvor nur gespürt wurde, darf ausgesprochen werden. Und manchmal ist genau das schon der erste Schritt zur Entlastung.
 
Wenn wir regelmäßig schreiben, beginnen wir, mit uns selbst in einen Dialog zu treten. Wir hören genauer hin. Wir lernen unsere inneren Stimmen kennen – die zweifelnden, die ängstlichen, die verletzten, die trauernden, die hoffenden, die sehnenden und die mutigen Stimmen. Mit der Zeit vertieft sich dadurch unsere Selbstwahrnehmung, unser Verständnis und unser Mitgefühl für uns selbst. So wird das Schreiben zu mehr als einer Methode der Verarbeitung. Es wird zu einer Form der Begegnung mit der eigenen Geschichte, mit den eigenen Gefühlen und letztlich auch mit der eigenen Lebendigkeit.
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Samstag, 7. März 2026

Buchtipp: "Einsamsein" von Daniel Haas

 



„Es ist erstaunlich, wie sich das Bewusstsein aufspalten kann: in einen überwältigten Teil, der vor einem Schmerz, einer Angst kapituliert. Und in einen funktionierenden, der angemessene Reaktionen – Reden, Handeln – simuliert, als sei die Welt noch in Ordnung. Meine Welt war in den vergangenen Jahren zerbrochen. Was zuvor nur eine Tendenz zur Isolation gewesen war, hatte sich in tiefe Einsamkeit verwandelt.“
Diese Worte aus dem Buch "Einsamsein" von Daniel Haas treffen mit erschreckender Präzision was viele Menschen erleben.
 
Der Einstieg in das Buch fällt mir zunächst schwer. Fast lege ich es wieder zur Seite. Zu Beginn entsteht der Eindruck, hier gehe es weniger um Einsamkeit als um die literarische Aufarbeitung der Beziehung des Autors zu seiner Mutter, einer außergewöhnlich schönen Frau, von ihm zugleich bewundert und rätselhaft. Erst allmählich wird klar, dass diese Mutter-Sohn Beziehung der Schlüssel zum eigentlichen Thema ist. Auch die Mutter war eine Einsame. Jahre nach dem Suizid des Vaters entscheidet sie sich ebenfalls für den Freitod – mithilfe einer Sterbehilfeorganisation. Sie lässt ihren Sohn zurück: elternlos, traumatisiert.
„Aber was ist, wenn es ihr gelungen war, den Ärzten ein Krankheitsbild zu vermitteln, das diesen Schritt rechtfertigte? Wenn sie in Wirklichkeit einfach keine Lust mehr auf ein Leben hatte, in dem sie nicht mehr als Schönheit und Respektsperson auftreten konnte, sondern nur noch eine alte Frau unter vielen war – schwach und, in ihren eigenen Augen, unansehnlich?“
 
Haas beschreibt den Verlust der Mutter ohne Pathos, aber mit großer analytischer Schärfe. Mit der Zeit entfaltet das Buch eine Sogwirkung. Haas erzählt nicht nur die Geschichte seiner Mutter, sondern auch seine eigene – die Geschichte eines Menschen, der in die Einsamkeit hineingerät und sich darin fast verliert. In Interviews spricht er von einer Art „Erbe der Einsamkeit“, das in seiner Familie weitergegeben worden sei. Dieses Erbe zu verstehen, wird zum Antrieb des Buches. Jahre vor dem Freitod der Mutter gerät der Autor immer tiefer in die Isolation. Er verliert seinen Job, wird suchtkrank und verliert beinahe sich selbst. "Einsamsein" erzählt davon mit einer schonungslosen Offenheit, die stellenweise schmerzhaft ist. 
 
Haas beschreibt nicht nur ein persönliches Schicksal, sondern ein gesellschaftliches Phänomen. Einsamkeit ist längst kein Randproblem mehr, sondern eine stille Epidemie der Gegenwart. "Einsamsein" ist ein eindringliches, erschütterndes und zugleich ein aufrüttelndes Buch. Vor allem aber ist es ein wichtiges Buch.
Daniel Haas findet schließlich einen Weg aus der Dunkelheit. Viele andere schaffen es nicht und bleiben in chronischer Einsamkeit gefangen.
 
„Ich glaube, wir werden irgendwann alle Einsamkeitsexperten und -expertinnen sein und verlernen, Gesellschaftlichkeit konkret und real zu gestalten sowie zu erfahren. Wir sind so vernetzt wie nie, aber die konkrete Begegnung wird als belastend und befremdlich empfunden“, sagt Haas in einem Interview.
Man liest diesen Satz und spürt, wie sehr er unsere Gegenwart beschreibt.

Donnerstag, 5. März 2026

„Solange Sie das Unbewusste nicht bewusst machen, wird es Ihr Leben lenken und Sie werden es Schicksal nennen."

 


„Solange Sie das Unbewusste nicht bewusst machen, wird es Ihr Leben lenken und Sie werden es Schicksal nennen."
Dieser Satz ist von dem Psychoanalytiker C.G.Jung.
Ein krasser Satz, den ich nicht glauben will, denn ich bin der Überzeugung, es gibt etwas, das größer ist als wir, ich nenne es Gott, andere nennen es das Universum oder eben Schicksal.
Aber wenn ich tiefer darüber nachdenke und meinen inneren Widerstand gegen den Satz löse muss ich Jung zustimmen - er hat in dem Sinne Recht, dass weder Gott, noch das Universum uns Schaden zufügt oder uns rettet. Schaden tun wir Menschen uns selbst und gegenseitig, und retten dürfen wir uns auch selbst. 
 
Vieles von dem, womit wir uns schaden, ist uns nicht bewusst, es kommt aus dem Unterbewusstsein.
Das sogenannte Eisberg-Modell ist eine psychologische Metapher, die Sigmund Freud zugeschrieben wird. Es veranschaulicht, wie unser Bewusstsein und unser Unterbewusstsein zusammenspielen.
Das Bild: Ein Eisberg im Meer. Nur eine kleine Spitze ragt sichtbar aus der Wasseroberfläche, während der weitaus größere Teil unsichtbar unter Wasser liegt. Der kleine Teil über dem Wasser steht für unser Bewusstsein. Hier befinden sich unsere aktuellen Gedanken, Entscheidungen, Wahrnehmungen und alles, worüber wir uns Moment bewusst sind. Dieser Bereich ist uns zugänglich und kontrollierbar. Er macht aber nur einen kleinen Teil unseres gesamten Erlebens aus. Unter der Wasseroberfläche liegt das sogenannte Unterbewusstsein, der Teil unseres Gehirns, auf den wir nicht direkt zugreifen können. In diesem Bereich liegen verdrängte Erinnerungen, frühkindliche Erfahrungen, Traumata, Ängste, Wünsche, Triebe und automatische Verhaltensmuster. 
 
Alles was wir abspalten, ausblenden oder vergessen löst sich nicht in Luft auf. Es verlässt unser Bewusstsein, wandert ins Unterbewusstsein und von dort aus beeinflusst es weiterhin unser Denken, Fühlen und Handeln - und zwar stärker, als wir es bewusst wahrnehmen und als uns lieb ist. Wir glauben zwar bewusst zu entscheiden, doch viele unserer Gedanken, Gefühle, Reaktionen und Handlungsweisen haben tiefere, unbewusste Ursachen. Mit anderen Worten: Ein großer Teil unserer inneren Prozesse läuft automatisch und außerhalb unseres Bewusstseins ab.
Wir alle haben Gedanken und Gefühle, die unsere täglichen Handlungen beeinflussen. Vieles von dem was wir tun, führen wir unbewusst aus, weil wir einfach nicht wahrnehmen warum wir es tun. Jede Aktion, jede Handlung hat Folgen, sie erzeugt eine Reaktion in uns selbst, in unserem Leben und in den Menschen mit denen wir in Kontakt gehen.
 
Jung geht mit seiner Annahme, wie Freud, davon aus, dass es in uns unbewusste Anteile gibt – also Gedanken, Prägungen, Ängste, Wünsche und innere Konflikte, die wir nicht bewusst wahrnehmen. Diese unbewussten Inhalte beeinflussen jedoch unser Verhalten, unsere Entscheidungen und vor allem auch unsere Beziehungen. Wir agieren automatisch, ohne zu verstehen, warum wir so handeln, wie wir handeln.
Ein Beispiel: Eine Frau gerät immer wieder an Männer, die emotional nicht erreichbar sind und sie schlecht behandeln. Sie sagt sich: „Ich habe einfach Pech in der Liebe“ oder „Das ist mein Schicksal“.
Wir wissen aber heute, auch dank Freud und Jung, dass Erfahrungen, Prägungen und unbewusst verinnerlichte Bindungsmuster aus der Kindheit dazu führen, dass genau das vertraut wirkt, was wir kennen und wir es unbewusst, in einer Art Wiederholungszwang, immer wieder suchen. Es zieht uns an. Dabei wiederholt sich ein frühes unbewusstes Muster. Weil die Frau in meinem Beispiel den Zusammenhang aber nicht erkennt, wirken ihre unheilsamen Beziehungen wie äußeres Schicksal – obwohl es innerlich, also aus ihr selbst heraus, gesteuert ist.
 
Mit „das Unbewusste bewusst machen“, statt es Schicksal zu nennen, meint Jung also Selbstreflexion, heißt: sich mit den eigenen Motiven, Ängsten, Schatten und Prägungen auseinanderzusetzen um das, was unbewusst ist, ins Bewusstsein zu holen. 
Erst wenn wir tief tauchen und diese inneren Prozesse erkennen, gewinnen wir mehr innere Freiheit. Wir sind nicht mehr Marionetten des Verdrängten, sondern fähig bewusster zu entscheiden, anstatt automatisch zu reagieren. Kurz gesagt: Was wir nicht in uns anschauen, steuert uns im Hintergrund. Und was uns im Hintergrund steuert, fühlt sich dann wie Schicksal an.
Hört sich richtig gut an. Wir machen es uns bewusst und gut ist es. Nur funktioniert das aber nicht immer gut.
 
Der Verstand kann zwar erkennen, dass eine bestimmte Beziehung, Gewohnheit oder Entscheidung unheilsam ist, doch Gefühle wie Angst vor Verlust, Einsamkeit oder Unsicherheit sind oft stärker als jede rationale Einsicht. Unser inneres System ist darauf ausgerichtet, emotionale Sicherheit zu bewahren, selbst dann, wenn diese Sicherheit uns schadet.
Hinzu kommt, dass alte Verhaltensmuster vertraut sind. Vertrautheit vermittelt ein Gefühl von Sicherheit und Stabilität. Wenn wir beispielsweise in einem Umfeld aufgewachsen ist, in dem emotionale Kälte vertraut war, fühlt sich das später richtig, bzw. oder gewohnt an, auch wenn es schmerzhaft ist. Das Nervensystem bevorzugt das Bekannte gegenüber dem Unbekannten, selbst wenn Letzteres heilsamer wäre. Zu allem Übel erfüllen selbstschädigende Verhaltensweisen häufig unbewusste Bedürfnisse. Manche Handlungen verschaffen kurzfristige Erleichterung oder emotionale Betäubung. Das kommt besonders bei der Sucht zum Tragen. Auch wenn das Suchtmittel schadet, wird es innerlich als belohnend empfunden und wiederholt.
Gleichzeitig leben in uns innere Anteile mit unterschiedlichen Zielen: Ein Teil möchte Veränderung, ein anderer sehnt sich nach Vertrautem und Sicherheit, ein anderer hat Angst vor den Konsequenzen, der nächste ist schlicht und einfach faul. Diese inneren Konflikte und Ambivalenzen führen dazu, dass wir widersprüchlich handeln oder uns wieder besseren Bewusstseins selbst Schaden zufügen.
Auch Gewohnheiten spielen eine große Rolle.
Durch Wiederholung entstehen im Gehirn stabile Muster, die automatisch ablaufen. Selbst wenn wir wissen, dass ein Verhalten schädlich ist, reagiert unser System oft schneller als unser bewusster Wille.
Und dann sind da noch die tief verankerten Glaubenssätze. Wer z.B. innerlich davon überzeugt ist, nicht gut genug zu sein oder nichts Gutes zu verdienen, wird unbewusst Situationen wählen oder tolerieren, die dieses Selbstbild bestätigen.
 
