Donnerstag, 12. Januar 2012

Gedankensplitter 32


meine seele liebt illusionen.
sie hat kein interesse an den kategorien von realität.
meine seele hat ihre eigene wahrheit.
für sie ist wahr, was wirkt.

Samstag, 7. Januar 2012

DIE PLICHT

die bücher stapelten sich auf dem schreibtisch.

bgb, hgb, strafgesetzbuch. gebundene papiertürme, vollgepackt mit informationen. das musste alles in seinen kopf hinein. er hasste paragraphen, hasste gesetze. messbare größen, starres von menschen ausgedachtes um recht und ordnung festzuschrauben, unbeugsames in worten fixiertes, ein sammelsurium von unveränderbarkeiten, das keinen spielraum ließ, seine gedanken einpferchte in den käfig purer akzeptanz.

es ist wie es ist, dachte er, sich selbst besänftigend, das gefühl von wut eindämmend, dass sich ausbreitete, wenn er sich dem lernstoff zuwendete, widerwillig auch dieses mal.

er zündete sich eine zigarette an. ein weiterer aufschub, eine kleine flucht, die ihm das miese gefühl gab es nie zu schaffen. wegschieben ist keine lösung, dachte er, wissend dass das nicht sein gedachtes war, sondern das des vaters. wegschieben war, was er am besten konnte. die erinnerung wegzuschieben gelang ihm nicht. die breitete sich aus, immer dann, wenn er in die pflicht genommen war.

er hatte sich entschieden, auf anraten des vaters, jura zu studieren. da hast du immer arbeit, die menschen begehen verbrechen, die sterben nicht aus die verbrecher, hatte der vater gesagt und karl hatte einsicht gezeigt. er wusste sowieso nicht was er wollte. er hatte es nie gewusst. ob er überhaupt jemals etwas gewollt hatte, wirklich gewollt hatte, hatte er vergessen. es sind nur noch zwei semester, beschwichtigte er seinen widerwillen, dann wars das. was das dann war, war ihm nicht klar, aber das war im moment nicht wichtig, wichtig war, dass er endlich fertig wurde mit dem studium. der vater wartete.

erst die pflicht und dann das vergnügen. die worte des vaters klangen ihm in den ohren, hämmerten von innen gegen sein trommelfell, gingen in ein summendes vibrieren über. wie ein tinitus, unheilbar, dachte er, dagegen gibt es keine medizin.

er achtete darauf, dass er seine pflicht tat. der vater konnte ihm nichts vorwerfen, wusste nichts von dem sträuben, das ihn quälte. die pflicht, er hatte nie etwas anderes getan, als sie zu erfüllen. während seine kommolitonen am abend beim bier saßen, saß karl am schreibtisch. vergnügen muss man sich verdienen, vibrierte es weiter, mittlerweile im ganzen kopf. karl hielt sich die ohren zu. das vibrieren interessierte das nicht, mit gewalt drückte es sich von innen nach aussen. es tat weh.

alles hat seinen preis, im leben kriegst du nichts geschenkt, auch das hatte der vater ihm eingehämmert. karl drückte die aufgerauchte zigarette in den überquellenden aschenbecher, griff nach der zigarettenpackung, zog eine weitere kippe herraus und zündete sie an.

am anfang hatten sie ihn noch gefragt, ob er mitkäme auf ein bierchen oder ins kino. die pflicht ruft, hatte er sie abgewiesen, immer wieder. irgendwann fragten sie nicht mehr. er hatte längst vergessen wie sich der ton seiner haustürklingel anhörte. das schnappende geräusch, das die tür machte, wenn sie ins schloß fiel, wenn er am späten nachmittag von der uni nach hause kam, war ihm vertraut. das klang wie - klappe zu, affe tot.

er musste lachen, das bild schien ihm gelungen. witzig, irrwitzig, dachte er, und dass irre werden die einzige chance war der pflicht zu entkommen, die der vater, ausser einer unheilbaren krankheit oder seinem frühzeitigen ableben, als ausrede akzeptieren würde. er lachte wieder. das lachen klang bitter, prallte dumpf gegen die bücherwand, die immer näher rückte. karl öffnete den hemdkragen, lockerte die krawatte, die ihm den adamsapfel zudrückte. er bekam trotzdem kaum luft. mit einem ruck stand er auf und riss das fenster auf. der vorhang rutschte von der schiene, fiel in sich zusammen und landete auf den braunen teppichboden. er bückte sich, hob ihn auf und warf ihn in den wäschekorb im badezimmer. das kalte licht der neonröhre knallte ihm ins gesicht wie eine ohrfeige. wenn du nichts spurst setzt es was, flüsterte die erinnerung. karl schüttelte den kopf um sie abzuschütteln. sein blick verhakte sich im spiegel. was er sah gefiel ihm nicht. er ähnelte dem vater immer mehr. er war schmal geworden, seine haut hatte einen gelblichen ton angenommen. zu wenig sauerstoff, dachte er, und dass er doch mal rausgehen sollte. seine lippen formten lautlos das wort stubenhocker.

