Samstag, 18. Juli 2026

Die Vorstellung des Nichts im Tode

                                  Foto: Lucas Wende



Seit meinem Krankenhausaufenthalt vor einigen Tagen ist der Tod wieder einmal näher in meine Gedanken gerückt. Ich weiß, dass er kommen wird. Diesmal ist er noch an mir vorbeigegangen.
Im Krankenhaus verliert man leicht die Illusion, mehr zu sein als ein Körper. Man wird zum Organismus im Bett, zur Zimmernummer, zur Patientenakte, zum nächsten Blutdruck, zum nächsten Laborwert. Man trägt ein Armband mit einer Nummer und wird von Untersuchung zu Untersuchung geschoben. Alles, was den Menschen ausmacht - die eigene Geschichte, seine Taten, Gedanken, Hoffnungen, Ängste tritt in den Hintergrund. Im Krankenbett bleibt ein verletzlicher Organismus aus Fleisch, Knochen und vergänglichem Leben.
Darin liegt etwas Verstörendes. Das Krankenhaus konfrontiert mit einer Wahrheit, die wir im Alltag verdrängen. Wir sind sterbliche Wesen. Der Körper, mit dem wir uns so selbstverständlich identifizieren, ist zerbrechlich, störanfällig, zerstörbar und endlich. Für eine Weile schrumpft das Ich auf das Maß seiner biologischen Existenz zusammen. Diese Erfahrung ist schwer auszuhalten, weil sie den Glauben erschüttert, mehr zu sein als ein vergänglicher Körper auf Zeit. Weil sie die Vorstellung infrage stellt, dass es in uns ein unvergängliches Selbst gibt.

Wieder einmal denke ich an das Konzept vom ewigen Leben, an das viele Menschen glauben, ich jedoch nicht. Mir stellt sich bei dem Konzept vom ewigen Leben immer wieder die Frage: Warum sollte dieses zeitlose Zuhause existieren?
Weil der Mensch nicht willens oder fähig ist, sich selbst als vergänglich zu sehen, seiner Zerstörbarkeit und seiner eigenen Sterblichkeit ins Auge zu blicken, nicht willens anzuerkennen, dass es Lebendiges gibt, das leblos und tot werden kann, sich auflösen kann, vergehen kann, zu Staub werden kann, zu Nichts?
Das Nichts.
Der Mensch kann sich das Nichts nicht vorstellen. Geredet wird viel darüber, auch von den Philosophen. So meint Epikur: „Solange wir existieren, ist der Tod nicht da; und wenn der Tod da ist, existieren wir nicht mehr. Nichtexistenz Tod.
Aber was dieses Nichts ist, darauf gibt auch Epikur nicht die Antwort. Epikur wollte wohl gar nicht erklären, was das Nichts ist. Sein Argument lautet vielmehr: Der Tod geht uns nichts an, weil wir ihn niemals erleben können. Solange wir leben, ist der Tod nicht da; wenn der Tod da ist, sind wir nicht mehr. Ihm ging es weniger um das Wesen des Nichts als um die Auflösung der Todesangst.

Das Wesen des Nichts. Dazu reicht die Vorstellungskraft des menschlichen Gehirns nicht aus. Es kann sich nicht vorstellen wie es ist, wenn es überhaupt nichts gibt. Es kann sich das Nichts nicht vorstellen. könnte es das, wäre es ja wieder etwas und nicht Nichts. Tatsächlich stößt unsere Vorstellungskraft hier an Grenzen, weil jedes Vorstellen bereits einen Inhalt erzeugt. So sucht der seine Rettung vor dem unvorstellbaren Nichts in der Vorstellung vom ewigen Leben, vom zeitlosen ewigen Zuhause des Selbst. Für mich ist diese Vorstellung die Abwehr der Angst vor dem eigenen Tod. Man könnte sagen: eine omnipotente Strategie der Verleugnung des eigenen Verschwindens ins Nichts. 


Ich glaube, je einverstandener man mit dem gelebten Leben ist, je weniger Bedauern es am Lebensende gibt, desto weniger hat man Angst um die Nichtexistenz des eigenen Selbst und desto weniger wird man sich an die Vorstellung eines zeitlosen ewigen Zuhauses klammern.
Wenn alles Wandel und Veränderung ist, gibt es auch kein festes und kein ewiges Selbst, an das es sich zu klammern lohnt. Dieses Anklammern des Menschen an etwas, das er als sein unzerstörbares Selbst betrachtet, ist eine Quelle des Leidens. Dieser Gedanke findet sich auch im Buddhismus wieder. Das Prinzip des Nicht-Selbst (Anatta) besagt, dass es kein unveränderliches, ewiges Ich gibt. Was wir als unser „Selbst“ erleben, ist vielmehr ein fortwährender Prozess aus Körper, Wahrnehmungen, Gedanken, Gefühlen und Bewusstsein – alles befindet sich im ständigen Wandel. 

Die Vorstellung eines bleibenden Selbst ist eine Konstruktion des Geistes. Je stärker wir uns an diese Konstruktion klammern, desto größer werden Angst, Verlust und Leiden. In diesem Sinne erscheint mir auch die Hoffnung auf ein ewiges Leben als Ausdruck des Wunsches, etwas festzuhalten, das seiner Natur nach niemals fest war.
Wie sagte Frida Kahlo einmal: "Ich erwarte freudig den Ausgang – und hoffe, nie wieder zurückzukehren."
Das hoffe ich auch.
Und bis dahin ...
Viva la Vida!

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