Dienstag, 8. März 2022

Vom weiblichen Selbstwert - Gedanken zum Weltfrauentag

 


Der Selbstwert eines Menschen steigt in der Regel im Laufe des Lebens an. Bei Frauen ist dieses Gefühl für den eigenen Wert allerdings meist niedriger als bei Männern, das ergaben psychologische Studien. Viele Frauen reflektieren die Fragen: "Wer bin ich?" und "Was kann ich?" zu wenig. Sich selbst nicht bewusst wahrzunehmen, nicht zu wissen, wo die eigenen Stärken und Schwächen, die versteckten Potentiale und Fähigkeiten liegen, führt zu einem unausgereiften Selbstkonzept und in der Folge zu einem wenig positiv besetzten Selbstbild.
"In der Regel verbirgt sich hinter der prächtigen äußeren Fassade ein emotional verwahrlostes, verzweifeltes Kind, das nach Anerkennung seiner wahren Identität hungert. Die Entdeckung des "wahren" Selbst ist der Ausgangspunkt der Genesung und erfordert eine geduldige, behutsame Pflege des "inneren Kindes", schreibt die Psychologin Bärbel Wardetzki. Sie spricht aus Erfahrung.
 
In Gesprächen mit Frauen beobachte auch ich oft, dass kein oder nur sehr wenig stabiles Selbstwertgefühl vorhanden ist. Viele Frauen zeigen zwar nach Außen eine starke und selbstbewusste Fassade, dahinter versteckt sich jedoch ein unsicheres, verletztes und sich minderwertig fühlendes Mädchen.
 
Durch Perfektionismus, besondere Leistungen, einen hohen Anspruch an sich selbst und körperliche Attraktivität versuchen diese Frauen einem Idealbild zu entsprechen, welches das Außen ihrer Meinung nach von ihnen erwartet. Über die Zeit hinweg bedeutet das eine unglaubliche Anstrengung. Diese vermeintlich starken Frauen sind durch Kritik und Zurückweisung sehr schnell zu verunsichern. Die Selbsteinschätzung kippt beim kleinsten Angriff unmittelbar von "ich bin stark“ in ein Gefühl von Minderwertigkeit und endet in der Überzeugung nicht wertvoll und nicht liebenswert zu sein. Ein Schwanken zwischen Höhen und Tiefen bestimmt so das Leben.
 
Die innere Balance ist ebenso fragil wie das äußere Bild, das mit zunehmendem Alter, unverwirklichten Träumen, Zielen und Enttäuschungen in Beziehungen zu bröckeln beginnt. Diesen Frauen gelingt es nur schwer oder kaum, sich über einen längeren Zeitraum gut und lebendig zu fühlen. Die Folgen dieser inneren Disbalance sind u.a. Ängste, Depressionen, Burn Out oder Essstörungen wie Bulimie oder Anorexie. Die Ursache ist in den meisten Fällen ein fragiles, falsches oder in der Kindheit zerstörtes Selbstbild.
Es ist nicht neu, dass Frauen ihr Licht häufig unter den Scheffel stellen, während sich Männer eher überschätzen. Beide Einstellungen entfernen den Menschen von seiner inneren Realität.
 
Trotz Emanzipation und finanzieller Unabhängigkeit gibt es noch heute intelligente, autonome Frauen, die sich dem Dominanzanspruch des Mannes unterwerfen, sobald sie eine Partnerschaft eingehen. Die Mutter, die meist zeitlebens abhängig war und vergeblich nach Anerkennung gedürstet hat, vermittelt und lebt vor: eine gute Frau soll dem Manne dienen. Dies und das Erfüllenwollen notwendig geglaubter erotischer Stimulanz für den Mann, fungieren unbewusst noch heute bei vielen Frauen als Gegenleistung für Versorgung und männlichen Schutz. Durch die verinnerlichten Glaubensätze des vom Patriarchat gewollten kollektiven Bildes von Weiblichkeit befinden sich das weibliche Selbstbewusstsein und die innere Autonomie der Frau in einer bedenklichen Schieflage. Gerade in der Begegnung mit dem Mann wird die vermeintlich starke Frau schwach.
Hier leben archetypische Muster auf und führen ihr Eigenleben. Frauen spüren intuitiv, dass sich der Mann nur dann stark fühlen kann, wenn sie sich schwächer zeigen. Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel. Die Erfahrung zeigt zudem - sobald Frauen selbstbewusst auftreten, gefährden sie das Selbstbewusstsein des Mannes. Sie greifen seine Überlegenheitsfantasien an, gelten als unweiblich, zickig, kompliziert, anstrengend oder streitlustig, haben "Haare auf den Zähnen".
 
