
Jeder seelisch gesunde
Mensch verfügt über ein gewisses Maß an Sensibilität, das von Mensch zu Mensch
jedoch individuell variiert. Aber es gibt Menschen, bei denen die Sensibilität
über die Bandbreite des normalen Maßes hinausgeht. Man bezeichnet diese Sensibilität
als Hochsensibilität. Geschätzt wird der Anteil hochsensibler Menschen auf ca.
20% der Bevölkerung. Die amerikanischen
Psychologin Elaine Aron spricht erstmals 1997 über dieses psychische Phänomen und nennt diese Menschen „The Highly Sensitive Person", kurz HSP.
Der erste jedoch, der sich mit diesem hochsensiblen Thema befasste war der
Schweizer Theologe und Psychologische Berater Eduard Schweingruber. 1935
schrieb er das Buch „Der sensible
Mensch“. Er ist der unerkannte Pionier in der Entdeckung von Hochsensibilität.
Zur Zeit Schweingrubers war
der Begriff Hochsensibilität noch nahezu unbekannt. Menschen, die davon
betroffen waren, hielten sich für anders, seelisch übermäßig kompliziert, nicht
normal und waren zutiefst unglücklich darüber. Was immer sie auch versuchten,
um sich anderen anzupassen und deren Lebensstil zu kopieren, letztlich
misslang es, berichtet der Autor aus seiner Praxis. Was Schweingruber und später
Elaine Aron erkannten, ist noch heute von unschätzbarem Wert für hochsensible
Menschen. Es bietet ihnen Entlastung durch das Verständnis für das eigene
Wesen.
Hochsensible
funktionieren anders.
Sie haben es schwer in der Welt da draußen und sie haben es schwer mit
ihrer Innenwelt. Wo andere eine Schutzhaut aus Stahl zu haben scheinen ist bei
Ihnen hauchdünnes Pergamentpapier um die Seele gewickelt. Sie spüren zu viel im
Innen und im Außen. Sie nehmen wahr, was andere nicht wahrnehmen. Sie sind zutiefst empathisch und leicht verletzbar, sie können sich nur schlecht oder
überhaupt nicht abgrenzen, weder von den eigenen Gefühlen noch von denen andere Menschen, sie treten in Resonanz mit allem und jedem, je nachdem wie ausgeprägt
ihre Hochsensibilität ist.
Hochsensible Menschen fühlen
sich falsch in der Welt und was noch belastender sein kann - sie fühlen sich falsch in sich selbst. Was diese Menschen oft nicht
wissen ist, dass sie eben nur hochsensibel sind und nicht neurotisch. Ihre
Sensibilität ist keine Krankheit, sie ist Segen und Fluch zugleich. Hochsensibilität ist ein kostbares
Potential, das viele Künstler und Kreative besitzen und sie ist eine Gabe, die zu allen Zeiten
berührende und wertvolle Werke für die Menschheit hervorgebracht hat.
Zum Fluch wird
Hochsensibilität, wenn dieses „zuviel spüren“ lebensbehindernd wird, wenn die Gefahr besteht an der eigenen Empfindsamkeit
zu zerbrechen oder an der damit einhergehenden inneren Einsamkeit, die diese
Menschen fühlen, seelisch zugrunde zu gehen. Wer anders ist
spürt leider oft genug – er gehört nicht dazu. Aber auch wenn er dazu gehören würde,
in der „normalen“ Welt ist für ihn kein dauerhaftes Aushalten, eben weil er zu viel
spürt. Zu viel spüren, zu viel wahrnehmen ist anstrengend. Das Innen und das
Außen verschmelzen zu einem verwirrenden untrennbaren Ganzen miteinander
konkurrierender Affekte. Hochsensible sind daher oft schnell reizüberflutet, was
in der Folge zu einer stetigen inneren Unruhe führt.
Vielen Menschen und leider auch den meisten Psychologen ist Hochsensibilität noch heute
unbekannt. Viele Hochsensible werden deshalb falsch behandelt, manchmal
sogar als „therapieresistent“ eingestuft.
