Donnerstag, 21. August 2025

Gambatte


          

   頑張って

     

 

Gambatte!, sagt ein lieber Freund zu mir. 

Das ist japanisch und bedeutet so viel wie "durchhalten" auf eine fernöstliche, kämpferische, samuraiartige Weise.

Gambatte!

Ich werde mein Bestes geben.

Dienstag, 19. August 2025

Schuldschuhe

 


 

Schuldschuhe sind bequem.

Sie sind gut eingelaufen.

Wir tragen sie schon sehr lange.

Manchmal, an guten Tagen, lassen wir sie stehen.

Wissen, dass es nicht unsere Schuld ist und, dass Schuld und Schuldgefühle zweierlei sind.

Erkennen, dass Schuldgefühle niemand nützen und uns nur in der Starre halten.

Dort, wo wir immer schon waren.

Begreifen, dass es nicht um Schuld geht, sondern um Ursache und Wirkung 

und um Verantwortung.

Aber dann stellt uns jemand die Schuldschuhe wieder hin.

Und wieder ziehen wir sie an.

Die Schuhe sind ja auch bequem.

Sie sind bequem, und sie sind ausgelatscht.

Ausgelatschte Schuhe sind nicht gesund fürs Gehen.

 

 

Montag, 18. August 2025

Lesen ist heilsam

 



Ich lese seit ich lesen kann. Ich lese wie ich schreibe, viel.
Lesen hat mich schon als Kind gerettet, wenn die Welt um mich herum unerträglich war. Im Lesen der Geschichten anderer fand ich Verbundenheit. Ich fand Worte, die mir zeigten, du bist nicht allein, so wie du denkst, fühlst und bist.
Lesen war und ist Balsam für meine Seele.
Lesen ist heilsam.
Die heilsame Wirkung von Literatur macht sich die Bibliotherapie zunutze. Ich empfehle meinen KlientInnen - lesen sie. Und ich empfehle ihnen - schreiben sie Tagebuch.
Weil ich weiß, Worte haben Macht.
Worte berühren und sie können ausdrücken, was wir fühlen. Worte, landen sie auf dem Papier, sind Zeugen unserer inneren Welt. Sie helfen uns, uns selbst besser zu verstehen und zu fühlen, was wir fühlen. Sie beschreiben unsere innere Welt und die äußere Welt in der wir leben und machen sie fassbarer.
 
Innere Welten öffnen sich in Romanen, in Gedichten und Biografien. Anhand der Worte können wir vieles für uns mitnehmen. Sie können sich zu unserer inneren Welt legen und wir sind nicht mehr allein. Worte können wie ein Echo sein, sie können uns Antworten auf Fragen geben, sie zeigen uns, dass es vieles im Leben gibt, was archetypisch ist, dass wir Menschen ähnliche Strukturen, Muster, Entwicklungsaufgaben und Herausforderungen haben. Lesen ist heilsam, weil es uns über uns selbst hinausführt, hin zu anderen, zu den Protagonisten der Geschichten. Wir können uns mit ihnen identifizieren. Wenn wir lesen können sogar Probleme, die uns belasten, relativiert werden oder sich auflösen. Es wird ruhiger innen, friedlicher, wir tauchen in eine andere Welt ein und vergessen die Zeit. Wir sind im Flow.
Worte können in der Tat psychisch und physisch spürbare Veränderungen bewirken. Sie können Gefühle regulieren und dämpfen. Das weiß man aus der Neurobiologie.
 
Lest!
Lesen kann beruhigen, es fördert die Empathie und stärkt die kognitive Gesundheit. Es kommt zur Stressreduktion. Das Eintauchen in eine Geschichte lenkt vom Alltagsstress ab und senkt nachweislich den Stresspegel. Lesen ermöglicht uns Abstand zu gewinnen, Gefühle zu benennen und Muster unseres eigenen Verhaltens besser zu verstehen. Wir wechseln die Perspektive. Uns in Figuren hineinzuversetzen fördert das Verständnis für das Menschliche in uns selbst und anderen. Regelmäßiges Lesen trainiert das Gedächtnis, die Konzentration und die mentale Flexibilität. Geschichten und Poesie können Trost spenden und Hoffnung schenken. Lesen kann Fragen zum Sinn, zu unseren Werten und unseren Lebenszielen aufwerfen. Es kann helfen Antworten und Orientierung zu finden, wenn wir uns lost fühlen. Und last but not least: Lesen ist Achtsamkeit im Alltag. Der Fokus beim Lesen wirkt wie eine Achtsamkeitsübung wirken, weil wir bewusst aufmerksam bleiben.
Pina Bausch sagte einmal: "Tanzt, tanzt, sonst wir verloren."
Ich füge hinzu: Lest, lest, sonst sind wir verloren.
 
 
Angelika Wende

Samstag, 16. August 2025

Das verlassene Innere Kind

 


                                                          Malerei: A.Wende

 

 

Sehnt sich nach Liebe und Nähe

Hat zugleich Angst vor Nähe

Vertraut anderen nicht, auch wenn sie es gut mit ihm meinen

Läuft Menschen hinterher, die emotional nicht erreichbar sind

Fühlt sich auch unter vielen Menschen einsam 

Isoliert sich

Verwechselt Aufmerksamkeit und Sex mit Liebe

Tut alles, weil es endlich geliebt sein will

Ist bedürftig und hat unstillbaren Zuneigungshunger

Ist bereit alles dafür zu geben, bis hin zur Selbstaufgabe

Glaubt, es muss sich anstrengen und um Liebe und Zuneigung kämpfen

Sucht ständig nach Halt im Außen und findet keinen Halt in sich selbst

Entschuldigt sich für Fehler, die nicht seine Fehler sind

Fühlt sich für alles schuldig und schämt sich für sich selbst

Unterdrückt seine Gefühle und betäubt sich mit Süchten und selbstzerstörerische Verhalten, weil es glaubt den Schmerz nicht aushalten zu können

Glaubt, dass das Leben es bestraft, weil es schlecht und falsch und kaputt ist

Fühlt sich noch immer als Opfer und weiß nicht, dass es Schöpfer ist.

 

 

Freitag, 15. August 2025

Aus der Praxis: Zeichen der Genesung


 


Du bist geistig und emotional präsenter und fähig dich selbst zu beobachten.
Du hast ein besseres Selbstverständnis und mehr Selbstkenntnis.
Du bist dir deiner Emotionen und der Auslöser, die sie beeinflussen, bewusst.
Du bist bei dir selbst, auch wenn sich deine Stimmungen, Gedanken und körperliche Empfindungen ändern.
Du bist in der Lage deine Überlebensstrategien, Selbstzustände, Gefühle, Gedanken und Empfindungen zu erkennen und angemessen damit umzugehen.
Du kannst dich besser und schneller selbst regulieren und selbst beruhigen. Du hast mehr Kontrolle über deine emotionalen Reaktionen.
 
Du erkennst deine Trigger und machst eine Pause bevor du automatisch reagierst.
Du nutzt den Raum zwischen Reiz und Reaktion.
Du hast nicht mehr das Bedürfnis Trauma-Trigger wie Menschen, Orte, Gegenstände zu vermeiden.
Du erholst dich schneller von Rückschlägen.
Du gibst keine unnötige Energie in Dinge, die es nicht wert sind.
Du kämpst weniger gegen dich selbst. Du steigst nicht in die Kämpfe und Dramen anderer ein. 
 
Du ziehst dich nicht mehr in die Isolation zurück, du hast Interesse an gesunden Beziehungen.
Du hast mehr Selbstvertrauen beim Setzen und Aufrechterhalten deiner Grenzen in Beziehungen.
Du kannst deine Bedürfnisse und Gefühle effektiver kommunizieren.
Es fällt dir leichter, dir selbst und anderen zu vertrauen.
Du weißt, dass das Vertrauen gebrochen werden kann und du weißt auch, dass du damit klar kommen kannst.
Du erkennst Red Flaggs.
Es zieht dich nicht mehr magisch zu Menschen, die dir nicht guttun.
Du achtest auf einen Ausgleich von Geben und Nehmen.
Du hast kein Problem damit, nicht verstanden zu werden.
Du hast nicht mehr das Bedürfnis von allen gesehen und gemocht zu werden.
Du priorisierst deine eigenen Bedürfnisse und dein Wohlbefinden und gibst dich nicht mehr für andere auf. 
 
Du kannst gut mit dir alleine sein.
Die Stille im Alleinsein ist nicht mehr bedrohlich.
Du musst nicht ständig kommunizieren, chatten, telefonieren, mailen, scrollen, wenn du dich allein oder einsam fühlst.
Du hast Einsamkeitsfähigkeit geübt und gelernt.
Du kannst dich der Langeweile, der Leere, deinen Ängsten, deinen eigenen Abgründen und deiner inneren Unruhe stellen und damit umgehen, ohne automatisch in den Freeze, fight, flight Modus zu fallen.
Du weißt, was dir gut tut und tust es.
Du hast Freude an alltäglichen Aktivitäten und Erlebnissen und lebst intensiver im Hier und Jetzt.
Sie bist fürsorglicher, freundlicher und verständnisvoller dir selbst gegenüber.
Du hast mehr Selbstmitgefühl.
Deine Selbstgespräche sind wohlwollend, tröstend, motivierend und gütig und nicht vernichtend. 
 
Du fühlst dich in deinem Körper wohl und sicher, bist mit ihm verbunden und spürst, was er wann braucht.
Du fütterst ihn, ebenso wie deinen Geist und deine Seele, mit heilsamer Nahrung.
Du nimmst deine Bedürfnisse wahr und sogst besser und kontinuierlich für dich.
Du fragst dich öfter : Was ist jetzt hilfreich?
Du betäubst dich nicht mehr mit Substanzen oder ungesunden Ablenkungen.
Du schläfst besser.
Du fühlst dich energiegeladener und weniger müde.
Du hast eine Morgenroutine und eine Tagesstruktur, die dir Halt gibt.
 
Du hat ein tieferes Verständnis dafür, in welcher Weise deine Vergangenheit und deine Gegenwart miteinander verbunden sind und doch unterschiedlich sind. Du kannst vergangene Ereignisse akzeptieren, ohne dich ständig damit zu beschäftigen oder zuzulassen, dass sie deine Gegenwart kontrollieren.
Du hast aus vergangenen Herausforderungen und Erfahrungen gelernt und bist fähig dich flexibler an neue Situationen anzupassen.
Du bist öfter bewusst im Jetzt und weniger in der Trance nach hinten.
 
Was auch immer du erlebt hast, wer auch immer dich verletzt hat – du suchst keinen Abschluss mehr und hängst nicht an einem Wiedergutmachungswunsch. 
 
Du weißt, du musst nicht alles alleine schaffen, und kannst um Hilfe bitten.
 
Du bist dir darüber bewusst, dass Genesung ein Prozess ist und dass es normal ist, auf dem Weg Rückschläge zu erleben. Du bist geduldig mit dir selbst, feierst auch kleinste Fortschritte und suchst weiterhin Unterstützung, wenn du sie brauchst. 
 
Angelika Wende

Mittwoch, 13. August 2025

Victim Blaming

 

                                                           Malerei: A. Wende



Als Reaktion auf meinen gestrigen Text haben mich auch einige Kommentare und auch Nachrichten via Mail erreicht, die mich nachdenklich machen.
Einige Menschen meinten mir erklären zu müssen, warum mir das passiert ist und was mein Anteil daran sei. Interessant, wir sind also beim Victim Blaming angelangt, was mir aus meiner Arbeit mit Opfern von Gewalt immer wieder auch begegnet. Nun darf ich es am eigenen Leibe erfahren.

Was ist Victim Blaming?
Victim Blaming bedeutet, dass die Verantwortung oder Schuld für eine schädliche Tat oder ein Unglück fälschlicherweise der verletzten Person zugeschrieben wird. Statt die Schuld beim Täter zu verorten, kommen Fragen nach Details über das Opfer.
Was hat es getan?
Was hat es falsch gemacht?
Hat es durch sein Verhalten die Tat provoziert?
Hat es sich nicht deutlich abgegrenzt?
Hierbei wird implizit suggeriert, dass das Opfer durch sein Verhalten oder seine Entscheidungen Mitverantwortung hat.
Die tatsächliche Schuld liegt jedoch beim Täter.
Denn nichts, aber auch nichts, rechtfertigt Gewalt.

Noch krasser wird es wenn aus der esoterischen Ecke das Gesetz des Spiegels herangezogen wird. Im Sinne von: Das Opfer hat das angezogen! Im Klartext: Es ist selbst schuld.
What the fuck! Geht’s noch?

Wenn wir vom „Gesetz des Spiegels“ sprechen, steht die Behauptung im Raum, dass sich unser Denken und Fühlen im außen uns gegenüber widerspiegelt und es uns demzufolge im Außen begegnet und materialisiert.
Nur so einfach ist es nicht.
Grundsätzlich beruhen die Spiegelgesetze zum Teil auf den Schattenprinzipien von C.G. Jung, der formulierte, dass Menschen einen Schatten haben, also bestimmte Anteile in sich selbst, die sie nicht mögen oder nicht ausleben. Wenn uns etwas in einem anderen stört, ist das oftmals ein Zeichen, dass man einen unerlösten Schatten hat. Nichts weiter.

Das esoterische Spiegelgesetz auf Opfer von Gewalt zu übertragen bedeutet: Die Gewalterfahrung ist ein Spiegel, der zeigt, dass es seine eigene Aggression als Schatten verdrängt und nicht auslebt und wach gerüttelt wird, indem man ihm den Schatten, im wahrsten Sinne des Wortes, in die Fresse haut. Oder: das Opfer hat selbst großes Gewaltpotenzial, das es nicht auslebt und es dann im Außen erlebt. Bei Letzterem wird dann noch das Gesetz der Resonanz hinzugezogen, das besagt, dass Gleiches immer Gleiches anzieht. Jetzt wird es ganz krude.
Bei beidem geht es um eine metaphorische oder eine esoterische Idee und um kein wissenschaftlich anerkanntes Gesetz.
In Verbindung mit Victim Blaming kann diese Idee so verstanden werden: Dem Opfer wird die Schuld zugeschreiben.
Es hat es ja angezogen.

Wozu führt das?
Das führt dazu, dass Opfer entwertet werden, sich schämen oder schuldig fühlen, obwohl der Täter oder die Umstände der Auslöser sind. Statt bei den Fakten zu bleiben und die Verantwortung beim Täter zu suchen, werden beim Victim Blaming schuldzuweisende Narrative verwendet.
Das Gefährliche daran ist, dass dies Opfern zusätzlichen Schaden zufügt: Es entwertet ihr Leid, verschafft dem Täter oder den Strukturen eine Tür zur Schuldzuweisung und erschwert Hilfe, Meldung und Prävention.

Opfer werden stigmatisiert statt geschützt, was wiederum neue Muster von Gewalt normalisiert.

Victim Blaming lässt sich auch aus einer reflexiven Perspektive erklären: Hinter Victim Blaming verstecken sich persönliche Ängste oder Hilflosigkeit derer, die es betreiben. Aus Angst heraus machen Menschen Victim Blaming oft unbewusst, weil sie Schutz vor Unsicherheit suchen. Die Schuld beim Opfer zu finden wirkt kontrollierbar und reduziert gefühlt das eigene Risiko Opfer zu werden. Schuldzuweisungen beruhigen das Selbstbild, indem man glaubt, man könnte, wenn man sich nur richtig verhält oder wenn man nur gute Gedanken hat, Gefahr früh erkennen oder vermeiden.
Victim Blaming ist ein Macht- und Kontrollphantom, welches dazu dient das Opfer zu entwerten, statt den Täter oder das System zu hinterfragen. Opfer werden so stigmatisiert statt geschützt, was wiederum neue Muster von Gewalt normalisiert.
Nicht hilfreich!