Neben allen kollektiven Aspekten und Einflüssen auf das Frausein tragen mangelnde Anerkennung durch den Vater oder die Mutter zu einem weiblichen Selbstkonzept der Wertlosigkeit bei. Ganz zu schweigen von kindlichen Missbraucherfahrungen, egal ob sexueller oder emotionaler Art. Missbrauch zerstört das Gefühl des eigenen Wertes, er ist die Vernichtung des ganzen Seins. Eine solche Erfahrung führt zu Schuldgefühlen, dem Gefühl "schlecht" zu sein, Scham und Selbstverachtung. Missbrauch macht Frauen zum lebenslangen Opfer wenn er nicht verarbeitet wird. Diese Opferhaltung drückt sich später vor allem in intimen Beziehungen aus und ist ein Nährboden für Probleme in der Partnerschaft. Einerseits ist da die Angst, als Mensch nicht in der eigenen Ganzheit geliebt zu werden, andererseits die Angst, wieder von einem geliebten Menschen benutzt, verletzt oder verlassen zu werden, was paradoxerweise zum Klammern an den Partner führen kann. Eine Nähe, die sucht, was ihr eigentlich Angst macht.
 
Besonders Frauen, die sich mit ihrer Biografie nicht auseinandergesetzt haben und immer funktioniert haben, um den äußeren Schein zu wahren und ihre Rolle zu bedienen, suchen in einer Art Wiederholungszwang immer wieder Männer, die das Defizit eines gesunden Selbstwertgefühls noch verstärken.
 
Für einen gesunden Selbstwert aber ist es entscheidend, sich ein liebevolles, anerkennendes und unterstützendes Umfeld bewusst und vor allem selbst wählen zu können, das einen bestärkt, man selbst zu sein und es sein zu dürfen. Also auch schwach sein zu dürfen, vor sich selbst und anderen. Wer um seinen Wert weiß, ist nicht auf die Bestätigung durch andere angewiesen. Er ist autonom, er ist auf Augenhöhe mit dem Partner, und lebt seiner eigene Wahrheit und seiner Werte entsprechend.
 
Der Weg zu einem gesunden Selbstwert ist die Selbstreflexion. Ziel des Weges ist es, Eigenverantwortung zu übernehmen und sich damit aus der Opferrolle zu bewegen.
Dazu gilt es die Ursachen für das mangelnde Selbstwertgefühl zu erforschen und zu analysieren. Dabei ist es hilfreich, sich selbst zu beobachten um Schritt für Schritt alte Verhaltensmuster und unheilsame innere Überzeugungen zu verändern.
Der Weg zum eigenen Selbstbewusstsein hat immer auch einen philosophisch-spirituellen Aspekt. Es geht darum, sich des eigenen Wertes bewusst zu werden, sich selbst kennen zu lernen und sich anzunehmen, mit der eigenen Biografie, die uns zu der Frau macht, die wir sind. Es geht um Persönlichkeitsaufbau, Identität und um Authentizität, was nichts anderes bedeutet als dass Denken, Fühlen und Handeln übereinstimmen. Es geht darum, die Maske abzulegen, der eigenen Angst und Schwäche zu begegnen, sie mitfühlend anzunehmen und sich selbt wertzuschätzen. Es geht darum ja zu sich selbst zu sagen, ja zum eigenen Wert. Es geht um das Spüren der eigenen Kraft und Würde. 
 