er ging zum schreibtisch zurück. am vorhanglosen fenster blieb er stehen. draussen schien eine milde abendsonne, der lärm der strasse drang ins zimmer. die anderen saßen jetzt sicher im biergarten, genossen die wärme des sommerabends und hatten ihren spaß. erst die pflicht, dann das vergnügen, meldete sich das vibrieren in seinen ohren zurück. es wurde lauter, als er den schlüssel aus dem schloß zog, die tür aufriss, sie mit wucht zuschlug und die treppe hinunter rannte.

vor der haustür klatschte ihm der erste dicke regentrogen ins gesicht. morgen, dachte karl, drehte sich auf dem absatz um und ging nach oben.

Freitag, 6. Januar 2012

Erwartungen

da sind so viel löcher in mir und all diese löcher sind die quelle meines brauchens.

er strich mit der hand eine strähne seines langen grauen haares aus der stirn. er war fahrig, nervös auf eine art, die trotzdem seltsam ruhig wirkte. ich habe sie gebraucht, sagte er. mehr als sie mich. der zauber der verliebteit lässt uns glauben unsere angst vor der einsamkeit, das bedürfnis nach sicherheit, unser angewiesensein auf anerkennung zu überwinden. aber das ist eine illusion. der zauber ist, wie der rausch einer droge, flüchtig. am ende der verliebtheit sehen wir die löcher, die wir mit dem verliebtsein gefüllt haben und sie sind schwärzer und tiefer als zuvor. das einzige was uns helfen kann sie zu füllen, ist die überwindung des brauchens. liebe braucht nicht.


aber ich liebe meinen mann und ich brauche ihn, sagte sie, das eine und das andere. es bedingt sich.

er schüttelte vehement den kopf, die strähne fiel ihm wieder ins gesicht. der irrtum, den wir begehen ist, dass wir die löcher in uns für die löcher in der beziehung halten, dann, wenn wir eine weile miteinander leben, wenn die schwierigkeiten kommen. dann glauben wir die beziehung ist das schwierige, weil wir unsere eigenen löcher vergessen haben.

weil die liebe nicht braucht ist ihr blick klar. ein reifes ich in dem die liebe wohnt ist sehend. liebe ist kein schicksalsschwageres mysterium, das irgendwo in einem anderen menschen auf uns wartet. liebe ist das selbst und weltbild eines reifen ichs, das nicht besitzen, nicht verändern will, keine bindung anstrebt, sondern verbundenheit.

sie sah ihn an, verstand nicht, zugleich faszinierte sie, was er sagte. aber wir binden uns immer an etwas und besonders an menschen, das ist doch menschlich, schoß es aus ihr heraus.

er schien ihre worte nicht zu hören, setzte seinen monolog fort. ich wollte sie besitzen, ich wollte, dass sie mich glücklich macht. ich habe sie nicht geliebt, auch wenn ich es geglaubt habe, ich war bedürftig nach ihrer liebe und weil ich bedürftig war, musste ich sie verlieren. jetzt liebe ich sie ohne zweck und mit dem schrecklichen wissen - sie kommt nicht mehr zurück. ich zahle den preis und es tut weh. aber ich falle nicht ins leere, ich fühle so nicht. ich weiß, dass ich diesen weg gehen muss. ich muss zu mir selbst finden.

sie fühlte seine trauer, die des verlassenen.

ich habe diese erfahrung machen müssen um zu begreifen, dass wir, wenn wir lieben, wenn das ich und die liebe identisch sind, niemals ins leere fallen können. das ist meine lektion, die begegnung mit mir selbst um die entdeckung der liebe zu machen.

aber du bist verzweifelt, sagte sie. schau dich an.

