Sonntag, 28. November 2010

Ein Platz

Er ist da, wieder ist er da, dieser Gedanke, ein Gedanke, der nicht vergeht, der sich hartnäckig in alle anderen Gedanken drängt: Ich will weg, weg aus dieser Stadt, besser aus diesem Land, das mein Heimatland ist, in dem ich mich heimatlos fühle, seit ich denken kann. Gefühltes Denken, ein Denken, das ich ernst nehmen sollte und es nicht tue. Immer noch nicht, nicht einmal jetzt, wo mein Leben sich einem Zukünftigen zuwendet, wo Vergänglichkeit eine Größe annimmt, die bei jedem Blick in den Spiegel eine nicht mehr zu leugnende Gewissheit ist, längst. Jetzt, wenn nicht jetzt, kann ich noch einmal etwas verändern, bevor die Zeit und eine müde Langeweile mich überholen.

Mir fehlt der Mut, das Vertraute wiegt in Sicherheit, eine fragwürdige Sicherheit, ein Konstrukt, das Macht hat, mich hindert, den Sprung zu wagen, in ein Neues, Ungewisses. Der Mut steht hinter der Angst, die Sehnsucht, mal ein klägliches Etwas, mal ein großes Brennen mischt sich ein, sie kämpfen gegeneinander. Ich dazwischen.

Habe ich ihn verloren, den Mut, habe ich ihn nie besessen? Ich weiß es nicht, weiß nicht, was ich will, wusste ich es in einer anderen Zeit? Bin ich die Gleiche geblieben oder eine Andere geworden? Wer bin ich und wer will ich sein und ist das das Gleiche und was ist, wenn ich die werde, die ich bin. Ich weiß nicht, wer ich bin, nur wer ich auch bin und wer ich auch sein will, das sind viele und die eine, die weiß, haust inmitten dieser scharfen Splitter meines Ichs, irgendwo. Ich habe mich zu oft geschnitten.

Der Mann sagt zu mir: "Du suchst etwas, von dem du nicht weißt, was es ist." Er macht mich nachdenklich, noch nachdenklicher, dieser Satz, den er zu mir herrüberschiebt, beiläufig, in einem Gespräch, in dem es um etwas ganz anderes geht, eigentlich. Wie kamen wir dahin, an diese Stelle, die weh tut.

Ist es möglich sein Leben am falschen Ort zu verbringen? Und wie weiß ich, ob es der falsche Ort ist, oder nur meine Einbildung, dass es so sei. Ist es der falsche Ort, wenn all die Straßen, die ich gehe nicht zum Ziel führen, das Ziel bin ich, was sonst soll es sein. "Verstehst du das?", frage ich den Mann, der einen Platz hat im Leben. Wie soll er mich verstehen? Der Mann lächelt milde aus einem schönen Gesicht, um das ich meine Hände legen will, sagen will: "Gib mir einen Platz."

Ich will mich häuslich einrichten, ein altmodisches Wortgespann, das auf etwas hinweist, das mir fremd ist. Eine Fremde im Leben, im eigenen, in dem der Anderen sowieso. Das macht mich suspekt. Das Subversive klebt an mir und findet kein anderes Subversives um anzudocken. Ich verbringe Zeit mit mir selbst. Vergangenheit, Gegenwart, Zukünftiges. Da ist doch ein Knacks in mir, irgend etwas hat mich zersplittert, wann das war habe ich vergessen. Der Knacks vergisst mich nicht, er verlässt mich nicht, ich verlasse andere bereits im Moment des Ankommes, weil sie den Knacks nicht kennen. Es fehlt ihnen etwas. Mir fehlt etwas.

Der Mann ist genauer betrachtet einer ohne den Knacks, auch ihn werde ich verlassen. Ich bin schon fort und er weiß es noch nicht. Es wird ihn nicht weiter stören, denn er hat seinen Platz, den er behaupten wird.

Samstag, 27. November 2010

Die Magie der Gedanken

Ich traf die Frau in einem Laden, der teure Wäsche für Frauen verkauft, die sie sich leisten können, oder einen Mann haben, der sie ihnen schenkt. Ich war in diesem Laden um mich mit dem Anblick von etwas Schönen und zugleich Banalen abzulenken, von den Gedanken in meinem Kopf, die wenig schön und nicht banal waren an diesem Vormittag.

Die Frau saß auf einem Barhocker hinter der Ladentheke und war ungefähr in meinem Alter. Auf der Theke lag ein Buch. Auf rosa Grund stand in weißen Buchstaben: "Die Magie der Gedanken", darunter - "Fünf Regeln für ein glückliches Leben".

Schmale Lippen, mit einem auberginefarbenen Lippenstift nachlässig gefärbt, lächelten mich in Verkäuferinnenmanier an: "Kann ich Ihnen helfen?" Ich verneinte mit einem Lächeln, das mir an diesem Vormittag schwer fiel. Die Wäsche interessierte mich nicht mehr. Meine Aufmerksamkeit galt dem Buch. "Darf ich sie fragen, was Sie da lesen?" Das Lächeln der Frau breitete sich aus, verwandelte sich in ein glücklichseliges Strahlen. "Dieses Buch ist meine Rettung", sagte sie und, dass ihr das Buch die Augen geöffnet habe, dass sie nun endlich wisse, wie man im Leben alles bekommt, was man sich wünscht, wenn man die Macht der Gedanken einsetzt.

Ohne Unterlass setzte sie ihren Monolog fort, erklärte mir, dass jeder Mensch selbst für das verantwortlich sei, was in seinem Leben geschieht, ganz gleich ob im Guten oder im Schlechten, dass es kein Schicksal gebe und dass wir alles steuern können, wenn wir nur die richtigen Gedanken denken. Ich hörte zu, schwieg, wissend, eine Zwischenbemerkung oder eine Frage zu stellen wäre ein sinnloses Unterfangen. Endlich endete sie mit dem Satz: "Sie müssen wissen, wir sind der Herr unsers eigenen Lebens."

Ob sie eine Antwort erwartete weiß ich nicht, ehrlich gesagt, es interessierte mich auch nicht. Es gibt Worte auf die es keine Antworten und auch keine Fragen geben kann. Mir blieb ihr zuzulächeln. Das tat ich und verließ den Laden.

In meinen Kopf formten sich Antworten, die mich nach Hause begleiteten.
Welch eine Anmaßung, zu glauben Herr des eigenen Lebens zu sein. Wie vermessen ist die Überzeugung mit dem Verstand und der Macht der Gedanken alles im Griff zu haben und alles erreichen zu können. Solche Gedanken sind eine Allmachtsfantasie unserer Zeit. Sie sind falsch, denn das Unterbewusste ist stärker als der bewusste Verstand und - ja, es gibt etwas, das größer ist als wir.










Montag, 22. November 2010

Was ist Kultur? Eine subjektive Reflexion

Anthropologisch verstanden deckt das Wort „Kultur“ alles ab, vom Ackerbau, über die Kleidung, das Fußballspiel, bis hin zum Besuch eines Theaterstückes. Nach der anthropologischen Definiton hat der Begriff Kultur eine Bandbreite grenzenloser Möglichkeiten. Daher besteht auch die Schwierigkeit einer allgemeinverständlichen, allgemeingültigen und allgemein akzeptierten Definition des Begriffs Kultur. Der Begriff Kultur hat in der Moderne die Schwammigkeit eines Ausdrucks, der alles umfasst, was von Menschen geschaffen ist und menschliches Handeln angeht. Nach der anthropologischen Definition ist der Begriff Kultur die Angelegenheit einer Massenkultur, die eine Fülle von Subkulturen lebt und praktiziert.

Kultur, im klassischen Sinne, verstanden als Geist, Schöpfungs, Bildungs- und Werteprinzip, dient ihrem Denkansatz und ihrer Ausübung nach dem, was menschliche Seinsverwirklichung und Entwicklung ausmacht. Ihrem Wesen nach ist Kultur im klassischen Sinne die komplexeste Form menschlicher Veredelung mit dem Ziel einer bewussten, kultivierten (gepflegten), menschlichen Lebensweise im Sinne von: Was der Mensch sein könnte, in seinem Denken und Handeln, individuell und kollektiv, im Umgang mit sich selbst und anderen.

Die Fülle der Subkulturen, wo Fast Food, wie der Hamburger zum Kulturgut, im Sinne von Esskultur, mutiert ist führt nicht zu menschlicher „Veredelung“ – sie führt mehr und mehr zur Verfettung eines Volkes. Diese Art von Kultur wendet sich gegen das Prinzip „mens sana in corpero sano“, ein gesunder Geist in einem gesunden Körper.

Medialer Subkultur, die heute allgemein als Kultur empfunden wird, haftet oft Ungesundes und Destruktives an. Ungesundes und Destruktives zeigt sich auch in TV- Formaten, in welchen freiwillige Protagonisten „vorgeführt“ und im schlimmsten Fall der Lächerlichkeit preisgegeben werden. Auf diese Weise werden sukzessiv menschliche, ethische und moralische Werte wie Respekt, Achutung, Würde und Toleranz im Rahmen eines Medienspektakels zerstört und letztlich zerschlagen. Interessant dabei, am Rande bemerkt, ist der Aspekt des Opfer-Täter Themas, das sich hier relativiert und verkehrt. Mittels dieses, durch permante Wiederholung nachhaltig sich verfestigenden Wahrnehmungsstimulus wird suggeriert: Wer freiwillig handelt ist kein Opfer. Der in der Tat „handelnde“ Protagonist wird aber vom Publikum dennoch als solches wahrgenommen, verachtet, bemitleidet oder verurteilt. Die „Täter“ (die Moderatoren) werden bewundert. Wer ist hier Täter und wer ist Opfer, oder sind beide Beides und wer sind die wahren Täter?

Kausal sind diese Auswüchse einer verdrehten Scheinwelt von jenen inszeniert, die derartige Sendungen kreieren. Nachdenkenswert ist die Frage: Aus welcher Motivation heraus und mit welcher Absicht werden solche Formate entwickelt und von den verantwortlichen Entscheidern abgesegnet? Die degenerative Beeinflussung der Gedanken- und Gefühlswelt eines Volkes als kulturelles Massenprogramm? Ist das Kultur?

Die subkulturelle Macht der Medien wird unterschätzt: Aufgrund ihrer Verbreitung in Millionen Haushalte sind Fernsehen und Internet nahezu allmächtig und nur durch konsequentes Selektieren des Einzelnen (was will ich sehen, was nicht?) kontrollierbar. Aber, wie bewusst ist der Einzelne? In den Spaßgesellschafts- Formaten der medialen Unterhaltungsindustrie, wie etwa „Deutschland sucht den Superstar“, wird ein Menschenbild inszeniert, das mit Wertschätzung und Toleranz, Achtung und Respekt vor dem Gegenüber wenig zu tun hat. Der Mensch wird hier vor den Augen einer breiten Öffentlichkeit durch Bewertung Einzelner in seiner Individualität und Integrität verletzt und damit vor dem Kollektiv, in diesem Fall der Masse der Fernsehzuschauer, „entwertet“. Ob freiwillig oder nicht.

Die durch das Fernsehen unterstützte und propagierte Entwertung des Menschen, betrieben durch fragwürdige Vorbildfiguren, wird als Normalität in zwischenmenschlicher Kommunikationsform verinnerlicht und somit zur gesellschaftlichen akzeptierten und adaptierten Norm. Die kognitive Erfahrung, die so konditioniert wird, ist eine durch das Fernsehen gestützte und legalisierte Missachtung des Menschen in seinem Menschsein. Darin liegt die Gefahr einer kulturellen Verrohung des Subjekts. Man stelle sich das in etwa so vor: „Der Bohlen beleidigt doch auch die Leute …also darf ich das auch“.

Wie ist es möglich, dass ein Staat sich über eine schleichende Verrohung wundert, die ihre Auswüchse in einer Zunahme von Gewaltdelikten, besonders unter Jugendlichen und Familien hat, wenn er dem tabu- und ethiklosen Treiben der Medien kritiklos zuschaut? Und wie gefährlich ist der Gegensatz zwischen Alltagsrealität, wo das ökonomische Überleben im Focus steht und dem, was die Medien uns an schöner Konsumwelt vorgaukeln?

Er zeigt sich an den Randgebieten als Ausdruck einer Subkultur, welche sich auf einer allgemeinen Verrohung durch die Medien, auf dem Bodensatz einer Gesellschaft in der Krise, einer Vermehrung sozialer Randgruppen (Migranten, Arbeitslose, arbeitslose Jugendliche) und einer wachsenden Orientierungslosigkeit gründet. Diese Menschen ziehen ihre ungesunde Nahrung aus Perspektivlosigkeit und diffuser Angst, welche durch das Kippen des bröckelnden Sozialstaates Deutschland wächst, dessen Auffangsysteme mehr und mehr in sich zusammenfallen. Mit dem Effekt, dass Frustration, Ohnmacht und Wut wachsen, die sich mehr und mehr in der Öffentlichkeit, inmitten der Strassen, entlädt.

Hohe Arbeitslosigkeit, breite Verarmung, die immer weiter zunehmende Polarisierung zwischen Arm und Reich, die Perspektivlosigkeit der Jungen und die Hoffnungslosigkeit derer, die doppelt gedemütigt wurden, weil ihre Leistungen nichts mehr gelten und weil sie im System keine Chance mehr haben - das ist der Nährboden für den Verlust aller Regeln, Empathie und Humanität.