Schweingruber schreibt
in seinem Buch, wie wichtig es daher für den Hochsensiblen ist, sich selbst zu
erkennen und zu durchschauen. Das ist seine große Aufgabe. Sich selbst zu durchschauen ist schwer, auch ohne Hochsensibilität. Wir kennen uns selbst niemals in unserer totalen Ganzheit
und auch mit allem psychologischen Wissen gelingt das niemandem. Davon
abgesehen, wer macht sich schon die Mühe sich über viele Jahre in psychologische
Literatur einzuarbeiten? Ohne dieses Wissen, als Basis um sich als Mensch zu
begreifen, ist das eigene Selbstbild nur eine diffuse Mixtur aus
dem Wunsch, wie man gerne wäre und der Abwehr, wie man nicht
sein will.
Es gibt Menschen, die
geborene Künstler der Selbstschau sind, andere sind dazu gänzlich unfähig,
oder sie haben gar nicht den Antrieb sich mit sich selbst zu befassen. Dazu gehören die
Meisten. Die meisten Menschen schauen auf das Außen, befassen sich mit den
anderen, orientieren sich an den anderen und lenken sich stets vom wichtigsten
Menschen in ihrem Leben ab – von sich selbst. Das ist die Masse. Die Masse
lebt in Unkenntnis der eigenen Psyche und bleibt sich selbst und der eigenen Seele fremd. Ein
scheinbar einfacheres Leben, würde die Not der Seele diese Menschen nicht
irgendwann einholen, in Form von psychosomatischen oder seelischen Erkrankungen
oder in Form eines Schicksalsschlages, was dann oft dazu führt, dass sie beginnen über sich selbst nachzudenken und sich selbst zu spüren.
Hochsensible spüren sich,
sie spüren andere und sie spüren Energien. Zu viel spüren belastet. Alles
Extreme belastet auf irgendeine Weise – mit anderen Worten zu wenig ist zu wenig
und zu viel ist zu viel, zu viel vom Vielen.
Der hochsensible Mensch fühlt sich ständig allen möglichen Sinneswahrnehmungen ausgesetzt die ein nicht, oder
weniger Sensibler nicht einmal bemerkt. Ein hochsensibler Mensch nimmt seine
Umgebung anders wahr. Er spürt Stimmungen und zwischenmenschliche Schwingungen,
er spürt die Befindlichkeit anderer Personen, er nimmt Impulse auf der
feinstofflichen Ebene wahr, die ein weniger sensitiver Mensch gar nicht bemerkt. Er hat
oft das Gefühl das mit ihm irgendetwas nicht stimmt, da er auf äußere Reize
ständig überreagiert, obwohl er ansonsten völlig gesund ist.
Hochsensibilität ist
keine Krankheit, sie ist mit einfachen Worten - eine Reaktion des Nervensystems
auf Reizüberflutung.
Hochsensible sind keine
seelisch kranken Patienten, aber sie sind Kandidaten des Lebens, denen spezielle Aufgaben gestellt sind, die sie zu lösen haben. „Er darf nicht, indem
er sich seiner Eigenart einfach überlässt oder sich in sie verhakt, ein
Pfuscher des Lebens werden“, schreibt Schweingruber. Nach Schweingruber ist es die
oberste Aufgabe des Hochsensiblen, das im Inneren
angesammelte Material zu lösen, seine Haltungen zu revidieren und zu verändern um sich zu entlasten.
Denn wenn er sich damit abfindet, von seiner überladenen Gefühls- und
Gedankenwelt vollkommen beherrscht zu werden, ist er unfrei. Daher sollte er es
sich zum Ziel machen sich zu befreien um bei sich selbst anzukommen. Das
bedeutet: Alle angesammelten Spannungen identifizieren, zu lernen das Fremde
von Eigenen zu trennen und achtsam zu werden, für sich selbst und die eigenen Bedürfnisse und vor allem, diese ernst zu nehmen. Was dann übrig bleibt, ist
reine Sensibilität, die nicht von unverarbeiteten und verdrängten Erlebnissen
beeinflusst ist.
Aber wie kann der
Hochsensible sich selbst durchschauen?
Er kann es lernen und zwar
indem er sich immer wieder bewusst macht was gerade ist, indem er sich fragt,
worauf er gerade übermäßig reagiert – auf welche äußeren und inneren
Situationen und Eindrücke. Indem er sich bewusst wird welche
Eindruckshäufungen und Eindruckskombinationen ihn aus der Ruhe bringen oder
belasten, denn ein Eindruck, ein Gefühl, ein Interesse oder eine Begegnung
nehmen ihn, ohne sein willentliches Zutun, so stark gefangen, dass alles andere in
den Hintergrund rückt. Mit anderen Worten: Die Seele verliert ihre Ganzheit.
Manche Hochsensible werden
extrem nervös in Menschenansammlungen, andere ertragen nur wenig oder nur
zeitweise Nähe. Andere sind extrem geräusch- oder geruchsempfindlich. Wenn ein
Hochsensibler unter Druck gesetzt wird oder er sich überfordert fühlt, sei es
beruflich oder privat, leidet er Seelenqualen. Ihm fehlt die Fähigkeit die Dinge auch mal locker zu nehmen. Es kann alles sein, was den Hochsensiblen
aus seiner inneren Ruhe bringt.
Eins jedoch haben alle
Hochsensiblen gemeinsam – sie brauchen Zeit, Zeit mit sich selbst und Zeit
um das täglich Erlebte zu verarbeiten.
Sie brauchen viel mehr Zeit
mit sich sebst und viel länger um Gewesenes zu verdauen, als andere, eben weil sie intensiver fühlen. Deshalb ist ein
Hochsensibler auch oft ruhebedürftig und hat das drängende Gefühl sich für eine
Weile von allem zurückziehen zu müssen. Das ist ein gesundes Bedürfnis, denn
das Nervensystem braucht diese Ruhe um sich wieder entspannen zu können. Diesem Bedürfnis sollte er folgen.
Woran erkennen wir
Hochsensibilität?
Zusammengefasst ist
Hochsensibilität gekennzeichnet durch:
Eine intensive Ansprechbarkeit
auf Eindrücke und übermäßige Erregbarkeit von Empfindungen, Gefühlen und
Trieben, Kompliziertheit im
Verarbeiten der Affekte und gleichzeitig Hinderung im Abklingen der Affekte, eine intensive Auswirkung von
Affektvorgängen auf körperliche Funktionen und umgekehrt auch eine intensive
Rückwirkung von körperlichen Funktionen auf das Affektleben.
Um sich als Hochsensibler
zu entlasten ist es wichtig, die Reize herausfinden, die ins seelische,
gedankliche oder körperliche Ungleichgewicht bringen. Findet er das heraus,
ergibt sich daraus das einfache Rezept: Meide genau das!
Entscheidend aber ist: Wer
hochsensibel ist, muss sich nach Innen stärker in den elementaren Untergrund
und die vitale Gesamtheit verwurzeln. Er darf niemals nur nach außen leben.
Zitat Schweingruber: „Der Sensible muss einen gründlichen Innenweg durchwandern!"
Dieser Weg nach Innen ist
ein Prozess, den der Hochsensible nur schwer alleine bewältigen kann, denn es
erfordert ein hohes Maß an Achtsamkeit, Selbstbeobachtung und letztlich auch
die Fähigkeit zur Selbstanalyse um sich in der Folge selbst zu helfen. Sicher ist dieser Weg
leichter zu gehen mit einer empathischen professionellen Unterstützung. Die
aber ist leider nur selten zu finden, denn wie gesagt, es sind nur etwa 20 %
Hochsensible unter uns. Einen sensiblen Therapeuten zu finden, der sich in die
Welt dieser Menschen einfühlen kann, ist daher fast so schwer wie die Nadel im
Heuhaufen zu entdecken.
Aber nichts ist unmöglich.
Es gibt mittlerweile Plattformen und Institutionen, die sich mit
Hochsensibilität befassen. Wir sind nicht allein.