Was sagt uns das?
Wissen findet auf kognitiver Ebene statt und verändert erst mal wenig bis nichts. 
Echte Veränderung bedarf komplexer emotionaler, körperlicher und identitätsbezogener Prozesse. Bewusstwerdung ist ein wichtiger erster Schritt, doch nachhaltige Veränderung und inneres Wachstum braucht viel Bereitschaft, Geduld, Zeit, Kontinuität, Konsequenz und Disziplin und bewusstes Handeln um unser „Schicksal“ in eine bessere Richtung zu wenden.
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Samstag, 28. Februar 2026

Heilung bedeutet nicht vergessen

 



Heilung wird oft missverstanden. Viele Menschen glauben, wenn ich geheilt bin verschwindet der Schmerz und die Erinnerung.Heilung bedeutet nicht vergessen. Heilung bedeutet, uns erinnern zu können, ohne am Schmerz zu zerbrechen. Was geschehen ist, bleibt Teil unserer Geschichte.
Jede Erfahrung, auch die schmerzhaften, formen uns. Sie hinterlassen Spuren in unserem Denken, Fühlen und Handeln und in unserem Nervensystem. Vergessen würde bedeuten, einen Teil von uns selbst auszulöschen. Und das funktioniert nicht, auch wenn viele sich das wünschen. 
 
„Das soll endlich weggehen. Ich will das nicht mehr fühlen, ich will diese Gedanken nicht mehr denken! So viel: Ich will nicht!
Heilung hat nichts mit wegmachen zu tun, Heilung bedeutet: Integration, den verletzten Teil annehmen und ihn würdigen.
 
Heilung löscht nichts aus. 
Sie macht was geschehen ist nicht ungeschehen. Was war, war.
Die Worte, die uns ins Mark getroffen haben.
Die Momente, die uns das Herz gebrochen haben.
Die Angst und der Schmerz, den wir gefühlt haben.
Die Enttäuschung, die uns erschüttert hat.
Die Demütigung, die uns klein gemacht hat.
Die Verluste, die uns den Boden unter den Füßen weggerissen haben.
All das ist Teil unserer Geschichte. Unauslöschbar.
Heilung bedeutet nicht, dass die Erinnerungen verschwinden, sondern, dass sie uns nicht mehr beherrschen.
 
Heilung bedeutet Mut.
Mut, hinzusehen.
Mut, zu fühlen, was weh tut.
Mut, den eigenen Schmerz nicht kleinzureden, sondern ihn anzuerkennen und ihn zu fühlen.
Wunden, die wir ignorieren, entzünden sich.
Wunden, die versorgt werden, dürfen heilen und hinterlassen eine Narbe. Diese Narben sind kein Zeichen von Schwäche. Sie sind ein Zeichen dafür, dass wir überlebt haben, was uns fast zerbrochen hat. Dass wir gekämpft haben und weitergemacht haben. Dass wir trotz der Angst, der Ohnmacht, der Trauer, der Verzweiflung und dem Schmerz nicht aufgeben haben.
Wir haben überlebt. Wir sind noch da.
 
Das ist Stärke!
Es ist Stärke nicht aufgegeben zu haben, obwohl es genug Gründe dafür gegeben hätte. Es ist Stärke immer wieder aufzustehen, egal wie oft wir fallen oder scheitern.
Und wir haben etwas gewonnen, auch wenn viele von uns das nicht sehen können.
 
Das ist Tiefe!
Dieses feine Gespür für Stimmungen, Spannungen, leise Zwischentöne. Das Bewusstsein: Verletzt werden gehört zum Menschsein. Was einst Schutzmechanismus war, hat sich gewandelt - zu Empathie und Mitgefühl. Wir fühlen den Schmerz anderer, weil wir ihn selbst kennen. Wir stellen andere Fragen. Wir denken tiefer nach - über uns selbst, das Menschsein, das Leben, über Sinn und Vertrauen. Wir leben nicht an der Oberfläche, wir tauchen tiefer. Wir haben erfahren wie es sich anfühlt, wenn Grenzen verletzt werden. Wir haben unsere Grenzen gespürt und sie neu definiert. Wir habe gelernt „Nein“ zu sagen um unsere Grenzen zu schützen und uns den Raum zu nehmen, den wir brauchen.
 
Wir tragen Narben und gehen trotzdem weiter.
Narben bleiben. Trauma verschwindet nicht einfach. Trigger, Erinnerungen, Rückfälle bleiben. Aber wir wissen wie wir damit umgehen. Manchmal tut es noch weh. Manchmal kommen die alten Bilder zurück. Manchmal gibt es Tage, an denen alles wieder ganz nah ist und alles, was wir schaffen, nur weiteratmen ist. Und auch das ist ein Sieg.
Heilung bedeutet, wir erinnern uns, ohne wieder in denselben Abgrund zu stürzen, ohne dass uns ein Reiz in die Vergangenheit zurückkatapultiert. Und wenn, dann wissen wir, wie wir uns wieder ins Jetzt zurückholen. Wir wenden uns unserem Schmerz zu und sagen:„Du bist alt, ein Teil meiner Geschichte, aber du beherrscht nicht mehr mein Leben.“
Heilung zeigt sich darin, dass wir würdigen, dass wir da sind, immer noch da sind und trotzdem weitergehen. Und weiterwachsen. Dass wir uns nicht mehr definieren über das, was uns verletzt hat, sondern über das in uns, was uns hat überleben und wachsen lassen.
Heilung bedeutet nicht vergessen.
Heilung bedeutet, uns selbst zurückzuholen.
 
