Samstag, 1. August 2026
„Wenn du Zuneigung brauchst, kannst du keine Zuneigung geben."
Freitag, 31. Juli 2026
„Das Ereignis, vor dem man sich am meisten fürchtet, ist bereits eingetreten.“
Der britische Psychoanalytiker Donald W. Winnicott formulierte in seinem 1974 posthum verffentlichtem Aufsatz"Fear of Breakdown" eine radikale These: "Die klinische Angst vor dem Zusammenbruch ist die Angst vor einem Zusammenbruch, der bereits erlebt worden ist." Damit meinte er, dass sich viele Menschen vor einer seelischen Katastrophe fürchten, die in ihrer inneren Welt längst stattgefunden hat. Die eigentliche Katastrophe, Zurückweisung, Verlassenwerden oder tiefe emotionale Verlassenheit hat bereits stattgefunden. Das, wovon wir uns ein Leben lang verfolgt fühlen, haben wir längst erlebt.
Winnicott vertrat die Auffassung, dass sich hinter manchen existenziellen Ängsten kein zukünftiges Ereignis verbirgt, sondern ein überwältigendes Erlebnis aus der frühen Kindheit, das nie bewusst verarbeitet werden konnte. Diese Sichtweise hat die moderne Traumaforschung in Teilen aufgegriffen, sie erklärt jedoch nicht jede Form von Angst. Heute geht man in der Psychologie überwiegend davon aus, dass Angst multifaktoriell entsteht. Winnicotts Theorie ist deshalb eher ein tiefenpsychologisches Erklärungsmodell für bestimmte Patienten, insbesondere Menschen mit frühen Bindungs- und Entwicklungstraumata und keine allgemeingültige Theorie bezüglich aller Ängste.
Zurück zu Winnicott. Er nannte dieses Phänomen die „Angst vor dem Zusammenbruch“ (Fear of Breakdown). Er beobachtete Patienten, die in ständiger Angst vor einem zukünftigen seelischen Kollaps lebten, obwohl der eigentliche Zusammenbruch ihrer inneren Welt bereits in der frühen Kindheit stattgefunden hatte, infolge elterlichen Versagens, emotionaler Vernachlässigung oder fehlenden Halts. Diese Menschen litten nicht unter einzelnen, klar abgrenzbaren Phobien. Vielmehr lebten sie in dem Gefühl, ständig am Rand einer namenlosen Katastrophe zu stehen. Sie erwarteten unablässig, dass etwas Schreckliches geschehen würde, etwas, das sie endgültig vernichten könnte.
Der übliche therapeutische Umgang mit Angst besteht darin, Betroffenen zu vermitteln, dass ihre Befürchtungen unverhältnismäßig sind, dass die erwartete Katastrophe mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht eintreten wird und dass sie sich heute in Sicherheit befinden.Winnicott vertrat jedoch eine andere Sichtweise. Nach seiner Auffassung richtet sich diese tiefe Angst nicht auf ein zukünftiges Ereignis. Sie wurzelt vielmehr in einem überwältigenden Erlebnis der Vergangenheit, das zwar tatsächlich stattgefunden hat, jedoch nie bewusst verarbeitet werden konnte. Das Kind war schlicht zu jung, um das Geschehen als Erfahrung zu verstehen, in Worte zu fassen oder als Erinnerung zu speichern.
In der frühen Kindheit können uns überwältigende Erfahrungen begegnen: körperliche oder emotionale Gewalt, tiefe Einsamkeit, Vernachlässigung oder Verlassenwerden. Ein Säugling oder Kleinkind besitzt noch keine ausreichend entwickelte Ich-Struktur, um solche Erfahrungen bewusst einzuordnen. Es fehlen sowohl die Sprache als auch das stabile Selbstgefühl, um sagen zu können: „Das geschieht gerade mit mir.“Deshalb wird das Erlebte häufig nicht bewusst verarbeitet und gelangt nicht als zusammenhängende Erinnerung ins autobiografische Gedächtnis.
Dennoch ist es geschehen.
Der Körper trägt die Erfahrung weiter. Das Nervensystem hat sie gespeichert. Jahrzehnte später leben Betroffene deshalb oft in ständiger Angst davor, genau das zu erleben, was sie in gewisser Weise bereits überstanden haben.
Nach Winnicott ist diese dauerhafte Angst der Versuch der Psyche, das unverarbeitete Erlebnis endlich ins Bewusstsein zu bringen. Wir fürchten nicht den zukünftigen Zusammenbruch. Vielmehr drängt das Unbewusste darauf, den damals abgespaltenen inneren Zusammenbruch nachträglich zu erleben und in die eigene Lebensgeschichte zu integrieren.