An dieser Stelle möchte ich alle Frauen ehren.
Möget Ihr Euch selbst wertschätzen.
Möget ihr gut zu Euch sein.
Möget Ihr Euch selbst die beste Freundin sein.
Möget Ihr Euch eurer Kraft und Stärke bewusst sein.
 
Namasté Ihr Lieben
 
 

Montag, 7. März 2022

Mitten im Chaos - Mut, Weisheit und Frieden


"Eine schwierige Zeit
ist eine Zeit für Weisheitsübungen
und Übungen zum Mut", schreibt Jack Kornfield.
 
Das Chaos in der Welt hat sich zugespitzt. Wenn wir glaubten die Pandemie sei das Schlimmste, was passieren konnte, so waren wir auf dem Holzweg. Jetzt ist noch Schlimmeres in unser Leben getreten.
Viele von uns starren wie schon die letzten zwei Jahre voller Angst auf die Bedrohung, die wie ein Damoklesschwert über allem schwebt.
Wir denken in Szenarien wie: Im schlimmsten Falle ...
Das sind angesichts des Chaos in der Welt Gedanken, die auch ich mir mache, und jedes Mal, wenn ich so denke, komme ich zu dem Schluss ... im schlimmste Falle geschieht das Schlimmste und ich kann absolut nichts daran ändern.
Es geschieht, was geschehen wird.
Es wird sein, was sein wird.
Dann ist das so. 
 
Diese Gedanken beruhigen mich.
Sie machen mir wieder bewusst, dass ich nichts kontrollieren kann, worauf ich keinen Einfluss habe.
Sie machen mir wieder bewusst, dass es keine Sicherheit gibt.
Sie machen mir bewusst, dass ich weder mit Denken, noch mit Erklärungsversuchen, warum es ist wie es ist, weiter komme.
Sie machen mir auch bewusst, dass meine Angst, meine Ohnmacht, meine Trauer, meine Wut und meine Verzweiflung über das Schreckliche was in der Welt geschieht, nichts ändern, sondern es ändert allein etwas in mir selbst.
Ich fühle mich schlecht. 
 
Angst macht eng, macht manipulierbar, friert ein, lähmt, führt zu Flucht oder Rückzug. Ohnmacht lähmt meine Fähigkeit klar zu denken und angemessen zu handeln. Trauer macht legt eine dunkle, bedrückende Decke über mein Jetzt. Wut macht kopflos, frisst meine Klarheit und führt zu Aggressionen mir selbst oder anderen gegenüber. Verzweiflung lässt mich an allem ver zweifeln, auch an mir selbst, führt zu Selbstverlust.
Nicht hilfreich.
 
Was ist hilfreich in diesem Chaos?
Viele von uns haben in ihrem Leben schon viel an Chaos und Schicksalsschlägen erlebt und viele von uns haben es überlebt. Sie sind daran gewachsen und nicht zerbrochen. Sie wissen, dass sie mehr schaffen, als sie geglaubt hätten. Daran können wir uns halten. 
 
Das Wichtigste aber um durch das Chaos zu gehen ist die Ruhe zu bewahren und bei sich selbst zu bleiben. Sich nicht von der Angst in den destruktiven Sog ziehen zu lassen, sondern zu schauen: Was ist jetzt wichtig, jetzt in diesem Moment in der Zeit, an diesem Tag? Und es zu tun.
Indem wir etwas tun bleiben wir in Bewegung und damit treten wir aus der Lähmung, die destruktive Gedanken verursachen können.
Das zweitwichtigste ist Zuversicht.
Der Glaube daran, dass es gut ausgeht. Und auch wenn es nicht gut ausgeht, so haben wir doch die Zeit, bevor es dann vielleicht nicht gut ausgeht, gute Gedanken über das Destruktive siegen lassen.
Das dritte ist: Gelebtes Mitgefühl. Für uns selbst und für unsere Mitmenschen. Uns fragen, was können wir hilfreiches für uns selbst tun und was kann anderen helfen?
Das vierte ist, wie Jack Kornfield schreibt: Mut.
Damit meint er den Mut nicht aufzugeben, auch in dunklen Lebensphasen. Mutig jeden Tag anzunehmen, auch wenn das Leben unsicher ist, auch wenn es schwer ist, auch wenn es anders ist, als wir es uns wünschen. Ignorieren, verdrängen, betäuben oder Weglaufen sind keine Lösung, sondern verschlimmern die Probleme.
 
Annehmen was ist und dennoch weitermachen, das Mögliche tun, ist Weisheit.
Wenn wir unseren Lebensumständen, egal wie sie gerade sind, mit Mut und Mitgefühl begegnen, werden sie uns zu Gelassenheit, Weisheit und innerem Frieden führen.
Und letztlich ist es dieser innere Frieden zu dem wir jetzt aufgerufen sind. Frieden in uns selbst zu machen ist die große Herausforderung vor die uns das Leben jetzt stellt.
Wer innerlich im Frieden ist, trägt nicht nur zum äußeren Frieden bei, er kann im Frieden mit sich selbst loslassen, wenn die Zeit kommt um alles loszulassen. 
 
 
 

Samstag, 5. März 2022

Verstrickung

 

                                                          Malerei: Angelika Wende

 
Wenn wir glauben, wir könnten auch nur einen Menschen verändern, wenn wir glauben, das wir irgendwie derjenige sind, der einen anderen retten kann, sind wir auf dem Holzweg. Wenn wir glauben, wir sind zum „Retter “ auserkoren, geraten wir in Schwierigkeiten. Das ist ein Trugschluss. Es klappt nicht. Weder im Großen noch im Kleinen klappt es. Es macht uns nur ver rückt. Wir sehen die Dinge nicht mit klarem Verstand.
Wir geraten in Verstrickung und Co-abhängigkeit. Wir nehmen die Retterrolle und gleichzeitig die Opferrolle ein. Wir strengen uns an, wir opfern uns auf für den, den wir retten wollen, wir verlieren uns selbst, anstatt Eigenverantwortung zu übernehmen und dem anderen Eigenverantwortung zu lassen. 
 
Jeder Mensch hat Eigenverantwortung. Er übernimmt sie oder nicht. Wir können niemanden dazu bringen, sie zu übernehmen. Wir haben keine Macht über andere Menschen, auch wenn wir es nicht wahr haben wollen. Es ist wahr. 
 
Wir müssen niemanden beweisen, das wir Retter sind. Wir müssen nicht beweisen, dass man uns braucht. Wir müssen nicht die Welt retten, weil wir es nicht können. Was wir können, ist uns ändern, wenn wir spüren, dass wir immer wieder in den Retter Modus verfallen. Dann dürfen wir lernen uns selbst zu retten.
Es ist immer der erste Schritt, sich nicht instrumentalisieren zu lassen, weder von anderen, noch von unserer Vergangenheit, noch von unserer eigenen Bedürftigkeit.
Die Unterstützung, die Hilfe und die Begleitung, die wir anderen geben können, entsteht nicht durch Wollen, nicht durch Anstrengung, nicht durch Druck und Kampf, nicht durch das ständige Bemühen, dem anderen zu zeigen, wie er besser leben oder besser sein könnte und dass wir genau derjenige sind, der ihm das beibringt. Hilfe entsteht auf ganz natürliche Weise, wenn andere dazu bereit sind. Wir müssen es nur zulassen.

Freitag, 4. März 2022

Ruhe im Sturm finden

 



Um unser Nervenkostüm zu schonen, müssen wir darauf achten, uns nicht in alles hineinziehen zu lassen. Uns hineinziehen lassen bedeutet: Wir sind mittendrin in den Angelegenheiten anderer. Wir sind nicht mehr bei uns selbst.
Auch wenn es zur Zeit schwer ist, bei uns selbst zu bleiben, es ist notwendig um nicht dauerhaft von schwierigen Gefühlen beherrscht zu sein.
Das nützt keinem. Dir nicht, mir nicht, unseren Kindern nicht, unseren Nächsten nicht, der Welt nicht.
 
