Trauma ist keine Krankheit und keine Schwäche. Trauma ist ein Anpassungsversuch unseres Nervensystems an Umstände und Systeme, die nicht sicher waren. Unser Organismus hat gelernt, sich so zu verhalten, dass wir überleben, uns schützen und mit dem umgehen konnten, was uns überwältigt hat. Trauma verändert.
Trauma prägt, wie wir die Welt und uns selbst wahrnehmen, wie wir Beziehungen gestalten und wie sicher wir uns in der Nähe anderer Menschen fühlen. Trauma kann zu einer unsichtbaren Mauer zwischen uns und anderen werden, obwohl wir uns nach Verbindung sehnen. Wenn wir verletzt wurden und tiefe Unsicherheit in uns tragen, beginnt oft ein stiller Rückzug. Wir ziehen uns nicht zurück, weil wir keine Verbindung mehr wollen, sondern weil wir versuchen, das in zu schützen, was besonders vulnerabel geworden ist. Was von außen wie Distanz oder Verschlossenheit wirkt, ist häufig der innere Versuch unseres Nervensystems, wieder Sicherheit zu finden.
Wir erleben eine Phase der Unsicherheit und der Orientierungslosigkeit.
Es ist eine Zeit, in der sich die Dinge noch nicht ganz entfalten können. Alles ist in der Schwebe und wir wissen nicht, wohin unser Weg führt. Wir wissen nicht einmal mehr, wer wir eigentlich sind. Die Identität, die uns einst Halt und Orientierung gegeben hat, ist zerbröselt oder fühlt sich nicht mehr stimmig an. Was vertraut war, trägt nicht länger. Mit der traumatischen Verletzung geht ein tiefes Gefühl von Sicherheit verloren, das Vertrauen in das Leben, in andere Menschen und nicht selten auch in uns selbst. Wir beginnen an unserer Wahrnehmung, unseren Entscheidungen und unserem eigenen Wert zu zweifeln. Dann wird der Rückzug zu einem Ort, an dem wir nicht nur Schutz suchen, sondern auch versuchen, uns selbst neu zu begegnen um langsam wieder festen Boden unter den Füßen zu bekommen.
In diesem Zustand können wir andere Menschen als emotional fern erleben.
Sie sind da, und doch erreichen sie uns nicht wirklich. Es fällt uns schwer, Verbindung zuzulassen oder sie innerlich zu spüren. Obwohl wir uns nach Nähe sehnen, entsteht gleichzeitig das Gefühl, innerlich weit entfernt von anderen zu sein. Wir befinden uns in einem Zustand der inneren Sammlung und der Selbstreflexion. Wir wenden den Blick nach innen und grenzen uns von der Außenwelt ab. Diese Abgrenzung ist nicht zwangsläufig Ablehnung, sondern ensteht aus dem tiefen Bedürfnis nach Klarheit, Sicherheit und emotionalem Schutz. Bevor wir anderen wieder begegnen können, müssen wir erst uns selbst wiederfinden. Dabei entsteht eine innere Spannung. Ein Teil von uns wünscht sich Nähe, Verbundenheit, Verständnis und Geborgenheit. Ein anderer Teil drängt darauf, Abstand zu halten und sich zurückzuziehen. Diese beiden Bedürfnisse existieren gleichzeitig und widersprechen sich. Gerade nach emotionalen Verletzungen versuchen wir, weiteren Schmerz zu vermeiden. Distanz wird zu einem Schutzmechanismus, der verhindern soll, dass wir uns selbst ganz verlieren oder erneut verletzt werden.
Hinter diesem Rückzug stehen häufig Ängste, die nicht immer bewusst sind.
Wir werden vorsichtiger, wir fragen uns, ob wir genügen, ob wir verstanden werden, ob wir vertrauen können oder ob wir erneut enttäuscht und verletzt werden. Aus dieser inneren Vorsicht heraus bauen wir Mauern, obwohl wir uns gleichzeitig wünschen, dass jemand sie behutsam überwindet.
Diese Abwehrhaltung entsteht nicht im luftleeren Raum.
Sie steht in Wechselwirkung mit den Erwartungen, Reaktionen und dem Verhalten anderer Menschen. Wenn wir uns überfordert fühlen, wenn unsere Bedürfnisse übersehen werden oder wir nicht die emotionale Resonanz spüren, nach der wir uns sehnen, verstärkt sich der Wunsch nach Rückzug. Was wir suchen, ist ein Ort, an dem wir uns sicher fühlen können, ohne ständig auf der Hut sein zu müssen.
Diese Zeit des Rückzugs ist nicht nur eine Zeit der Isolation, sondern auch eine Zeit des inneren Suchens. Wir versuchen, unsere eigene Mitte wiederzufinden, unsere Gefühle zu ordnen und herauszufinden, was wir wirklich brauchen. Erst wenn wir uns selbst wieder näherkommen, erst wenn wir in uns selbst wieder Sicherheit spüren, kann auch echte Nähe zu anderen langsam wieder entstehen.
Innerer Rückzug ist kein Zeichen von Schwäche oder Ablehnung. Er ist nichts wofür wir uns schämen oder wofür wir uns rechtfertigen müssen. Er ist ein notwendiger Schutzraum, in dem wir heilen können, Kraft sammeln und in unserem Tempo Vertrauen neu aufbauen.
Wenn wir beginnen zu verstehen, dass viele unserer Reaktionen sinnvolle Anpassungen unseres Nervensystems an erlebten Kontrollverlust, Ohnmacht, Schmerz und Unsicherheit sind, können wir uns selbst mit Geduld, Verständnis, Güte und Mitgefühl begegnen. Mit dem Widererlangen von Sicherheit und Stabilität durch neue heilsame Erfahrungen kann unser Nervensystem nach und nach lernen, dass Schutz nicht länger Distanz bedeuten muss und dass Nähe möglich ist, ohne uns selbst dabei zu verlieren.
Sicherheit muss gefühlt werden, nicht verstanden.
Der Körper lernt nicht durch Worte, er lernt durch Erfahrung. Erst wenn Sicherheit wiederholt erfahren wird, verliert Trauma seine Macht. Heilung beginnt dann, wenn unser Körper nicht mehr kämpfen muss, um uns zu schützen.
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen