... und das geht so!
sie: also, wir denken das mal an.
ich denke: andenken? was ist das denn?
sie: also, wir basteln da noch an der grafik, layout, hm, sie wissen schon. der kunde hat da auch noch änderungswünsche, den ein oder anderen, möglicherweise. kann schon sein. aber wir denken das schon mal an.
ich sage: aha und weiß immer noch nicht, wie ich mir andenken vorstellen soll. draufrumdenken, das sagt mir eher was.
sie: also noch aaaaaalles offen. aber sie können das auch schon mal mit andenken. fangen sie doch schon mal an texte anzudenken.
ich denke: aha, ich soll das mit andenken schon mal anfangen? ich weiß aber gar nicht womit ich schon mal anfangen soll. ist ja erst angedacht, denke ich.
ich: also, ich soll schon mal?
sie: also, sicher, denken sie ruhig mal mit an.
ich denke: ich hab große lust aufzustehen und auf den tisch zu ....
das wär dann ein andenken. oder?
einer sagt, es gibt nur den teufelein anderer rennt in die kirche und denkt, dass er da seinen gott findeteiner glaubt an nichts, ausser an sich selbsteiner denkt sich ein utopia aus, weil ihm die realität nicht gibt was er suchteiner hängt sich an einen anderen, weil er glaubt ohne ihn nicht leben zu könneneiner macht seine arbeit zu seiner religioneiner kämpft für den weltfrieden, weil er sich etwas großes vorgenommen hateiner lebt in den tag hinein und lässt sich treiben weil er glaubt, dass er sowieso nichts ändern kanneiner denkt immerzu, weil er angst vorm fühlen hateiner nimmt drogen, weil er aus der welt flüchten willeiner schlägt seine frau, weil er sich selbst meinteiner gibt den gutmenschen, weil er sich schuldig fühlt einer hat eine vision, die ihm die liebe ersetzen solleiner schreibt geschichten, weil er die worte liebteiner ritzt sich die arme, weil er sich sonst nicht spüren kanneiner singt, weil er so seine angst nicht spürteiner verschläft sein leben, weil er nicht wach sein willeiner weiß, dass alles im leben möglich ist und versucht das möglicheeiner fühlt sich ohnmächtig, weil er gescheitert isteiner fällt zu boden und steht nicht mehr auf einer fotografiert, weil er um die vergänglichkeit weißeiner schimpft auf alles und jeden, weil er sich selbst nicht leiden kanneiner pflanzt rosen, weil er hoffnung pflanzen willeiner lächelt, weil er weiß, dass es der kürzeste weg zwischen menschen isteiner gibt, weil er weiß, dass geben selig machteiner nimmt, weil er glaubt, dass er nicht genug bekommteiner hofft auf die große erkenntnis und findet sie nicht
und alle suchen ... was?
der junge maler redete von utopiaeinem nicht ortvon dem er wusste dass es ihn nicht gabutopia ebenein nichts, das es nicht gab und nie geben würdeund seine augen leuchtetenda draussen nichtda würde es ihn nicht gebensagte erund das ihm das egal seiweil es ihn gabda drinnen in ihm selbstaber er würde ihn erschaffen diesen ort da draussen im außenfür neun tageund es sei ihm egalwenn er dann wieder im nichts verschwinden würde sein nichtorter fragte michgehst du mit nach utopia?ich sagte du bist verrücktwie kann ich mitgehen an einen nicht ort?aber dann musste ich lächelnweil ich schon längst mitgegangen war.
manchmal rutscht mir das lächeln ab, das mir besser steht als meine traurigen augen ..
einfach so ...
manchmal klatscht mir die wut ins gesicht, dem die gelassenheit besser steht ...
einfach so ...
manchmal laufen mir die tränen über die wangen, denen ein zartes rosa besser steht ...
einfach so ...
manchmal steckt mir ein schrei im hals, der nicht über meine lippen kommt ...
einfach so ...
nein ...
nicht einfach so ...
so einfach ist es nicht.
heute früh las ich in facebook auf der seite eines menschen, den ich schätze, weil ich die worte schätze, die seine gedankenwelt ausdrücken, diesen satz: "je mehr ich zu sagen hätte, umso sprachloser werde ich." ich verstehe das gut, weil ich es kenne, weil ich es
fühle, immer wieder, dieses "ich will sagen, will ausdrücken, was mich umtreibt, was sich sehe in der welt, die in mich eindringt, weil ich ein teil von ihr bin und in ihr lebe, weil ich noch keine andere gefunden habe. und dann ist da dieser moment, wo ich keine worte finde, die mein gedachtes, mein gefühltes
ausdrücken könnten und dann frage, warum überhaupt
etwas sagen, wo doch die sprache die quelle aller
missverständnisse ist, wie elias canetti einmal schrieb. ganz gleich, was ich sage, missverstanden zu werden ist möglich und darüber hinaus, nicht verstanden zu werden ebenso und das ist ein einsames gefühl. in diesen momenten bin ich sprachlos.