Wer in der Werbung täglich vorgegaukelt bekommt, was für ein "gutes Leben" nötig ist, aber keine Chance hat dieses durch ehrliche Arbeit zu erreichen, wer gleichzeitig erlebt wie die der Staat für Eigenwerbung Geld verpulvert, wie sich durch Spekulation riesige Einkünfte ansammeln, wie arbeitslose Menschen stigmatisiert und von Politkern via Fernsehen über einen Kamm geschert werden, wie subtile Feindbilder geschaffen werden - wie wird der reagieren? Ein Staat, der die soziale Polarisierung immer weiter vorantreibt wird in ihrem Gefolge Korruption und Kriminalität, Extremismus, Rassismus und Gewalt finden.

Viele Menschen leiden daran, dass ihre reale Lebenssituation, die von Angst geprägt ist und vom lähmenden Gefühl der Ausweglosigkeit beherrscht wird, permanent von den Erlebensmöglichkeiten einer Reizkultur überdeckt wird, die ihnen vorgaukelt, dass alles möglich ist. Sie spüren die Lüge und den Verrat.

Ist das Kultur? Und in wieweit ist der Staat mitverantwortlich für das, was Kultur sein soll und als solche kommuniziert und gelebt wird?

Um zu einer Sinn machenden Definition des Begriffs KULTUR zu gelangen müssen wir uns dem Begriff der Kulturkritik zuwenden. Weiter wenden wir uns damit folgerichtig einer Differenzierung des Begriffs Kultur zu: einem Kulturbegriff, der darauf basiert, dass Kultur einst ein geistiger Begriff war. Dieser definiert Kultur als ein ausdifferenziertes Teilsystem der modernen Gesellschaft, dass sich auf intellektuelle und ästhetische Weltdeutungen spezialisiert und von der Massenkultur abgrenzbar scheint. Mit dieser Option soll Kultur aus diesem Teilsystem heraus nach außen, in die Massenkultur wirken und zwar kritisierend, konstruktiv und mit Vorbildfunktion.

„Erst dem Tun entspringt das Sein. Tun ist gestalten, formen, bilden“, schreibt der Kulturphilosoph Ernst Cassirer.

Wenn das Tun aber sinnentleert ist und zu affektiver Verrohung und Verdummung führt – welche Gestalt formt es dann und was bildet es heraus?

Massenkultur versus Kultur?

Hier befinden wir uns zwischen einem entmutigenden und quälend engen Kulturbegriff, den jede der „kulturellen“ Gruppen für sich vehement verteidigt, besonders deshalb, weil die Identitätsbildung einer Gruppe stark mit ihrer gelebten Kultur verbunden ist. Wenn Kultur alles bedeuten soll, was von Menschen gemacht ist und nicht von Natur aus gegeben ist, dann gehören die Medienkultur, die emotionale Verrohung, die Gewalt und die Angst dazu. Die Massenkultur weicht die Ästhetik eines sinnhaften Kulturbegriffs auf. Ist die Idee der Kultur damit heute in der Krise? Oder gehen Kultur und Krise seit jeher Hand in Hand? Nie zuvor war Kultur weniger ein geistiger Begriff als im Zeitalter der Medien und der Reizüberflutung. Kulturkritiker sprechen von Reizkultur. Kultur heute ist ein Schlagwort für alles und jedes. Ein Begriff den sich jedermann gefügig machen kann, weil er nicht geschützt ist und aufgrund seiner anthropologischen Definition unendlich ausweitbar.

Wir stecken in einem Dilemma, zumindest die, denen die Kultur als Nahrung für Seele, Geist und Körper, in ihrem Ethos, den sie meiner Ansicht nach bedingt, wertvoll ist. Wie etwas verfolgen, wie etwas umsetzen, von dem keiner mehr weiß was es bedeutet? Wie damit umgehen, wenn einer behauptet, Skateboarden und Komasaufen sei für ihn mehr Kultur als Literatur, Kunst, Musik oder philosophisches Denken.

Die Feinde der Kultur sind die Dummheit, die Ignoranz, die Unfähigkeit zur Selbstreflexion, das Bedürfnis nach endloser Betäubung durch äußere Reize, die Gier nach Genuss und Befriedigung und das Streben nach Haben in einer Welt in der sich das Sein ausschließlich über das Haben definiert.

