Montag, 11. August 2025

Die Neigung des Menschen, von sich selbst zu reden

 



„Ich erlebe es immer wieder und immer öfter. Ich treffe mich mit Menschen und sie reden die ganze Zeit nur über sich selbst. Es rufen mich Freunde und Bekannte an oder schreiben mir und erzählen nur von sich selbst, ohne auf die Idee zu kommen mich zu fragen wie es mir geht. Manchmal kommt die Frage in einem kleinen Halbsatz, der sofort wieder zu ihnen selbst und dem eigenen Kram überleitet. Irgendwie tut das weh“, sagt eine Klientin zu mir. „Was kann ich denn tun? Ich möchte doch auch gehört werden.“
Noch vor einiger Zeit hätte ich sie gefragt, ob sie denn klar sagt, dass sie auch gehört werden möchte, aber ich weiß aus eigener Erfahrung, dass auch wenn sie das täte, es bei den meisten nichts nützen würde. Viele Menschen können nicht zuhören. Die Mehrzahl hat die Tendenz ihre eigenen Erfahrungen, Gedanken und Gefühle in den Mittelpunkt von Gesprächen zu stellen. Diese Selbstbezogenheit ist kollektiv auffallend gewachsen.
 
Woher kommt die Neigung des Menschen, von sich selbst zu reden?
Ein Grund für dieses Verhalten ist die Selbstzentrierung. Jeder von uns erlebt und interpretiert die Welt durch seine Brille, was dazu führt, dass das Eigene als am relevantesten empfunden werden. Unsere eigenen Erlebnisse sind das, was wir am besten kennen, und daher fällt es uns leicht, darüber zu sprechen. Und vielen erscheint das eigene Leben als die spannendste Geschichte, die sie erzählen können. Darüber hinaus spielt die Suche nach Identität und Selbstwert eine Rolle. Wenn Menschen von sich erzählen, teilen sie nicht nur Erinnerungen, sondern auch Emotionen und Lektionen, die sie aus ihren Erfahrungen gezogen haben. Das Teilen ihrer persönlichen Geschichte verschafft ihnen das Gefühl der Bestätigung und trägt dazu bei ihr Selbstbild zu festigen. Dahinter steht das Bedürfnis nach Gesehen werden und Anerkennung, als auch das Streben nach dem Gefühl der Zugehörigkeit. Wir alle suchen nach Verständnis und Empathie, wir suchen nach Verbundenheit und die entsteht, wenn Menschen über ihre innersten Gedanken und Gefühle sprechen, und diese mit anderen teilen. Das ist essenziell um Vertraulichkeit in unseren Beziehungen zu vertiefen.
So weit so gut.
 
Leider haben immer mehr Menschen Schwierigkeiten, aktiv zuzuhören. Dies führt dazu, dass Gespräche in einseitige Monologe abgleiten. Wer selbst viel spricht, lässt wenig Raum für andere ihre Geschichten zu teilen, was dazu führt, dass es keinen echten den Austausch gibt.
In dieser Gesellschaft, die den Individualismus fördert, wird der Wert des Selbst samt unserer persönlichen Geschichte überbetont. Was wiederum dazu führt, dass das Teilen von persönlichen Erfahrungen als besonders wichtig erachtet wird, wodurch die Neigung, über sich selbst zu sprechen, weiter verstärkt wird. Jeder lebt in seiner eigenen Blase. Und es werden immer mehr.
Wer ein guter Zuhörer ist wird erleben, dass er ständig die Geschichten anderer erzählt bekommt, ohne selbst gefragt zu werden, wie es ihm geht und dem geht es irgendwann nicht mehr gut. 
 
