Freitag, 3. Juli 2020
Ars Moriendi oder die Kunst des Sterbens
Alles, alles geht vorüber. Die Endlichkeit von allem und jedem ist mit dem Leben untrennbar verbunden. Nichts bleibt für immer, nichts ist identisch und nichts ist wiederholbar. Das zu erfahren ist Teil eines jeden Lebens. Die darin ruhende Aufgabe stellt sich uns von Anfang an und durchzieht das ganze Leben. Ankommen und Abschied, Werden und Vergehen - der ewige Kreislauf. Mit dem Geborenwerden beginnt das Sterben.
Zeit - an der Vergänglichkeit des Menschen wird sie bemessen.
Das Leben bei allem Schönen und Guten auch als Abschied zu nehmen und dies anzuerkennen, lernen wir je älter wir werden. Wir lernen die Begrenzung der Zeit zu begreifen und ihre Kostbarkeit zu schätzen.
Zeit ist das schönste Geschenk, das wir uns selbst und anderen machen können.
Wir nehmen uns Zeit, Lebenszeit in der wir für den anderen da sind. Präsent, zugewandt, interessiert und offen. Indem wir unsere Zeit schenken, schenken wir dem anderen uns selbst und er schenkt sich uns, für Momente in der Zeit. Er ist uns wichtig und wir sind ihm wichtig. Es entsteht Nähe, Beziehung, Vertrautheit. Gemeinsame, geteilte, geschenkte Zeit - Momente aus denen etwas erwächst was wir alleine nicht bewirken können - Verbindung zueinander, die über die gemeinsam verbrachte Zeit hinaus bestehen bleibt.
Die Zeit die ein Mensch mit uns verbringen mag ist ein Indikator dafür wie wichtig wir ihm sind, wie wertvoll in seinem Leben wir sind, wie sehr er uns schätzt und achtet.
Je mehr wir Zeit miteinander verbringen, desto mehr wachsen wir zusammen, desto vertrauter werden wir. Wir schaffen emotionale Bindung und überwinden so das Gefühl des Getrenntseins. Wir erfahren – wir sind nicht allein. Wir sind angenommen, vielleicht sogar geliebt.
Welch ein Geschenk.
Aber dann kann es geschehen.
Die gemeinsame Zeit wird immer weniger.
Der andere hat immer weniger Zeit, immer weniger Interesse uns seine Zeit zu schenken. Etwas anderes, jemand anderes, wird ihm wichtiger und seine Aufmerksamkeit uns gegenüber wird klein und kleiner. Das kann sich ganz leise, kaum spürbar vollziehen oder mit einem harten Schnitt, das, was war, beenden. Das gemeinsam Verbundene erfährt Trennung.
Trauer wartet als das Gegenüber der einstigen Bindung.
Trauer gehört auch zur Wahrscheinlichkeit jeder Liebe. Sie steht als Preis dafür lieben zu können und lieben zu dürfen.
Der Gehende steigt aus der gemeinsamen Zeit aus, er hinterlässt uns einen leeren Raum, in dem wir ihn suchen und nicht mehr finden. Trennung liegt in dem Zeitraum zwischen Gestern und heute. Wir sind allein mit unserer Zeit, die wir so gerne weiter geschenkt, weiter geteilt hätten. Der Gehende zertrümmert jede Möglichkeit und hinterlässt uns ein Nichts. Die Endlichkeit ist nicht revidierbar.
Wir machen Bekanntschaft mit dem Tod im Leben. „Partir, c'est toujours un peu mourir“, sagen die Franzosen. Gehen ist wie ein kleiner Tod.
Und so fühlt es sich an für den Zurückgebliebenen, der dem Gehenden voller Trauer hinterherblickt - wie ein Sterben im Leben.
All die Abschiede im Leben, all die noch wartenden Abschiede, gehören zu unseren Lehrmeistern. Lehrmeister, die uns den Verlust als existentielle Erfahrung unseres Menschseins vor Augen führen.
Und wir begreifen tief drinnen: Alles ist endlich, auch wir selbst. Leben heißt auch: Im Abschied leben lernen. Lernen das Sterben zuzulassen und dem Tod als Weggefährten zu begegnen.
Donnerstag, 2. Juli 2020
Zuneigungshunger
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| Zeichnung: A. Wende |
Zu oft.
Zu lange.
Immer wieder.
Immer wieder.
Dich klein gemacht.
Um was zu bekommen?
Wenig bis nichts.
Zuneigungshunger.
Und nie satt geworden.
Dich verfüttert.
An seelenlose Wölfe.
Dich zerreissen lassen.
Zerrissen.
Hungrig geblieben.
Und kleiner geworden.
So klein
Dass du dich selbst suchst
Und dich nicht mehr findest.
Mach dich groß.
Mach dich ganz.
Und hör auf zu suchen.
Es wird dich finden.
Mittwoch, 1. Juli 2020
Schuld
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| Malerei: A. Wende |
Schuld, damit tun wir uns alle schwer. Wir verdrängen sie oder schieben sie anderen in die Schuhe. Schuldige für den eigenen Schmerz werden außerhalb unserer selbst gesucht und auf andere oder die Umstände projiziert.
Manche behaupten sogar es gibt keine Schuld und ersetzen das Wort „Schuld“ durch das Wort „Verantwortung“. Manche behaupten sogar sie machen keine Schuldzuweisungen.
Warum eigentlich erscheint uns Schuld als etwas, das unbedingt vermieden werden muss?
In jedem Leben gibt es Schuld. Wir alle machen uns moralisch oder auf der emotionalen Ebene irgendjemanden oder uns selbst gegenüber einmal schuldig. Nirgendwo gibt es so viel Schuld und Schuldzuweisungen wie in zwischenmenschlichen Beziehungen. Schuld wird verschoben, anderen in die Schuhe geschoben, weggeblendet. Schuld gehört in die Gerichte, aber doch nicht ins normale Leben.
Schuld empfinden, sich eigene Schuld einzugestehen, durch die Schuld eines anderen ins Unglück zu geraten, all das sind Tabuthemen. Dabei ist Schuld ein archetypisches Thema, das zum Menschsein gehört.
Auch in der Psychologie tun wir uns mit der Schuld schwer. Nicht selten wird sie kurzerhand klein- oder weggeredet. Niemand ist schuld, nicht die misshandelnden Eltern, nicht die miesen Umstände, nein - es ist wie es ist - und wir selbst, weil wir ja erwachsen sind, übernehmen Verantwortung dafür zu reparieren, was uns wiederfahren ist. Ohne Schuldzuweisungen bitte. Am besten wir verzeihen gleich, damit wir ein guter Mensch sein dürfen.
Die Folgen solcher Interventionen sind leider weder sinnvoll, noch heilsam. Der Klient, der für alles Eigenverantwortung übernehmen soll, wird emotional genau dahin geschoben, wo er nicht hingehört: Er ist „selber schuld“. Er, das Opfer wird in die Täterrolle gesetzt.
Seine Tat: Er ist nicht fähig die Verantwortung für das ihm widerfahrene Übel zu übernehmen, nicht fähig zu verstehen und zu verzeihen.
Die andere Variante: Ein Mensch fühlt Schuld und man redet sie ihm aus. Die Folge: Indem man die Schuld kurzerhand wegtherapiert, kann der Schuldige aus seinem Fehlverhalten keine Lehre ziehen, was aber dringend nötig wäre um Verantwortung zu übernehmen und es künftig besser oder im besten Falle wieder gut zu machen.
Schuld ist ein großes Thema. Schuldverdrängung ist der Urgrund vieler psychischer Störungen und vieler zerstörerischer und selbstzerstörerischer Verhaltensweisen. Schuld, die abgewehrt, verdrängt, übertragen oder projiziert wird, setzt sich fest und führt gerade deshalb, weil sie nicht anerkannt und angenommen wird, in unglückliche Leben.
Schuld muss ausgemerzt werden. Anstatt sie anzuerkennen und uns damit auseinanderzusetzen, sagen wir guten Menschen von Sezuan gerne: Wir oder der/ die andere(n) haben es nicht besser gekonnt.
Die Krux dabei ist: Gerade weil wir glauben, wir oder der andere hätte es besser gekonnt, weil wir spüren, das war absolut nicht okay, was wir oder der andere getan haben, fühlen wir uns ja schuldig.
Wenn wir mit der Schuldverdrängung aufhören und uns mit Schuld auseinandersetzen, setzen wir uns mit der menschlichen Fehlbarkeit auseinander, wir setzen uns mit den Schatten auseinander – den eigenen und denen der anderen. Wir erkennen an, dass sie existieren. Dabei geht es nicht darum moralische Werturteile zu fällen – es geht darum hinzuschauen, zu benennen was ist, es zu erforschen, es aufzuarbeiten und zu lernen damit umzugehen.
Übrigens, was ist Schuld?
Schuld trägt ein Mensch in seiner Eigenschaft als Urhebers eines Übels, das er sich selbst oder anderen zufügt. Wer will sich das schon eingestehen?
Der hohe Selbstanspruch an Fehlerlosigkeit und der hohe Anspruch ein moralischer Mensch zu sein, will das nicht zulassen. Denn dann müsste man sich ja ent - schuldigen. Und das im wahrsten Sinne des Wortes.
Wie heilsam das wäre ...
Sonntag, 28. Juni 2020
Wenn aus Schuldgefühlen Ängste werden
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| Foto: A. Wende |
Ein Kind, dem man immer wieder vermittelt hat: „Dich hätte es eigentlich nicht geben sollen“, entwickelt Schuldempfinden. Auch wenn das Kind diese Ablehnung nicht wörtlich, sondern in einem abwertenden und entwertenden Verhalten erfährt, hinterlässt dies Spuren in der Seele.
Sein Selbst, seine Identität, sein Sein und sein Werden, werden durch das Gefühl nicht sein zu dürfen, geprägt. Kommen im späteren Leben weitere traumatische Erfahrungen hinzu, bestätigt und verfestigt sich die innere Überzeugung in dieser Welt keinen Platz zu haben, nicht da SEIN zu dürfen.
Das kann dazu führen, dass das eigene „Über“ Leben als schuldhaft empfunden wird. Dieses innere Empfinden schreibt dann das Lebensdrehbuch und beeinträchtigt die Gesamtpersönlichkeit massiv.
Das in der Kindheit beschädigte Selbst entwickelt kaum oder kein Selbstwertgefühl, es hat Versagensängste und im späteren Leben oft Nähe-Distanz-Probleme und neigt zu Abhängikeit. Die Psyche kämpft mit den ständig aufkeimenden Schuldgefühlen, die sich in vielerlei Persönlichkeitsstörungen äußern können.
Schuldgefühle sind häufig verbunden mit Scham und dem unbewussten Bedürfnis bestraft werden zu müssen.
Der sich als schuldig empfindende Mensch unterdrückt seine Bedürfnisse, seine Kreativität, seine Vitalität und seine Lebensfreude. Die innere Überzeugung „Es darf mir nicht gut gehen, weil ich mich schuldig gemacht habe", enthebt sich seiner bewussten Kontrolle. Schuldgefühle, wenn sie als solche nicht idenifiziert, benannt, wahrgenommen und verarbeitet werde, führen nicht selten zu Angststörungen wie: Zukunftsangst, Krankheits-und Todesängste, Versagensängste, Generalisierter Angststörung und Panikattacken. Das Leben, das es nicht verdient hat zu sein, ist gefühlt ständig bedroht. Um eine Art Sicherheit zu erlangen, können Betroffene übersteigerten Perfektionismus und Zwangstörungen entwickeln.
Viele Angsterkrankungen haben als Ursache unbewusste Schuldgefühle. Sie sind die psychischen Folgen einer Traumatisierung, die nicht erkannt wird.