Heilung ist ein Prozess. Sie geschieht leise, niemals linear, in kleinen Schritten. In dem Moment, in dem wir über das Erlebte sprechen können, ohne zusammenzubrechen. In dem Moment, in dem eine Erinnerung nicht mehr sofort Tränen, Starre oder Panik auslöst. In dem Moment, in dem wir uns erlauben zu fühlen, ohne zu flüchten, in dem Moment wo wir erkennen, dass das Vergangene uns zwar geprägt hat, aber uns nicht mehr bestimmt und uns nicht ausmacht, dass wir so viel mehr sind als unser Trauma, unsere Angst, unsere Depression, unsere Wunde oder unsere Diagnose.
 
Zu heilen bedeutet, dem Schmerz seinen Platz zu geben.
Es bedeutet, Verantwortung für unser Jetzt zu übernehmen, ohne die Vergangenheit zu leugnen. Erinnerungen bleiben. Doch sie verlieren ihre Macht, wenn wir lernen, ihnen mit Mitgefühl statt mit Widerstand zu begegnen. Heilung ist mehr als Symptomfreiheit. Sie ist ein tiefer Prozess der Selbstermächtigung. Ein inneres Sich-Aufrichten, ein Anerkennen und das Bewusstsein unserer Würde. Und diese Würde bedeutet, uns selbst und unseren Schmerz ernst zu nehmen und uns nicht länger für das zu schämen oder zu beschuldigen, was an uns angetan wurde. Würde bedeutet Selbstachtung und dazu gehört auch, dass wir die Verantwortung dahin geben, wo sie hingehört.
 
Heilung ist ein Akt der Selbstermächtigung.
Wir sind so viel mehr als das, was uns passiert ist. Und das ist der Kern: Heilung bedeutet, unsere Würde nicht vom Erlebten definieren zu lassen. Heilung bedeutet die Opferidentifikation aufzugeben und uns selbst als ganzen, wertvollen Menschen anzuerkennen. 
 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Freitag, 27. Februar 2026

Der Wert des Lebens

 



Was ist ein Leben wert, wenn ein Mensch vollkommen allein ist und niemanden mehr hat?, fragte mich gestern eine verzweifelte Klientin, die im Laufe der letzten zwei Jahre alle Menschen verloren hat, die ihr etwas bedeutet haben. Ich kann mit ihr fühlen. Auch ich habe die wichtigsten Menschen in meinem Leben verloren. Auch ich habe immer wieder Momente, in denen ich mich frage: Wofür? Was ist mein Leben noch wert?
Das ist eine zutiefst existenzielle Frage. 
 
Wenn ein Mensch vollkommen allein und auf sich selbst reduziert ist, kann sich das Leben tatsächlich wertlos anfühlen. Wenn dieses Alleinsein zu Einsamkeit wird, hat die Einsamkeit die Kraft, das eigene Selbstbild zu verzerren. Der Mensch fühlt sich überflüssig, bedeutungslos, vergessen und wertlos. Er verliert den Sinn. Doch das Gefühl von Wertlosigkeit ist nur ein Gefühl und nicht tatsächliche Wertlosigkeit. Der Wert eines Lebens entsteht nicht ausschließlich durch andere Menschen.
Ein Leben hat Wert, weil wir sind, weil wir fühlen können, denken und erleben können. Weil wir in jedem Moment die Möglichkeit haben zu handeln und etwas zu verändern, in uns, an uns, durch uns. Und weil die Zukunft immer offen ist und keine festgeschriebene Größe. Solange Bewusstsein da ist, gibt es Erfahrung, solange Erfahrung möglich ist, gibt es Wirklichkeit. Der Wert eines Menschen hängt nicht davon ab, ob und wie viele Menschen ihn sehen, lieben oder brauchen. Er ist nicht an Status, Beziehungen oder Bestätigung gebunden. Er liegt in der Tatsache, dass ein Mensch existiert.
Aber genügt das, um uns das Gefühl zu geben: Mein Leben ist wertvoll?
 
Wenn ein Mensch vollkommen allein ist, leidet er. Dieses Leiden ist real. Wir Menschen sind soziale Wesen, Beziehungslosigkeit, Einsamkeit und Isolation schmerzen. Doch Einsamkeit ist ein Zustand und kein Urteil über unseren Wert. Einsamkeit beschreibt einen Zustand, nicht eine Bedeutung.
Die Bedeutung verleihen wir selbst. 
 
Tiefe Einsamkeit sagt oft: „Niemand braucht mich. Ich bin bedeutungslos, wertlos. Das sind Gedanken und Gefühle, aber keine objektiven Wahrheiten. Diese Gefühle können sehr mächtig sein, sie können uns überwältigen, uns verzweifeln lassen, aber sie sind nicht identisch mit der Wirklichkeit.
Kein Mensch ist dafür geschaffen, dauerhaft ohne Verbindung zu leben. Wenn wir uns wertlos fühlen, weil wir vollkommen allein sind, ist das kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Signal für ein zutiefst menschliches Bedürfnis: Bindung.
Der Schmerz der Einsamkeit bedeutet nicht, dass unser Leben nichts wert ist – er zeigt uns, wie sehr Beziehung zu unserem Wesen gehört. 
 
Was also, wenn es in einem Leben keine Beziehungen mehr gibt, so wie jetzt bei meiner Klientin? Was ist die Folge? Geht ein Mensch daran zugrunde?
 Theoretisch betrachtet kann ein Mensch daran sehr wohl zugrunde gehen, wenn er keinen einzigen Menschen mehr hat. Wir wissen, dass chronische Einsamkeit tödlich sein kann, weil sie nachweislich krank machen kann. Sie kann tödlich sein, aber muss es nicht zwangsläufig. 
 
Wir Menschen sind soziale Wesen. Unser Nervensystem ist auf Bindung ausgelegt. Resonanz, gesehen werden, geliebt sein, Berührung wirken regulierend auf unsere Psyche und unseren Körper. Fehlt Resonanz über lange Zeit vollständig, kann das schwerwiegende Folgen haben: Depressionen, Angstzustände, Zwänge, Sucht und kognitive Veränderungen sind nur einige davon. Einsamkeit als Dauerzustand ist für die meisten Menschen extrem belastend. Doch Belastung bedeutet nicht automatisch Zerstörung. Wir Menschen besitzen eine bemerkenswerte Anpassungsfähigkeit.
Psychologisch entsteht Identität zwar im Spiegel anderer, doch sie ist nicht ausschließlich davon abhängig. Wir verfügen über Erinnerung, Selbstreflexion und die Fähigkeit zur Imagination. Selbst ohne ein reales Gegenüber kann unser Bewusstsein innere Dialoge führen, vergangene Beziehungen lebendig halten oder sich in Gedanken mit etwas Größerem verbinden. Es gibt Menschen die mit sich selbst sprechen, mit Verstorbenen oder mit Gott. Unser Geist hat die bemerkenswerte Fähigkeit innere Stabilität zu erzeugen. Solange eine innere haltgebende Struktur vorhanden ist, bleibt unsere psychische Integrität bestehen.
 
Auf existenzieller Ebene wird die Frage jedoch grundsätzlicher. Was, wenn ich vollkommen allein bin und es bleibe?
Selbst dann, bliebe dennoch Welt. 
Identität setzt zwar Differenz voraus – ein Ich und ein Nicht-Ich –, doch diese Differenz wäre weiterhin gegeben. Das eigene Erleben bliebe real. Schmerz bliebe Schmerz, Freude bliebe Freude, Handeln bliebe Handeln, Entscheidung bliebe Entscheidung. Der Wert des Lebens wäre dann zwar nicht mehr relational, also nicht durch andere vermittelt, sondern im Erleben des Individuums selbst verankert.
Was uns tatsächlich zugrunde richten kann, ist weniger die bloße Abwesenheit anderer als Hoffnungslosigkeit und Sinnverlust, der sich dadurch einstellen kann. Wenn Einsamkeit und Isolation mit absoluter Ausweglosigkeit verbunden sind, wirkt das zerstörerisch. Gelingt es jedoch, einen inneren Sinn zu konstruieren, durch eine Aufgabe oder ein Ziel, kann ein Mensch selbst unter extremen Bedingungen stabil bleiben.
 
Noch tiefer gefragt: Wenn ich der letzte Mensch im Universum wäre, wäre mein Erleben weniger wirklich? Oder wäre es gerade deshalb von radikaler Intensität?
An diesem Punkt entscheidet sich, ob man Wert nur als etwas Zwischenmenschliches versteht – oder ob Bewusstsein selbst bereits Träger von (Lebens)Wert ist.
Ich nehme die Philosophen zur Hilfe.
Für Jean-Paul Sartre ist der Mensch „zur Freiheit verurteilt“. Das bedeutet, dass es keinen übergeordneten Sinn und keine höhere Instanz gibt, die unserem Leben Bedeutung verleiht. Der Mensch existiert und definiert sich selbst durch seine Entscheidungen. Wenn nun ein Mensch vollkommen allein ist, fallen die sozialen Spiegel weg, in denen er sich erkennt: keine Rollen, keine Erwartungen, keine Zuschreibungen. Was dann bleibt ist nur das eigene Bewusstsein und die radikale Freiheit, sich selbst zu entwerfen. Das kann als Leere erscheinen, aber ebenso als äußerste Form der Freiheit. Ohne andere gibt es niemanden, dem wir gefallen, den wir beeindrucken oder dem wir die Verantwortung für unsere Leben zuschieben könnte. Alles liegt allein bei uns selbst. Der Wert des Lebens entsteht dann nicht durch Beziehung und Anerkennung, sondern durch den Akt des Wählens. Selbst in der tiefsten Isolation bleibt der Mensch verantwortlich für das, was er aus sich macht. Gerade weil es keinen äußeren Maßstab gibt, wird dann jede Entscheidung, die wir treffen, existenziell.
Auch Albert Camus beschreibt die Grundsituation des Menschen als eine Konfrontation mit dem Absurden. Wir fragen nach dem Sinn, doch das Universum antwortet nicht. Der Mensch ist dieser Antwortlosigkeit in ihrer reinsten Form ausgesetzt. Camus sieht darin jedoch keinen Grund zur Verzweiflung, sondern vielmehr Antrieb zur Revolte. Wie Sisyphos, der seinen Stein immer wieder den Berg hinaufrollt, obwohl er weiß, dass er sofort wieder hinabrollen wird. Für ihn liegt der Wert nicht im Ziel, sondern im bewussten Trotz gegenüber der Sinnlosigkeit. Der Akt des Weiterlebens, des Entscheidens, des Handelns wird zur Bejahung der Existenz. „Man muss sich Sisyphos als einen Glücklichen Menschen vorstellen.“
 
In völliger Isolation wird der Existenzialismus gewissermaßen rein: kein Außen, keine gesellschaftliche und keine soziale Struktur, kein äußeres Urteil – nur Bewusstsein, Freiheit und Entscheidung. Der Mensch wird zum alleinigen Zeugen seiner Existenz. Das kann zutiefst beängstigend sein, weil niemand da ist, der die eigene Wirklichkeit bestätigt. Doch zugleich liegt darin eine radikale Würde: Selbst wenn niemand zusieht und niemand sich erinnert, schafft jede Entscheidung Realität für das erlebende Bewusstsein.Wenn also Bewusstsein selbst bereits Träger von Wert ist, dann verschiebt sich die gesamte Frage nach dem Wert eines Lebens grundlegend. Wert wäre dann nicht etwas, das durch Beziehung entsteht, nicht etwas, das verliehen, bestätigt oder gespiegelt werden muss. Er wäre auch nicht abhängig von Anerkennung oder Nutzen. Wert läge dann im bloßen Erleben selbst – im Dasein eines inneren Perspektivpunkts, von dem aus Welt erfahren wird. Nach diesem Verständnis ist jedes Wesen wertvoll, weil es eine Innere Welt besitzt. Schmerz wäre nicht nur ein biologisches Signal, sondern eine reale Erfahrung. Freude wäre nicht bloß ein Zustand von Nervenzellen, sondern gelebte Wirklichkeit. Gedanken, Zweifel, Hoffnungen – all das hätte Bedeutung, einfach weil es erlebt wird. Das Universum wäre nicht nur Materie in Bewegung, sondern eine wahrnehmende Realität.
Auch wenn es nur einen einzigen Menschen im Universum gäbe, bliebe sein Wert bestehen. Denn solange erlebt wird, existiert eine Perspektive auf Welt. Selbst wenn niemand zusieht, niemand antwortet, bleibt das Faktum: Es gibt Resonanz und Erfahrung. Und Erfahrung ist nicht nichts. Sie ist das Einzige, das überhaupt als „etwas“ erscheinen kann. Ohne Bewusstsein gäbe es zwar vielleicht Prozesse – aber kein Erscheinen, kein Fühlen, keine Bedeutung.
In diesem Sinn wäre Bewusstsein selbst der Wert. Nicht weil es nützlich ist, sondern weil es Wirklichkeit von innen heraus erzeugt. Jede bewusste Existenz wäre dann ein Zentrum von Bedeutung, unabhängig von äußerer Resonanz. 
 