es ist keine seltenheit, dass tief denkende menschen sprachlos werden und sich in die eigene innerlichkeit zurückziehen. wer sprachlos wird steht vor einem klaffenden abgrund zwischen der eigenen innerlichkeit und der welt, in der sprachlosigkeit entzieht sich das individuum dem außen. es fühlt sich allein, abgeschnitten von allem, es fühlt eine tiefe ohmacht, die aus enttäuschung geboren wird, über das, was das eigene innere verletzt. aus verletzung heraus, aus ohmacht heraus, wird sprachlosigkeit. sprachlosigkeit erwächst aus dem gewahrsein, dass kein wort die zustände und schon gar nicht die ändert, die die zustände schaffen. doch, was nützt dieser rückzug und was bedeutet er für das individuum und die welt in dem es lebt?
wenn sich der mensch jeder kommunikation entzieht, entzieht er sich auch der beschreibung seines ichs und so ist kein zugang zum anderen mehr möglich. schlussendlich bedeutet es, der mensch lässt sich auf keinen dialog mehr ein, ausser dem inneren dialog mit sich selbst. was dieser mensch tut oder nicht tut bleibt im verborgenen, es hat keine folgen, es bleibt bedeutungslos, was ihn selbst angeht, geht niemanden etwas an. ich habe das gelebt, ich habe es gelebt in einer zeit als die ohnmacht so groß war, dass kein wort, das sie hätte ausdrücken können, zu finden war. in mir war ein unüberwindbarer abgund und er war zwischen mir und den anderen. in diesem zustand verbrachte ich zwei jahre. es waren gefühlt hundert jahre einsamkeit. ich war so sprachlos, dass ich worte nicht einmal mehr schreiben konnte, weil sie mir als das untauglichste mittel erschienen auszudrücken, was den schmerz in mir auch nur im ansatz hätte fassbar machen können. nach diesen hundert jahren sprachlosigkeit und der emmigration ins eigene ich, die sie mit sich brachte, weiß ich, dass dieser rückzug in die sprachlosigkeit ein rückzug aus der welt war, und dass dieser rückzug aus der welt nichts anderes ist, als die weigerung auf die ansprüche der welt zu antworten. jeder persönliche ruckzug aus der welt bringt mit sich, dass die bezogenheit auf das leben zur bezogenheit auf das selbst wird, das sich damit seines platzes in der welt beraubt. das selbst verliert seine vitalen bedürfnisse und was am anfang noch wie eine splendid isolation empfunden wird, wird zum leiden an sich selbst und führt schlussendlich zum bedrohlichen affekt tiefer verzweiflung und dem gefühl von lebensmüdigkeit.
in der welt ändert das nichts. die welt kann ohne die sprachlosen sein, sie dreht sich weiter. sprachlosigkeit nützt niemandem, weder dem individuum noch der welt. aber jeder persönliche rückzug denkender, fühlender menschen amputiert die welt um ein stück humanität. ich wünsche mir, dass die sprachlosen zu sprechen anfangen. auch wenn worte die möglichkeit von missverständnissen in sich tragen, die möglichkeit nichts auszurichten, die möglickeit nichts zu ändern, so tragen sie doch auch genauso die möglichkeit in sich, dass sie verstanden werden, dass sie etwas ausrichten, dass sie etwas ändern bei denen, die verstehen. ich wünsche mir ein ende der sprachlosigeit derer, die wirklich etwas zu sagen haben, weil ich ich mich sonst noch einsamer fühle in der welt, denn ich bin ebenso wenig fähig allein zur wahrheit zu wandern wie alle anderen. und wenn ich doch wieder einmal in den zustand der sprachlosigkeit geraten sollte, werde ich mich an die worte von a.m.roviello erinnern, der einmal sagte: "wer sich aus der welt zurückzieht, der lässt die welt mit dem bösen, das sie besetzt zurück", und das will ich nicht.
mittwochabend. ich bin für meine redaktion im kabarett im mainzer unterhaus.
am eingang hole ich mir die pressekarte, neben mir steht eine ältere frau und verzieht das gesicht. schade, ich dachte, die wird nicht mehr abgeholt, sagt sie, und dass alle karten ausverkauft sind und sie jetzt wohl pech hat und dass ich bloß was gutes über den kabarettisten schreiben soll, den findet sie nämlich wunderbar und wenn ich das nicht täte, was gutes schreiben, bekäme ich es mit ihr zu tun. ich denke kurz - bad vibrations, vergesse den gedanken aber gleich wieder und gehe in die vorstellung.
der saal ist zum platzen voll. die stühle stehen so eng aneinander, dass ich unwillkürlich von allen seiten mit meinen nachbarn in fast schon körperliche berührung komme. das ist mir unangenehm, ich fühle mich eingepfercht, ich mag nicht berührt werden von denen, die ich nicht kenne. an diesem abend habe ich keine wahl. ich verdiene mein geld mit schreiben. heißt, gehen geht nicht.
