Montag, 13. April 2020

Gedankensplitter



 

Es ist schrecklich dieses tiefe Gefühl von Liebe erlebt zu haben 
und es zerfallen zu sehen
in ein sich nur nahe fühlen.
Das ist Sterben im Leben für mich.

Sehnen



Zeichnung: Angelika Wende


Es war eine schöne Liebe. Längst hatte ich vergessen mich zu sehnen. Dann war sie da, diese schöne Liebe und zog mich aus der vertrauten Einsamkeit in ein neues vertrautes Zweisames. Ein einander vertraut machen mit Worten. Stundenlange Telefonate in der Nacht. Ein Foto, das Gesicht zu den Worten. Ein schönes Gesicht. Und noch mehr Worte, die sich zueinander legten und ein Verstehen. Vertraut und tief. Und ein Fühlen es ist gut, es ist schön, es ist wahr und echt.
Und es war Glück. Liebesglück.

Es war.
Es ist anders geworden.
Hat sich verwandelt.
Hat mir das Sehnen wiedergegeben.

Manchmal bindet zwei Menschen mehr aneinander, als eine gelebte Beziehung es je gekonnt hätte.
Manchmal sind da zwei Menschen, die sich lieben und nicht zusammen kommen können. 
Manchmal sind da zwei Menschen, die nicht miteinander und nicht ohne einander sein können.
In ihrer Sehnsucht und ihren Illusionen von Liebe, kommen sie nicht voneinander los. 
Ihre unerfüllte Sehnsucht bindet sie aneinander, ohne dass sie jemals miteinander sein können.


Donnerstag, 9. April 2020

Gedanken zu Krise

Malerei: Angelika Wende

Langsam kommen die Letzten an den Punkt, an dem klar wird, dass wir niemals eine dauerhafte Stabilität haben und - sie niemals erreichen werden. Denn was in dieser Welt gerade geschieht ist in der Komplexität des Ausmaßes so groß, so bedrohlich, so mächtig, so absurd, wie wir es uns nicht haben vorstellen können. Der Gegner, dem wir den Kampf angesagt haben ist nicht sichtbar, nicht fassbar, in sich selbst unbekannt und daher so gefährlich. Wir kämpfen und haben nicht die entscheidenden Waffen um uns zu schützen. Wir probieren, wir improvisieren, wir suchen und haben noch nicht gefunden, was uns rettet. 

Was gerade geschieht zeigt uns, dass dauerhafte Stabilität in der Natur und im Leben einfach nicht vorgesehen ist, auch nicht für uns, die wir uns nur allzugerne Stabiltät und Dauer zukommen lassen möchten. Es gibt sie nicht. Was es gibt ist Unsicherheit, ist Unberechenbarkeit, ist Kontrollverlust.
Die Vorstellung von Stabiltät ist abgesagt. Das Theater der Illusionen geschlossen. Das Gebäude auf dem wir gebaut haben ist ins Wanken geraten, es ist in vielen Ländern zusammengesackt.
Also geht die Angst um.

Die älteste und mächtigste Form der Angst - die Angst vor dem Unbekannten.
Diese Angst zeigt sich in den unterschiedlichsten Nuancen. Und dennoch liegt all diesen Nuancen eine grundsätzliche Angst zugrunde: Die Angst vor Verlust.

Wir fürchten uns davor zu verlieren was wir haben. Menschen, Besitz, Gesundheit, das Leben im schlimmsten Falle. Wir fürchten uns davor was heute, morgen, übermorgen passieren kann. Wir fürchten uns davor was danach passiert, wenn es vorbei ist, wenn es denn vorbei ist. Wann? Das wissen wir nicht.

Wenn diese Angst kommt, haben wir Angst keine Identität mehr zu haben, uns einfach im Nichts aufzulösen. Wir haben Angst, dass nicht nur Etwas da draußen anders ist, sondern auch wir, denn vieles von dem, was wir uns an Identität aufgebaut haben wird weggerissen - wir blicken in unsere eigene Existenz und sind in unserer Ich- Vorstellungen angegriffen. Wir greifen ins Leere.