Deshalb ist es sinnvoll, wenn Menschen unter Ängsten leiden, nachzuforschen ob unbewusste Schuldgefühle diese aufrechterhalten und verstärken.
Schuldgefühle lösen sich erst dann, wenn wir sie erkennen und verarbeiten.
Samstag, 27. Juni 2020
Überdruss
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| Foto: www |
Heute morgen sitze ich am Fenster, höre dem Rauschen des Regens zu und lese folgenden Satz: „Die aufregenden Dinge auf der Welt hat ein Mensch sehr schnell satt, und die Dinge, derer er nicht überdrüssig wird, sind meist langweilig. Zwar gibt es in meinem Leben langweilige Perioden, Überdruss jedoch empfinde ich nicht. Die meisten Menschen können beides nicht voneinander unterscheiden“. Dies schreibt Haruki Murakami in seinem Buch „Kafka am Strand“.
Er hat Recht: Langeweile und Überdruss zu unterscheiden ist für viele Menschen gar nicht so einfach.
Was ist also der Unterschied, frage ich mich?
Langeweile ist ein vorrübergehender Zustand, den wir alle kennen, der Überdruss hingegen entwickelt sich langsam und verfestigt sich.
Ich bin es leid. Ich habe es satt, sagt der Überdruss.
Es leid sein bedeutet, man ist es überdrüssig.
Die Arbeit, den Alltag, die immer gleiche Routine, die immer gleichen unguten Nachrichten, die Zeit, die fehlt um das zu tun, was man wirklich tun will, eine Beziehung, die nicht besser wird, eine Situation, die sich nicht verändert, die Einsamkeit, die schon zu lange an uns nagt, die Trauer, die nicht gehen will, am Ende kann man sogar der Menschen, sich selbst und dem Leben gegenüber Überdruss empfinden.
Überdruss bedeutet Abneigung und Widerwille gegen etwas, von dem man glaubt, man habe es zu oft erlebt oder sich zu viel damit beschäftigt. Wir haben genug, es hängt uns zum Halse heraus. Wir haben keine Lust mehr.
Überdruss kann dann zur Niedergeschlagenheit führen und am Ende in eine Depression.
Überdruss kann sogar so weit gehen, dass ein Mensch sich selbst tötet, wenn er das Leben als ein ewig Dahinplätscherndes empfindet, ohne Höhen und Tiefen, keinen Sinn mehr sieht und alle Hoffnung auf Veränderung verblichen ist.
Müde, gelangweilt, enttäuscht, verbittert – all das sind Gefühlszustände des Überdrusses. Abscheu, Ekel, Unbehagen, Lustlosigkeit, Unlust, Unwilligkeit, Antipathie, Aversion, Widerwille, Abneigung, Langeweile, Lethargie, Verbitterung – all das sind Befindlichkeiten geboren aus Überdruss. Manch Überdrüssiger ist dauerhaft passiv aggrressiv. Er läuft herum wir ein Pulverfass, immer kurz vor dem Explodieren. Weil es, verdammt noch mal, so wie es ist, einfach nicht mehr erträglich ist. Andere versinken im Alkohol, der das betäubende Gefühl des Überdrusses bis zur Unfühlbarkeit betäuben soll.
Der Überdruss ist lebensfeindlich. Der Neurotizismus des Überdrüssigen führt dazu, dass die Lebensfreude abstirbt. Nichts mehr von dem was das Leben lebenswert macht wird wahrgenommen. Das Gute, das Wahre und das Schöne wird bis zur Vernichtung seiner Existenz ausgeblendet – der überdrüssige Mensch ist blind und taub geworden gegenüber dem Leben und sich selbst. Nichts berührt ihn mehr und nichts lohnt sich für ihn es zu berühren. Es ist als würde ein Licht ausgehen und eine ewige Dämmerung hält Einzug. Am Ende – der gefühlte Tod im Leben.
Was dann?
Wie kommt ein Mensch da raus? Vorausgesetzt er ist bereit dazu.