Wir alle wünschen uns Frieden.
Wenn wir versuchen Frieden zu schaffen, müssen wir nicht in der Mitte des Geschehens sein. Wir schaffen Frieden, wenn wir in uns selbst für Ruhe, Klarheit und Frieden sorgen und nicht kopflos dem äußeren Aufruhr folgen und uns darin verstricken.
Das heißt nicht, dass wir keine Angst haben. Das heißt: Wir sind uns unserer Angst bewusst, aber wir lassen uns nicht von ihr beherrschen. Genauso ist es mit der Wut. Wir sind uns unserer Wut bewusst, aber wir lassen es nicht zu, dass sie uns zu unheilsamen Reden und Handeln treibt. So ist es mit der Hilflosigkeit und der Ohnmacht. Wir erkennen sie an, wir lassen sie zu, aber wir lassen uns nicht lähmen und uns vom angemessenen Handeln abbringen. Wir lassen Unbehagen und Unruhe zu und dann lassen wir bewusst los und lassen Ruhe, Frieden und Liebe in unserem Inneren einkehren. So ist es mit unserem Mitgefühl, wir fühlen mit, aber wir versinken nicht im Mitleid. Wir tun, was wir können um zu helfen und was in unserem Einflussbereich liegt. 
 
Wo schwierige Gefühle die Macht über uns haben, sind wir machtlos. Wo wir uns machtlos fühlen, werden wir zu Opfern und zum Spielball äußerer Mächte. 
 
Wir stiften Frieden, wenn wir nicht noch mehr Chaos und Leid anrichten. Nicht in uns selbst, nicht in denen, die wir lieben, nicht in unserem Umfeld und nicht in der Welt.
 
Wenn Dir das alleine nicht gelingt, bin ich gerne für Dich da.
 
Namasté
 
 

Donnerstag, 3. März 2022

Krieg und Frieden

 

                                                                Art: Banksy

In dem Maße wie wir auf unsere Sicht von Welt beharren, in dem Maße, wie wir uns oder andere in Vorstellungen und Normen pressen, in dem Maße, wie wir verurteilen, was nicht in den eigenen Denkrahmen passt, entfernen wir uns vom Frieden und von der Liebe.
Wir wollen andere ändern. Wir wollen ihnen unsere Wahrheit aufdrücken. Damit wir uns besser fühlen können, damit wir im Recht sein können. Und es gibt Unfrieden.
Wenn wir friedlich zusammenleben wollen, müssen wir uns selbst und unsere Nächsten akzeptieren wie wir sind.
Leicht gesagt und nicht gelungen.
Gelingt nicht, zeigt die Geschichte, gelingt nicht, das haben uns die letzten beiden Jahre so klar und deutlich wie nie zuvor gezeigt.
Kein: Ich lasse mich sein und ich lasse dich sein.
Kein: Du bist okay. Ich bin okay.
Nein, wir haben uns gegenseitig bekriegt. 
 
So viel Krieg in den Herzen und in der Welt.
 
Menschen wurden erbitterte Gegner, weil sie verschiedene Meinungen haben. Und jetzt blicken wir dem Krieg in der Ukraine in sein grauenvolles Gesicht und wir sind fassungslos und erschüttert.
Wir blicken in einen grausamen Spiegel von Wut, Hass und Zerstörung und fürchten uns. Und wir verurteilen diesen Krieg. Wir, die wir nicht einmal in uns selbst, nicht in der kleinsten Zelle, zum Frieden fähig sind. Ja, so grauenvoll ist Krieg, so zerstörisch, so vernichtend, wenn das Böse im Menschen sich Macht verschafft und ganz groß wird. Und wir sind entsetzt. Wir, die wir noch gestern böse waren auf die, die anders denken und sie zum Feind erklärt haben.
 
Ist es nicht Zeit endlich aufzuwachen?
Nein, so können wir nicht gut zusammenleben.
 