Isolation ist schmerzhaft, aber sie hebt den ontologischen Wert, den Seinsgehalt, unabhängig von seiner subjektiven Bewertung, nicht auf. Das Leben ist nicht allein wertvoll, weil es geteilt wird, sondern weil es von uns selbst erlebt wird. Sein Wert existiert, solange Bewusstsein existiert. Er kann verkannt, bezweifelt oder vergessen werden, aber er wird nicht ausgelöscht, solange noch erfahren wird. In dieser Sicht ist das bloße Da-Sein eines bewussten Wesens bereits ein Wert.
Selbst in völliger Einsamkeit, wenn kein Mensch mehr da ist, ist das Leben nicht leer. Denn dort, wo Bewusstsein existiert, entsteht Wert – nicht durch Anerkennung, nicht durch Spiegel oder Bestätigung, sondern allein durch das Erleben selbst. Jeder Gedanke, jedes Gefühl macht die Welt spürbar, macht sie bedeutungsvoll, einfach weil jemand da ist, der sie erlebt. Das Universum, so still und antwortlos es auch sein mag, wird durch dieses Bewusstsein gefüllt.
In dieser Stille zeigt sich eine radikale Würde. 
 
Wert liegt nicht darin, gesehen zu werden, sondern darin, dass ich da bin, der erlebt. Mein Bewusstsein wird zum Schöpfer von Bedeutung, zum Urheber von Wert: Nicht weil es andere gibt, die bezeugen, sondern weil ich selbst existiere und fühle. Selbst Isolation kann diesen Wert nicht auslöschen. Das Leben kann einsam sein, schwer und manchmal bitter, doch all das nimmt dem Leben nicht seine Kostbarkeit. Jedes bewusste Sein ist ein Zentrum von Bedeutung, das der Wirklichkeit Tiefe verleiht. In diesem Sinn ist Existenz niemals bedeutungslos. Allein oder mit anderen, gesehen oder vergessen, so lange ein Bewusstsein existiert, ist die Welt voller Wert, voller Bedeutung, voller Leben.
Wenn wir es so sehen können, verliert das Leben in der Isolation nicht seinen Wert, sondern es offenbart uns seinen existenziellen Kern - unser Wert liegt nicht darin, gesehen zu werden, sondern darin, zu wählen bewusst zu existieren. 
 
Wenn mich niemand mehr jemals sehen, würde es für mich selbst einen Unterschied machen, wie ich lebe?, habe ich mich gefragt. Die Antwort habe ich noch nicht gefunden, aber ich fühle: Genau hier beginnt die existenzialistische Herausforderung.
Stelle ich mich ihr, begegne ich einer radikalen Freiheit.
Ich stelle mich der alleinigen Verantwortung für mein Leben. In dieser Konfrontation liegt die Chance, die Freiheit, mein eigenes Leben zu gestalten, bewusst und ohne Ausreden. Ich wähle wie ich auf das Absurde reagiere. Ich erkenne an: Die Welt gibt mir keinen vorgefertigten Sinn – und ich entscheide für mich selbst zu leben, wahrzunehmen, zu fühlen, zu denken und zu handeln. Jeder Gedanke, jede Handlung, jede Entscheidung wird dann zu einem Akt, der Bedeutung schafft, nicht weil andere ihn sehen, sondern weil ich selbst erlebe und das Leben bejahe. In dieser Haltung liegt die Kraft, Sinn zu gestalten, selbst in der tiefsten Einsamkeit.
 
Und wie geht das praktisch?
Ich nutze meine inneren Ressourcen. Sie werden zu Ankern. Meine Erinnerung, meine Vorstellungskraft, meine Rituale, Natur, Kunst, Musik, Literatur, das Gespräch mit mir selbst. All das stabilisiert, gibt Kontinuität, lässt mein Bewusstsein spürbar werden. Wer es schafft sich dieser Herausforderung zu stellen, erkennt vielleicht, dass Einsamkeit und Isolation keine untragbare Bürde ist, sondern die Möglichkeit, das eigene Sein zu formen.
Und das bedeutet auch: Ich akzeptiere das Paradoxe.
Freiheit, Einsamkeit und Verantwortung sind zugleich schwer und befreiend. In dieser vollen Intensität wird das Leben spürbar. Es wird wertvoll, weil es bewusst erlebt wird. Nicht durch andere, sondern durch das eigene Da-Sein. Wer fähig ist diese Herausforderung anzunehmen, wird zum Zeugen und zum Schöpfer seines eigenen Wertes. Er erschafft aus der Existenz selbst einen Grund zu sein.
Das Leben ist wertvoll, einfach weil wir sind. 
 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Mittwoch, 25. Februar 2026

Den Raum halten

                                                         
Art Work: A.W.
 
 
Wenn wir traurig sind, brauchen wir Menschen, die den Raum halten, weil Trauer kein Problem ist, das gelöst werden muss, sondern ein Gefühl, das gefühlt werden will. „Den Raum halten“ bedeutet, da zu sein, ohne zu bewerten, zuzuhören, ohne sofort zu analysieren, mitzufühlen, ohne ungefragt Lösungen anzubieten. Es bedeutet, die Gefühle des anderen zu achten, sie auszuhalten, ohne sie kleinzureden oder wegzuerklären. Wenn wir den Raum halten, braucht es nicht viel Worte. Es genügt eine Haltung, die vermittelt: Was du fühlst darf sein. Du bist nicht falsch mit dem, was du fühlst.
 
Ein Satz wie „So ist es nun mal“ oder „das ist die Realität“, den viele von uns hören, wenn sie traurig sind, kommt aus dem Kopf. 
Er versucht zu rationalisieren, zu relativieren oder einen schnellen Abschluss zu finden. Ohne vorherige Empathie wirkt er wie ein Abbruch, der das Gefühl schnell beenden soll. Er setzt einen Punkt, wo Gefühle noch Raum brauchen.
 
Traurigkeit sitzt nicht im Verstand, sie sitzt im Körper und im Nervensystem. 
Indem wir die Gefühle eines anderen vorschnell relativieren oder rationalisieren, fühlt er sich missverstanden und allein. Vielleicht fühlt er sich sogar beschämt, zu schwach, zu sensibel, überempfindlich. Halten wir aber den Raum, darf sich Traurigkeit, ohne bewertet zu werden, zeigen und das Nervensystem kann sich beruhigen. Der andere fühlt sich gesehen und angenommen, wir unterstützen ihn dabei sein Gefühl zu durchleben.
 
Wir Menschen sind fühlende Wesen.
Aber schon als Kind lernen viele von uns, ihre Gefühle zu unterdrücken oder abzuspalten. Nicht zuletzt deshalb gibt es so viele Menschen, die nie gelernt haben, dass Beziehung entscheidend ist um uns sicher zu fühlen und um unser Nervensystem zu regulieren. So viele sind emotional amputiert, weil sie nie gelernt haben – was du fühlst darf sein.
Es ist okay. Du bist okay. 
 
Ein Satz wie: „So ist es nun mal“ ist nüchtern und sachlich, er ist sogar wahr, aber er ist nicht hilfreich für Menschen, die sensibel sind und fühlen. Und nein, Sensibilität und Empfindsamkeit sind kein Zeichen von Schwäche, sondern von Tiefe.
 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Dienstag, 24. Februar 2026

Selbstbespiegelung

 

                                                             Zeichnung: A.Wende

 
Worte steigen auf wie Rauch,
und keines wärmt.
Gespräche gleiten über Oberflächen.
Münder sprechen von Erfolgen, von Plänen,
von sich selbst.
Sätze prallen gegeneinander
nicht geteilt, ausgestellt.
Trophäen aus banaler Alltäglichkeit.
Markt der Selbstdarstellung.
 
Selbstbespiegelung.
„Ich habe.“
„Ich war.“
„Ich werde.“
Ich bin und sitze da. 
 
Sehe offene Münder,
und keine offenen Ohren.
Kein echtes Fragen.
Münder, die nur darauf warten, selbst wieder zu reden,
während ich noch spreche.
Ein ständiges Sich-selbst-Erzählen.
 
Ich frage mich:
Wer bist du, wenn du einmal still bist?
Leere,
die bleibt,
weil Worte nichts berühren.

Sonntag, 22. Februar 2026

Aus der Praxis: Missbrauch in der Kindheit - "Ich habe ihn doch geliebt."

 

                                                                Malerei: A.Wende


Anna ist 40 Jahre alt, als sie sich in meiner Praxis vorstellt. Anlass war zunächst eine über Jahre bestehende Tablettensucht, eine generealisierte Angststörung und eine depressive Symptomatik. Sie leidet unter starken Selbstzweifeln, Scham-und Schuldgefühlen und äußert immer wieder den Satz: „Besser ich wäre tot.“

Im Verlauf der Sitzungen berichtet sie vom Missbrauch durch den Vater in der Kindheit, von dem sie erst kürzlich durch ein Familienmitglied erfahren hat. Sie selbst hat nur intrusive Erinnerungsfragmente. Anna zieht es den Boden unter den Füßen weg. Sie ist schockiert, fassungslos, empfindet Ekel und Wut gegenüber dem Vater. Sie fühlt sich von ihm betrogen und verraten. Was sie besonders quält, ist nicht allein das Trauma selbst, sondern ein massiver Loyalitätskonflikt. Immer wieder sagt sie: „Ich habe ihn doch geliebt.“

Der Vater sei zugewandt, unterstützend und liebevoll gewesen und habe viel Zeit mit ihr verbracht, er habe mit ihr gespielt und ihr viel Wertvolles nahegebracht. Genau diese Erinnerungen führen dazu, dass sie das Geschehene nicht einordnen kann. Sie ist in einem emotionalen Konflikt, der sie sie innerlich zerreißt.

 

Was sie quält ist, dass ihr Bild des „guten Vaters“ zerbrochen ist und ihm jetzt ein Bild des „schlechten Vaters“ gegenübersteht. Da ist einerseits Gewalt und andererseits liebevolle Zuwendung. Anna fragt sich: „Wie kann ich ihn noch lieben, wo er mir das angetan hat?“ „Darf ich ihn noch lieben, ohne mich selbst zu verleugnen?“, wird nicht ausgesprochen.

Hier zeigt sich ein zentrales klinisches Phänomen: die traumatische Bindung.