Lebensüberdruss zeigt uns – so wie es ist, kann es nicht weiter gehen. Und so kann der Überdruss eine Chance sein.
Wenn wir Überdruss empfinden sind wir aufgerufen uns intensiv mit der Frage zu beschäftigen: Wer bin ich? Was ist der Sinn meines Lebens? Gibt es eine höhere Wirklichkeit? Und wenn es sie gibt - wie kann ich sie erfahren?
Was ist meine Begierde? Was sind meine Bedürfnisse? Woran mangelt es in meinem Leben und wo habe ich selbst Defizite, die dazu führen, dass ich der Dinge überdrüssig bin?
Was in mir will gelebt werden, was ich die ganze Zeit verdränge und mir selbst nicht eingestehe? Was kann ich kultivieren um mich wieder lebendig zu fühlen?
Die Krise des Überdrüssigen ist wie jede Krise eine Chance, wenn wir sie nutzen.
Donnerstag, 25. Juni 2020
Es ist nie zu spät!
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| Foto: A. Wende |
Du hast den Eindruck, dass du gescheitert bist.
Du hast gekämpft und verloren.
Du hast einen Traum begraben müssen.
Deine Job verloren.
Deine Liebe.
Deinen Glauben an das Gute und Schöne.
Was auch immer es ist, es ist so einfach, sich selbst zu entmutigen zu sagen „Das schaffe ich nicht“, oder „Für mich gibt es kein Glück“ oder „Ich finde nie den richtigen Partner“ oder auch „Andere schaffen das alles, nur ich nicht“.
Es gibt keinen Grund, dass die anderen es schaffen ihre Vorhaben zu realisieren und du nicht.
Welchen Unterschied gibt es zwischen den anderen und dir?
Der Unterschied liegt meist in deinen negativen Glaubensätzen, deinem mangelnden Willen, deiner mangelnden Bereitschaft und deiner Selbstverleugnung.
Es gibt die, die nicht an sich selbst glauben und es gibt die, die glauben nichts Gutes verdient zu haben oder nicht wertvoll genug zu sein, um ihr Glück finden und dann aufgeben es zu versuchen. Und es gibt die, die so lange beharren, so lange an etwas dran bleiben, so oft von Vorne beginnen, bis sie es schaffen.
Du hast die Wahl.
Wenn du gesund bist und Herr deiner Sinne hast du die Wahl.
Du kannst deine negativen Glaubensätze, die dich seit ewigen Zeiten blockieren, weiter glauben oder du kannst sie ändern.
Dazu darfst du sie dir erst einmal bewusst machen. Das dauert eine Weile und das ist auch nicht ganz einfach, aber du kannst es schaffen, wenn du es willst. Und wenn du es allein nicht schaffst, kannst du dir Hilfe holen, damit du es schaffst.
Dann kannst du dir diese Glaubensätze mal ganz genau anschauen und sie hinterfragen, damit du einen anderen Blick auf dich selbst bekommst und aus dem unheilsamen Programm in deiner Denkmaschine, das sie seit einer Ewigkeit abspult, aussteigst.
Und wenn du plötzlich an einem Morgen mit Freude den Tag begrüßt, dann spürst du – ja, ich bin auf dem richtigen Weg.
Also Mut, Kopf hoch und ändern was dir nicht gut tut.
Schritt für Schritt. In deinem Tempo.
Vielleicht mal die Routine ändern. Kleine Dinge ändern, die dich im Alltag, in der Arbeit, in der Beziehung, in deinem Gefühlsleben müde machen und ausbremsen.
Vielleicht hast du auch den Eindruck, alles schon gesehen zu haben. Oder alles schon versucht zu haben, damit es sich ändert.
Wieder so ein Glaubenssatz.
Du hast nie ALLES versucht, wenn du ehrlich zu dir selbst bist.