Was tun wir also gegen die Angst?
Die meisten tun das, was sie am Besten können - sie weichen aus. Sie weichen aus, indem sie den leeren Raum füllen. Womit?
Mit einer Fülle von alten und neuen Kompensations - und Abwehrmechanismen. Immer bemüht das Alte, das Gewohnte weiter aufrecht zu erhalten um die Ich-Vorstellung nicht zu verlieren, um weiter die Illusion von Stabilität aufrecht zu halten.
Nur - dieses Mal werden wir mit der alten Ich-Vorstellung, individuell und kollektiv, nicht weiterkommen. Wir müssen uns neu erfinden.

Dienstag, 7. April 2020

Was in Beziehung krank wurde, kann nur in Beziehung heilen.


 
Foto: Angelika Wende


"Ich kann es nicht mehr aushalten. Ich wünsche mir so sehr Veränderung, aber ich habe keine Kraft mehr!" Ich kenne diese Aussagen und ich kenne das Gefühl dahinter. Ich weiß, wie tief Menschen leiden können. Ich erfahre es in meiner Arbeit. Menschen, die so fühlen verbindet ein Kummer im Herzen, der so groß ist, dass er untröstlich scheint.

Ein Herz erfriert nicht durch einen einzigen Kälteschock von Außen. So ein Herz ist warm, sehr warm. Es braucht viele dieser Schocks bis es nach und nach einfriert und schließlich im Eis erstarrt. Es sind die warmen Herzen, die ganz weichen Herzen, die irgendwann nicht mehr auftauen, weil es unerträglich für sie wäre, all das noch einmal spüren zu müssen, was sie in die ewige Eiswüste gebracht hat. All das Leid, all die schmerzlichen Erfahrungen, all die Erschütterungen. "Nein, nie mehr wieder!", sagen sich diese Herzen und verharren in der eisigen Landschaft grenzenloser Trauer.
Nach und nach wird so ein armes Herz müde vom Frieren, müde vom Aushalten und müde vom Hoffen. Hoffen hilft nicht, wo Zuversicht fehlt. Ach, es hat doch alles schon versucht, aber der Kummer ist nicht weggegangen. Es wurde nicht besser, auch wenn es für einen Moment in der Zeit einmal besser war. Das Herz hat all das Bessere nicht halten können, weil es nicht durch den Verstand zu erreichen ist, weil es taub ist gegenüber Worten und gut gemeinten Ratschlägen, weil es fühlt, was es gefühlt hat und immer noch so fühlt, ganz gleich was ihm gesagt wird. 

Veränderung geht niemals über den Kopf. Sie geht über das Gefühl und dafür muss noch ein Rest an Glaube, ein Rest an Zuversicht und Selbstmitgefühl übrig sein, damit der Verstand mit seinen Werkzeugen etwas ausrichten kann. Ein erfrorenes Herz fühlt nichts mehr, außer kühlem Schmerz, stumme Verzweiflung und tiefe Resignation. Es ist schwer es aufzuwärmen, denn es vertraut nicht mehr. Es hat es zu oft getan und es ist zu oft enttäuscht und zu tief verletzt worden. Das Gefühl hat gelernt und das ist die Wahrheit des Herzens. Eine traurige Wahrheit, die diese armen Herzen in sich tragen. Und so leben sie Tag für Tag in ihrem ewigen Eis, das ihren Kummer umschließt wie ein Schutzmantel. Es verlangt Demut das so zu akzeptieren. Und es braucht etwas von Außen, etwas das über die Selbstliebe, die diese Menschen verloren haben, hinausgeht. Es braucht Anerkennung für ihren Schmerz, es braucht Zeit und viel Geduld um ihr Vertrauen in das Leben, in sich selbst und in andere wieder aufzubauen. Es braucht Liebe, eine verlässliche, verstehende, nichts fordernde, gebende Liebe. Aber die kommt nicht so einfach daher, wenn sie gebraucht wird, auch wenn es immer wieder Wunder gibt.

Ein erfrorenes Herz braucht ein Feuer an dem es sich wärmen kann. Es braucht die Erfahrung einer Beziehung, die stabil ist und tragfähig. Es braucht jemanden, der ihm zuhört und es annimmt in seinem Schmerz. Es braucht Mitgefühl. Im Idealfall geben wir uns das selbst, dann wenn wir selbstmitfühlend werden, dann wenn wir uns selbst in all den Gefühlen, die da sind, anzunehmen bereit sind. Es geht um die Bereitschaft uns selbst Trost zu schenken und uns nach und nach aus der Eiswüste herauszuziehen. Es braucht den absoluten Willen uns selbst gut zu tun und uns mit dem zu füttern, was heilsam für uns ist. Uns füttern, Tag für Tag, mit ganz kleinen Digen am Anfang, die uns gut tun, die wir immer wieder tun. Und nach und nach dürfen wir erleben, dass wir es können – für uns da sein, uns selbst gut tun, uns Wärme schenken. 

Schafft man das nicht alleine kann eine gute therapeutische Beziehung hilfreich sein. Hier kann durch Einfühlungsvermögen, Empathie, Sympathie, lösungsorientiertes Vorgehen, respektvollen Umgang und genügend Zeit langsam wieder Vertrauen in sich selbst und das Leben aufgebaut werden. Im Idealfall wird hier eine tragfähige Beziehung gestaltet und erfahren, die das Bedürfnis nach Orientierung und Kontrolle, nach verlässlicher Bindung, nach Lustgewinn und Unlustvermeidung und nach Selbstwirksamkeit und Selbstwerterhöhung erfüllt.

Der Aufbau einer tragfähigen therapeutischen Beziehung braucht Zeit und Geduld auf beiden Seiten. Heilsame Erfahrungen brauchen genau die Zeit, die sie brauchen und sie sind anstrengend Doch es lohnt sich, denn auf dieser Basis können im Verlauf destruktive Verhaltensmuster und unheilsame innere Überzeugungen ins Bewusstsein geholt werden und so in der Folge verändert werden.

Was in Beziehung krank wurde, kann nur in Beziehung heilen.


Samstag, 4. April 2020

Die Liebe kennt keinen Shut Down



Heute habe ich Geburtstag. Ich werde ihn allein verbringen. Nachdem ich letztes Jahr beschlossen habe meine Geburtstage nicht mehr zu feiern, passt das ja, denke ich. Wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, gerade jetzt, passt es nicht. Ich vermisse meine Lieben, Nähe, Berührung. Ich möchte meinen Sohn sehen, ihn umarmen,  das wunderbare Essen, das er immer zaubert, mit ihm und seiner Liebsten genießen, mit den beiden lachen und feiern. Ich möchte neben ihm sitzen in seinem Studio und mir seine Musik anhören und einen guten Rotwein trinken und reden bis tief in die Nacht. Er ist weit weg. Zu weit, ich kann ihn nicht sehen. Ich habe Sehnsucht.

Ich weiß, ich bin mit dieser Sehnsucht nach dem, was normal und schön und vertraut ist, nicht allein.
Wir alle, aber vor allem diejenigen unter uns, die alleine leben, müssen zur Zeit auf die Erfüllung ihrer Sehnsucht verzichten, wir müssen auf unser elementarestes Bedürfnis nach Nähe verzichten.
Wir sehnen uns und es ist eine traurige Sehnsucht.

Draussen ist Frühling, die Zeit des Aufbruchs. Nichts davon ist zu spüren. Allein die Natur bricht auf, unbeeindruckt von dem was gerade mit uns geschieht. Nein, sie braucht uns nicht. Und das haben wir lange vergessen. Das war unheilsam für die Natur und für uns. Vielleicht begreifen wir das jetzt. Möge es so sein. Mögen wir wach werden und den Kurs ändern, dann, wenn alles vorbei ist.

Das Leben steht still.
Kaum Menschen auf den Straßen.
Kein Kinderlachen auf dem Spielplatz in meinem Viertel.
Die Cafés in denen ich so gerne sitze, sind leer. Tische und Stühle sind verwaist.
Ich fühle mich verwaist, wie ein Kind, das sich verlaufen hat in einem fremden Land.
Die Lebendigkeit ist eingeschlossen in Häuser und Wohnungen.
Die vertraute Welt hat für uns alle geschlossen.Ich kann beobachten wie sich die Herzen der Menschen verschließen.
Ich kann sehen, wie sie einander meiden.
Der Fremde ist fremder geworden, noch femder.
Abstand außen, Abstand innen.
Der Andere, der Nächste ist eine potenzielle Gefahr.
Ausweichen.
In einen Mundschutz atmen. Schweres Einatmen, schweres Austatmen.
Wie fremd das ist. Wie unheimlich.

Absurd, denke ich, und das diese Absurdität unser Jetzt ist, dem wir nicht entkommen.
Wie lange noch?
Was bleibt in dieser Absurdität um nicht in eine tiefe Traurigkeit zu versinken, die sich zu der Angst legt, die da draußen und in uns umgeht, und zusätzlich lähmt?

Es ist Schweres, was uns allen aufgetragen wird. Es wiegt schwer, weil es unser Menschsein verändert. Unsere Gedanken, unsere Gefühle und unser Handeln.
Wir handeln und leben wider das Menschlichste, was in uns angelegt ist - das Bedürfnis nach Nähe.
Das fühlt sich nicht gut an.
Aber es ist wie es ist.
Ich, du, wir, müssen das jetzt akzeptieren.
Und dennoch darf ich traurig sein an diesem Morgen. Es ist okay.
Aber ich muss einen Weg für mich finden um nicht in dieser Traurigkeit stecken zu bleiben.
Für mich, an diesem Morgen. Für meinen Sohn, den ich nicht traurig machen will.

Also frage ich mich:
Was habe ich noch, was mir gut tut?
Was kann ich heute an Schönem tun, was kann ich tun, was mir Freude macht?
Was kann ich gestalten in einer Zeit in der mein Einflussbereich so begrenzt ist, wie ich es mir nie hätte vorstellen können?
Wofür bin ich dankbar?

Und während ich das schreibe spüre ich, dass ich mehr bin als das Außen. Mehr als diese, in der Absurdität gefangene Frau.
Ich spüre, dass ich so viel in mir trage, was mir, solange ich gesund bin und lebe, nichts und niemand nehmen kann. Ich spüre die Liebe zu meinem Sohn, zu meinen Nächsten, zu meiner Arbeit, meiner Kunst, zur Musik, zum Leben, zum Guten, Wahren und Schönen und zu mir selbst.
Und diese Liebe ist stärker als alles, was jetzt nicht mehr möglich ist.
Sie ist stärker als meine Traurigkeit und meine Sehnsucht.
Ja, sie ist meine Sehnsucht. 

Die Liebe lässt sich nicht einsperren.
Die Liebe kennt keinen Shut Down.
Sie fließt von Herz zu Herz über alle Grenzen und Beschränkungen hinaus.
Sie trägt und sie hält mich.
Jetzt und immer, solange ich lebe.







Freitag, 3. April 2020

Atmen

Foto: A.Wende



"Ich atme ein, ich atme aus, lebe einen Tag nach dem andern", singt Roger Cicero in einem sehr traurigen Lied über eine verlorene Liebe.
Der Atem ist immer da.
Er ist immer bei uns.
Unser Atem ist es, der uns hilft uns auf die Gegenwart zu konzentrieren. Er hilft uns beobachtend im Jetzt zu sein, ohne etwas verändern zu wollen. Er hilft uns, uns zu zentrieren, wenn wir aus dem Gleichegwicht gekommen sind.
Unser Atem ist der Anker, wie in Ciceros Lied, der verhindert, dass er von seiner Traurigkeit fortgerissen wird ins Meer der Hoffnungslosigkeit.


Unser Atem ist ein treuer Gefährte, der immer für uns da ist.
Aber wir dürfen nicht zu viel von ihm erwarten.
Es hilft nicht zu atmen um nicht zu fühlen was ist.
Wir können Gefühle nicht wegatmen in dem wir bewusst atmen, auch und schon gar nicht in der Meditation.
Es geht nicht darum zu atmen um nicht mehr zu fühlen.
Das genaue Gegenteil ist der Fall - wir lassen die Gefühle zu im Atmen.
Trauer - Atmen.
Schmerz - Atmen.
Wut - Atmen.
Hilflosigkeit - Atmen.
Angst - Atmen.

Atmen verändert nicht, was wir fühlen, aber er verändert unsere Erfahrung mit diesen Gefühlen, einfach indem wir sie atmend anerkennen und da sein lassen.
Ich atme ein, ich atme aus ...lebe einen Moment nach dem anderen ...

Mittwoch, 1. April 2020

R.I.P




Foto: www



Sie war keine Freundin, aber sie war mehr als eine Bekannte. Als wir uns vor zwei Jahren zum ersten Mal sahen waren wir uns gleich sehr nah. Unsere Begegnung hatte etwas Vertrautes. Wir haben einander berührt. Sie war schon damals sehr krank. Aber sie trug Ihre Krankheit mit einer Fassung, die mich an Demut erinnerte. Sie liebte das Theater, das Schauspielern, die Literatur, die Musik und die Philosophie ebenso wie ich. Wenn wir redeten wussten wir wovon wir redeten, wir mussten nichts erklären – es war eine gemeinsame Welt, in der wir uns gedanklich bewegten. Ich hatte sie gern. Ich erinnere mich wie ich einmal ihren Bauch berührte, als sie starke Schmerzen hatte und an ihr schönes Lächeln, das sie mir schenkte.
Gestern erfuhr ich, dass sie gestorben ist. Heute ist ihr Geburtstag. Sie ist viel zu früh gegangen, zu jung gegangen, zu plötzlich gegangen. Keiner ihrer Nächsten konnte sich von ihr verabschieden. Sie konnte sich nicht verabschieden. Der Tod hat sie geholt und ich bin traurig. Möge sie dort wo sie jetzt ist, in Frieden sein.
Danke, dass es dich gab.


Der Tod ist für sie etwas Persönliches geworden, für ihre Lieben, ihre Freunde, für mich.
Der Tod ist etwas mit dem ich nur schwer umgehen kann. Ich spüre eine seltsame Starre, ich kann nicht weinen, ich kann nicht wütend sein. Es ist als lege sich eine Schicht aus Eis auf mich, ich friere innerlich ein. Ich, die sonst so emotional ist, die so tief fühlt, so tief mitfühlen kann bin überfordert. Ich kann den Tod nicht fassen. Er lässt mich fassungslos und starr zurück. So wie er mich als kleines Mädchen zurückgelassen hat als meine geliebte Großmutter starb, die die ersten fünf Jahre lang für mich eine Mutter war. Großmutter war weg von einem Tag auf den anderen. Niemand sagte mir, was mit ihr geschehen war, keiner hat mir erklärt, was das ist – der Tod. Da war nur der Verlust, das Nichtmehrsein meiner Großmutter, diese Erschütterung, die meine vertraute Welt mit einem Schlag zerbrach, mich erstarren ließ. Ich konnte nicht weinen, ich konnte nicht mehr sprechen und für lange Zeit habe ich geschwiegen. Da war keiner, der mir Trost schenkte. Ich war allein in einem Schmerz, der keinen Ort fand an dem er sein durfte, keine Hand fand, die sich tröstend, wärmend und beruhigend auf ihn legte, keine Arme, die mich hielten, keine Worte, die mich beruhigten. Ich habe diesen Schmerz eingefroren und irgendwie steckt er noch heute in mir.

