Samstag, 11. April 2026

Wovor schützt mich mein Festhalten eigentlich?

 

                                                                                   Foto: A.Wende

 
Wir alle müssen irgendwann Irgendetwas Loslassen. 
Das ganze Leben ist im Grunde eine Übung im Loslassen. Eine schwere Übung für die meisten von uns.
Loslassen fällt uns so schwer, weil es tief gegen die grundlegende Funktionsweise unserer Psyche arbeitet. Unser Gehirn ist darauf ausgerichtet, Sicherheit und Stabilität zu bewahren. Alles, was vertraut ist, vermittelt uns das Gefühl von Kontrolle, selbst dann, wenn es uns eigentlich nicht guttut. Das Unbekannte hingegen bringt Unsicherheit mit sich und wird als Bedrohung und Gefahr interpretiert. Deshalb halten wir eher an dem fest, was vertraut und bekannt ist, als uns auf etwas einzulassen, dessen Ausgang wir nicht abschätzen können. Loslassen bedeutet: wir müssen die Kontrolle aufgeben. Da wir aber so konditioniert sind, alles im Leben zu planen und abzusichern, entsteht innerer Widerstand, wenn die Dinge anders laufen als erwartet. 
 
Je größer der innere Widerstand, je stärker wir festhalten wollen, desto schwerer und schmerzhafter ist das Loslassen.
Obwohl das Festhalten auf Dauer belastend und sinnlos ist, weil wir nichts festhalten können, was uns längst verlassen hat, wirkt es kurzfristig leichter, als uns bewusst mit dem Schmerz des Loslassens auseinanderzusetzen und ihn anzunehmen. Wir wollen Schmerz vermeiden. Genau deshalb ist Loslassen weniger eine Frage des Wollens als vielmehr ein Prozess, der Zeit, Geduld, innere Verarbeitung und auch bewusste Auseinandersetzung mit dem inneren Widerstand erfordert.
Widerstand lässt sich nicht auflösen, indem man ihn bekämpft, im Gegenteil, er wächst. Psychologisch gesehen ist er eine Schutzreaktion unserer Psyche. Es ist ein Teil in uns, der versucht uns vor belastenden Gefühlen wir Schmerz, Wut, Trauer oder Verzweiflung zu schützen. Wenn wir dann gegen diesen Teil ankämpfen, fühlt er sich bestätigt und hält noch stärker fest.
 
Was hilft um den Widerstand sanft zu lösen?
Es ist hilfreich den Widerstand nicht als Gegner zu sehen, sondern als etwas, das verstanden werden will. Hinter ihm liegt immer Angst: Angst vor Verlust, vor Leere, vor Sinnlosigkeit, vor Bedeutungslosigkeit, vor Einsamkeit, Angst davor, dass der Schmerz beim Loslassen so groß wird, dass wir ihn nicht bewältigen können.
Hilfreich ist es auch uns zu fragen: Wovor schützt mich mein Festhalten eigentlich?
Dann verschiebt sich der Fokus – weg vom Kämpfen, hin zum Verstehen.
 
Es geht darum den inneren Konflikt bewusst wahrzunehmen. Ein Teil will loslassen, ein anderer hält fest. Beide Teile haben ihre Berechtigung. 
Der Widerstand wird schwächer, wenn er nicht mehr unterdrückt oder bekämpft wird, sondern Raum bekommt. Das bedeutet, uns innerlich einzugestehen, dass dieser Teil, der festhält, noch nicht bereit ist loszulassen. Er braucht Zeit und die dürfen wir ihm geben. Das nimmt Druck raus.
Widerstand entsteht oft, weil wir uns zu schnell zu viel abverlangen, weil wir zu schnell Lösungen wollen, weil wir keine Geduld haben die Dinge zu durchleben und weil wir uns nicht schlecht fühlen wollen. 
 
Loslassen ist kein willentlicher Akt, keine Entscheidung, die wir kontrollieren können, sondern ein innerer Prozess in vielen kleinen Schritten. 
Das zu akzeptieren ist wichtig um den Widerstand zu besänftigen. Wir müssen nicht auf Kommando loslassen, es reicht innerlich schrittweise Distanz zu schaffen und Raum für eine neue Perspektive zuzulassen, fernab der alten Vorstellungen und Erwartungen, die wir haben, von dem, wie unser Leben zu sein hat. Widerstand hält sich an Vorstellungen, Erwartungen, Erinnerungen oder Hoffnungen fest. Je klarer wir erkennen, was tatsächlich ist, ohne es zu beschönigen oder zu dramatisieren, desto mehr verliert der Widerstand nach und nach seine Argumente und seine Macht.
 
Widerstand löst sich nicht durch Druck, sondern durch das Gefühl von Sicherheit.  
Wenn unser Inneres spürt, dass es den Schmerz des Loslassens aushalten kann und wir nicht daran zerbrechen, wird das Festhalten langsam überflüssig. Dann ist Loslassen nicht Zwang, sondern Entwicklung - ein fließender Anpassungsprozess, in dem wir Schritt für Schritt lernen, das, was wir festhalten wollen, innerlich zu verarbeiten und es zu verabschieden.
 
It hurts.
Okay, let it hurt. 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen