Freitag, 25. Januar 2013

nach ... denken



nach ... denken über gewesenes

vergangenes über ... denken

feststellen
im nach denken
dem alten nachzuhängen
macht anhänglich an gewesenes

entscheiden
nach vorn zu denken

die richtigkeit des entschlusses entschieden bezweifeln
sein
im jetzt




Donnerstag, 24. Januar 2013

Vom Träumen




Träume sind Schäume, sagt der Volksmund.  

Irgendwie stimmt das. Manche schäumen sich auf, schlagen wie die Seife beim Händewaschen Bläschen und Blasen, um sich am Ende in Nichts aufzulösen.

Was immer wir von Träumen halten mögen, so schön sie sind, sie führen, geben wir ihnen zu viel Raum, zu einer Labilität des Geistes. Sie bringen uns ab von der Wirklichkeit, sie blasen sich auf, gaukeln uns etwas vor, ziehen uns, werden sie übermächtig oder getränkt von Sehnsucht, ins Reich des Neptunischen, wo Flucht und Sucht auf uns warten, dort hin, wo wir im Extremfall den Bezug zu uns selbst als Teil des Ganzen verlieren und damit uns selbst. 
 
Träume haben etwas Versonnenes, einen Hang zur Ferne. Fern vom Leben, von den Einschränkungen des ganz normalen Alltags

Träumen ist Rückzug ins Eigene, ein sich abwenden von der Reizüberflutung unserer Welt mit ihren unendlich vielen Inhalten und Impulsen, die von außen auf uns einströmen und zu einer Überlastung der Seele führen und schließlich zur Überforderung der emotionalen Kräfte.
Flüchten mag man.

Es ist schwer bei sich selbst zu sein, ohne gefangen zu sein von den Traumwelten des eigenen Mikrokosmos, in dem wir, getrieben von der Suche nach einer zuverlässigen Definition von Wirklichkeit, versuchen uns mit dem Kosmos abzugleichen. 

Es ist schwer dort zu bleiben wo Wirklichkeit wirklich ist - im Leben da draussen mit anderem und den anderen.

Was jetzt?

Mittwoch, 23. Januar 2013

Sinnloses Gespräch





ich bin so unendlich müde. alles scheint so sinnlos. gib mir einen sinn.

ich kann dir den deinen nicht geben, noch kann ich dein sinn sein. das wäre zu einfach.
ich denke jeder schafft sich seinen eigenen sinn. manchmal ist er geradezu banal. aber meistens suchen sie ihn in einem anderen.

warum?

weil sie ihn in sich selbst nicht finden.

ich finde ihn nicht in mir selbst.

ja, ich weiß, weil es schwer ist, ihn da zu finden.

macht sinnlosigkeit auch sinn?

vielleicht macht sie das.

warum? sinnlos ist sinnlos.

sinnlosigkeit schafft einen leeren raum. er ist innen. da musst du suchen, wenn das außen nichts her gibt, was dich voll macht.

ja. innen ist leer, wenn außen nichts hergibt. woher also sinn holen?

wenn dir nichts mehr einfällt - lies bücher von all denen, die den sinn suchten.

Zerrinnen


die zeit zerrinnt
mir 
in den fingern

ich renne hinter mir selbst her
und 
hole mich niemals ein

ich renne vor mir selbst her
und
verpasse mich selbst

ich vergesse 
nichts 
was gestern war

ich träume vom morgen 
das sein kann

und immer erschaffe ich selbst den moment
und immer bin ich es 
die zusieht
wie er mir zerrinnt

mir
in den fingern

Montag, 21. Januar 2013

Aus der Praxis - Das erschöpfte Selbst






Depressionen, sind neben Alkoholsucht in Deutschland der Hauptgrund für eine stationäre Aufnahme in Kliniken. Das bestätigt der von der Barmer GEK vorgelegte Krankenhausreport 2010. Der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge erlebt jede fünfte Frau und jeder zehnte Mann im Leben mindestens einen depressiven Schub.

Überforderung, Stress, Existenzängste, Verlust, Trennungen, Vereinsamung und der Zwang zum permanenten Funktionieren sind unter anderem die Ursachen der neuen Volkskrankheit. Wird eine Depression diagnostiziert werden meist entsprechende Medikamente verschrieben. Die neuen Psychopharmaka aus der SSRI Gruppe, zu der auch die Lifestyle Droge Fluctin gehört, unterdrücken und maskieren die Symptome der Krankheit - der Mensch funktioniert wieder. 

Eine scheinbar gute Lösung um aus der schwarzen Nacht der Seele schnell wieder aufzutauchen und weiter zu machen wie zuvor. Die große Gefahr dieser Medikamente jedoch besteht, abgesehen von den vielen Nebenwirkungen die sie haben, darin, dass sie dazu tendieren den Antrieb schneller zu heben, als die depressive Stimmung zu vertreiben. Das ist im Zweifel genau der Weg, wie man einen Depressiven, der zu Suizidabsichten neigt, dazu bringt, diese in die Tat umzusetzen. Zudem lösen sie die Angst auf, unter Umständen auch die Angst vor der Selbsttötung.

Viele Betroffene wissen das nicht und schlucken vertrauensvoll das potentielle Gift, das ihnen schnelle Genesung verspricht. Ohne Frage, in schweren Fällen ist eine medikamentöse Unterstützung unumgänglich, jedoch ersetzt sie niemals eine psychologische Therapie. Psychopharmaka heilen nicht, sie unterdrücken das Symptom. Für eine Heilung aber ist es wichtig die Ursache der Depression zu ergründen.

Bei der Depression ist das Selbst erschöpft. Die Seele macht dicht, sie begibt sich in eine Art Winterschlaf, das System will nicht mehr, es will runterkommen. Lateinisch: Deprimiere, was heißt, es drückt nach unten. Dieses nach Unten gedrückt sein hat einen Sinn. Jede Depression hat dem Betroffenen etwas zu sagen. Sie führt ihn dort hin wo das Verdrängte haust, ins Schattenreich des Unterbewussten. Depressionen sind eine Reaktion auf ein Leben, in dem etwas nicht stimmt und sie sind ein Aufruf der Seele nach innen zu gehen, das Leben zu überprüfen und nach Lösungen zu suchen, um es zum Besseren zu wenden. 

Die Abwehr, also die Depression mittels Psychopharmaka zu dämpfen und damit zu ignorieren, führt nicht zum Prozess des „sich selbst Zuwendens“, der ansteht, sondern verfestigt die Ursachen. Nach dem Absetzen ist die nächste depressive Episode ist vorprogrammiert, der chronische Konflikt manifestiert sich und macht noch dazu körperlich krank. 

Wer sich dem Aufruf der Seele verweigert, verweigert sich dem eigenen Leben und nimmt ihm damit die Möglichkeit überdacht, verändert und sinnvoll gelebt zu werden. Gerade hinter schweren Depressionen findet sich oft eine grundsätzliche Verweigerung das eigene Leben zu leben, sich der Herausforderung zu stellen, das zu tun, was man eigentlich will, nämlich den Weg zur Selbstverwirklichung und Selbstliebe zu gehen.

Die Depression ist eine Zivilisationskrankheit. Der Turbokapitalismus schleudert den Menschen weg von sich selbst. Aber im Grunde ist die Depression eine völlig gesunde Reaktion auf die ungesunde Welt, in der wir leben. 

Der Psychoanalytiker C.G.Jung nannte die Depression eine schwarze Dame, die uns etwas zu sagen hat. Es macht Sinn sie zu Tisch zu bitten, ihr zuzuhören und ihr zu antworten.



Hommage an den Mainzer Zeichner Hannes Gaab


Der Schöpfer der Herzlinien und Traumbilder



Was ich über Hannes Gaab weiß, weiß ich aus Erzählungen von Menschen, die ihn auf seinem Lebensweg begleitetet haben. Ich habe Hannes Gaabs Werke angeschaut und in Büchern gelesen - Worte von Menschen, die in Berührung kamen mit Gaab, dem Schöpfer der Herzlinien und Traumbilder, der wie kein anderer die unvergleichliche Kunstform der subtilen Anspielung erreichte.

In ein fremdes Leben eintauchen gleicht einer Spurensuche. Trotz aller Versuche dem Leser ein dichtes Bild zu vermitteln, wer der Mensch und Künstler Hannes Gaab war - es wird nur fragmentarisch sein können und sicherlich nicht objektiv. Ich bin ein Beobachter von Vergangenheit, einer schöpferischen Vergangenheit, die bis heute Spuren hinterlassen hat, nicht nur in Mainz.

Es ist der 11.Oktober 1908 als Hannes Gaab in der Lauterenstrasse 11, wenige Schritte vom Rhein entfernt, geboren wird.  
Sein Vater Jean war ein Künstler wie er im Buche steht, umgeben vom Hauch des Vie de Bohéme, ein Mann, der in Extremen lebte, zwischen den höchsten Höhen und den tiefsten Abstürzen ins Dunkel, das ihn am Ende verschlingen sollte. Die Mutter - verwöhnend und liebevoll.  „Besonders den Vater hat Hannes gewaltig geliebt, man sah es“, schreibt Gaabs Nachbar Nico Erné, „man merkte es, wenn er Fotos seines schönen, feurigen Vaters aus dem Kuvert „Jean“ fischte. Und es ist auch Erné, der schreibt: “Hannes ist der Mann auf dem Fahrrad. Es gehört zu ihm, wie die Lederjacke und die Stahlbrille zum armen Berthold Brecht und der kleine Filzhut zum Bildhauer Giacomo Manzú.“

Gaab auf dem Fahrrad gehörte zum Mainzer Stadtbild. Er war ein Teil dieser Stadt, so wie diese Stadt ein Teil von Hannes Gaab war. Gaab auf dem Fahrrad trug einen Hauch von Symbolik in sich, verriet viel über seine Nähe und Ferne zu den Menschen. Er ließ sich nicht anhalten, nur dann wenn er es wollte stieg er herab zu einem kurzen Gebabbel. Er ist nicht oft abgestiegen.

Hannes Gaab war einer jener Menschen, die sich selbst genug sind, einer, der in der eigenen Seele haust, der mit dem was er tat eins war, spielerisch, neugierig, auf der Suche nach dem Wesenhaften allen Seins, das sich in seiner Kunst widerspiegelt. „Was konnte schon aus ihm werden, dem eher zarten, leicht einzuschüchternden Kind, das trotzdem von Anfang an wusste, was es wollte. Natürlich ein Zeichner, ein Maler, ein Bosseler“, berichtet Erné.

Die ersten künstlerischen Versuche geschahen unter der Anleitung des Vaters. Er war es, der spürte was in seinem Sohn leben wollte, was sein Weg sein könnte -  ein Weg, der dem seinen glich - er riet ihm die Schule sausen zu lassen und auf die Kunstgewerbeschule zu gehen. Hier erarbeitete Gaab sich die unterschiedlichsten Techniken. Grundsteine für seine späteren Arbeiten, die Ruhe und Gelassenheit ausstrahlen, die niemals unter Erfolgdruck entstanden. Druck aushalten entsprach seinem Wesen nicht. Letzterer ließ ihn vielmehr den Rückzug antreten.

Das Streben nach Verbesserung von Stil und Technik, zog sich wie ein roter Faden durch sein Leben – Studienaufenthalte in München, Paris - unterbrochen von Zeiten in denen er sich in sich selbst zurückzog, seinen künstlerischen Eingebungen folgend. Gaab´s Ziel war die Reduktion, das Beherrschen der letzten Vereinfachung, das Formen einer Linie auf eine Weise, das sie ohne jede Schraffierung verrät, ob es sich um menschliche Haut, den Körper einer Katze, oder um das Gefieder eines Vogels handelt.

Es war der Wunsch das Wesen der Dinge zu begreifen, es einzufangen, sich darauf zu beschränken - im Schaffen wie im Leben. Das Wesentliche war es, das sein Leben ausmachte:  folglich - der Verzicht auf das, was unnötig ist. Die Welt in ihrer Einmaligkeit, das Begreifen, dass alle Schönheit, alle Dinge auf dieser Einmaligkeit beruhen, jede Zeichnung, ein Enthüllen, ein Fixieren des Ursprünglichen, ein Vordringen zum Kern der Dinge und Lebewesen, und weglassen: „ was mer net braucht ...“

Nicht zu laut und nicht zu leise, es lag ihm daran immer das rechte Maß zu finden. Dieses Maß bestimmte Gaab für sich ganz allein. Er tat, was ihm entsprach, ließ sich Fesseln gar nicht erst anlegen, um sie dann sprengen zu müssen. „Jeden Monat entschied er neu, ob er von 300 oder von 3000 Mark lebte“, berichtet sein Freund Anton Issel.

Das Leben meinte es gut mit ihm und tat ihm viel zu Gefallen. Dank seiner Begabung fand er überall die Unterstützung, die er brauchte, um seinen Weg zu gehen. Eine gewisse Leichtigkeit des Seins, so scheint es, hielt schützend ihre Hand über ihn. Leicht hatte er es dennoch nicht. Er hätte es leichter haben können, in den Augen mancher Zeitgenossen, die „Geld haben“ mit „es leicht haben“ gleichsetzen.

Er hätte mehr seiner Arbeiten verkaufen können. Er tat es nicht. Mit einem „des hat mer jo selbst so gern“ behielt er sie viel zu gerne bei sich, lebte durch sie und mit ihnen. Bescheidenheit, auch das ist Hannes Gaab, Empathie für alles Leben, für die Natur, die ihm das Material schenkte, um zu formen, was er sah, die ihn anregte und forderte der Schöpfung die Vielfalt ihrer Geheimnisse zu entlocken. Man könnte meinen,  er sei auf eine seltsam naive Weise ein ewig spielendes Kind gewesen und in diesem Spiel immer ganz bei sich - eine Kunst zu leben, die lebendige Kunst hervorbrachte. Er war fasziniert von der Form eines von Sand und Wasser abgeschliffenen Steines, einem vom Wind geglätteten Ast, einer ausgewaschenen Muschel.

Mit einem: „Guck, siehste das Gesicht...?“, hält er das Fundstück seinem Gegenüber mit glänzenden Augen hin ...nimmt eine Perle, setzt ein Auge ein und es wird ein Fisch. Ein dürrer Zweig wird ein skurrriler Kobold, ein Stück Holz: Vogel, Katze, Maus. Figuren, bisweilen wie Hampelmänner zu bewegen. Er fand er einen immensen Spielraum für Möglichkeiten und gab den Dingen eine neue Dimension. Objekte, die man heute als Assemblage bezeichnen würde. Gaab hätte derartiges nicht hören wollen. Überhaupt der Kunstbetrieb war seine Sache nicht. Er hielt sich meist fern: “Mer wird sich hüte könne ...“ Es war der Gott der kleinen Dinge, der seine Schöpferkraft beflügelte. Er sah was andere nicht sehen, und machte Kunst daraus – absichtslos, aus Freude am Tun, an der Schönheit und der Fülle des Lebens.


Es war Albert Eggebrecht, der Besitzer der Eggebrecht Presse, der ihn fragte, ob er nicht die Illustrationen zu einem Buch der Brüder Grimm zu zeichnen wolle. Ein weiterer Schritt bahnte sich an – hin zu Gaab, dem Buchkünstler. Die Eggebrecht Presse - das Häuflein von „Spinnerten“ wie Gertrud Eggebrecht sie nannte, „das in zwei Welten lebte, die sich beißen: Der Welt des Geistes, der Ideen, der Träume auf der einen Seite - und die Wirklichkeit – die Welt der Materie, der Rentabilität ...“
 
1936 entstanden Holzschnitte zu „Die Gänsehirtin am Brunnen“, Gaabs erstes illustriertes Buch, dem viele folgen sollten. Allen voran die Sappho Illustrationen, eines der gelungensten Beispiele vollendeter Harmonie in Sprache, Typografie, Illustration und Druck. Ein Werk von höchster grafischer Perfektion - das feinste ausgewogene Linienspiel auf lichter Weite weißen Papiers - reduziert, leicht und beschwingt, wo Tönung und Rhythmus von Sprachmelodie und Linienmelodie eine Allianz eingehen, die einander trägt - ästhetisch und leise.

Die sensible Reflexion im Dialog mit dem Literarischen, die Treffsicherheit ins Herz der jeweiligen Szene macht sie aus, die unnachahmliche und einzigartige  Handschrift des Hannes Gaab, der nie kopiert hat und nie kopiert wurde. Er war ein Zeichner und Illustrator, der es vermochte die Dinge wieder und wieder zu reduzieren, bis zum Extrakt - zur Herzlinie - bis die Katze, meisterhaft umrissen, sich im richtigen Schwung auf dem weißen Blatt zusammenrollte. „Die eine, ins Zentrum treffende, federnde Linie! Keine Verwirrung, kein Wortschwall, kein beredter Gedankenwurf ...“, wie Anton Issel es so treffend  beschreibt. Oder „Zeichnen bedeutet weglassen“, wie Max Liebermann sagte. Gaabs Streben war es Sinnbilder zu finden. Er fand sie nach unermüdlichem Ringen und Experimentieren – der Papierkorb im Atelier quoll über von weißen Blättern mit schwarzen Linien.

Die Eggebrecht Zeit war eine fruchtbare, nicht unwesentliche Episode im Mainzer Kunstleben -  und nicht zuletzt durch seine Illustrationen ist Hannes Gaab noch heute in Mainz unvergessen.

Immer blieb er seinem Metier der freien Kunst treu. Er malte und zeichnete was ihn faszinierte. Schwarz – weiß und zur Überraschung des Kunstpublikums bei einer Ausstellung im Mainzer Künstlerhaus Eisenturm, sah man erstmals: Gaab, den Maler -  in Farbe. Wie Max Ernst seine Frottagen verdankte Gaab es dem Moment des Zufalls -  der Farbe ins Werk fallen ließ, oder klatschen - so nannte er das Zufallsprodukt: Klatsch – Verfahren. Es offenbarte sich ihm, als ein feuchter Reinigungsschwamm auf dem Boden landete und die wildesten Farbstrukturen hinterließ. Dem Spielerischen zugeneigt sah er das Zeichen, und so wurde aus dem Aufklatschen von Schwamm auf Boden – die dünne Farbe auf saugfähiges Papier  Monotypie-Technik.

Tagelang hat er sie angeschaut, seine Klatschfarben und  nachdem er lange genug geschaut hatte, wurden daraus Bilder, ergänzte er die Farblandschaft mit virtuosem Linienspiel, und schuf so den Bildsinn. Es entstanden zarte, poetisch anmutende Naturimpressionen, die an japanische Landschaftsmalerei erinnern - aus denen seine Vorliebe für japanische Tuschmalerei und Kalligrafie spricht. Die Fülle diesen Schaffens formierte sich zu einem Werk das auf drei Säulen steht: Zeichnung, Illustration und Malerei – das vielleicht als tragende Basis jene unzähligen kleinen Fundstücke hat, die Gaabs Schöngeist anregten und die er in liebevollen Arrangements, ihre Vergänglichkeit in Kauf nehmend, zum Leben erweckte, sich des Zaubers all seiner Erscheinungen bewusst.

Hannes Gaab machte Kunst, zunächst für sich selbst. Im Balancieren zwischen sehen, spüren, formen, perfektionieren, ohne sich die Frage zu stellen, ob es Kunst war, was sich entfaltete, oder nicht. Er tat es, weil es seinem ureigenen Wesen entsprach. Und doch, was so leicht daher kam, scheint es auch für ihn trotz aller Begabung nicht gewesen zu sein „Die Kunst“, so sagte er einmal, „wenn sie gelöst und leicht wirken soll, ist schwer...“


(c) Angelika Wende



















Gegenstand Realismus - Katalogtext und Rede zur großen Retrospektive des Realismus in Berlin


Real Irreal Surreal

WIRKLICHKEITEN DES REALISMUS

Eine subjektive Reflexion

                                  Gemälde Johannes Grützke

Ich begrüße Sie herzlich zur Großen Retrospektive des zeitgenössischen Realismus.

Zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung Deutschlands und der Gründung des Künstlersonderbundes in Deutschland veranschaulicht diese Ausstellung mit fast 100 Künstlern und über 200 Werken der Malerei, Grafik und Bildhauerei hier in den Räumen der Uferhallen in Berlin-Wedding die Bedeutung der gegenständlichen Kunst der Gegenwart. Sie führt jene Künstlerinnen und Künstler zusammen, deren Werke erkennbar die künstlerische Auseinandersetzung mit der Gegenständlichkeit und dem Realismus ihrer Zeit widerspiegeln.

Es ist mir eine Ehre heute hier zu sein. Ich danke dem Künstlersonderbund für sein Vertrauen und auch dem Mitglied dieses Bundes, dem Maler Herrn Dietmar Groß, der mich empfohlen hat.

Ich werde nicht mit dem kunsthistorischen Auge auf diese Werke blicken, ich werde nicht auf jedes Einzelne eingehen können, dazu sind es zu viele, was ich im Folgenden zu sagen habe ist das Ergebnis meiner individuellen Auseinandersetzung mit dem zeitgenössischen Realismus.

Der Schweizer Schriftsteller Etienne Barillier gab in den Neunzigern ein Buch heraus mit dem Titel „Die künstliche Geliebte“. Der Protagonist, ein junger Mann, sehnt sich nach der einen wahren Liebe in Gestalt der idealen Geliebten, die die Welt mit all ihren Erscheinungen durch und mit seinen Augen sieht, die das Gleiche wie er fühlt und denkt. Nachdem er diese Sehnsucht in der Realität mit keiner Frau stillen kann erschafft er sich eine künstliche Geliebte nach seinem Ebenbild. Mit der Zeit jedoch entwickelt die künstliche Frau ein Eigenleben. Sie beginnt ihre eigene Wirklichkeit wahrzunehmen und zu erschaffen. Der junge Mann zerbricht an der Erkenntnis, dass nicht einmal das von ihm selbst erschaffene Wesen ein identischer Teil seines „in der Welt seins“ ist. Die Geschichte endet in abgrundtiefer Verzweiflung und  schließlich in Zerstörung.

„Der Glaube, es gäbe nur eine Wirklichkeit ist die gefährlichste aller Selbsttäuschungen. Es gibt sie nicht, diese eine Wirklichkeit, es gibt vielmehr zahllose Wirklichkeiten, die sehr widersprüchlich sein können, die alle das Ergebnis von Kommunikation und nicht der Widerschein ewiger objektiver Wahrheiten sind“, schreibt der Philosoph und Psychoanalytiker Paul Watzlawick in seinem Werk „Wie wirklich ist die Wirklichkeit?“. Er kommt zu dem Schluss, das der Glaube, dass die eigene Sicht der Wirklichkeit die Wirklichkeit schlechthin bedeute eine gefährliche Wahnidee sei, eine Anmaßung, ja gar die „think crime“ der menschlichen Existenz.

Ist es möglich, ist dieses Gedankenverbrechen der Urgrund für das Leiden in der Welt? Ist es unsere subjektive Sicht, die uns leiden macht, die Unfähigkeit der Akzeptanz der Dinge, wie sie sind. Aber was, wenn die Dinge nicht sind, was sie sind, es niemals sein können, wenn es dieses objektiv Seiende nicht gibt, wenn das Seiende eine nichtfassbare Größe ist, wenn jedes Ding nur der Widerschein dessen ist, was sich in uns spiegelt und wir uns wiederum in ihm? Dann gibt es nur subjektive Annahmen und keine Wirklichkeit. Dann gibt es kein Richtig und kein Falsch, dann gibt es das Individuum in seinem Hineingeworfensein in die Welt, den Schmerz des Getrenntseins und die ewige Suche nach Wahrheit.

Eine Suche, die mit der Frage beginnen könnte: Was ist Realität? Was ist real und damit in unseren Augen wahr? Ist Wirklichkeit, wie Watzlawick behauptet, etwas individuell Konstruiertes? Oder ist sie eine messbare, bestimmbare, überprüfbare, beweisbare, allgemeingültig existierende verbindliche Größe? Ist Wahrheit, wie Heidegger sagt, niemals an sich, von selbst vorhanden und als solche entzifferbar, sondern erstritten? Die Kunst als Formbehauptung, insbesondere der Realismus, ist wie die Philosophie Wahrheitsbehauptung, eine Realitätsform von Wahrheiten, die nicht präexistieren. In beiden Fällen werden Wahrheiten konstruiert, welche die Ordnung der Tatsachen korrumpieren.

War die Vorstellung von Wirklichkeit früher so konzipiert, dass man, ob ihrer Härte, dagegen stieß so ist sie heute mehr und mehr ein fließendes, zerfließendes Gebilde, das sich in Frage stellt sobald wir Fragen stellen, schon weil wir selbst in Frage gestellt werden, sobald wir realisieren. Die reale Welt und das reale Ich, von dem wir längst wissen, dass auch dieses aus vielen Ichs besteht, erweist sich als subjektiv interpretatives Substrat aus dem wogenden Meer der Möglichkeiten, welches der Mensch selbst herausfischt.

Die Dinge sind abhängig vom Auge des Betrachters.

Niemals nehmen wir an den Erscheinungen, zu deren Bildung unsere Sinne angeregt werden, Wirklichkeit wahr. Sobald zu den Erscheinungen der Gedanke oder das Gefühl tritt kommt eine neue Tönung hinzu. Die Sinne können uns die Wirklichkeit nicht geben, sondern umgekehrt ist sie etwas, das wir den Sinnen geben.
Wirklichkeit ist eine Beziehung des Geistes zum Geheimnis des Seins.
Dies ist der tiefste Grund, weshalb der Realismus mit der Wirklichkeit als solcher nichts zu schaffen hat: weil sie Sache der Sinne ist, weil sie etwas Abstraktes ist und unter der Oberfläche der Dinge liegt. Der Realismus fügt die Qualitäten der Wirklichkeit zu neuen Gebilden zusammen. Er nimmt sie als Vorlage, als Motiv für ein Hervorbringen jener inneren Zustände und Impulse, Gefühle und Assoziationen, die sich an die Erscheinungen der Dinge knüpfen und verarbeitet sie, über ihre bloße Erscheinung hinaus, zu einem neuen Bild von Realität. Realismus, vom Lateinischen „realis“, bedeutet so viel wie „die Sache betreffend“. Von Frankreich ausgehend setzte er sich im 19. Jahrhundert in der Malerei durch. Den Malern war die historisierende, idealisierende Darstellung in der Romantik ein Dorn im Auge, sie wollten das Alltägliche, das sich an den Sinnen orientierende Fassbare, darstellen.
Der Realismus ist immer ein optisches Spiel mit der Wahrnehmung, er bringt den Reiz der Erscheinung als auslösenden Moment für Kunst zum Erwachen und macht diesen zu einer Realität, die wir als Betrachter gleich unserer eigenen Realität erleben dürfen. Doch ist durch die reine Sichtbarkeit des Inhalts der Wirklichkeitsakzent noch nicht gegeben, sondern erst die Kunstmittel des Realismus rufen ihn hervor, oder vielmehr nicht ihn in seiner objektiven Bedeutung, sondern die sich einstellenden Affekte, die durch die sichtbare Qualität der Dinge ausgelöst werden.
Schon Kant postulierte, dass alles, was wir über unsere Sinne empfangen, durch unser Nervensystem gefiltert wird. Dort wird es neu zusammengesetzt und liefert uns ein Bild, das wir Realität nennen. Der Mensch modelliert sich seine Welt danach, was seine Sinne und sein Bewusstsein ihm an Begreifen erlauben. Was er nicht fühlen, schmecken, hören, riechen und sehen kann, nimmt er nicht wahr. Es kommt in seiner Welt nicht vor. Selbst das Abstrakte muss als Zeichen begriffen werden, um es in die eigene Welt zu integrieren. Unsere individuelle Welt ist niemals die Welt, wie sie an sich ist.

Alles Schimäre, weiter nichts, eine bloße Vorstellung von objektiver Realität, eine Fiktion, die von unserem in Begriffen und Kategorien denkenden Verstand herrührt? In der Tat sind sogar Ursache und Wirkung, Raum und Zeit Konzeptualisierungen, Gefühlskonstrukte, die zu Gedanken und Handlungen werden und keine Gebilde die es „da draußen“ gibt. Der Mensch ist nicht fähig über die von ihm selbst erarbeitete Version einer Realität hinauszublicken und zu sehen was wirklich ist. Wir können sie nicht erfassen, die Wesenheit der Dinge, die vor der Reproduktion durch unseren Wahrnehmungsfilter und unseren Verstand existiert. Das ursprüngliche Gebilde, das Kant als Ding bezeichnete, bleibt uns auf ewig unerkannt.

Es war Schopenhauer, der zustimmte, dass wir das „Ding an sich“ nie erkennen können, aber erweiternd hinzufügte, dass eine entscheidende Quelle über die Informationen wahrgenommen werden, der menschliche Körper ist. Der Körper als materielles Objekt existiert in Zeit und Raum. Der Körper besitzt ein tiefes inneres Wissen, ein Wissen, das nicht auf einem verstandesmäßigen Begriffssystem und auch nicht auf dem Wahrnehmungssystem basiert – sondern allein von den Gefühlen herrührt. Schopenhauer war seiner Zeit voraus mit der Annahme, dass es zwei Arten von Wissen gibt, ein gefühlsmäßiges, instinktives und ein verstandesmäßiges, begriffliches Wissen. Er wusste, dass dieses gefühlte Wissen weitaus elementarer ist als das begriffliche. Lange vor Sigmund Freud wusste er um die Existenz der unbewussten Kräfte in der psychischen Struktur, um das verdrängte Unterbewusste, das nicht ins Bewusstsein einbricht. Und er war der Ansicht, dass gerade im Bereich künstlerischen Produzierens die unbewussten Antriebe primärer sind als die bewussten: „...Obgleich sie nicht in Begriffe gefasst werden können, vermitteln sie sich direkt und ohne Worte, sie kommunizieren sich auf dem Wege der Kunst.“

Auf die Ebene der geistigen Gesinnung des Realismus transportiert, bedeutet das, dass das Kunstwerk wahr ist, und zwar nicht gegenüber der äußeren, dinglichen Welt, sondern gegenüber der inneren, geistigen Wirklichkeit.
Diese Gesinnung wehrt sich gegen die allgemeingültigen, etablierten Wahrheitssysteme, sie tastet das Unantastbare an und fordert Raum für das Mögliche. Der Realismus, der sein Bild von Welt über die Gegenständlichkeit zum Ausdruck bringt ist ein viel weiteres Prinzip, als dass es von der äußeren Nachahmung der Wirklichkeitsnähe gedeckt werden könnte. Vielmehr ist er als eine Form des Oberbegriffs „Konzepte“ zu begreifen. Er entspricht einem malerischen Konzept um Realität zu hinterfragen, um Dinge ans Licht zu bringen, die parallel zur vertrauten sichtbaren Wirklichkeit existieren, oder darüber hinaus. Zugleich bildet er so einen Konzeptrahmen in dem der Künstler sehr bewusst Gegenständlichkeit betreiben muss. Das macht den entscheidenden Unterschied zwischen Realismus und Naturalismus aus.

Das Kunstlexikon vermittelt lapidar, Realismus sei wirklichkeitsnahe Darstellung. Seinem Wesen nach ist er das nicht, denn der Maßstab des Naturalismus ist die äußere Richtigkeit, der Maßstab des Realismus hingegen ist die innere Wahrheit. Innere Wahrheit beschränkt sich nicht auf ein „es ist wie es ist“, sie weitet aus zu einem: „Es ist wie ich es empfinde.“ Und sei dieses Empfinden auch nur eine Möglichkeit, nicht überprüfbar, nicht beweisbar – eine Möglichkeit eben, nichts weiter und doch so viel. Auf diese Weise befreit sich der Realismus aus der Tyrannei der angeblichen Realität.

Er folgt nicht der Nomenklatur derer, die eine objektive Realität verfechten, er lässt ein Max Plank´sches: “Wirklich ist, was sich messen lässt“ links liegen, er ergibt sich den Möglichkeiten in ihm selbst und realisiert. In der Weise, dass aus Subjektivität Projektivität wird.

Der Gewinn: Das Abenteuer Wirklichkeit.

Wenn auch das Medium der Realisten die sichtbare Wirklichkeit ist, die quasi als Metaebene fungiert, so ist jeder Realismus anders als die Realität. Die subjektiv-projektive Beziehung zwischen Objekt und Betrachter beinhaltet die Möglichkeiten der Illusion, des Irrealen und des Surrealen. Bis hin zu Sinnestäuschungen ist alles erlaubt. In diesem Raum gibt es keine unmögliche Objektivität, sondern eine reine Produktion von Subjektivität. Dies entspricht auf der psychologischen Ebene einem Prozess der Subjektivierung, der Selbstfindung, in dem das Subjekt Kontrolle über sich zu erlangen versucht. Es ist so Subjekt der Selbstkonzeption, der Freiheit und der emanzipatorischen Selbsterhebung. Jedoch erfährt es sich in diesen affektiven Turbulenzen selbst in Konfliktspannung. Denn als Subjekt der Selbsterfindung und Selbsterhebung beginnt es sich inmitten des Chaos eines historischen, politischen und kulturellen Zusammenhangs aufzurichten. Es beginnt zu rebellieren gegen das, was aus ihm ein Produkt fremder Willens- und Wahrheitsbegriffe macht. Die Selbstaufrichtung des Subjekts ist ein Widerstand gegen die Herrschaft der allgemeingültigen Realitätsdefinitionen. Es wehrt sich gegen die Dingwerdung oder Verdinglichung seines Seins durch die Bewegungen, die Sinn- und Wertstiftungen der Geschichte, mit dem Ziel sich von dieser Geschichte lösen ohne den allgemeinen Geschichtsraum, dem es angehört, verlassen zu können, aber um der eigenen inneren Wahrheit Ausdruck zu verleihen, ihr zu folgen und sich als Mensch zu individuieren. Was Foucault Subjektivierung nennt zielt auf dieses Werden, das sich Selbstwerden, das Subjektwerden, die Autokonstitution des Individuellen – die Authentizität der Persona.

Die innere Wahrheit als Maßstab prägt das malerische Schaffen der Realisten, die sich in der Schau „Gegenstand Realismus“ zusammengefunden haben.

Verbindet ihre Arbeiten auch Ähnlichkeit was Technik und Stilmittel anbelangt, der Gestus altmeisterlicher Malweise, die extreme Liebe zum Detail, der Hang zur Perfektion und eine fast schon exzessiv anmutende Präzision mit der sie realistische und zugleich illusionistische Bilder schaffen, so begegnen sich hier doch sehr verschiedene malerische Positionen gegenständlicher Malerei, die ihren persönlichen Stil und ihre eigenen Themen entwickeln.

Die Szenerien der Werke eröffnen dem Betrachter auf ihre jeweils ureigene Weise eine Welt des Phantastischen, Rätselhaften, Eigentümlichen und Fremden, eine Wirklichkeit deren Subtext auf der Klaviatur von Hintergründigkeit, Doppeldeutigkeit, und Widersprüchlichem spielt. Das sind Kompositionen die uns in Kopfwelten blicken lassen, welche den Schauplatz des Gegenständlichen mit dem Irrealen und dem Surrealen verbinden. Ein Trennung dieser Ebenen – ein unmögliches und sicher auch nicht beabsichtigtes Unterfangen. Das eine fließt in das andere um Neues zu erschaffen. Andersartigkeit, Sein und Schein im Dialog um das Seiende zu hinterfragen. Was scheint wie es ist und was ist nicht wie es scheint? Was ist wirklich?

Die Dramaturgie einer Flut emotionaler Aufladung zieht sich wie ein roter Faden durch die Schau. Diese Bilder führen uns in eine Welt voll mystischer Dimension, in ein Areal von Träumen. Sie irritieren und verunsichern, bisweilen lösen sie Angst aus. Diese Realisten konzeptionieren Zusammenspiele von Dingen in deren Kontext der sensible Betrachter Erschütterungen im Individuum und im Kollektiv spürt. Gegenwärtiges, Vergangenes und Zukünftiges vermischt sich. Was anklingt ist das Gewahrsein: nie wird die Gegenwart ohne die Verzerrungen und Überlagerungen früherer Erfahrungen erlebt, nie ist sie ohne Zukunftserwartung.

Die leise Ahnung, dass der sich selbst überholende Fortschritt keine Verbesserung verspricht wabert in den Sujets. Geschichten suchen sich Raum, wachsen über den Bildrahmen hinaus, schaffen sich eine intensive Präsenz und stoßen uns auf uns selbst zurück. Real, Irreal, Surreal? Die Bilder sprechen und wir „hören“ was wir glauben und „sehen“ wozu wir Resonanz haben.

Getragen von magischer Poesie und metaphysischer Energie schwingt hier eine suggestive Wirklichkeit im Raum, deren Streben es ist die Existenz einer anderen Welt aufzuzeigen, einer Welt, die wir so noch nicht gesehen haben, eine Realität, die wir so nicht sehen, an die wir nicht glauben wollen oder können, eine Wirklichkeit zu der wir den Kontakt verloren haben oder ihn niemals hatten, oder haben werden. Hier wirkt, um es mit den Worten Goyas zu sagen: „Magische Wirklichkeit, in der alles möglich ist.“ Auch Befreiung, Freiheit und Vision.

Nicht erst seit Couberts Manifest „Pavillon du Realisme“ ist der Realismus der malerische Königsweg in der Bildenden Kunst um die Fragwürdigkeit einer absoluten Wirklichkeit ans Licht zu bringen - der Realismus ist so alt wie die Kunst selbst. Der Realismus hat schon mit Caravaggio, der sich in seinem Werk gegen die religiös-sakrale Herrschaft wandte und so bereits im Barock das Fühlen in die Malerei brachte, mit der Absicht etwas im Betrachter zu bewirken, den Drang sich aus den Bindungen der Erscheinungswelt zu befreien. Karel Van Mander erfasste um 1603 den Kern von Caravaggios Werk: „Er glaubt, dass Kunstwerke nichts als Bagatellen und Kindereien sind, wenn sie nicht nach dem Leben geschaffen sind.“

Aber was ist Leben? Was ist es anderes als das Wahrnehmen der Dinge, welche vom Außen ins Innere sich drängen, um durch den Filter Körper, Geist, Seele Ausdruck im eigenen Sein in der Welt zu finden?

Was ist Leben anderes als ein Meer von Möglichkeiten aus dem wir das für uns Stimmige herausfischen. Um was zu gewinnen?

Halt? Woran sich halten, wenn wir nicht wissen was wahr ist und was nicht? An uns selbst auf dem Weg einer authentischen Selbstverwirklichung? Eine Möglichkeit ...

Ich frage mich ob es etwas was Zeichen gibt und wenn es sie gibt, wie kann ich mir sicher sein, dass ich sie richtig deute? Ist es möglich, dass ich aufgrund der Zeichen konstruiere und aus mir selbst heraus eine Realität erschaffe, die nicht wahr ist. Was ist Wahrheit? Gibt es sie außerhalb des wissenschaftlich Beweisbaren? Ist sie, was die Gefühlswelt angeht nicht überprüfbar, niemals? Was, wenn jede einzelne individuelle Wahrheit wahr ist – was dann? Was kann ich glauben? Was ist real?

Aber vielleicht ist das gar nicht die Frage. Die Frage ist möglicherweise: was ist wirklich von Bedeutung?


© Angelika Wende 2010
Katalogtext und Rede zur Ausstellung Postitionen des Realismus in den Uferhallen Berlin