Immer wenn mir der Tod begegnet ist das eine Herausforderung für mich. Ich kann andere trösten, aber ich selbst finde keinen Trost. Ich zweifle an der Wiedergeburt, ich zweifle am Konzept des Lebens nach dem Tod. Ich glaube nicht an einen Himmel in den wir eingehen. Ich kann in diesen, von Menschen gemachten Konzepten, von der Unsterblichkeit der Seele keinen Trost finden. Ich glaube, dass mit dem Tod des Bewusstseins das Gleiche ist wie vor der Geburt – ein Nichts, ein Nichtvorhandensein.

Ich glaube an ein Leben im Jetzt, das einen Anfang hat und ein Ende, und das dieses Ende meinen Körper und mein Bewusstsein in die Erde eingehen lässt.
Manchmal raubt mir der Gedanke an meine Auslöschung und die der Menschen, die ich liebe, den Atem. Ich denke viel an den Tod. Ich versuche den Zustand des Nicht- mehr- Seins zu erfassen und je älter ich werde, desto öfter denke ich nach über das Sterben. Meine Welt wird sich auflösen und das macht mir Angst. Ich habe Angst vor dem Tod der Menschen, die ich liebe und hoffe, dass ich vor ihnen gehen darf.

Wir alle sind gerade Jetzt so direkt mit dem Tod konfrontiert, dass die Gedanken an unsere Sterblichkeit für viele von uns nicht mehr wegzudrängen sind. Die schreckliche Wahrheit der Vergänglichkeit ist so bewusst, so groß geworden seit ein potenziell tödliches Virus die Welt in Angst versetzt und wir jeden Tag mit Zahlen von all den Toten konfrontiert werden.
Es kann jeden von uns treffen. Das ist nichts, was wir nicht wissen. Wir wissen wir müssen sterben, aber diese direkte Nähe des Todes macht uns unsere Zerbrechlichkeit sehr bewusst. Das macht dünnhäutig und das macht vieles was vorher so groß und wichtig war klein und unbedeutend. Das macht Gedanken wie, ich könnte der Nächste sein, meine alte Mutter, mein kranker Vater, ja sogar mein Kind, könnte der Nächste sein. Die verdrängte Angst vor dem Tod sickert vielleicht in unsere Träume, wenn sie im Bewusstsein keinen Platz findet. Sie sucht sich Tarnmasken in anderen Problemen. Sie kann panisch machen in der Isolation wenn menschliche Nähe fehlt.

Tod bedeutet verlassen und verlassen werden ohne Wiederkehr.
Und egal woran wir glauben, egal was unsere Vorstellung von Tod auch sein mag – das ist sicher – es gibt keine Wiederkehr.
Es wird kein bewusstes Selbst mehr geben.
„So ist also der Tod, das schrecklichste der Übel, für uns ein Nichts: Solange wir da sind, ist er nicht da, und wenn er da ist, sind wir nicht mehr, schreibt der Philosoph Epikur.“
Das finde ich persönlich tröstlich wenn ich an den Tod denke.
Aber es tröstet nicht die, die einen Menschen verlieren. Es tröstet nicht die, die gerade trauern. Es gibt keinen Trost, den man im Angesicht des Verlustes wie einen Zaubertrank verordnen kann.
Es gibt Trauer und Schmerz und Wut und Verzweiflung.
Und das müssen wir aushalten.
Jeder für sich allein, jeder auf seine Weise.

Aber wir können einander beistehen, für einander das sein, zuhören, das Leid teilen, Hände halten. Solange bis der Schmerz des Verlustes breiter wird und uns nicht mehr zerreisst.
Der Mensch, den wir verloren haben, wird bleiben solange wir leben. Er bleibt dort wo er unvergänglich ist, in unserem Herzen. Ich weiß, das ist ein schwacher Trost.