Freitag, 12. Mai 2023

Der spirituelle Weg

                                                                          Foto: www
 
 
Viele Menschen fragen sich, oft in der Lebensmitte: War es das jetzt? Was ist der Sinn meines Daseins?
Irgendjemand soll ihnen die Antwort geben. Manche legen Engelskarten oder lesen im Tarot, manche setzen sich aufs Meditationskissen und meditieren ohne jemals die Praxis verstanden und verinnerlicht zu haben, oder sie folgen spirituellen Lehrern und lesen unzählige Bücher um dort Antworten zu finden. Sie finden sie nicht. Wie auch? Die Antworten liegen in ihnen selbst. Um diese zu finden dürfen sie sich sich selbst zuwenden, ehrlich, aufrichtig, bar jeder Verleugnung. Machen viele aber nicht. Sie gehen den Holzweg weiter, der mit Frust gepflastert ist.
 
Eine häufige Erkrankung in der Krise nach der Lebensmitte ist die Depression. 
Die Betroffenen spüren innerlich, dass es in ihrem Leben so nicht weiter gehen kann, dass ein Richtungswechsel erforderlich ist. Ist er auch und zwar: Blickrichtung nach Innen, ins Unterbewusste. Genau dahin drückt dann die Depression, nach Unten, wenn wir es nicht freiwillig angehen.
Anstatt zu versuchen krampfhaft das Versäumte nachzuholen, was nach dem Erreichen der Lebensmitte von vielen Menschen versucht wird - ein Nachholen steht im Widerspruch zu der notwendigen Umkehr im Leben - macht es Sinn, das Wesentliche in sich selbst zu finden.
C.G. Jung war der Überzeugung, dass Menschen, die Spiritualität nach der Lebensmitte nicht finden, in schwerste Sinnkrisen fallen. Dann wird Halt gesucht, irgendwo im Außen, um nicht zu kippen, angesichts dessen, was im eigenen Inneren in Disbalance ist. Der Gewinn ist wieder eine scheinbare Sicherheit, weil alles bleibt wie es ist, wir den Ist-Zustand berechnen können und uns der Angst vor dem Blick nach Innen nicht stellen müssen. Es wird weiter kompensiert, weiter verleugnet, wir müllen uns weiter mit Ablenkungen und Dingen zu, die uns nicht im Geringsten guttun.
 
Warum spulen wir das immer gleiche Muster immer wieder ab?
Die Antwort ist banal: Weil das alles bekannt, vertraut und berechenbar ist, weil die Berechenbarkeit sicherer scheint und erträglicher anmutet, als die Angst vor Veränderung und dem Nichtwissen was sie bedeuten könnte. Das Streben nach Berechenbarkeit dominiert unser Denken und vor allen sorgt es dafür, dass wir funktionieren. Kalkulieren und Risiken ausschließen vermittelt uns Kontrolle, Sicherheit und Stabilität. Es soll uns vor der gefühlten Bodenlosigkeit des Lebens bewahren, es soll uns schützen vor dem Unerwartbaren, vor all dem, was wir nicht kontrollieren können. Aber nur aus der Instabilität heraus entsteht Stabilität. Wenn wir bereit sind, das Instabile zuzulassen, es auszuhalten und uns selbst ehrlich zu begegnen, wenn wir das Risiko eingehen unsere Schatten und Ängste anzuschauen, wenn wir bereit sind all die Illusionen und Täuschungen, denen wir anhaften zu ent -täuschen, begegnen wir der Wahrheit, und zwar unserer eigenen. Dann beginnen wir uns mit unserem ureigenen Wesen auseinanderzusetzen. Und ja, das kann zu einer kleinen Höllenfahrt werden. Erst mal.
 
Neulich sagt jemand zu mir: "Ich bin jetzt auf dem spirituellen Weg."
"Interessant und wie sieht der aus?", frage ich.
„Ich bin in der Liebe, ich bin reine Liebe, Licht und Liebe“, kommt dann, begleitet von einer Mimik spiritueller Überlegenheit und fast schon zwanghaft anmutender Gutmütigkeit.
„Ich denke nur noch positiv. Ich bin im Frieden. Das Negative prallt an mir ab. Das lasse ich nicht mehr zu. Ich lebe mein wahres Selbst. Ich lebe nur noch im Moment. Ich bewerte und verurteile nicht mehr. Und das lebe ich auch anderen vor.“
Liese rieselt der Glitzerregen des Spirituellen Bypassing und vernebelt die Realität. Ich kann ihn sehen. Allein, mir fehlt der Glaube. Und im nächsten Moment kommt: "Diese Schlafschaafe, die raffen es einfach nicht, wo es langgeht."
Aha, wie war das? Ich bewerte und ich verurteile nicht.
Aber gut, jedem das Seine, wer bin ich zu urteilen? 
 