Wenn wir als Kind missbraucht wurden und den Täter gleichzeitig geliebt haben, entsteht ein tiefer innerer Konflikt, der noch im Erwachsenenalter stark belastet. Dieser Konflikt ist jedoch kein Zeichen von Widersprüchlichkeit, sondern eine nachvollziehbare Folge kindlicher Bindungsdynamik. Ein Kind ist existenziell auf seine Bezugspersonen angewiesen. Die Bindung sichert sein Überleben. Deshalb kann ein Kind selbst dann Liebe empfinden, wenn eine Bezugsperson zugleich übergriffig ist. Für das kindliche Nervensystem stehen Bindung und Schutz an erster Stelle. Dass Liebe und Missbrauch nebeneinander existieren konnten, bedeutet nicht, dass der Missbrauch weniger schlimm war – es zeigt vielmehr, wie stark das kindliche Bedürfnis nach Bindung ist. Das kindliche Nervensystem priorisiert Beziehungssicherung, selbst um den Preis massiver Selbstverleugnung. Um das Unerträgliche zu ertragen, spaltet ein Kind das traumatische Erlebnis ab. Es kommt zur Dissoziation. Es wirkt abwesend oder es erinnert sich nicht. Es spaltet Gewalt und Zuwendung voneinander ab. Es übernimmt implizit Schuld, um das Bild des „guten“ Elternteils aufrechterhalten zu können. Es entwickelt eine innere Loyalität, die stärker ist als sein Schutzimpuls, um emotional zu überleben. In vielen Fällen übernimmt das Kind sogar unbewusst die Verantwortung für das Geschehene – es fühlt sich schmutzig, falsch und wertlos. Der Preis dafür ist Selbstverlust.

 

Das bis dahin funktionale Abwehrsystem gerät, nachdem Anna die Wahrheit erfahren hat, ins Wanken. Das Bild vom guten Vater kollabiert – es kommt zur Ambivalenz.

Um Anna im ersten Schritt zu helfen, steht jetzt nicht die Konfrontation mit dem Trauma im Vordergrund, sondern Stabilisierung und kognitive Einordnung.

Viele Betroffene quälen sich mit Gedanken wie: „Wenn ich ihn geliebt habe, kann er doch nicht so schlimm gewesen sein“ oder „Vielleicht war ich schuld“. Hier ist eine klare Haltung entscheidend: Ein Kind trägt niemals Verantwortung für Gewalt und Missbrauch. Niemals! Die Verantwortung liegt ausschließlich beim Täter. Schuld- und Schamgefühle sind typische Traumafolgen, aber sie beruhen nicht auf realer Schuld. Es handelt sich um Loyalitätsbindungen, in denen Fürsorge und Gewalt miteinander verwoben sind. Das zu verstehen, kann bereits entlastend wirken.

In der therapeutischen Arbeit geht es darum, das „liebende Kind“ ernst zu nehmen und gleichzeitig klar zu benennen, dass das Geschehene Unrecht war. Das Kind durfte den Vater lieben – und der Vater hat dennoch seine Grenzen massiv verletzt. Diese Differenzierung ermöglicht es, innere Spaltungen langsam zu integrieren. Ziel ist nicht, den Vater nur noch zu hassen oder die Liebe zu ihm zu verleugnen, sondern beide Gefühle nebeneinander halten zu können, ohne sich selbst dafür zu verurteilen. 

Integration statt Schwarz-Weiß-Denken ist hier ein zentraler Prozess.

Es geht um die Normalisierung der Ambivalenz. Für Anna bedeutet das - dass sie den Vater geliebt hat, spricht nicht gegen den Missbrauch. Es spricht für Ihre damalige kindliche Abhängigkeit und ihr Bedürfnis nach Liebe und Bindung. Ziel ist nicht Polarisierung „nur Täter“ vs. „nur Vater“, sondern affektive Integration. Diese Perspektive kann, wenn es gelingt sie emotional zuzulassen, zu Entlastung führen. Anna kann beide Realitäten nebeneinander stehen lassen: „Ich war ein liebendes Kind. Und mir wurde schlimmes Unrecht zugefügt.“

 

Ein Kind trägt niemals die Verantwortung für Missbrauch.

 

Für das Unfassbare müssen wir Worte finden, ohne dass diese emotional überwältigend oder retraumatisierend sind. Es aussprechen und reden hilft zu verstehen: Was mir widerfahren ist, hat einen Grund. Der Missbrauch, den ich in der Kindheit erlebt habe, hatte nichts mit mir zu tun. Es hat allein mit dem zu tun, der ihn mir angetan hat. Es ist seins, seine Geschichte. Und die gehört nicht zu mir. Bei der Aufarbeitung des Traumas geht es nicht darum, den Täter zu hassen und ihn zu verurteilen, es geht nicht darum Verständnis zu haben, warum er so gehandelt hat, es geht nicht darum, dass wir entschuldigen, was uns widerfahren ist – es geht darum, uns um uns selbst zu kümmern und den Schaden, den wir erlitten haben, zu verarbeiten. Missbrauch und Gewalt sind und bleiben Unrecht, auch wenn sie aus traumatischen Erfahrungen des Täters heraus entstanden sind.

 

Es geht um Differenzierung und um Einordnung. Es geht niemals um Selbstabwertung. 

 Es geht nicht um Selbstverurteilung, sondern darum Mitgefühl mit uns selbst zu finden.

Statt das „liebende Kind“ zu korrigieren, geht es darum, ihm Schutz und Würde zurückzugeben. Der Fokus liegt nicht auf der Auslöschung der Liebe, sondern auf der Integration der widersprüchlichen Affekte. Beides kann gelten. Für Anna kann das heißen: „Ich durfte ihn lieben. Und trotzdem war das, was er getan hat, falsch.“

Diese Differenzierung markiert einen entscheidenden Integrationsschritt. Die Spaltung zwischen Idealisierung und Selbstanklage kann sich langsam auflösen. Die Ambivalenz verschwindet nicht vollständig, aber sie wird haltbar. Letztlich braucht die Verarbeitung Zeit, Geduld und Selbstmitgefühl. Annas Ambivalenz ist Ausdruck ihrer damaligen kindlichen Not. Heilung bedeutet nicht, die Vergangenheit ungeschehen zu machen, das ist unmöglich, Heilung bedeutet: die innere Zerrissenheit zu ordnen, zu integrieren und uns selbst von unberechtigter Schuld und Scham zu entlasten.

 

 

 

 

 

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