verzweiflung, wut, schmerz, trauer und angst sind nicht vermeidbar, wenn eine beziehung zu ende ist. all diese gefühle sind gefühle eines verliebten, der den verlust erleidet. am ende, über die verliebtheit hinaus, steht das ich allein da, ohne den trost und den zuspruch des anderen. diese begegnung mit dem ich ist die entdeckung der liebe. ich erkenne meine ohnmacht, meine isoliertheit und damit die wahrheit über die komplexität des menschseins. jeder ist allein, und der glaube zu zweit dieses alleinsein überwinden zu können entpuppt sich als schimäre, weiter nichts. der glaube, dass das du das ich komplett macht ist eine illusion. je unvollständiger das ich ist, desto mehr braucht es ein du.

es ist unsere eigene unzulänglichkeit, die braucht, unser unvollständigsein, das braucht und nicht geben kann, ohne zu erwarten. ewig sind da diese erwartungen an den anderen, an das leben. aber was kann man erwarten? eigentlich nichts. solange wir erwarten sind wir eng. erwartungen gründen sich auf vorstellungen, wie etwas zu sein hat, wie der andere uns zu begegnen hat, wie er uns zu lieben hat, damit wir glücklich sein können. wenn wir nicht erwarten können wir empfangen, aber dazu müssen wir offen sein und damit beginnen unsere erwartungen nicht an andere zu stellen.

aber das tun wir doch alle, widersprach sie. wir haben alle erwartungen. so sind menschen.

er nickte. ja, so sind menschen. aber heißt das, dass es damit richtig ist, nur weil menschen so sind? ich will, wenn überhaupt, meine erwartungen an mich selbst und mein eigenes leben erfüllen, damit fange ich an. ich will offen sein für mich selbst. erst wenn ich eine verbindung mit mir selbst gefunden habe, die mich erfüllt, kann ich geben, ohne nehmen zu wollen. dann erst ist eine echte verbindung mit einem anderen möglich.

wie eine welle schwappte ein unwohlsein über sie. sie dachte an zu hause, an den mann, der sie erwartete, den sie brauchte, der sie glücklich machen sollte und dem es nicht gelungen war in all der zeit, die sie miteinander waren.

sie spürte die löcher, die pötzlich ganz groß waren und hatte panische angst hineinzufallen.






Mittwoch, 4. Januar 2012

Gedankensplitter 31

 
Die Vorstellung, dass wir viele Ichs haben sollte mich beunruhigen. Sie tut es nicht. Da ich es von mir selbst weiß, habe ich mich damit abgefunden. Ich weiß darin liegen viele Möglichkeiten. All diese Ichs sind wie Splitter eines zerborstenen Spiegels. Es ist nicht möglich, ihn zu einer harmonischen Ganzheit zu bringen und doch ergeben sie ein Ganzes.

Wir haben nicht nur ein Leben, es sind viele in dem Einen, unzählige Ebenen und Unterebenen und die Metaebene, die versucht die Balance zu halten. Es ist eine künstliche Ganzheit, die wir zu schaffen versuchen. 

Die vielschichtigen Ebenen sind der Grund dafür, dass es die eine Wahrheit nicht gibt, nicht in der Welt und nicht in mir. Das Wissen darum macht es mir nicht leichter. Es macht es nicht leichter zu vertrauen, vielleicht ist das der tiefere Grund, weshalb mir Vertrauen nicht gelingt.

Dienstag, 3. Januar 2012

DAS LEBEN IST ABSURD

ich bin blockiert. ich sitze hier vor diesem weißen kästchen in das ich noch vor kurzem an fast jedem morgen mit einem satz zu schreiben begann und aus diesem satz eine geschichte machte.

ich sitze hier und versuche zu schreiben. es fällt mir schwer, aber ich versuche es, weil ich weiß, man muss es versuchen, wenn man etwas will, egal was es ist. also versuche ich es und füge wort an wort, das mir aus dem kopf in die finger fließt. gut, ich kann es noch. es fließt endlich wieder - ich kann noch schreiben. zumindest reihe ich worte aneinander wie die perlen einer kette. rund soll es werden, was ich schreibe, einen anfang muss es haben und einen schluss und dazwischen einen sinn. das ist das wesentliche, dass die worte einen sinn ergeben, wo doch nichts einen sinn ergibt, denke ich, und habe es schon geschrieben.

das leben ist absurd. nie habe ich etwas anderes gedacht. und obwohl ich das weiß, bin ich am sinnsuchen wie alle anderen.

wie alle menschen bin ich ein sinnsucher wie camus es so treffend beschrieben hat. festgemacht hat er es am beispiel von sisyphos, der seinen blöden stein immer wieder von unten nach oben rollt, weil ihn der göttervater bestraft hat, und in dieses rollen des steines, weil ihm nichts anderes bleibt, den sinn seines daseins legt.

mit anderen worten, wenn ich suche finde ich etwas, auch den sinn. sisyphos hat ihn schließlich auch gefunden, auch wenn er ziemlich banal war.

ich weiß längst, der sinn den ich suche, den finde ich nicht irgendwo da draussen. das habe ich in jungen jahren lange versucht, ihn da draussen zu finden, in einem menschen, in der liebe, in zielen, in aufgaben, die ich mir gestellt habe und mir noch heute immer wieder stelle. immer neue, weil mich so ziemlich alles nach einer gewissen zeit langweilt, dinge, menschen, sogar ich mich selbst. schwer da einen sinn von dauer zu finden.ich verliere immer wieder den faden könnte man sagen.

den roten faden, der mein leben durchzieht, den könnte ich suchen und finden, denn den gibt es. dieses etwas, das mich bei aller sinnlosen langeweile immer wieder anzieht und am leben hält, der rote faden, der mein leben durchzieht und mich ausmacht.

ich will etwas bleibendes, etwas woran ich mich halten kann, etwas worauf ich mich verlassen kann. wie sinnlos dieses wollen ist, wo doch nichts bleibt, weder umstände, noch dinge und schon gar nicht menschen.

verlass dich nie auf einen menschen, denn menschen können menschen kränken, hat mein sohn gesungen in einem rap, den er gemacht hat als er zwölf jahre alt war. damals hat mich dieser satz traurig gemacht, weil er dem kopf eines zwölfjährigen entsprungen ist und ich habe mich gefragt, was hast du falsch gemacht, dass dein kind so empfindet. aber er ist wahr dieser satz, mein kind hatte recht und ich habe vielleicht nichts falsch gemacht, mein sohn war schon damals klug genug das zu erkennen. er hat eine simple wahrheit ausgesprochen.

diese wahrheit ist nur traurig, weil ich sie bewerte mit meinen erfahrungen und sie besetze mit den gefühlten enttäuschungen und verlusten, die mein leben begleiten seit ich denken kann und das leben aller menschen, die ich kenne.

also keine kränkungen mehr und keine verluste mehr, habe ich mir vorgenommen damals. und keine kränkungen und keine verluste mehr bedeutet - binde dich an nichts, nicht an dinge und schon gar nicht an menschen, die dich kränken können. also habe ich es vermieden mich zu binden um mich zu schützen und eine ganze zeit ist mir das ziemlich gut gelungen.

ich habe mich zurückgezogen von den menschen und in einer art splendid isolation gelebt, "erleuchtet" durch die bücher, die ich gelesen habe, das wissen, das ich mir angeeignet habe und die gedanken, die ich gedacht und aufgeschrieben habe und niemand hat dieses leben gestört, weil ich niemanden eingelassen habe in mein reich. es hat sich gut angefühlt nur mit mir selbst zu sein, mit meinen gedanken und der liebe zu meinem sohn, dem einzigen menschen, der mich kränken darf und von dem ich weiß, dass er mich dennoch liebt und ich ihn und dem ich alles verzeihe und er mir.

das ist sinn genug, habe ich gedacht und trotzdem gefühlt, dass es da noch einen anderen sinn geben muss, einen, der weit über diesen, auf einen anderen bezogenen sinn, hinausgeht. mein sinn, der nur mit mir zu tun hat, etwas, das mich von innen hält, wenn alle sinnbezogenheit im aussen endet - mein roter faden. meine schreiberei ist ein teil dieses fadens. die nutzt keinem ausser mir selbst.

nachdem ich drei bücher veröffentlicht hatte, hatte ich nie mehr den drang weitere in die welt zu setzen. warum? das weiß ich selbst nicht so genau, vielleicht weil ich angst hatte meine ganze schreiberei ist nur für mich selbst gut. sinnlos also auch das irgendwie, ausser ich mache es wie sysiphos und sehe die schreiberei als meinen lebensinn an. tue ich auch irgendwie. und gut ist es, könnte ich sagen und habe das auch eine ganze zeit lang gesagt und gelebt und mich an nichts gebunden ausser an die worte, die mich nicht kränken können, weil sie die meinen sind und ich sie mir gefügig machen kann, wie es mir beliebt.

wie gesagt, eine ganze weile ging das gut. ich war einsam, aber ich habe ausser den menschen, die ich einst geliebt habe und die mich verlassen haben oder ich sie, nichts vermisst. aber dann habe ich nicht aufgepasst und mich von einem menschen berühren lassen und aus war es mit meiner splendid isolation. mein leben kam ins wanken.