Einen ähnlichen Gedanken beschreibt der buddhistische Psychologe Bruce Tift in seinem Buch Already Free. Seine Kernaussage lautet: „Wir glauben, Angst davor zu haben, ein bestimmtes Gefühl erleben zu müssen. Doch wir können nur deshalb Angst vor diesem Gefühl haben, weil wir es bereits einmal erfahren haben.“
Das klingt zunächst paradox, beschreibt jedoch einen wichtigen psychologischen Mechanismus. Man kann sich nicht vor einem Gefühl fürchten, das man nie erlebt hat. Hätten wir niemals Verlassenwerden, tiefe Scham oder existenzielle Hilflosigkeit erfahren, würden diese Zustände kaum eine solche Macht über uns entwickeln. Gerade die Tatsache, dass wir unser ganzes Leben darauf verwenden, bestimmte Erfahrungen um jeden Preis zu vermeiden, deutet darauf hin, dass ein Teil von uns ihnen bereits begegnet ist.
Für Menschen mit ausgeprägten Ängsten kann diese Sichtweise entlastend sein. Wir bringen oft enorme Energie auf, Gefühle zu vermeiden, von denen wir überzeugt sind, sie nicht aushalten zu können. Dabei übersehen wir, dass wir sie bereits einmal überlebt haben.
Gefühle können uns nicht vernichten. Was unerträglich erscheint, ist häufig nicht das Gefühl selbst, sondern dass es nie verarbeitet werden konnte. Was wir nicht zu überleben fürchten, haben wir bereits überlebt. Dadurch verliert die Angst allerdings nicht automatisch ihren Schrecken. Das Nervensystem reagiert in Momenten der Panik so, als wären wir noch immer das hilflose Kind von damals. Es unterscheidet nicht zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Heilung entsteht deshalb nicht allein durch Erkenntnis. Das Nervensystem heilt durch wiederholte Erfahrungen von Sicherheit. Es muss erleben, dass wir heute erwachsen sind, über Handlungsmöglichkeiten verfügen und nicht mehr ausgeliefert sind. Ohne diese neuen Erfahrungen bleibt die alte Alarmreaktion bestehen.
Nach Winnicott besteht der therapeutische Weg darin, das unbewusst Vergangene im Hier und Jetzt erfahrbar werden zu lassen, sodass es endlich Teil der eigenen Lebensgeschichte werden kann. Der Klient muss das abgespaltene Erleben in einer haltenden Beziehung erfahren und integrieren. Die Interpretation allein heilt nicht. Er darf im geschützten Rahmen der Therapie dem begegnen, wovor er sich sein Leben lang gefürchtet hat. Er erlebt den damaligen inneren Zusammenbruch nachträglich, diesmal jedoch nicht allein. Das erwachsene Ich und die haltende Beziehung zum Therapeuten sind anwesend. Dadurch wird, wenn es gelingt, aus einer überwältigenden Erfahrung eine integrierbare Erinnerung.
Die Angst vor der Zukunft verwandelt sich dann allmählich in Trauer über die Vergangenheit Der entscheidende Satz lautet dann: „Das Schreckliche steht mir nicht bevor. Es ist mir bereits widerfahren.“ Mit jeder Träne verliert die Zukunftsangst etwas von ihrer Macht. Trauer verarbeitet die Wunde, Angst hält sie offen.
Winnicott bezeichnete die therapeutische Haltung als Holding, ein verlässliches emotionales Getragenwerden, das dem Kind damals fehlte. In dieser sicheren Beziehung kann das Nervensystem neue Erfahrungen machen. Das Gefühl einer kontinuierlichen, zusammenhängenden Existenz (going-on-being) beginnt sich wiederherzustellen.
Im Alltag kann es hilfreich sein, den Fokus zu verändern. Wenn starke Zukunftsängste auftreten, etwa Existenzangst oder die Angst, verlassen zu werden, können wir usn fragen:„Wann habe ich mich in meinem Leben schon einmal genauso hilflos und ausgeliefert gefühlt?“ Ebenso wichtig ist es, dem einst namenlosen Schrecken Worte zu geben und ihm einen Platz in der eigenen Biografie einzuräumen. Und schließlich immer wieder die Gegenwart bewusst wahrzunehmen.
Ich bin heute erwachsen. Ich bin hier. Ich laufe nicht weg. Ich verurteile mich nicht für meine Angst. Ich kann dieses Gefühl halten. Heute bin ich nicht mehr das hilflose Kind von damals.
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de
Mittwoch, 29. Juli 2026
Wenn das Alte nicht mehr trägt – Warum Übergangsphasen zur persönlichen Entwicklung gehören
Montag, 27. Juli 2026
Trauma, Rückzug und die Suche nach Sicherheit
Sonntag, 26. Juli 2026
Wer hält hier eigentlich wen? - Zwischen Fürsorge und Überforderung
Mitgefühl bedeutet, vom Erleben eines anderen Menschen berührt zu sein und trotzdem bei diesem Menschen bleiben zu können. Die eigenen Gefühle dürfen dabei Raum haben. Wir dürfen traurig sein, uns sorgen oder tief betroffen sein. Entscheidend ist jedoch, dass die eigenen Gefühle nicht zur Verantwortung des anderen werden. Wer mitfühlt, wird berührt. Der entscheidende Unterschied liegt darin, wie wir mit dieser Berührung umgehen.
Beim Mitgefühl bleibt der Blick beim anderen: „Ich sehe, dass es dir schlecht geht. Das tut mir leid. Ich bin bei dir.“
Die eigenen Gefühle sind da. Sorge, Traurigkeit, Hilflosigkeit oder vielleicht auch Angst um den anderen, aber sie werden nicht zur Aufgabe des Gegenübers. Wir nehmen den Schmerz des anderen wahr, ohne dass der andere anschließend unsere eigenen emotionalen Reaktionen auffangen oder beruhigen muss. Wenn das geschieht, kann Mitgefühl in emotionale Übernahme kippen. Aus einem „Ich fühle mit dir“ wird dann unbewusst ein: „Dein Schmerz löst in mir so viel aus, dass ich damit nicht allein umgehen kann und du musst mir jetzt helfen, damit zurechtzukommen.“ Die Aufmerksamkeit verschiebt sich. Nicht mehr nur der Mensch, der gerade etwas Schweres erlebt, steht im Mittelpunkt, sondern zunehmend die emotionale Reaktion des anderen.
Diese Dynamik geschieht oft sehr subtil. Jemand kann ehrlich besorgt sein, es gut meinen und trotzdem Schwierigkeiten haben, die Gefühle des anderen auszuhalten. Wenn jemand von seinen Sorgen erzählt, können im Gegenüber Angst, Hilflosigkeit oder Unruhe entstehen. Statt einfach präsent zu bleiben, beginnt er sofort nach Lösungen zu suchen, Ratschläge zu geben oder selbst sichtbar belastet zu wirken. Am Ende kann beim Erzählenden das seltsames Gefühl entstehen nicht mehr nur mit der eigenen Situation belastet zu sein, sondern sich zusätzlich darum kümmern zu müssen, wie es dem anderen geht.
Wer hält dann am Ende wen?
Fühlen wir uns nach einem solchen Gespräch leichter, weil wir gesehen, verstanden und mit unseren Sorgen angenommen wurden? Oder bleibt das Gefühl zurück, dass wir die Reaktion des anderen innerlich auffangen oder ausgleichen müssen?
Wenn jemand zwar Anteilnahme zeigt, aber nicht wirklich bei uns bleiben kann, ohne unsere Gefühle mit zu übernehmen, entsteht leicht eine emotionale Verstrickung. Beim Mitgefühl bleiben zwei Menschen miteinander verbunden. In der Verstrickung beginnen die Grenzen zwischen Ich und Du zu verschwimmen. Die unausgesprochene Botschaft lautet dann nicht mehr:„Ich bin für dich da.“ Sondern: „Dein Zustand wirkt so stark auf mich, dass ich damit schwer umgehen kann und du musst mir jetzt helfen, damit klarzukommen.“
All das geschieht meist unbewusst. Ein „Ich bin für dich da“ kann mit großer Fürsorge und mit der ehrlichen Absicht zu helfen verbunden sein. Manche Menschen erleben die Not anderer besonders intensiv, aber sie haben nie gelernt, zwischen Mitfühlen und Mitleiden zu unterscheiden. Es fällt ihnen schwer, die eigene Sorge um den anderen von der eigenen emotionalen Reaktion darauf zu trennen.
Echtes Mitgefühl bedeutet, für den anderen einen Raum halten zu können. Der andere darf etwas Schweres erzählen. Wir dürfen berührt sein, traurig sein oder mitfühlen und trotzdem bleiben unsere Gefühle dort, wo sie hingehören, bei uns selbst. Unsere Gefühle gehören zu uns. Die Gefühle des anderen gehören zum anderen. Einen Menschen zu halten bedeutet nicht, dass wir von seiner Situation überwältigt werden. Halt entsteht dort, wo einer sich öffnen darf und der andere präsent bleiben kann, ohne dass derjenige, der sich öffnet, am Ende auch noch die Gefühle des anderen auffangen muss.
Samstag, 25. Juli 2026
Wenn künstliche Intelligenz zum Arzt und Therapeuten wird – Zwischen digitaler Unterstützung und gefährlicher Halluzination
Vor zehn Tagen bin ich selbst in die Falle getappt. Aufgrund starker Schmerzen suchte ich zunächst nicht den Rat meines Hausartzes der zu der Zeit in Urlaub war, sondern wandte mich an eine künstliche Intelligenz. Die Antwort klang plausibel, strukturiert und fachlich durchaus überzeugend. Für einen Moment hatte ich das Gefühl, eine verlässliche Einschätzung meiner Beschwerden erhalten zu haben. Erst als ich dann als Notfall im Krankenhaus landete, wurde mir bewusst, wie schnell man manchmal dazu neigt, einer KI zu vertrauen, nicht weil sie tatsächlich eine Diagnose stellen kann, sondern weil sie ihre Antworten so sicher und nachvollziehbar formuliert. Diese Erfahrung hat mich wieder einmal zum Nachdenken gebracht.
Warum schenken wir einer Maschine Vertrauen? Weshalb fühlt sich ein Gespräch mit einer KI oft an, als würde man mit einem Arzt oder einer Psychologin sprechen? Welche Risiken entstehen, wenn wir beginnen, gesundheitliche oder psychische Entscheidungen auf Grundlage algorithmischer Antworten zu treffen?