Wer für die Kultur und im Sinne der Kultur arbeit will sicher nicht ein Wiederaufleben der bürgerlichen Hochkultur, die ausschließlich einer Elite zugänglich ist. So wird sie zu einer Minderheitsangelegenheit und verfehlt ihren Zweck, nämlich das Herausbilden von Funktionalem und das Erhalten von Werten. Kultur heißt immer auch Tradition und Entwicklung - und dies zum Besseren hin. Aber wer entscheidet was das Bessere ist? Die Medien sicher nicht. Die Wirtschaft sicher nicht. Der Staat? Überlassen wir die Kultur dem Staat, so wird die Kultur politisch und damit unfrei und im Zweifel, wie die Geschichte zeigt, zum Machtmittel mit verheerenden Folgen.

Kulturelle Entwicklung und Veränderung bedeuten: jenes, was vom Alten, Erprobten, Traditionellen, Sinnvollen, Menschlichem, Wertigem und Sinngebenden funktioniert und sich bewährt hat mit hinüber zu nehmen in das Neue. Es geht nicht um Innovation um jeden Preis, es geht um Integration, auch mit dem Ziel einer Individuation des Einzelnen im Kollektiv, denn dieses besteht letztlich aus Einzelnen, um das Beste für das Ganze durch den Einzelnen zu bewirken.

Die Verfassung der Menschenrechte fordert in Art. 15 das Recht auf Teilhabe am kulturellen Leben. Entscheidend für ein sinnvolles und sich zur Humanität hin entwickelndes kulturelles Leben ist, zu erkennen, was zu prosaisch ist, was zu destruktiv ist, zu zersetzend um als Kultur empfunden und verbreitet zu werden.

Der Kulturphilosoph Ernst Cassirer befand, dass der Mensch nicht in einem physikalischen, sondern in einem symbolischen Universum lebt, dessen Bestandteile Sprache, Mythos, Kunst; Religion, Wissenschaft und Politik sind. Dieses von den Menschen selbst geschaffene Netz verfeinert sich nach Cassirer mit jedem Fortschritt in Erfahrung und Denken. Massenkultur aber, die dem Menschen sichtlich und fühlbar schadet ist kein Fortschritt in Erfahrung und Denken und damit keine Kultur. Wäre dies so, stellt sich die Frage: ist der Vernunft in einer Welt der Sinnentleerung Sehen und Hören vergangen?

Donnerstag, 18. November 2010

Neue Daten in die Schachtel der Erfahrungen

Wir alle sind geprägt von unseren Erfahrungen, besser, davon, wie wir all diese Erfahrungen wahrgenommen haben. Nicht das Erfahrene gibt den Dingen und Erlebnissen ihre Bedeutung, sondern das Gefühlte dieser Erfahrungen. Das prägt uns.

Es ist wie ein Subtext, der bei allem was wir tun mitläuft. Wie die Untertitel im Fernsehen, der Crawl bei den Nachrichtensendungen laufen diese "gefühlten" Erfahrungen mit. Unten eben, im Unterbewussten. Wir merken es nicht mal.

Wenn wir es merken, nehmen wir uns vor etwas daran zu ändern, besonders dann, wenn diese alten Erfahrungen uns im Leben blockieren. Also versuchen wir sie zu löschen. Geht aber nicht. Was in der Schachtel der Erfahrungen drin ist, bleibt hartnäckig wo es ist, es ist sozusagen auf der Festplatte gespeichert. Ab in den Papierkorb? Ein sinnloses Unterfangen, denn die Erinnerungen auf unserer Festplatte lassen sich nicht wegschmeissen.

Neue Erfahrungen machen und so neue Daten speichern? Eine Möglichkeit. Jedoch muss man dabei auf der Hut sein, denn ich habe den leisen Verdacht, dass unser hinterhältiges Unterbewusstsein genau auf das anspringt, was es schon kennt. Mit anderen Worten: Wir springen, ohne es zu wollen, immer wieder auf ähnliche Dinge, Situationen und Menschen an, die zu unseren Erfahrungen irgendwie passen - und tappen immer wieder in die Falle ähnlicher Erfahrungen.

Was tun?
Das Muster erkennen? Das könnte bedeuten: Da hin gucken, wo es im Zweifel weh tun könnte. Das könnte bedeuten: Fragen stellen. Solche vielleicht: Warum passiert mir das immer wieder? Warum falle ich immer wieder auf den gleichen Typ Mann rein, warum sage ich ja, wo ich eigentlich nein meine, warum lasse ich mich immer wieder von anderen einspannen, wo ich doch mein eigenes Ding machen will? Warum versuche ich freundlich zu bleiben, wo ich eigentlich eine Stinkwut habe? Das sind gute Fragen, finde ich.

Jeder, der so im Leben rumwurschtelt und nie oder nur mühsam erreicht was er gern erreichen würde, es ob seiner Fähigkeiten auch durchaus ganz leicht erreichen könnte, hat eine Wunde, einen Knacks, ein Selbstkonzept, das alles andere als gut für ihn ist. Er hat ein fest einprogrammiertes Glaubensmuster über sich und über seine Wirkung in der Aussenwelt. Ein Muster, das geprägt ist von Selbstkritik, von zu viel Selbstreflexion, Selbstzweifeln und dem Gefühl, aus dem all das geboren wird - das Gefühl heißt: "Ich bin nicht wertvoll genug." Wofür nicht? Um es mir gut gehen zu lassen, um mich durchzusetzen, um mich zuerst um mein Leben zu kümmern und dann vielleicht, wenn ich wirklich will, um das der anderen?

Man kann sich dieses Glaubensmuster vorstellen wie eine Energie, die nach Aussen abstrahlt. Hätte sie eine Farbe wäre sie Grau. Und dieses Grau wird wahrgenommen und zwar von denen, die ähnliche Gefühle haben, die eine Resonanz zu unserer Energie haben, weil sie ähnliche Glaubensmuster und vergleichbare Selbstkonzepte haben. Wie heißt es doch so schön: "Gleich und gleich gesellt sich gern. Oder wie Rilke schreibt: "Wir lieben was uns gleich ist..."
Bäng! ist man wieder um eine ähnlich Begegnung, um eine ähnliche Erfahrung reicher, die man nie mehr machen wollte. Also, auch wenn es einfacher wäre zu glauben, "schnöde Welt, du bist schuld", ich denke es liegt an uns, wenn uns zum hundertsten Mal das Gleiche in anderer Gestalt und abgewandelter Form begegnet. Nix mit - aus Erfahrung wird man klug. Weit gefehlt!

Gleichwohl, und das ist das doppelt Vertrackte, merken auch die, die nicht in unserer Energie schwingen, was da so rüberschwingt. Wodurch? Also, meine liebe Oma hatte da so einen Spruch, der heißt: "Wer den Rücken beugt, dem wird reingetreten." Übrigens, meine Oma gehörte zu denen, die ihn immer schön gebeugt haben. Sie wusste wovon sie sprach. Nebenbei gesagt, die Oma ist nicht alt geworden.

Wenn andere merken, dass wir uns klein fühlen (wer sich klein fühlt, verhält sich auch so) und dass wir uns selbst nicht wirklich gut finden, dann behandeln sie uns nicht gut. Haben wir ja auch nicht verdient. Am Ende wird man krumm vom Beugen. Wissen tun wir das irgendwie alle und doch begegnen mir immer wieder Menschen, die, trotzdem sie es wissen, immer schön in die alte Schachtel greifen und das mit der Ausrede: So bin ich halt! So bin ich auch, würde mir besser gefallen.

Also ich sag mal so. Erfahrungen kann man verändern. Veränderung ist ein Prozess. Neue Daten in die Schachtel packen bedeutet Arbeit an uns selbst. Wunder und Wünsche, na ja, das hatte ich schon an anderer Stelle.

Aber es gibt eine gute Übung um neue Daten zu sammeln und neue Erfahrungen zu machen. Die Übung heißt: "Ich bin der wertvollste Mensch in meinem Leben!" Besonders dann anzuwenden, wenn wir uns mal wieder beim Rückenbeugen erwischen. Das bedeutet auf uns selbst Acht zu geben. Das ist genau das, was eine gute Mutter für uns tun würde. Ich übe es gerade.







Dienstag, 16. November 2010

Gott hat mit Wunschkonzerten nichts zu tun ...

"Gott ist kein Würfelspieler, und mit Wunschkonzerten hat er auch nichts zu tun", sagte ein Freund zu mir. Es war seine Antwort auf die Enttäuschung meines Sohnes, der traurig ist, weil er seine Wünsche von Gott nicht erfüllt bekommt. Es sind keine großen Wünsche, aber wesentliche Wünsche, Wünsche für sein Leben, das anders ist, als er es sich gewünscht hat. Und ich mir für ihn.

Der Freund hat Recht. Nein, Gott ist sicher kein Würfelspieler und für Wunschkonzerte hat er sicher auch keine Zeit. Die Ohren müssen im klingen von all den Wünschen, die zu ihm dringen - ein lautes Wunschkonzert. Sicher hat er längst den Ton ganz leise gedreht. Ich nehme es ihm nicht übel. Das ist gesunder Selbstschutz.

Immer weniger Menschen glauben an Gott. Gott ist altmodisch geworden. Er wohnt in den Kirchen und in den Schriften der Bibel, dieser Gott von dem man uns von Kindesbeinen an, erzählt hat. Wir haben ihn in Erinnerung wie die Märchen der Gebrüder Grimm. Doch immer dann, wenn das Unerwartbare in unser Leben einbricht, dann, wenn ein einziger Augenblick alles ändert was war, immer dann, wenn die Krise sich zeigt, dann erinnern wir uns, dann glauben wir wieder, dann beten wir, dann verlegen wir uns auf das Wünschen. In der Verzweiflung ist Gott oft der letzte Halt. Nun, vielleicht stinkt ihm das, dass wir ihn nur dann ansprechen, wenn wir nicht mehr weiter wissen. Mal ehrlich, ich wäre ziemlich sauer, wenn die, die ich liebe, nur dann anklopfen, wenn sie nicht mehr weiter wissen.

Trotzdem. Ich bin für das Wünschen. Oder besser: Ich bin für das Bitten. Ich bin für jeden Versuch, für jede Möglichkeit, die uns hilft weiter zu machen. Ich weiß, das Mögliche ist immer möglich. Auch wenn der Versuch misslingt - es war ein Versuch. Und manchmal habe ich das Gefühl, dass er gelingt, dass mir meine Wünsche und Bitten erfüllt werden. Dann habe ich das Gefühl, dass ich ein Geschenk bekommen habe. Es sieht nur anders aus, als ich es mir gewünscht habe. Die Geschenke von Gott sind in der Regel auch nicht so schön verpackt, wie wir wir uns das wünschen. Aber wenn wir genau hingucken, dann sind es wertvolle Geschenke. Unser Begabungen zum Beispiel, die Potentiale, die in uns angelegt sind, die Kraft weiter zu machen. Das sind Geschenke, die wir allzu oft nicht erkennen, nicht schätzen und nicht nutzen. Dann liegen sie da, unbeachtet - und dafür kann Gott dann gar nichts. Dafür können wir etwas. Mein Gott, was soll er denn da machen?

Wenn ich an Gott denke, dann denke ich an ihn wie an einen guten Vater, der seinen Kindern Werkzeuge in die Hand gibt, um das zu erschaffen, was ihnen mit genau diesen Werkzeugen möglich ist. Machen eben, nicht machen lassen. Probieren, was geht. Ausprobieren, immer wieder, bis es klappt. Üben, solange wir leben. Ich denke, die Kunst ist zu sehen, was möglich ist, mit diesen Werkzeugen. Und wie alle Kunst bedeutet das, ein beständiges Arbeiten, Entwickeln und Vervollkommnen. Ja, Arbeit! Und zwar an uns selbst, am Leben.

Nein, Gott hat mit Wunschkonzerten nichts zu tun.
Wir bekommen nicht immer das, was wir uns wünschen, aber ich glaube fest daran, dass wir bekommen, was wir brauchen, um der zu werden, der wir sind.









Sonntag, 14. November 2010

Nachtrag zum brotlosen Künstlertum


Nein, das kleine Theater war nicht brechend voll. Nein, es gab keine Riesenschlange, die unseren Mann am Einlass ins Schwitzen brachte, weil er mit dem Ticketverkauf nicht nachkam. Nein, die Premiere war nicht ausverkauft. All das war nicht.

Sicher, wir haben es uns gewünscht. Die Regisseure, das Schauspielerteam, die Nebendarsteller - wir alle hatten Hoffnung auf ein ausverkauftes Haus. Wir haben gute Pressearbeit gemacht, es gab Vorberichte in den Zeitungen, wir haben per Mail und per Post Einladungen verschickt und fünftausend Flyer verteilt. Wir haben getan, was richtig, wichtig und sinnvoll war. Und trotzdem: ein volles Haus gab es nicht. Aber es war auch nicht niemand da, der das Stück sehen wollte. Die Zuschauer, die da waren, denen hat es gefallen. Sie haben uns drei Stunden lang ihre Aufmerksamkeit geschenkt, sie haben mit uns interagiert und kommuniziert. Am Ende haben sie uns applaudiert. Das war der Lohn für drei Wochen intensive Probenarbeit, der Lohn für die Anstrengung beim Proben im kalten Theaterraum, der Lohn für die Konzentration auf ein fantastisches Stück Theater und die Entwicklung aller Figuren. Wir haben uns gefreut. Wir haben diesen Moment des Applaudierens genossen.

Und genau darauf kommt es an. Auf den Moment, wo da dieses Gefühl ist, etwas Gutes und Sinnvolles gemacht zu haben, nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere. Ein schöner Moment. Es kommt auf all die Momente an, in denen die brotlosen Künstler am Werk sind. Momente, in denen sie ihr ganzes Sein in die Arbeit geben und sich in ihr verwirklichen. In diesen Momenten geht es nicht um das Verfolgen egozentrischer persönlicher Ziele, da wird nicht wegen eines Endergebnisses gemacht und getan, da wird Kunst gemacht und zwar mit der ganzen Aufmerksamkeit im Moment. Da zählt der Akt an sich, das Tun selbst. All das sind Momente der Erfüllung, der Hingabe an etwas, das erschaffen werden will, das in Kostüm und Maske leben will. Das sind erfüllende Momente eines kreativen Prozesses.

Nein - es geht nicht um den sturen Blick auf den Erfolg. Wäre das so, hätten viele brotlose Künstler ihre Arbeit längst hingeschmissen. Ihre Spezies wäre ausgestorben.

Der Lohn den so manche übersehen, den auch der brotlose Künstler bisweilen übersieht, wenn die Resonanz auf das Geschaffene nicht überwältigend ist, ist mehr wert als Geld. Der Lohn ist dieses tiefe innere Wissen, dass Zufriedenheit nicht von Erfolg und Mißerfolg abhängt. Und genau darin liegt Freiheit.


Es lebe die brotlose Kunst!

Brotlose Künstler gelten als Künstler im klassischen Wortsinn. Sie schaffen um des Schaffens willen, sie schauen nicht auf Wohlstand, oder eine funktionierende Zentralheizung. Ihnen genügen Begriffe wie Lob und Anerkennung. Wann immer sie ein Werk vollendet haben, drängt es sie nach neuen Taten.


Sie wissen, wichtiger für den Erfolg als Können und Qualität sind gute Beziehungen zu bestimmten Menschen, die Macht und Einfluss haben, zu Kommissionen und Redaktionen.

Sie wissen, dass sich die große Mehrheit der sozialen Norm fügt und die Zahl der Abweichler, die Kunst für eine lebensnotwendige Sache halten, gering ist.

Sie wissen, dass es der Mehrheit nicht um Inhalte, sondern um eine attraktive Verpackung und leicht verdauliche Unterhaltung geht.

Sie wissen, dass die Mehrzahl der Besucher von Vernissagen nicht um der Werke willen, sondern zum Prossecco Trinken, Häppchen essen und Smalltalken erscheint.

Sie wissen, dass der Erfolg aller Kunst vom richtigen Marketing abhängt und nicht von der Qualität des Werkes.

Sie wissen, dass gutes Marketing viel mit Imagepflge zu tun hat.

Sie wissen, dass erfolgreiches Marketing viel Geld kostet.

Sie wissen, dass Glück ein entscheidender Faktor ist, um nachhaltig Erfolg zu haben.

Sie wissen, wie anstrengend es ist von Pontius zu Pilatus zu laufen, um Geld für ihre Projekt zusammenzubetteln.

Sie wissen, dass Kreativität ein soziales Problem ist, sowohl was ihre Definition, ihr Zustandekommen, als auch ihre Anerkennung betrifft.

Sie wissen, dass nicht die Kreativität das Problem ist, sondern ihre Durchsetzung.

Sie wissen, dass das Allgemeine das Besondere schlägt.

Sie wissen um die Sinnkrisen, die ins Bodenlose ziehen und um die immer wieder kehrende Frage: Warum mache ich das eigentlich?

Sie wissen, dass es nur eine Antwort auf diese Frage gibt: Ich kann nicht anders.

Sie wissen, dass sie weitgehend auf immer wieder neue Selbstmotivation angewiesen sind.

Sie wissen, dass sie trotz aller Niederlagen, aller Irrtümer und Zweifel, der Mensch sind, der sie sind und kein anderer werden.

Sie wissen, dass sie dennoch ihrem Innern immer wieder Glauben schenken müssen.

Sie wissen jenseits von Sieg und Niederlagen liegt ihr Ruhm.

Sie wissen, dass der Glaube an sich selbst, das Elexier ist, dass sie leben lässt.

Sie wissen: die Geschichte hat bewiesen, dass viele der heute anerkannten Künstler der Hochkultur zu Lebzeiten verfemt waren. Sie wissen um die vielen Maler, die zu Lebzeiten keine Anerkennung fanden. Sie wissen um die Denker, die im Kerker landeten, oder ihre Ideen mit dem Tod bezahlen mussten.


Sie wissen: Der Erfolg stellte sich eben erst nach dem Tod des Künstlers ein.

Sie wissen: Brotlose Kunst ist niemals tot!