alles was ich mir mühsam zurecht gelebt hatte, wurde erschüttert. ich habe versucht der erschütterung zu entkommen, aber es hielt mich etwas fest und ich hatte das gefühl, dass es einen sinn hat, das mich etwas fest hält an diesem menschen, etwas, das ich nicht so einfach würde kappen können, ohne mich selbst und den anderen zu kränken. und genau in dem moment wo ich das begriffen habe, wusste ich wieder wie recht mein sohn hatte damals, als er das sang mit dem kränken. was macht das alles für einen sinn?

das leben ist absurd. ich habe nie etwas anderes gedacht.

Freitag, 23. Dezember 2011

für alle denen meine liebe gehört ...nicht nur an weihnachten

frieden
empathie
achtung


menschliches miteinander
gegenseitige hilfe


sehen nicht wegsehen
verstehen nicht verurteilen
handeln nicht wünschen


zuversicht

L I E B E

Mittwoch, 21. Dezember 2011

ZWINGEND

da war sie wieder die stimme in ihrem kopf.

leise, dann immer lauter drang sie in all die anderen gedanken, schob sie zu seite, breitete sich aus, unüberhörbar.

lisa hielt sich die ohren zu. es half nichts. sie wusste es, die stimme kam nicht von aussen, es war nutzlos sich die ohren zuzuhalten. sie hatte sich lange gewehrt, maßnahmen ergriffen um sie nicht zu hören, über sie hinweg zu hören oder durch sie hindurch. sie hatte das radio angestellt, eine cd in den cd player geschoben und sich die kopfhörer aufgesetzt, sie hatte sich unter die dusche gestellt, das wasser laufen lassen, am anfang und immer wieder, bis sie begriff - es waren untaugliche versuche. lisas lösungsstrategien waren begrenzt, das laute der stimme unbegrenzt.

sie war unberechenbar. wann sie sich meldete konnte lisa nicht vorhersagen. die stimme hatte ein eigenleben, in ihr, ihrem leben, war gewachsen mit ihr wie eine pflanze. wie efeu, dachte lisa, wildwuchs. ein überwucherndes wildes, das nicht auszumerzen war.

in ihren ohren dröhnte es. geh weg, forderte sie die stimme auf, leise, dann lauter gegen die stimme ansprechend. die stimme lauter werdend mit lisas lautem, lachte höhnisch: du taugst nichts, aus dir wird nichts. das war noch auszuhalten. dann folgte der satz, der immer folgte, unweigerlich als letzter aller sätze: du bist die nachgeburt, die wir großgezogen haben.

dia nachgeburt, die raus kam, nachdem das kind geboren war. ein blutiger klumpen nutzlos gewordenenen mutterkuchens, rohes fleisch. anfangs ekelte sie sich vor dem bild, dann vor sich selbst. der ekel hatte den waschzwang ausgelöst. die weiß verbundenen hände über die ohren legend, dachte lisa an den vater.

sie hatte ihm nichts recht machen können. sie hatte es versucht. der vater sah sie nicht, wollte sie nicht sehen. warum das so war wusste sie nicht, beschloss, dass er es nicht konnte, weil sie kein recht hatte zu sein.

später sagte er einmal, sie habe sein leben zerstört mit ihrem dasein und das leben der mutter, die vieles gewollt hatte nur lisa nicht, dass es ein unfall gewesen sei ihr leben. ein unfall, der blutige klumpen, der sie war. das war stimmig. sie hatte sich unsichtbar gemacht dann. ein stilles kind, das gut lernte, aber sich nicht meldete im unterricht. ein unauffälliges mädchen. auffällig geworden, als es zur frau zu werden begann. die wachsende brust mit tüchern wegebunden. die haare kurz geschoren und immer allein im zimmer nach der schule, den vater nicht stören wollend. die mutter sich selbst beklagend, weinflaschen im nachttisch versteckend, resignierte traurigkeit wie eine anklage dem kind entgegen haltend.

lisa wollte sich auflösen, wusch es ab das sichauflösenwollende, hundert mal am tag. die hände verbunden wie die brust, dann.

die stimme schwieg. lisa weinte ein bisschen, holte die salbe aus dem schränkchen im badezimmer, wickelte den weißen verband auf, sah den blutigen klumpen rohes fleisch in beiden händen. sie musste ihn abwaschen, zwingend.