Künstliche Intelligenz verändert die Art, wie wir Informationen suchen und Entscheidungen treffen. Was früher der Gang zur Bibliothek, die Internetsuche oder das Gespräch mit einer Fachperson war, wird heute zunehmend durch einen Dialog mit einer KI ersetzt. Millionen Menschen lassen sich Krankheiten erklären, ihre Symptome bewerten oder sprechen mit Chatbots über Einsamkeit, Ängste und Depressionen. Die KI vermittelt den Eindruck eines kompetenten, jederzeit verfügbaren Gegenübers. Sie ist immer ereichbar, unendlich geduldig, zutiefst verständnisvoll und scheinbar allwissend. Genau das macht sie so attraktiv und genau das birgt hohe medizinische und psychologische Risiken.
Die Illusion von Wissen
KI-Systeme formulieren ihre Antworten in Sekunden flüssig, logisch und extrem selbstbewusst. So entsteht leicht der Eindruck hoher fachlicher Kompetenz. In der Psychologoe spricht man in diesem Zusammenhang von einer Autoritätsheuristik, was bedeutet, Menschen neigen dazu, Aussagen als glaubwürdiger einzuschätzen, wenn sie sicher, strukturiert und überzeugend daherkommen. Die sprachliche Qualität einer Antwort wird dabei unbewusst mit ihrer inhaltlichen Richtigkeit gleichgesetzt.
Fakt ist: Die KI berechnet Wahrscheinlichkeiten für sprachliche Muster. Sie verfügt weder über eigenes Wissen noch hat sie einen Begriff von gelebter Realität. Dadurch können ihre Antworten zwar einerseits richtig sein, sie können jedoch ebenso plausibel klingende Fehlinformationen enthalten. Dieses Phänomen wird als Halluzination bezeichnet. Da Fehler oft nicht offensichtlich sind, besteht die Gefahr, dass wir Aussagen ungeprüft einfach glauben ohne sie zu überprüfen.
KI kann keinen Arzt ersetzen
Besonders problematisch wird das im medizinischen Bereich. Immer mehr Menschen schildern ihre Beschwerden einer KI, bevor sie sich ärztliche Hilfe suchen. Die Hoffnung auf eine schnelle Einordnung von Symptomen ist verständlich. Aber medizinische Diagnostik hat nichts mit einer sprachlichen Analyse zu tun.
Eine ärztliche Diagnose entsteht durch die Kombination verschiedener Informationsquellen. Anamnese, körperliche Untersuchung, Laborwerte, bildgebende Verfahren, klinische Erfahrung sowie die Beobachtung des Krankheitsverlaufs. Hinzu kommt viele Erkrankungen weisen ähnliche Symptome auf. Brustschmerzen können beispielsweise auf Muskelverspannungen, eine Lungenentzündung oder einen Herzinfarkt hinweisen. Kopfschmerzen reichen von harmlosen Spannungskopfschmerzen bis hin zu Hirnblutungen oder Tumorerkrankungen. Erst die Gesamtschau aller Befunde ermöglicht eine fundierte Diagnose. Eine KI verfügt weder über Untersuchungsmöglichkeiten noch über objektive Messdaten. Zudem kennt sie keine individuellen Risikofaktoren wie Vorerkrankungen, Medikamente Allergien oder psychsiche Belastungen. Ein Arzt wägt Nutzen und Risiken diagnostischer und therapeutischer Maßnahmen gegeneinander ab. Eine KI kann zwar medizinische Informationen zusammenfassen, aber sie kann keine Diagnose stellen. Und sie trägt keine Verantwortung für die Konsequenzen ihrer Diagnosen und Empfehlungen.
Besonders gefährlich wird es dann, wenn Menschen aufgrund einer KI Antwort notwendige ärztliche Untersuchungen ausfschieben oder vermeiden.
Warum viele Menschen der KI dennoch vertrauen
Aus psychologischer Sicht besitzt künstliche Intelligenz mehrere Eigenschaften, die Vertrauen aufbauen und fördern. Das führt dazu, dass Menschen dazu neigen der KI menschliche Eigenschaften zuzuschreiben, ein Phänomen, das als Anthropomorphisierung bezeichnet wird. Anthropomorphisierung bezeichnet in der Psychologie die menschliche Tendenz, nicht menschlichen Objekten oder Systemen menschliche Eigenschaften, Gefühle, Absichten oder Persönlichkeitsmerkmale zuzuschreiben.Gleichzeitig simuliert die Sprache der KI Empathie und Verständnis. Wir fühlen uns verstanden und haben das Gefühl, mit einem zugewandenten Gegenüber zu sprechen. In Wahrheit aber verarbeitet die KI nur statistische Sprachmuster. Sie hat weder Bewusstsein noch hat sie Gefühle.
Die Illusion therapeutischer Kompetenz
Immer mehr Menschen nutzen KI als emotionale Bezugspunkt
oder gar als Therapeuten. Besser als nichts möchte man meinen, zumal Therapieplätze
Mangelware sind und mit langen Wartezeiten verbunden sind.
Therapie aber ist weit mehr als ein Gespräch. Sie basiert auf wissenschaftlicher Diagnostik, individueller Behandlung und vor allem auf einer langfristigen therapeutischen Beziehung. Therapeutinnen und Therapeuten berücksichtigen biografische Erfahrungen, Bindungsmuster, Traumata, familiäre Einflüsse, biologische und soziale Faktoren. Gleichzeitig beobachten sie Mimik, Körpersprache, Stimme und emotionale Veränderungen im Kontakt. Diese Informationen hat die KI nicht. Sie kann keine psychologische Diagnostik durchführen und keine psychische Erkrankung wriklich beurteilen.
Hinzu kommt ein weiteres Problem. Sprachmodelle sind darauf optimiert, Gespräche angenehm zu führen. Dadurch können sie problematische Überzeugungen bestätigen. Menschen mit Depressionen, Angststörungen, Suchterkrankungen oder Persönlichkeitsstörungen leiden häufig unter kognitiven Verzerrungen. Professionelle Therapie hinterfragt diese Überzeugungen. Eine KI dagegen vertsärkt den Confirmation Bias, indem sie alte Überzeugungen und Sichtweisen bestätigt statt sie zu hinterfragen und zu korrigieren.
Therapeutische Beziehung kann nicht simuliert werden
Die Wirksamkeit psychotherapeutischer Behandlung beruht nicht allein auf therapeutischen Techniken. Einer der stärksten Wirkfaktoren ist die sogenannte therapeutische Allianz, die vertrauensvolle Beziehung zwischen Therapeut und Patient. Empathie, Resonanz, Authentizität und gegenseitiges Vertrauen beeinflussen nachweislich den Erfolg von Therapien. Obwohl die KI sehr empathisch formulieren kann, sogar empstishcer als manche Menschen, empfindet sie keine Emotionen. Das Gefühl, verstanden zu werden, entsteht vor allem durch die sprachliche Simulation. In Wahrheit ist es eine Illusion.
Im worst case kann so eine parasoziale Beziehung entstehen, eine einseitige emotionale Bindung an einen virtuellen Gesprächspartner. Für Menschen, die unter Einsamkeit oder sozialen Ängsten leiden, kann dies kurzfristig entlastend wirken, langfristig führt es jedoch genau zum Gegenteil. Die Motivation und das Bedürfnis reale Beziehungen aufzubauen oder professionelle Hilfe zu suchen schwindet.
Grenzen in Krisensituationen
Besonders deutlich zeigen sich die Grenzen künstlicher Intelligenz bei medizinischen und psychischen Notfällen. Weder Herzinfarkte noch Schlaganfälle, schwere Infektionen oder psychotische Krisen lassen sich durch Textnachrichten beurteilen. In solchen Situationen entscheidet jede Minute über den weiteren Verlauf.
KI als Werkzeug – nicht als Ersatz
Künstliche Intelligenz kann medizinische und psychologische Informationen verständlich erklären, psychoedukative Inhalte vermitteln, bei der Vorbereitung auf Arzt- oder Therapietermine helfen oder uns dazu ermutigen, professionelle Unterstützung zu suchen, mehr aber auch nicht. Sie bietet Wissen aber keine echte Hilfe. Je intelligenter und menschlicher die KI wirkt, desto leichter vergessen wir, dass wir nicht mit einem Arzt, einer Psychologin oder einem Therapeuten sprechen. Wir vertrauen einer Maschine, die keine Verantwortung kennt und übernimmt, die keine Untersuchungen durchführenkann, keine Emotionen wahrnehmen und keine Konsequenzen ihres Handelns tragen kann.
Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, wie gut künstliche Intelligenz ist. Die entscheidende Frage ist: Sind wir bereit wir unsere Urteilsfähigkeit an sie abzugeben?
Wenn immer mehr Menschen beginnen, Diagnosen, Therapieentscheidungen oder existenzielle Lebensfragen lieber einer Maschine als medizinischen oder psychologischen Fachkräften anzuvertrauen, verändert sich nicht nur unser Umgang mit Technologie, sondern auch unser Verständnis von Gesundheit, Verantwortung und zwischenmenschlichen Beziehungen.
Künstliche Intelligenz kann Wissen bereitstellen. Sie kann eine erste Orientierung geben. Sie kann unterstützen. Doch sie kennt weder Angst noch Schmerz, noch Trauer, Hoffnung oder Mitgefühl. Sie fühlt nicht, was es bedeutet, krank zu sein oder psychisch zu leiden. Gerade deshalb darf sie niemals eine Instanz werden, der wir unsere körperliche und unsere Gesundheit anvertrauen. Wenn wir menschliche Fürsorge durch algorithmische Antworten ersetzen, riskieren wir mehr als Fehldiagnosen, wir riskieren den Verlust dessen, was Heilung ausmacht, nämlich die echte Begegnung zwischen Menschen.
Mittwoch, 22. Juli 2026
Ein Mensch ist kein Projekt
Dienstag, 21. Juli 2026
Zwischen Worten und Taten
Angelika Wende
Samstag, 18. Juli 2026
Die Vorstellung des Nichts im Tode
Seit
meinem Krankenhausaufenthalt vor einigen Tagen ist der Tod wieder
einmal näher in meine Gedanken gerückt. Ich weiß, dass er kommen wird.
Diesmal ist er noch an mir vorbeigegangen.
Im
Krankenhaus verliert man leicht die Illusion, mehr zu sein als ein
Körper. Man wird zum Organismus im Bett, zur Zimmernummer, zur
Patientenakte, zum nächsten Blutdruck, zum nächsten Laborwert. Man trägt
ein Armband mit einer Nummer und wird von Untersuchung zu Untersuchung
geschoben. Alles, was den Menschen ausmacht - die eigene Geschichte,
seine Taten, Gedanken, Hoffnungen, Ängste tritt in den Hintergrund. Im
Krankenbett bleibt ein verletzlicher Organismus aus Fleisch, Knochen und
vergänglichem Leben. Man
erlebt maximalen Kontrollverlust. Andere entscheiden über den eigenen
Körper. Man wird mit Medikamenten vollgepumpt und über deren
Nebenwirkungen nicht aufgeklärt. Es wird gesagt, sie sind zu krank, um
Entscheidungen mitzutreffen oder zu hinterfragen.
Darin liegt etwas Verstörendes.
Das Krankenhaus konfrontiert mit einer Wahrheit, die wir im Alltag
verdrängen. Wir sind sterbliche Wesen. Der Körper, mit dem wir uns so
selbstverständlich identifizieren, ist zerbrechlich, störanfällig,
zerstörbar und endlich. Für eine Weile schrumpft das Ich auf das Maß
seiner biologischen Existenz zusammen. Diese Erfahrung ist schwer
auszuhalten, weil sie den Glauben erschüttert, mehr zu sein als ein
vergänglicher Körper auf Zeit. Weil sie die Vorstellung infrage stellt,
dass es in uns ein unvergängliches Selbst gibt.
Wieder
einmal denke ich an das Konzept vom ewigen Leben, an das viele Menschen
glauben, ich jedoch nicht. Mir stellt sich bei dem Konzept vom ewigen
Leben immer wieder die Frage: Warum sollte dieses zeitlose Zuhause
existieren?
Weil der Mensch nicht willens oder fähig
ist, sich selbst als vergänglich zu sehen, seiner Zerstörbarkeit und
seiner eigenen Sterblichkeit ins Auge zu blicken, nicht willens
anzuerkennen, dass es Lebendiges gibt, das leblos und tot werden kann,
sich auflösen kann, vergehen kann, zu Staub werden kann, zu Nichts?
Das Nichts.
Der
Mensch kann sich das Nichts nicht vorstellen. Geredet wird viel
darüber, auch von den Philosophen. So meint Epikur: „Solange wir
existieren, ist der Tod nicht da; und wenn der Tod da ist, existieren
wir nicht mehr. Nichtexistenz Tod.
Aber was dieses
Nichts ist, darauf gibt auch Epikur nicht die Antwort. Epikur wollte
wohl gar nicht erklären, was das Nichts ist. Sein Argument lautet
vielmehr: Der Tod geht uns nichts an, weil wir ihn niemals erleben
können. Solange wir leben, ist der Tod nicht da; wenn der Tod da ist,
sind wir nicht mehr. Ihm ging es weniger um das Wesen des Nichts als um
die Auflösung der Todesangst.
Das
Wesen des Nichts. Dazu reicht die Vorstellungskraft des menschlichen
Gehirns nicht aus. Es kann sich nicht vorstellen wie es ist, wenn es
überhaupt nichts gibt. Es kann sich das Nichts nicht vorstellen. könnte
es das, wäre es ja wieder etwas und nicht Nichts. Tatsächlich stößt
unsere Vorstellungskraft hier an Grenzen, weil jedes Vorstellen bereits
einen Inhalt erzeugt. So sucht
der seine Rettung vor dem unvorstellbaren Nichts in der Vorstellung vom
ewigen Leben, vom zeitlosen ewigen Zuhause des Selbst. Für mich ist
diese Vorstellung die Abwehr der Angst vor dem eigenen Tod. Man könnte
sagen: eine omnipotente Strategie der Verleugnung des eigenen
Verschwindens ins Nichts.
Ich glaube, je
einverstandener man mit dem gelebten Leben ist, je weniger Bedauern es
am Lebensende gibt, desto weniger hat man Angst um die Nichtexistenz des
eigenen Selbst und desto weniger wird man sich an die Vorstellung eines
zeitlosen ewigen Zuhauses klammern.
Wenn alles
Wandel und Veränderung ist, gibt es auch kein festes und kein ewiges
Selbst, an das es sich zu klammern lohnt. Dieses Anklammern des Menschen
an etwas, das er als sein unzerstörbares Selbst betrachtet, ist eine
Quelle des Leidens. Dieser Gedanke findet sich auch im Buddhismus
wieder. Das Prinzip des Nicht-Selbst (Anatta) besagt, dass es kein
unveränderliches, ewiges Ich gibt. Was wir als unser „Selbst“ erleben,
ist vielmehr ein fortwährender Prozess aus Körper, Wahrnehmungen,
Gedanken, Gefühlen und Bewusstsein – alles befindet sich im ständigen
Wandel.
Die Vorstellung eines bleibenden Selbst ist eine Konstruktion
des Geistes. Je stärker wir uns an diese Konstruktion klammern, desto
größer werden Angst, Verlust und Leiden. In diesem Sinne erscheint mir
auch die Hoffnung auf ein ewiges Leben als Ausdruck des Wunsches, etwas
festzuhalten, das seiner Natur nach niemals fest war.
Wie sagte Frida Kahlo einmal: "Ich erwarte freudig den Ausgang – und hoffe, nie wieder zurückzukehren."
Das hoffe ich auch.
Und bis dahin ...
Viva la Vida!
Dienstag, 14. Juli 2026
Aus der Praxis: Wenn Leiden zur Identität wird
Zeichnung: A.Wende
Leiden gehört zum menschlichen Leben. Es kann uns erschüttern, verändern und tiefe Spuren hinterlassen. Problematisch wird es jedoch, wenn ein Mensch beginnt, sich ausschließlich über sein Leid zu definieren. Dann wird das Erlebte nicht mehr als ein Teil der eigenen Geschichte verstanden, sondern als die eigene Identität.
Menschen, die sich vollständig mit ihrem Leiden identifizieren, erleben sich häufig vor allem als Opfer ihrer Lebensumstände.
Gedanken, Gefühle und Gespräche kreisen ständig um Verletzungen, Verluste oder Ungerechtigkeiten. Das Leid wird zum zentralen Bezugspunkt des Selbstbildes und bestimmt den Blick auf die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft. Gerade bei Menschen mit einer Traumageschichte besteht häufig ein tiefes Bedürfnis, mit ihrem Erleben gesehen, mit dem eigenen Schmerz wahrgenommen, Anerkennung für ihr Erleben zu erfahren und geglaubt zu werden. Die wiederholte Hinwendung zum eigenen Leid ist dabei oft nicht Ausdruck von Schwäche oder mangelndem Veränderungswillen, sondern der Versuch, Verbindung zu anderen herzustellen.
Das Erzählen des Schmerzes wird zur Sprache der Beziehung, weil andere Formen von Vertrauen und Nähe durch die traumatischen Erfahrungen erschwert wurden.
So kann sich eine Identität entwickeln, die in hohem Maß um Leid und Opfererfahrungen aufgebaut ist. Gleichzeitig fällt es Betroffenen oft schwer, andere Quellen von Selbstwert, Zugehörigkeit oder Nähe zu erleben. Beziehungen werden unbewusst vor allem dort als sicher erfahren, wo Schmerz, Hilfsbedürftigkeit oder Verletzlichkeit wahrgenommen und beantwortet werden. Daraus kann sich eine Dynamik entwickeln, in der Krankheit, Gefahr und Hilfsbedürftigkeit zur wichtigsten Sprache für Beziehung und Verbundenheit werden. Dies geschieht in der Regel nicht bewusst oder absichtlich, sondern als Folge früher Beziehungserfahrungen, in denen Aufmerksamkeit, Schutz oder Zuwendung vor allem in Situationen großer Not verfügbar waren. Gerade bei Menschen mit traumatischen Erfahrungen und zusätzlicher sozialer Isolation besteht die Gefahr, dass sich die eigene Identität nahezu vollständig um Leid, Verletzlichkeit und Abhängigkeit organisiert. Je länger diese Erfahrungen das Leben bestimmen, desto schwieriger wird es, sich selbst auch als kompetent, liebenswert, kreativ oder wirksam zu erleben.
Aus existenzanalytischer Sicht liegt hierin die Gefahr, dass der Mensch seine Fähigkeit zur Selbstdistanzierung verliert. Er erlebt sich nicht mehr als jemand, der Leid erfährt, sondern als sein Leid.
Dadurch verengt sich der Blick für die eigenen Möglichkeiten, für Beziehungen, Werte und Aufgaben, die trotz aller Belastungen weiterhin vorhanden sind. Der therapeutische Auftrag besteht deshalb nicht darin, das Leid kleinzureden oder vorschnell zu relativieren. Schmerz braucht Anerkennung, Mitgefühl und einen geschützten Raum, in dem er bezeugt werden kann. Gleichzeitig geht es darum, nach und nach auch die anderen Seiten des Menschen wieder sichtbar werden zu lassen. Seine Fähigkeiten, seine Interessen, seine Werte, seine Beziehungen und seine Möglichkeiten, das eigene Leben mitzugestalten. Identität darf sich erweitern, vom leidenden Menschen hin zu einem Menschen, der zwar Leid erfahren hat, dessen Genzheit jedoch weit über diese Erfahrungen hinausreicht.
Ein solcher Prozess kann durch Fragen angeregt werden, die den Blick behutsam vom Leid auf die gesamte Person und ihre Handlungsmöglichkeiten lenken:
Wer bin ich außer jemand der Hilfe braucht?
Welche Momente im Alltag geben mir Kraft oder Freude, auch wenn sie klein sind?
Was kann ich selbst beeinflussen oder gestalten?
Wie können andere Menschen mir nah sein, ohne dass zuvor etwas Schlimmes passieren muss?
Diese Fragen laden dazu ein, neue Erfahrungen von Selbstwirksamkeit, Verbundenheit und Identität zu entwickeln. Sie eröffnen die Möglichkeit, sich nicht nur als hilfsbedürftiger Mensch zu erleben, sondern auch als jemand, der Fähigkeiten besitzt, Beziehungen gestalten kann und trotz aller Belastungen Einfluss auf das eigene Leben nimmt.
Selbsttranszendenz eröffnet in diesem Prozess eine neue Perspektive. Sie bedeutet nicht, das Leiden zu verdrängen oder kleinzureden, sondern den Blick über das eigene Schicksal hinaus zu richten. Der Mensch fragt nicht mehr nur: „Was ist mir widerfahren?“, sondern auch: „Was kann ich trotz allem verwirklichen?“ oder „Wem kann ich mit meinen Erfahrungen dienen?“ Das Leid verliert dadurch nicht seine Bedeutung, aber es verliert seinen Alleinanspruch auf die Identität. Wir sind mehr als das, was uns zugestoßen ist. Unsere Würde gründet nicht in unserer Verletzlichkeit, sondern in der Freiheit, uns immer wieder neu zu unseren Lebensbedingungen zu verhalten. Gerade darin liegt die Möglichkeit, aus einer Identität des Leidens zu einer Identität der Eigenverantwortung, der Sinnorientierung und des inneren Wachstums zu gelangen.
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de
Samstag, 11. Juli 2026
Heimat – die Suche nach dem Ort, an dem wir sind
Foto: Frank Widmann R.I.P
Was ist Heimat? Ein vertrauter Ort, eine Landschaft, ein Haus, eine Sprache und vor allem die Menschen, durch die wir uns erkannt und angenommen fühlen? Heimat entsteht dort, wo wir uns zugehörig, verbunden geborgen, verstanden und getragen fühlen. Wenn die Menschen aus unserem Leben verschwinden, die für uns Heimat waren, entsteht eine grundlegende Frage: Lag unsere Heimat jemals wirklich in diesen Menschen oder haben sie uns nur für einen Moment in der Zeit das Gefühl gegeben eine Heimat zu besitzen? Waren es diese Menschen die uns das Gefühl gaben zuhause zu sein?
Ihr Verlust zeigt uns, dass Heimat niemals nur etwas
Äußeres war. Die Menschen, die uns Heimat gegeben haben, waren wie eine Brücke
zum Gefühl des Angekommenseins. Durch sie erfuhren wir eine Form von
Geborgenheit, die wir selbst nicht erzeugen konnten. Indem sie uns dieses
Gefühl schenkten, haben sie zugleich etwas in uns hinterlassen. Etwas, das bleibt
auch wenn sie gegangen sind. In uns. Und doch, auch wenn wir dieses Gefühl in uns
bewahren, unsere Heimat scheint uns verloren. Was bleibt ist die Sehnsucht, das Heimweh.
Es ist eine schmerzhafte Erfahrung, dass wir nichts, was uns Heimat gibt, dauerhaft festhalten können. Jeder Ort verändert sich, Beziehungen ändern ihre Form oder sind vergänglich, jeder Mensch, alles ist dem Wandel unterworfen. Wenn wir Heimat nur an das binden, müssen wir sie irgendwann verlieren. Und damit verlieren wir auch ein Stück unserer alten Identität. Wir fühlen uns nicht nur äußerlich heimatlos, sondern auch Innen. Wir fühlen uns lost. Wohin mit mir? Wer bin ich jetzt ohne meine Heimat?
Vielleicht liegt das Wesen von Heimat nicht in der Beständigkeit eines Ortes oder der Anwesenheit bestimmter Menschen, sondern in einer tieferen Beziehung zum Sein selbst. Heimat ist dann nicht etwas, das wir besitzen, sondern eine Art des In-der-Welt-Seins, ein Gefühl, mit dem eigenen Dasein verbunden zu sein. Die Menschen, die uns Heimat waren, haben uns einen Ort gegeben, sie haben uns erfahren lassen, wie es ist angekommen zu sein - bei ihnen, mit ihnen. Nun sind sie fort und es gibt nur noch ein „bei uns“, „mit uns“. Dann ist Heimat kein Platz und kein Gegenüber. Sie ist in uns selbst. Das, was bleibt, wenn alle äußeren Sicherheiten und Säulen verschwinden. Der Ort, an dem wir nicht mehr danach fragen müssen, wo wir hingehören, weil wir erkennen, dass wir bereits Teil dessen sind, wonach wir gesucht haben. Heimat ist dann nicht das, was wir niemals verlieren. Heimat ist das, was uns auch im Verlust noch ein Platz ist. Sie ist das, was uns von Innen hält, wenn sonst alles wegfällt.
Angelika Wende