Was macht das mit einem Menschen?
Ein Mensch fühlt sich ignoriert, wenn seine Gedanken und Gefühle nicht gesehen und gehört werden, geschweige denn von Interesse sind, denn dann weiß er, dass den anderen nicht wirklich an ihm gelegen ist. Es ist ungemein frustrierend, wenn Gespräche einseitig sind. Wenn niemand nach unserem Leben oder unseren Gedanken fragt, kann dies ein Gefühl der Einsamkeit hervorrufen. Wir alle sehnen uns danach, gehört und verstanden zu werden und das Fehlen dieser Interaktion kann isolierend wirken.
Ständiges Zuhören der Geschichten anderer kann dazu führen, dass wir uns zurückziehen und menschenmüde werden, müde davon als seelischer Mülleimer benutzt zu werden, müde davon dem nicht enden wollendenden Wortstrom anderer zu folgen, müde davon, nicht gehört und nicht gesehen zu werden.
 
Je öfter wir nur Zuhörer sind, desto mehr erlöscht das Verlangen nach tieferer Verbindung. Je öfter wir uns in Situationen wiederfinden, in denen kein echter Dialog stattfindet und nur eine Seite sich Gehör verschafft, desto weniger Lust haben wir auf Kommunikation.
Wenn wir versuchen unsere Gedanken oder unsere Geschichten einzubringen, jedoch immer wieder unterbrochen, über den Mund gefahren und übergangen werden, fühlen wir uns irgendwann hilflos, was die zwischenmenschliche Kommunikation betrifft.
Wenn wir eine genuine Neugier für die Geschichten der anderen haben, aber gleichzeitig den Eindruck haben, dass wir selbst gar nicht gehört werden wollen, geben wir es irgendwann auf zu kommunizieren. Wir schließen Türen und ziehen uns ins Eigene zurück, schlicht und einfach weil es ermüdend, traurig und belastend ist, in einem sozialen Kontext zu sein, der einseitig ist. 
 
Eine ausgewogene Kommunikation, die Raum für beide Seiten schafft, ist entscheidend für unser emotionales Wohlbefinden und das Gefühl der Wertschätzung. 
Nur ein offenes, gegenseitiges und empathisches Miteinander trägt dazu bei, dass sich alle Beteiligten gehört, gesehen und respektiert fühlen. Für die Qualität zwischenmenschlicher Beziehungen ist es essenziell, ein Gleichgewicht im Gespräch zu finden. Offenes Zuhören und echtes Interesse an den Erfahrungen anderer fördern Verbundenheit und ein besseres Verständnis zwischen uns Menschen. Es ist die Balance zwischen dem Teilen der eigenen Geschichte und dem Zuhören der Geschichten anderer, die zu bereichernden und bedeutsamen Beziehungen führt.
Die Selbstzentrierten würden das jetzt vielleicht bejahen und dann genauso weiter über sich selbst plappern wir eh und je.
Für die hätte ich einen Impuls:
"Gönne dir einen Augenblick der Ruhe und du begreifst, wie närrisch du herumgehastet bist. Lerne zu schweigen und du merkst, dass du viel zu viel geredet hast."
Laotse
 
Und meine Klientin, ja, was soll ich ihr sagen?
Dass ich das sehr gut kenne, ihre Gefühle fühlen kann und dass es eine Gabe ist zuhören zu können, dennoch – es ist wichtig, immer wieder klar udn deutlich zu sagen, dass man selbst auch gehört werden möchte. 
 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Samstag, 9. August 2025

Der menschliche Makel

 