Wir können nicht gut zusammenleben, wenn wir von anderen verlangen so zu denken, zu fühlen, zu handeln wie wir selbst.
Wenn wir fordern, andere müssen so sein wie wir, weil sie unsere Sicht von Welt irritieren oder in Frage stellen. Je mehr wir sie dafür angreifen, desto unsicherer sind wir uns unserer selbst, desto weniger Halt haben wir in uns selbst, desto größer ist die Angst, die eigene kleine Maulwurfswelt könnte bedroht und in Frage gestellt werden. 
 
Wo Angst ist, ist kein Raum für Liebe.
Wir führen Krieg. 
 
Je vehementer der Angriff gegen Andersdenkende, desto größer die eigene Angst, desto größer die Anhaftung an Konzepte, desto größer das Festhalten, desto enger das Herz, desto größer ist der Krieg, der im eigenen Inneren stattfindet.
Wer in sich selbst Frieden fühlt, führt keinen Kampf gegen andere.
Frieden ist, wenn wir uns selbst und den anderen als Mensch achten und ihm seine Position zugestehen. Frieden ist da wo Respekt, Mitgefühl, Achtung, Achtsamkeit, Verständnis, Rücksicht, liebevolle Güte und ja ... dieses große Wort: Liebe, ist. Auch Nächstenliebe.
Sprachwort Liebe!?
Wo leben wir die Liebe?
Ich du, er, sie es, wir?
Es ist Zeit, dass wir anfangen mit dem Lieben.
Und Frieden machen. Zuerst in uns selbst.
"Wer keinen Frieden in sich selbst gefunden hat, kann nicht zum Friedenswerkzeug werden, sagte
Thich Nhat Hanh einmal.
Er hat Recht. 


Mittwoch, 2. März 2022

Zuhören ist gar nicht so leicht


 
Es plappert da oben. Den ganzen Tag plappert es in unserem Denkapparat. 
Zur Zeit plappert es bei vielen von uns noch mehr als sonst. Ich nehme mich davon nicht aus. Auch in mir plappert es gewaltig.
Aber es plappert nicht nur, wir hören dem Geplappere auch zu - inneres Reden und inneres Zuhören. Und wir glauben, was wir hören und schon sind wir überzeugt davon, dass das alles wahr ist, was wir hören, ohne zu überprüfen, ob das, was wir hören, auch wirklich wahr ist. Wir urteilen über andere oder über uns selbst.
Aus dieser geglaubten Wahrheit formt sich dann unsere innere Realität. Aus dieser inneren Realität werden Gefühle und Handlungen von deren Richtigkeit wir fest überzeugt sind.
Weil wir so von unserer inneren Wahrheit überzeugt sind, ist es so schwer, anderen zuzuhören. Weil im eigenen Inneren die ganze Zeit jemand gegen das äußere Gespräch anplappert. 
 
Wir fahren unseren eigenen Film, folgen unserem eigenen Drehbuch und alles was von außen kommt, versackt im Nirwana, ohne dass es auch nur für einen Moment bei uns ankommt. Wir reden um zu antworten und haben die Antwort schon parat, so wie sie im Drehbuch steht.
 
Es plappert in uns, es plappert aus uns heraus, wir hören uns selbst und damit ist unser Blickwinkel eingeschränkt. Damit setzen wir eine Schranke, die echtes aktives Zuhören unmöglich macht. Aktives Zuhören, als essentielles Tool der Kommunikation, hat den Wunsch, den Gesprächspartner besser zu verstehen.
Könnte sich jetzt jeder mal fragen: Will ich das überhaupt? 
 
Es ist unsere Schwäche unserem inneren Geplapper zu glauben und in der Folge die Dinge nur aus einem Blickwinkel zu sehen.
Die Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu sehen ist schwer, denn dazu muss man bereit sein wirklich zuzuhören, das Gehörte aufzunehmen und darüber nachzudenken.
Das macht Mühe und das ist anstrengend.
Die Dinge nur aus dem eigenen Blickwinkel zu sehen ist nicht nur einfacher, sondern ichbezogen. So können wir uns individuell und kollektiv nicht wirklich weiter entwickeln.
Wenn wir aber dem anderen zuhören um ihn zu verstehen, werden wir uns selbst besser verstehen. Und je besser wir uns selbst verstehen, desto besser verstehen wir den Zusammenhang des Ganzen.