 Was hilft? Täter und Strukturen in den Fokus rücken, Opfer unterstützen und Gewaltprävention fördern.

Angelika Wende

 

Dienstag, 12. August 2025

Wenn etwas „Gewalt“ ist, dann ist es schlecht, mehr noch, es ist verwerflich

 



Buddha zufolge hat man bereits versagt, wenn man auf Gewalt zurückgreifen muss. Wenn etwas „Gewalt“ ist, dann ist es schlecht, mehr noch, es ist verwerflich.
Ich kenne Gewalt, ich habe sie als Kind schon erlebt. Ich habe emotionale und körperliche Gewalt erlebt. Ich habe ein Trauma davongetragen. Ich habe das Trauma integriert.
Gestern wurde ich tätlich angegriffen von einer fremden Frau im Bus. Ich habe körperliche Gewalt erlebt. Ich habe es dem Busfahrer gesagt, er meinte, das sei nicht sein Problem. Auch die anderen Fahrgäste meinten, es sei nicht ihr Problem. In diesem Moment fühlte ich mich isoliert in einer Blase voller Lärm, in der niemand wirklich sehen wollte, was geschieht. Ich weiß nicht, was mich fassungsloser macht, der tätliche Angriff oder die Ignoranz und die Gleichgültigkeit meiner Mitmenschen.
Nicht mein Problem! Das ist die Einstellung der Masse. Empathie? Irgendwie ausgestorben. Auch so manche Kommentare meiner Mitmenschen, als ich davon erzähle, haben mich fassungslos gemacht.
Mir sind menschliche Abgründe vertraut. In meiner Arbeit mit Menschen haben sich schon unzählige vor mir aufgetan.
 
Ich weiß um die Selbstsucht, den Narzissmus, die Gleichgültigkeit und das Fortschreiten dieser immer narzisstisch werdenden Gesellschaft. Ich schreibe in meinem Blog und in meinen Bühern dagegen an. Ich weiß, dass es nichts ändert. Ich tue es dennoch, weil ich nicht anders kann, weil ich nicht stumm und wortlos zusehen kann wie die Dinge sind und sich entwickeln – zum Unguten und zum immer Schlechteren. Ich schreibe um etwas im Bewusstein der Menschen anzustoßen. Ich weiß, dass es nichts hilft. Ich schreibe trotzdem, weil ich nicht anders kann.
Ich bin ein friedlicher, ruhiger Mensch, ich lebe zurückgezogen. Und mische mich selten unter die Menge. Ich bin Pazifistin und ich bin gegen jede Form von Gewalt. Ich sehe in der Praxis immer wieder Menschen, denen Gewalt angetan wurde und tue mein Bestes um ihnen zu helfen diese traumatische Erfahrung zu verarbeiten. Ich weiß wie schwer das ist. Jetzt stehe ich vor der Herausforderung mir selbst zu helfen.
 
Der Schock des Angriffs, bei dem niemand im Bus zu intervenieren wagte, verwandelt sich heute Morgen in eine Mischung aus Trauer und Sorge. Sorge, weil ich nicht weiß, was das mit mir machen wird. Trauer weil ich verletzt wurde. Nicht nur körperlich, auch seelisch. Diese Fremde hat ihre Aggressionen, ihre Wut und ihren Hass auf mich gerichtet. Sie hat meine Körperliche Unversehrtheit verletzt. Sie hat eine Grenze überschritten. Ich hatte keine Chance.
Ich wollte nur aus einem übervollen Bus austeigen und bat sie mich bitte rauszulassen. Sie tat als hörte sie es nicht. Ich bat sie noch einmal. Sie schrie mich an, beleidigte mich mit den übelsten Worten und als ich sie fragte: Wo ist Ihr Problem, schrie sie: „Du bist mein Problem“, und dann tat es plötzlich weh. Der Schmerz war ein Schock.
 
Dieses Bild aus dem Bus ist noch heute morgen klar und deutlich in meinem Kopf. Das vom Hass verzerrte, kalte Gesicht dieser Frau sehe ich so klar vor mir, dass ich es malen könnte. Dieser Augenblich völliger Überraschung sitzt mir in den Gliedern. Ich konnte nichts tun, es geschah einfach. Ich hatte keine Kontrolle über die Situation. Ich fühlte mich ohnmächtig und hilflos. Kontrollverlust und Ohnmacht sind Aspekte eines traumatischen Erlebnisses. Ein Trauma ist eine psychische Ausnahmesituation, die durch ein überwältigendes Ereignis ausgelöst wird, das eine Bedrohung für das Leben oder die körperliche Unversehrtheit darstellt. Ich weiß das.
Ich will das nicht zulassen. Ich will kein Opfer sein, dachte ich gestern Abend und heute Morgen denke ich, ob du willst oder nicht – du bist ein Opfer. Sei ehrlich zu dir, mach dir nichts vor. Opfer sinnloser, erbärmlicher Gewalt einer erbärmlichen Seele, die ihre Wut und ihren Hass ausagiert hat. Der Ekel erfasst mich. Den Ekel habe ich gestern bevor ich zu Bett ging versucht abzuduschen. Er ist noch immer da. Die Opferrolle werde ich jedoch nicht spielen. 
 
Ich könnte diesen Menschen anzeigen. Ich werde es nicht tun. Ich weiß, dass man die Frau nicht finden wird, ja sich nicht mal die Mühe machen wird sie zu suchen. Wie auch? Eine Anzeige gegen Unbekannt. Es gibt Schlimmeres als das, womit sich die Polizei beschäftigen muss. Diese Welt ist voller Gewalt und mir war klar, dass selbst im Alltag unerwartete Gefahren lauern können. Es kann jeden treffen. Es hat mich getroffen.
Ich frage mich nicht, warum ich? Warum nicht ich? Weil ich friedliebend bin? 
 
"Zu erwarten, dass einen die Welt gerecht behandelt, weil man ein guter Mensch ist, kommt dem gleich, zu erwarten, dass ein Stier einen nicht angreift, weil man Vegetarier ist“, ist ein bekanntes Zitat von Fritz Perls, dem Begründer der Gestalttherapie.
Warum ich? Die Frage stellt sich mir nicht.
Was fange ich damit an? Was kann ich daraus lernen. Was ist die Lektion?
Das frage ich mich.
 
Ich habe bereits etwas gelernt. Zum Beispiel, dass Menschen, von denen ich glaubte, sie wären mir von Herzen verbunden, es nicht sind, dass gerade jene, von denen ich es gedacht habe, mich nicht gefragt haben, ob ich okay bin, sondern nur wissen wollten, was genau passiert ist oder sich über den Aggressor Gedanken machten. Ich habe gelernt, dass ich noch besser auf mich aufpassen muss. Ich habe wieder begriffen, dass ich nur mir selbst vertrauen kann und dass es meiner Verantwortung liegt, wie ich mit dem was ist, umgehen will. Ich habe wieder einmal begriffen wie fragil wir Menschen sind und dass von einem Moment auf den anderen alles anders sein kann. Nichts ist sicher, aber das wusste ich schon vorher. Was ich nicht wusste, ist was es mit einem Menschen macht, wenn er mitten in einer Menschenmenge tätlich angegriffen wird und niemand ihm hilft. Das weiß ich jetzt. Na dann, auch das meinte das Leben mir zeigen zu müssen.
 
Wozu ist das gut?
Ich fühle jetzt meine KlientInnen noch besser, die ähnliches erleben mussten.
Wozu es noch gut ist, werde ich noch herausfinden. Auch was ich über mich selbst noch zu lernen habe. Was es weiter mit mir macht, werde ich beobachten und mir Hilfe holen, wenn ich nicht klar komme. Und was den Aggressor angeht: Mieses Karma.