Manchmal kann es unbefriedigend sein, mit der Routine zu leben. Das sich Wiederholende im Denken und Handeln, ist der persönlichen Entwicklung nicht immer zuträglich. Du kannst immer noch weiterkommen in deinem Leben. Du hast jederzeit die Möglichkeit Neues zu lernen und Neues zu entdecken, dir Ziele zu setzen und sie zu erreichen, wenn du anfängst an dich selbst zu glauben und nicht deinen alten Glaubensmustern, die dich kein Stück weitergebracht haben.
Es ist nie zu spät für einen neuen Anfang!
Wie sagte Picasso einst: "Spring und das Netz wird sich auftun." Manchmal müssen wir springen und zwar über den eigenen Schatten.
Wenn du es alleine nicht schafftst - ich helfe dir gern.
Mittwoch, 24. Juni 2020
Aus der Praxis – Heimatlos
Anna erzählt:
"Ich habe oft Gedanken der Zerstörung.
Mich selbst zerstören und mir ausmalen wie ich es tun könnte. In den
zerstörerischen Gedanken finde ich kurzzeitig eine Art Befriedigung, aber keine
Erlösung. Im Leben bin ich nicht fähig zerstörerisch, brutal oder gewalttätig
zu sein, nicht auf der körperlichen Ebene. Ich kompensiere meine Aggression
indem ich diesen Gedanken nachhänge. Das
wirkliche Ausmaß an Gewaltbereitschaft, das ich besitze und verdränge, ist mir
nicht bekannt. Ich habe als Kind viel Aggression erlebt. Ich habe mich nicht
wehren können gegen die verbale und körperliche Gewalt, die ich erleben musste.
Ich habe nicht gelernt, wie man sich wehrt, ich habe nicht gelernt wie man sich
abgrenzt, aber wie man überlebt, das habe ich gelernt. Wenn du als Kind
misshandelt und missbraucht wirst, sei es körperlich oder emotional, oder
beides, hast du keine Waffen, die dir helfen könnten. Du bist absolut wehrlos.
Du bist fassungslos. Du hast nur diesen Gedanken: Ich verstehe das nicht!"
Anna ist über Fünfzig. Sie lebt allein.
Ihre Beziehungen halten nicht lange. Meist sind sie zerstörerisch, geprägt von Abhängigkeit und einem ständigem On und Off.
Sie ist zu mir gekommen um zu verstehen.
...
Wie soll ein Kind verstehen, dass
Menschen, die es liebt und von denen seinen Überleben abhängt, fähig sind es zu
verletzen. Das versteht ein Kind von vier oder fünf Jahren nicht. Es beginnt zu
glauben, dass es schlecht ist, dass es böse ist, dass es verdient hat, was man
ihm antut. Um eine Entschuldigung für den oder die Täter zu finden, macht es
sich selbst für sein Lied verantwortlich.
Es intojiziert das Böse der Täter, es
verinnerlicht das Fremde als eigenes. Auf diese Weise wird das fremde Böse zum
eigenen Bösen. Hier beginnt die Spaltung des Inneren. Das Kind muss das tun, um
die Eltern weiter als gut empfinden zu können. Indem es selbst die Ursache des
Bösen ist, gelingt es ihm die lebensnotwenige Beziehung zu
den Eltern zu erhalten. Es sagt sich: Sie haben mich lieb, aber ich bin böse,
darum haben sie einen guten Grund mich schlecht zu behandeln. Wenn sie mir
wehtun, habe ich es verdient. Ich bin schlecht, nicht sie. Sie weisen die
Schuld ja auch von sich und sagen, du bist ein böses Kind. Die Eltern haben
immer Recht.
Die Tragik des Kindes liegt darin, dass
es sich zum einen selbst aufgibt und zum anderen das Böse als Eigenschaft in
sich selbst aufnimmt. Dort bleibt es, lebenslang, wie ein Dämon, der ihm sagt,
was es tun muss, um sich selbst zu schaden. Das geschieht
unbewusst.
...
Anna erzählt:
„Mein Vater hasste sich selbst, er
hasste seine Arbeit, seinen Körper, sein Leben. Er hasste uns Kinder und er
hasste sich wohl selbst für seinen Hass. Er war immer aggressiv. Er sagte, ich
sei schlecht, ich sei an seinem Unglück schuld. Er sagte ständig solche Dinge zu mir. Er hat mir damit
Angst gemacht. Ich blieb
verwirrt, verängstigt und mit einem schlechten Gefühl zurück.
Ich habe meine
Mutter gefragt, was ist mein Fehler, was habe ich dir getan?
Sie sagte, der
Fehler ist, dass du überhaupt da bist. Du bist ist das Unglück. Sie sagte, ohne
dich hätte ich deinen Vater niemals geheiratet, wegen dir habe ich meine Träume
begraben müssen, wegen dir habe ich ein ungelebtes Leben. Das kannst du auf
meinen Grabstein schreiben, wenn ich tot bin.
Ich hatte immer eine Bringschuld,
ich musste ihnen und mir selbst beweisen, dass ich es doch in irgendeiner Weise
wert war zu leben. Die Grundschuld, überhaupt am Leben zu
sein, die ist da nch heute es darf mir nichg tu gehen. Wenn es mir gut geht, kommt die Angst. Ich empfinde dann Todesangst. Da ist immer der gedanke: Du darfst eigentlich nicht leben, aber wenn du schon lebst, dann fühle
dich schlecht und schuldig! Irgendwie denkst du immer es wäre besser nicht da
zu sein und entwickelst Selbstzerstörungstriebe. Man muss da sehr aufpassen auf
sich selbst, dem nicht nachzugeben.
Mein Vater war ambivalent. Einerseits
hatte ich das Gefühl, er mag mich, weil er mich manchmal auf den Schoß nahm
und mir Dinge erklärte, andererseits war da dieses Vernichtende in seinen
Worten und Blicken. Irgendwie fühlt es sich an als sei mein Empfinden für mich
selbst in zwei Teile gespalten – der eine, der sich selbst zerstören will, weil
er glaubt schlecht zu sein und kein Recht auf ein Leben zu haben, der andere,
der rebelliert, weil er leben will, weil der Vater ihn doch irgendwie zu mögen
schien. Leben, aber wie? Wie geht leben? Wie fühlt sich das an? Es gibt da
keine Erlösung und immer bist du gefühlt schuldbeladen. Und dann ist da
eben auch diese Aggression. Mich kaputt machen, damit es enlich aufhört weh zu tun.
Es war vollkommen egal, was ich machte, alle
Versuche Liebe oder Anerkennung zu gewinnen, alle Anpassungsversuche bewirkten
nichts. Ich konnte diese Ablehnung nicht ändern. Ich führe ständig Krieg in
meinem Inneren, die Eine kämpft gegen die Andere. Ich will eine Identität
finden, ein klares umrissenes Ich. So ist das kein Leben mehr."
...
Annas Leben – das ist die Suche einer
Frau, die in dieser Welt noch keinen sicheren Ort gefunden hat, die nicht weiß,
wohin sie gehört, weil sie nicht weiß, wer sie ist. Das eine hat mit dem
anderen zu tun. Wenn ein Mensch keine Heimat sich selbst hat, ist er
heimatlos. Er ist immer auf Besuch, niemals angekommen. Wie auch? Er sucht ja sich. Das ist ein ewiges Getriebensein. Das ist der Identitätszweifel, der verzweifelt macht, ein ewiges Schwanken, ein Gefühl von unvollständig sein, von
falsch sein, ein Gefühl der Spaltung. Existenzschuld, die das Leben zur Qual macht.
Wer gelernt hat, dass er kein Recht auf
Leben hat, hat auch kein Gefühl für Autonomie, denn das würde ja bedeuten für
sich selbst zu stehen. Und wie soll ein Mensch wie Anna zu sich selbst stehen, wenn man ihr Selbst vernichtet hat? Autonomie erlangen, das ist die Herausforderung für die,
die nicht wissen, wer dieses Selbst ist.
Ein langer Weg.
Auf diesem Weg begleite ich Anna.
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