                                                             Malerei: A.Wende


 
Der „Makel“ stehe für das „Unreine, Verfehlte des Menschen. Nie kann er im Reinen mit sich selbst sein. Es bleibt immer ein untilgbarer Fleck.“
Der Satz ist ein Zitat des Journalisten Ulrich Greiner aus seiner Rezension über das Buch „Der menschliche Makel" des amerikanischen Schriftstellers Philip Roth in der ZEIT.
Der Satz hat es in sich. Er fasst mich an.
Der Makel begegnet mir täglich in meinen Sitzungen. Er ist mir in meinem eigenen Leben begegnet, er gehört zu mir und meiner Biografie. Das Unreine, das Verfehlte gehört zu jedem Leben. Leben ist auch das. Wer lange genug lebt und sich Gedanken über das Wesen des Menschen macht, weiß das.
Er schreckt davor nicht mehr zurück.
Er sieht diesen unreinen Fleck und akzeptiert, dass es ihn gibt. Er muss ihn nicht auslöschen, verdrängen, wegmachen, bekämpfen. Der Makel ist was er ist – Teil der conditio humana.
Jeder Widerstand dagegen ist ein sinnloses Ankämpfen, ein infantiles nicht haben wollen, es anders haben wollen.
 
"Ich will glücklich sein. Ich will, dass das Leben gut zu mir ist. Ich will, dass meine Träume sich erfüllen, ich will geliebt sein, anerkannt sein, gesehen werden. Ich will keine Probleme haben, kein Leid, keinen Schmerz fühlen. Ich will diese Vergangenheit nicht, ich will diese Gegenwart nicht, ich will diese Identität nicht. Ich will, ich will! Ich will nicht!"
All dieses Wollen, das an der Härte der Realität abprallt, all dieses Nichtwollen, von dem, was auch ist, schafft all diese unglücklichen, unzufriedenen, klagenden Menschen.
Manchmal ist es kaum auszuhalten all das Unreine, Verfehlte im Menschen und der hartnäckige Widerstand dagegen. Dann nehme ich es mit in die Nacht und es verfolgt mich in meinen Träumen. Manchmal gelingt mir die Abgrenzung nicht, obwohl ich sie immer wieder übe. Es gibt Dinge gibt, die sich so tief eingraben, dass sie jede rational gesetzte Grenze durchfließen wie flüssige Lava, die sich in die Erde ergießt und dann erstarrt.
 
Der Makel ist dem Menschen so immanent wie sein Licht.
Der Makel begegnet uns in Gewalt, in Verbrechen und Kriegen, im Missbrauch, im Verrat, im Betrug, in der Lüge, im Scheitern, in der Gier, im Neid, in der Sucht, in der Völlerei, im Hochmut, in der Trägheit, in der Obsession, in der Verblendung, im Hass, in der Rache, im Siechtum, im Verfall, im Tod.
Der Makel trägt das Zerstörerische in sich.
Der Makel trägt das Selbstzerstörerische in sich.
Der Makel haftet uns allen an, in irgendeiner Weise.
Alle Geistesgifte sind Ausdruck des menschlichen Makels. 
 
Der Makel, das ist das moralische Dilemmata, das sind die schmerzhaften Wahrheiten, Fehler und Verfehlungen, all das Dunkle der menschlichen Natur, der Ausdruck für die komplexen und widersprüchlichen Aspekte der menschlichen Existenz, Ausdruck der menschlichen Unvollkommenheit und der ethischen Fragwürdigkeit. Der Makel stellt die Frage nach dem Wesen des Guten und Schlechten im Menschen.
„Er bleibt immer ein untilgbarer Fleck“ – solange es uns Menschen gibt. Dieser Fleck ist Sinnbild dafür, dass Perfektion unerreichbar ist und dass die eigene Unvollkommenheit Teil des menschlichen Lebens ist. Das anzuerkennen ist Weisheit. 
 
"I think the devil does not exist but man has created him. He has created him in his own image and likeness."
~ The Brothers Karamazov, Fjodor Dostojewski

 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Freitag, 8. August 2025

Fake


 

 
Das ist ein roter Apfel.
Ich bin allergisch gegen Äpfel, aber ich kaufe mir ab und zu einen, weil ich Äpfel schön finde. Ich habe herausgefunden, dass ich Äpfel, wenn ich sie koche, vertrage. Ich koche den Apfel also. Als ich den ersten Bissen nehme verziehe ich das Gesicht, er schmeckt bitter. Ich schaue mir das Foto an, dass ich von dem schönen roten Apfel gemacht habe, bevor ich ihn aß. Ich sehe die kleine braune Stelle auf seiner Schale.
Dieser schöne rote Apfel, ein Fake!, denke ich, ein Fake wie meine letzte Liebe, die anfangs war wie dieser Apfel, rot und schön. Bis ich erkannte, dass es nur meine Liebe war, die sie so rot und schön machte. Der schöne Apfel selbst war ein Fake. Die braune Stelle habe ich übersehen. Vielleicht wollte ich sie nicht sehen.
Woher weiß man, ob ein Apfel schmeckt, bevor man ihn isst? Woher weiß man, ob eine Liebe echt ist, bevor man sie lebt?
Vielleicht, indem man genau hinsieht ...
 

 
 

Donnerstag, 7. August 2025

Wachstumsschmerzen

 




Wenn wir auf dem Weg des Wachstums sind, erleben wir Wachstumsschmerzen.
Es ist wichtig, das zu wissen.
Unsere Ängste, unsere Unsicherheit, unsere Zweifel, unsere Verletzlichkeit, ja auch unsere Panik gehören dazu. Sie sind normal, schließlich befinden wir uns in einem Prozess in dem wir Altes, was uns schadet sein lassen und das Neue noch nicht sichtbar ist. Wir experimentieren, wir forschen, wir entdecken – uns selbst. Wir sind dabei über das, was war, und den, der wir zu sein glaubten, hinauszuwachsen um in das, was sein soll hineinzuwachsen und dieser Prozess hat es in sich. Wir sind auf dem Weg und der Weg führt in unbekanntes Gebiet, in Neuland, das wir durchschreiten müssen.
Natürlich macht das erst einmal Angst.
Aber wenn wir uns sagen, dass die Angst sein darf und es uns gelingt die Neugierde überwiegen zu lassen, haben wir es leichter.
 
Wenn wir Muster, Verhaltensweisen oder Dinge in unserem Leben ändern wollen, wenn wir Träume und Ziele verwirklichen wollen, wollen wir das schnell erledigen, wir wollen schnelle Erfolge sehen, wir wollen schon vollendet sehen, was wir uns vorgenommen haben. Aber so läuft es nicht.
Es läuft Schritt für Schritt, Etappe für Etappe.
Es läuft nicht gerade aus, es geht auf und ab. Es gibt gute Momente und Tage und es gibt Momente und Tage, an denen wir deprimiert, erschöpft oder traurig sind, an denen wir Angst vor der eigenen Courage bekommen, an denen wir denken, wir schaffen es nie und aufgeben wollen.
Dann ruhen wir uns aus und machen eine Rast auf dem Weg. Dann ist das so und das ist okay. Und wenn wir uns ausgeruht haben machen wir weiter. Schritt für Schritt, ohne uns zu überfordern. Egal wie lange es dauert - wir gehen weiter.
Als ich jung war wollte ich immer Schriftstellerin, Malerin und Schauspielerin werden. Ich dachte, dass ich all das nicht sein könnte, dass ich das nicht schaffe, dass ich nicht gut genug bin. Ich gab den Traum auf und studierte etwas „Ordentliches“.
Aber mein Traum ließ sich einfach nicht austräumen und irgendwann tat ich es einfach – ich malte und machte Ausstellungen, ich ging auf die Bühne und spielte in einem keinen Performancetheater mit, ich fing im späteren Alter an Bücher zu schreiben und sie herauszubringen. Ich bin weiter gegangen, ich bin trotz und mit Wachstumsschmerzen in meine Kreativität und in meine Träume hineingewachsen. Ich bin den Weg gegangen, trotz meiner Zweifel und meiner Ängste zu scheitern, und ich gehe ihn noch heute, neben meiner Arbeit mit Menschen, mit meinen Ängsten und Zweifeln, die immer wieder auftauchen.
Ich bin mir nicht selbst aus dem Weg gegangen und genau darum geht es bei jeder Art von Wachstum – wir gehen uns selbst nicht aus dem Weg, unseren Gefühlen nicht, unseren Zweifeln nicht und unseren Ängsten nicht. Wir halten das Versprechen, das wir uns selbst gegeben haben, ein.
Wir gehen weiter.
Der Weg ist das Ziel. 
 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Montag, 4. August 2025

Aus der Praxis: Skin Hunger - Berührungshunger

                                                                                   Malerei: A.Wende
 

 

Wenn uns lange niemand mit liebenden Händen berührt ist das, wenn wir Sehnsucht danach haben, und die hat jeder gesunde Mensch, schmerzhaft. Je länger das Nichtberühren dauert, desto schmerzhafter kann es sein. Berührung gehört zu den Grundbedürfnissen des Menschen. Eine Umarmung, ein liebevolles Schulterklopfen, Streicheln, Kuscheln, Küssen, Sex - Nähe und Wärme sind existenziell wichtig für uns Menschen. Berührung lässt Babys schneller wachsen. Ein Mangel daran kann nachweislich krank machen. Umgekehrt können Berührungen sowohl bei körperlichen als auch psychischen Erkrankungen therapeutisch eingesetzt werden und heilsam sein. Wenn wir Menschen nicht berührt werden, verkümmern wir. Berührung ist gut für unsere Seele, für unser Immunsystem, für die kindliche Entwicklung, und im Umgang mit kranken und alten Menschen. 

 

Eine Hand halten, eine Umarmung beruhigen.

Berührung ist wichtig für unser Wohlbefinden. Berührung löst biochemische Prozesse aus, die unser neuronales und biochemisches Wachstum anregen.  

Die Haut ist das Organ, an dem unsere Identität hängt und das über eine eigene Intelligenz verfügt. Haut und Gehirn kommunizieren miteinander. Es gibt eine Verbindung von Haut und Gefühlen. Durch die Ausschüttung des Botenstoffs Oxytocin, das sich im Gehirn bei Berührung bildet, werden Stresshormone im Körper abgebaut. Das reduziert das Stresshormon Cortisol. Das wiederum reduziert nicht nur Ängste, sondern stärkt auch das Abwehrsystem. Denn ein Teil der Stressreaktion des Körpers ist die Unterdrückung von Immunfunktionen. Oxytocin bewirkt, dass wir ruhiger atmen, es senkt Herzschlag und Blutdruck, Blutgefäße erweitern sich, Oxytocin leitet auf neuronaler und auf körperlicher Ebene Entspannungsprozesse ein, unser Nervensystem beruhigt sich. Oxytocin schützt vor Krankheiten, es lindert Schmerzen und sorgt dafür, dass wir andere lieben und ihnen vertrauen können. Oxytocin spielt für das Zusammenleben eine große Rolle - es wirkt prosozial. Berührungen transportieren Emotionen und sie fördern ein harmonisches Miteinander. Ob körperlich, seelisch oder geistig: Berührung stellt Beziehungen und Zusammenhänge her. 

 

Was wird aus einem Menschen, wenn er zu wenig Berührung erfährt?

„Wir brauchen vier Umarmungen pro Tag zum Überleben. Wir brauchen acht Umarmungen pro Tag zur Erhaltung. Wir brauchen zwölf Umarmungen pro Tag zum Wachsen .“

Diese Worte stammen von der Therapeutin Virginia Satir.

Umarmungen tun gut. Ohne Frage. Mittels einer langen Umarmung entfaltet das Hormon Oxytocin seine beruhigende Wirkung. Oxytocin wirkt unter anderem angstlösend und bindungsverstärkend. Vor allem Kinder brauchen viele Umarmungen um zu gedeihen, um sich angenommen, geborgen und geliebt zu fühlen.

Vier Umarmungen also täglich um zu überleben.

Aber was heißt das im Umkehrschluss?

Wer keine vier Umarmungen am Tag bekommt, stirbt.

Ob Kind oder als Erwachsener, wir Menschen brauchen Berührung. Was aber wenn wir diese nicht bekommen, weil wir singuläre Menschen sind oder weil wir in Beziehung sind und das Umarmen eine Seltenheit geworden ist.

Sterben wir dann?

Wir sterben nicht, jedenfalls nicht am Mangel an Umarmungen.

Auch wenn Alleinleben und Vereinsamung - was oft dauerhaftes nicht umarmt Werden beinhaltet - angeblich tödlicher ist als das Rauchen von 15 Zigaretten. Es gibt viele, die allein leben und viele Einsame, die noch dazu 15 Zigaretten rauchen und trotzdem nicht gleich tot umfallen. Dennoch, es macht etwas mit uns, nicht berührt zu werden - ohne Berührung verhungern wir emotional.  Skin Hunger nennt man es, ein Konzept das von dem Psychologen Harry Harlow erforscht wurde. Er konnte anhand von Experimenten mit Affen nachweisen, wie wichtig Liebe und Zuneigung für Kinder sind. Aber nicht nur Kinder brauchen Berührung, auch Erwachsene.

 

Berührt werden ist ein zutiefst menschliches Bedürfnis nach körperlicher Nähe und Zuneigung. Berührungshunger ist ein Gefühl des Mangels an positiven Berührungen, das sich ähnlich wie Hunger anfühlen kann, und das, je länger der Mangel andauert, umso schmerzhafter empfunden werden kann. 

Wenn Berührung lange fehlt, kann Sinnleere die Folge sein. Wer nicht berührt wird, spürt sich weniger selbst – er wird seiner selbst ­unsicher oder sich selbst im ungünstigsten Falle fremd. Und das hat wiederum Folgen für seine Beziehungen zu anderen. Er wird misstrauischer. Nähe ist für ihn angstbesetzt. Er geht auf Distanz -  in dem Maße wie er eine innerliche Distanz zu sich aufgebaut hat. Er beginnt im wahrsten Sinne des Wortes zu fremdeln. Je mehr ein Mensch unter Nichtberührung leidet, desto höher ist die Gefahr seelisch und körperlich zu erkranken und langsamer zu genesen, wenn wir krank sind.

Die Auswirkungen von Berührungsmangel können sich u.a. auch in Stress, Ängsten, Depressionen, Bindungsängsten, sexuellen Dysfunktionen, Süchten und psychosomatischen Beschwerden äußern.

 

Unsere Zeit ist voll emotional Verhungerter und Unberührter.

Voll von Menschen, die Tag für Tag ohne Umarmungen leben müssen.

Berührungslos leben hat Folgen. Es macht etwas mit der Seele und mit dem Körper. Die tiefe Sehnsucht nach Hautkontakt bleibt ungestillt. Es ist wie mit einer Pflanze, die nicht gegossen wird – sie verblüht vor ihrer Zeit.

Virginia Satir hat Recht. Wir brauchen Berührung für ein gesundes Leben. 

Berührung ist wichtig, nicht nur um Nähe zu spüren, sondern um uns selbst zu spüren. Wenn wir berührt werden, fühlen wir uns gesehen, wertgeschätzt, gehalten und geliebt. Studien zeigen, wie sich Berührungen von ÄrztInnen oder Pflegekräften positiv auf kranke Menschen auswirken. Bereits eine leichte Berührung kann den Blutdruck und die Herzfrequenz senken. Kranke Menschen heilen schneller, wenn sie berührt werden.

Berührung kann trösten und heilsam sein und vor allem - sie schafft Verbundenheit. Berührung ist ein stiller, wortloser Dialog zwischen zwei Menschen. Sie geht über den Körper in die Seele. Berührung schafft Bindung und Vertrautheit. Jede liebevolle Umarmung löst Wohlgefühle aus.

 

Was können wir tun, wenn Haut und Seele weh tun von der Nicht-Berührung?

Was wenn da keiner ist, der uns liebevoll in den Arm nimmt?

Was können wir tun, um dieses heilsame Wohlgefühl zu bekommen?

Es braucht nicht immer einen anderen dazu, auch uns selbst berühren hilft.

Die Berührung warmer Gegenstände tut gut und macht großzügig.  

Zu dieser Erkenntnis gelangten in zwei Experimenten Lawrence Williams von der Universität von Colorado und John Bargh von der Yale Universität im Jahr 2008. Einerseits bewerteten Teilnehmer einen Fremden als großzügiger und fürsorglicher, wenn sie zuvor kurz einen Becher mit warmem Kaffee in Händen hielten. Andererseits sorgte ein Wärmekissen dafür, dass die Teilnehmer eher ein Geschenk für Freunde aussuchten als für sich selbst. 

Wärme tut also gut.

Das können wir für uns nutzen. 

 

Achtsam einen warmen Tee trinken.

Achtsamkeit im Umgang mit dem eigenen Körper tut gut. Ein warmes Bad nehmen, uns mit warmem Öl selbst massieren, eine Wärmflasche auf den Bauch legen und warmes Licht anmachen hilft. Den alten Teddy aus Kindertagen in den Arm nehmen hilft. 

Selbstmassagen am ganzen Körper helfen zu entspannen.

Unsere Hände auf unser Herz oder auf unseren Bauch legen und tief und bewusst atmen beruhigt. Die Schmetterlingsumarmung (könnt ihr googlen) hilft, uns selbst zu spüren. Sie ist zudem eine wirksame Akuthilfe bei Stress oder Angstzuständen.

Massagen beim Physiotherapeuten sind Berührungen.

Auch das Streicheln eines Haustieres ist Berührung und berührt sein.

Auch schöne Dinge bewusst berühren hilft. 

Bewusst schmecken, was wir essen, hilft. Was wir zum Essen zubereiten bewusst berühren hilft. Bewegung, am besten draußen in der Natur, hilft. Die warme Sonne, aber auch Kälte oder Wind helfen, den Körper zu beruhigen, wenn er lange auf Berührungen verzichten muss. Kreativität, die in Flow versetzt, hilft. Malen, schreiben, die Seele von schöner Musik berühren lassen hilft. Worte, die uns berühren, helfen.

Jede Berührung zählt, jede ist heilsam, auch wenn wir nicht auf vier Umarmungen täglich kommen.

 

Wahr ist leider: Alles hilft nicht so richtig.

Wer nicht berührt wird, muss mit der Sehnsucht nach Berührung leben.

Aber was hilft gegen die Sehnsucht?

Vertrauen - darauf, dass es anders wird. Und das wird irgendwann so sein. Und gut zu uns selbst sein, so gut wir es vermögen.

Was noch?

Manchen Menschen hilft der Glaube.

Ein Mensch, der glaubt, unterscheidet sich vom dem, der nicht glaubt, dadurch, dass er glaubt, dass Gott ihn durch das, was er ihn erfahren lässt, berühren will. Dieser Glaube berührt die Seele auf einer höheren Ebene und befriedet sie. An etwas Größeres glauben in schweren Momenten öffnet die Bereitschaft für einen hoffnungsvollen Umgang mit der Sehnsucht. Darin liegt die heilsame Berührung im sich Sehnen. 

 

Möget Ihr berührt sein.

 

 

Angelika Wende

www.wende-praxis.de

 



Samstag, 2. August 2025

Wann?


 


 

Wann beginnst du dich für dein Inneres Kind verantwortlich zu fühlen?

Wann beginnst du es zu sehen, zu verstehen, zu schützen, zu trösten, zu lieben und es wachsen zu lassen, damit es seine Möglichkeiten und Potenziale auschöpfen und leben kann?

Wann endlich, nach all der Zeit, in der du es nicht beachtet hast?