der kabarettist kommt auf die bühne, das publikum applaudiert frenetisch schon bevor der mann den mund aufmacht. ich denke, der muss ja was ganz tolles auf lager haben, wegen der vorschusslorbeeren. ich bin gespannt.
die leute kennen den mann aus dem fernsehen. ich weiß es, weil es in der pressemitteilung steht. der ist also im fernsehen, ich habe ihn aber im fernsehen nie gesehen, weil ich nicht fernsehe, jedenfalls sehr selten und dann schaue ich mir einen guten film an und mache den kasten danach wieder aus.
also gut, denke ich, der ist aus dem fernsehen, daher die vorschusslorbeeeren. für die leute ist das etwas besonderes, wenn einer im fernsehen ist und aus dem fernsehen herauskommt. ein promi zum anfassen, das stehen viele leute drauf. warum das so ist habe ich noch nie verstanden.
der mann auf der bühne macht den mund auf und entlädt einen wortschwall via publikum. ich habe schwierigkeiten ihn zu verstehen. der mann redet in mundart, hessisch vom derbsten. ich gebe mir mühe zu ihn verstehen. die leute lachen nach jedem satz, das macht es mir nicht leichter den mann mit dem derben hessisch zu verstehen.
das ist anstrengend. ich fühle mich immer eingepferchter. die luft ist nach einer viertelstunde zum schneiden dick. menschengeruch breitet sich aus, wird zu einem dicken dunst, der mir das atmen schwer macht. eine mischung aus saurem schweiß von links und süßem parfüm von rechts steigt mir in die nase. mir wird leicht übel.
der typ auf der bühne wechselt die jacke. er schlüpft in die rolle eines bundeswehroffiziers, stellt sich nun, in hamburger dialekt, als oberst soundso vor.
ich verstehe ihn jetzt. ich verstehe jedes wort.
ich traue meinen ohren nicht, der redet vom krieg in afghanistan und den bundeswehrsoldaten, die dort sterben, von fremd- und eigenblutvergießen und warum das fremdblutvergießen sinnvoller ist für die deutsche republik und ihre soldaten da unten in afghanistan. die leute lachen, der saal dröhnt vor lachen. die luft ist zum schneiden dick.
ich kann nicht lachen. wer kann lachen, wenn es um blutvergießen geht?
die leute können lachen.
ich denke, wie schrecklich das ist, dieses lachen und wie gut es ist, dass das jetzt keiner hört von den soldaten in afghanistan und keiner von den familien der soldaten in afghanistan, keine der familien von den toten und den noch lebendigen soldaten in afghanistan.
es ist erntedankfest. ich stehe vor der kirche. nach dem gottesdienst ist eine vernissage angesagt. deshalb bin ich da. ich warte vor geschlossenen türen. beim gottesdienst war ich nicht, interessiert mich nicht. ich halte meinen gottesdienst mit gott und mir. ich bin da weil ich meinen job zu machen habe. ich schreibe über die ausstellung.
vor der kirche steht der bettler. er ist alt, sein gesicht ist mit einem schwarzen bart fast völlig zugewachsen. die blauen augen sind trüb. der bettler zittert. ich denke, er hat vielleicht parkinson. der bettler stützt sich zitternd auf eine krücke, er hat mühe sich zu halten, immer ist er leicht am kippen.
es ist heiß an diesem sonntagmorgen des erntedankfestes, die sonne brennt vom himmel. trotzdem hat der mann einen dicken wintermantel an und eine schwarze mütze auf dem wackelnden kopf. er schwitzt. kleine schweißperlen tropfen über sein zerfurchtes gesicht. in der hand hält er einen pappbecher. der becher zittert im rythmus der hand.
er wartet. die kirchentür geht auf. leute strömen ins sonnenlicht, versammeln sich. die helle sonne rückt satte gesichter ins späte morgenlicht. der bettler steht immer noch da, seine aufmerksamkeit geht in richtung der leute. er wartet, still, den becher in der hand.
die leute bilden kleine gruppen. manche beißen in rotbackige äpfel. eine gabe des pfarrers für die gemeinde, denke ich und dass ich das geräusch, wenn jemand in einen apfel beißt noch nie leiden konnte.
die leute reden und lachen, schlucken apfelstücke runter. der mann wartet immer noch zitternd mit dem becher in der hand. ich sehe, dass er gesehen wird. ich sehe, dass sie ihn sehen. alle sehen ihn. sie gucken hin, gucken durch ihn hindurch, gucken über das zittern und den becher weg.
ich werfe meine zigarrettenkippe aufs pflaster und zertrete sie. ich gehe in die kirche und hole mir drei äpfel aus dem korb am eingang. ich lege einen apfel in die freie zitternde hand des bettlers, die beiden anderen stopfe ich ihm vorsichtig in die taschen seines mantels. dann lege ich das letzte kleingeld, das ich in meinem portemonaie finde, in den wackelnden pappbecher.
die leute sehen es. ich sehe, dass sie es sehen, weil ich will, dass sie es sehen. ein mann und eine frau aus der menge zücken den geldbeutel und tun es mir nach. der rest frisst äpfel und erstickt nicht daran.