Donnerstag, 24. Februar 2022

Es ist Krieg

 


In jedem Leben ist immer auch die Möglichkeit des Unglücks, im Leben eines jeden von uns. Menschen, die ein Unglück trifft, gibt es jeden Tag, jede Minute, immer und überall auf der Welt. Es gibt so viel Unglück. Das Unglück macht fassungslos, es macht ohnmächtig, wütend, traurig und verzweifelt. Das Unglück hat vor zwei Jahren viele Menschen auf der ganzen Welt getroffen, das Unglück der Seuche hat uns alle getroffen. Es hat die Welt und es hat die Menschen verändert und wir leben damit seit zwei Jahren. Und nichts hat sich zum Besseren gewendet. Und als gäbe es nicht genug Unglück, haben wir jetzt Krieg, mitten in Europa. Was für ein schwarzer Tag, der 24. Februar 2022. 
 
Ich bin fassungslos, dass das überhaupt möglich ist, obwohl ich wusste es ist möglich, immer wieder, dass Menschen Kriege anzetteln. Krieg, das schrecklichste Unglück, das uns zeigt, dass Menschen nichts aus der Geschichte gelernt haben, dass Menschen niemals Brüder und Schwestern werden.
Es ist Krieg mitten in Europa. Das ist so unvorstellbar grausam, so unvorstellbar unmenschlich, so unvorstellbar brutal und so ein unvorstellbar großes Unglück, dass ich schreien könnte vor Schmerz.
 
Mich hat keiner gefragt, was ich über diesen Krieg denke, keiner hat mich gefragt, ob ich das will. Uns alle hat keiner gefragt, wir haben unsere Rechte längst abgegeben an Politiker, die für uns und über uns entscheiden. Sie machen Krieg, überall auf der Welt machen sie Krieg, ohne die zu fragen, die darin töten sollen oder getötet werden oder dabei zuschauen müssen. Die Machtgierigen, die Fanatiker, die Wahnsinnigen machen Krieg und wir haben nichts, aber auch nichts in der Hand gegen diese Wahnsinnigen. Wir sind ohnmächtig, wir, die nicht gefragt werden, und hilflos gegen die Wahnsinnigen, die eine Welt in Angst und Schrecken versetzen und Leichenberge und unendliches Leid schaffen.
 
Aber sie ist da die Angst, bei uns allen, in uns allen, sie legt sich zu der Angst, die in uns ist vor dem Leben, das immer schwieriger wird, dem Existenzkampf, der immer gnadenloser wird, zu der Angst, die wir seit Kindesbeinen in uns tragen, auch bei denen, die sich nicht von ihr lähmen lassen. Die Angst wuchert wie eine giftige alles zerfressende Pflanze, überwuchert unser Leben, unseren Glauben an das Gute, bedroht unsere Hoffnung, raubt unsere Zuversicht, sie überwuchert die Liebe, wenn wir nicht achtsam sind. Wenn die Angst siegt haben sie gewonnen, die Machtgierigen, die Fanatiker, die Wahnsinnigen.
Ja, wir dürfen sie haben die Angst, sie ist berechtigt, diese Welt steht vor einem riesigen Abgrund, den wir nur mit Mut überwinden können, dem Mut, trotz der Angst weiter zu gehen, weiter zu machen, mit der Kraft der Liebe.
 
Diese Liebe bedeutet mehr als Worte, sie bedeutet für mich eine große Verantwortung uns selbst gegenüber und all denen, denen wir sie schenken können, jeden einzelnen Moment in der Zeit indem wir gegen die Energie der Zerstörung das Einzige setzen, was wir noch haben: Vertrauen in das Gute und es tun, wo immer wir können, wann immer wir können - jeden einzelnen Tag. Nur so entkommen wir der Angst und der Ohnmacht, nur so wird sich dieser Krieg nicht von Außen in unser Inneres fressen.