Ich sehe es anders. Wenn wir uns auf den spirituellen Weg machen sind wir nicht reines Licht und allumfassende Liebe.
Wir sind blutige Anfänger. So blutige Anfänger, dass wir oft gar nicht wissen, was das ist – Spiritualität und auf was wir uns da einlassen. Schauen wir uns das Wort doch mal an: Spirituell kommt aus dem Lateinischen spiritus: Geist, bzw. spiro ich atme.
Und was soll uns das jetzt sagen, diese zwei Worte? Geist und Atmen.
Es sagt zumindest mir: Der spirituelle Weg beinhaltet die bewusste Hinwendung auf meinen Geist und die aktive Praktizierung des bewussten Atmens verankert im Körper.
Da geht es hin auf dem spirituellen Weg, zu mir selbst. Und nicht in die Gedanken eines Gurus, der mir sagt, wo es seiner Ansicht nach lang geht oder sonst wohin, wo man mir Liebe, Frieden, Glück, Leidfreiheit und Erleuchtung verspricht. Das muss ich schon selber machen. Nach Innen geht die Reise, wie C.G. Jung wusste, und alle, die sie jemals ernsthaft angetreten sind. 
 
Willkommen im eigenen Haus! Und das will erst mal geputzt werden. Das ist für mich der Anfang. Ohne inneren Hausputz geht nichts.
Wir werden vielleicht eine Menge Gerümpel aus dem Keller holen müssen und er wird uns ankotzen, der Anblick dessen, was wir da alles vergraben und vergammeln haben lassen und dann werden manche ganz schnell wieder aus dem Keller nach Oben ins saubere Wohnzimmer rennen, wo die schöne Welt der scheinbaren Ordnung wartet und nichts geschieht und alles bleibt beim Alten.
Nein, der spirituelle Weg ist nichts für Feiglinge und schon gar kein Bypassing, das uns derart verblendet, dass wir nicht mehr sehen können, was wirklich mit uns und um uns herum los ist. Es geht nicht um das Erlangen eines dauerhaften Wohlgefühls, es geht nicht darum, sich vom Licht blenden zu lassen, um die eigenen Schatten und die Schatten der Welt, nicht mehr sehen zu müssen. Es geht um Bewusstsein – und zwar für alles, wie es ist. Für mich, wie ich bin, mit allem, was ich bin. Eben nicht nur Licht und Liebe. Oder wie Antony de Mello sagt: “Erleuchtung bedeutet die absolute Kooperation mit dem Unvermeidlichen.” 
 
Ich kann jeden verstehen, der sich dagegen entscheidet, diesen Weg zu gehen, weil er mühsam ist und beschwerlich und angstbesetzt. 
Es ist ein Weg auf dem wir bei allem Guten, was wir erfahren dürfen, auch alle dunklen Seiten unserer Person und unseres bisherigen Lebens kennen lernen, sie verfluchen werden, sie beweinen werden, vor Wut über sie fast platzen werden, vor Angst am Liebsten davonrennen würden und dann irgendwann mit ihnen leben lernen und im besten Falle - demütig annehmen lernen. Das heißt nicht, dass wir unsere dunklen Anteile toll finden, sondern, dass wir sie mit liebevoller Güte betrachten, sie achten und integrieren, als einander bedingende Teile des ganzen Menschen, der wir sind und der sich endlich echt und wahrhaftig anfühlt.
Und was dann?
Dann folgt Authentizität, was nichts anderes bedeutet, als dass unsere Gedanken, Gefühle und Handlungen übereinstimmen. Das kennzeichnet für mich das Ende der Selbstlüge und den Beginn eines spirituellen Lebens. 
 
In most cases, people are using spiritutuality simply as an escape mechanism. What spiritual bypassing would have us rise above is precisely what we need to enter, and enter deeply, with as little self-numbing as possible. To this end, it is crucial that we see through whatever practices we have, spiritual or otherwise, that tranquilize rather than illuminate and awaken us.
― Robert Augustus Masters, Spiritual Bypassing: When Spirituality Disconnects Us from What Really Matters

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