Seit
meinem Krankenhausaufenthalt vor einigen Tagen ist der Tod wieder
einmal näher in meine Gedanken gerückt. Ich weiß, dass er kommen wird.
Diesmal ist er noch an mir vorbeigegangen.
Im
Krankenhaus verliert man leicht die Illusion, mehr zu sein als ein
Körper. Man wird zum Organismus im Bett, zur Zimmernummer, zur
Patientenakte, zum nächsten Blutdruck, zum nächsten Laborwert. Man trägt
ein Armband mit einer Nummer und wird von Untersuchung zu Untersuchung
geschoben. Alles, was den Menschen ausmacht - die eigene Geschichte,
seine Taten, Gedanken, Hoffnungen, Ängste tritt in den Hintergrund. Im
Krankenbett bleibt ein verletzlicher Organismus aus Fleisch, Knochen und
vergänglichem Leben.
Darin liegt etwas Verstörendes.
Das Krankenhaus konfrontiert mit einer Wahrheit, die wir im Alltag
verdrängen. Wir sind sterbliche Wesen. Der Körper, mit dem wir uns so
selbstverständlich identifizieren, ist zerbrechlich, störanfällig,
zerstörbar und endlich. Für eine Weile schrumpft das Ich auf das Maß
seiner biologischen Existenz zusammen. Diese Erfahrung ist schwer
auszuhalten, weil sie den Glauben erschüttert, mehr zu sein als ein
vergänglicher Körper auf Zeit. Weil sie die Vorstellung infrage stellt,
dass es in uns ein unvergängliches Selbst gibt.
Wieder
einmal denke ich an das Konzept vom ewigen Leben, an das viele Menschen
glauben, ich jedoch nicht. Mir stellt sich bei dem Konzept vom ewigen
Leben immer wieder die Frage: Warum sollte dieses zeitlose Zuhause
existieren?
Weil der Mensch nicht willens oder fähig
ist, sich selbst als vergänglich zu sehen, seiner Zerstörbarkeit und
seiner eigenen Sterblichkeit ins Auge zu blicken, nicht willens
anzuerkennen, dass es Lebendiges gibt, das leblos und tot werden kann,
sich auflösen kann, vergehen kann, zu Staub werden kann, zu Nichts?
Das Nichts.
Der
Mensch kann sich das Nichts nicht vorstellen. Geredet wird viel
darüber, auch von den Philosophen. So meint Epikur: „Solange wir
existieren, ist der Tod nicht da; und wenn der Tod da ist, existieren
wir nicht mehr. Nichtexistenz Tod.
Aber was dieses
Nichts ist, darauf gibt auch Epikur nicht die Antwort. Epikur wollte
wohl gar nicht erklären, was das Nichts ist. Sein Argument lautet
vielmehr: Der Tod geht uns nichts an, weil wir ihn niemals erleben
können. Solange wir leben, ist der Tod nicht da; wenn der Tod da ist,
sind wir nicht mehr. Ihm ging es weniger um das Wesen des Nichts als um
die Auflösung der Todesangst.
Das
Wesen des Nichts. Dazu reicht die Vorstellungskraft des menschlichen
Gehirns nicht aus. Es kann sich nicht vorstellen wie es ist, wenn es
überhaupt nichts gibt. Es kann sich das Nichts nicht vorstellen. könnte
es das, wäre es ja wieder etwas und nicht Nichts. Tatsächlich stößt
unsere Vorstellungskraft hier an Grenzen, weil jedes Vorstellen bereits
einen Inhalt erzeugt. So sucht
der seine Rettung vor dem unvorstellbaren Nichts in der Vorstellung vom
ewigen Leben, vom zeitlosen ewigen Zuhause des Selbst. Für mich ist
diese Vorstellung die Abwehr der Angst vor dem eigenen Tod. Man könnte
sagen: eine omnipotente Strategie der Verleugnung des eigenen
Verschwindens ins Nichts.
Ich glaube, je
einverstandener man mit dem gelebten Leben ist, je weniger Bedauern es
am Lebensende gibt, desto weniger hat man Angst um die Nichtexistenz des
eigenen Selbst und desto weniger wird man sich an die Vorstellung eines
zeitlosen ewigen Zuhauses klammern.
Wenn alles
Wandel und Veränderung ist, gibt es auch kein festes und kein ewiges
Selbst, an das es sich zu klammern lohnt. Dieses Anklammern des Menschen
an etwas, das er als sein unzerstörbares Selbst betrachtet, ist eine
Quelle des Leidens. Dieser Gedanke findet sich auch im Buddhismus
wieder. Das Prinzip des Nicht-Selbst (Anatta) besagt, dass es kein
unveränderliches, ewiges Ich gibt. Was wir als unser „Selbst“ erleben,
ist vielmehr ein fortwährender Prozess aus Körper, Wahrnehmungen,
Gedanken, Gefühlen und Bewusstsein – alles befindet sich im ständigen
Wandel.
Die Vorstellung eines bleibenden Selbst ist eine Konstruktion
des Geistes. Je stärker wir uns an diese Konstruktion klammern, desto
größer werden Angst, Verlust und Leiden. In diesem Sinne erscheint mir
auch die Hoffnung auf ein ewiges Leben als Ausdruck des Wunsches, etwas
festzuhalten, das seiner Natur nach niemals fest war.
Wie sagte Frida Kahlo einmal: "Ich erwarte freudig den Ausgang – und hoffe, nie wieder zurückzukehren."
Das hoffe ich auch.
Und bis dahin ...
Viva la Vida!

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen