Mittwoch, 9. März 2016

Über die Trauer



"Trauer" AW

Die Wunden der Seele heilen wie die Wunden des Körpers, langsam.
Überlass es der Zeit, du kannst nichts beschleunigen.
Die Wunde verlangt nach Tränen.
Schmerz, der nicht gefühlt wird, hält dich in der Vergangenheit gefangen.
Trauer bringt dir die Vergangenheit nicht zurück, aber zu trauern bringt dir die Zukunft zurück.
Die Vergangenheit wird dann noch immer lebendig sein, aber sie wird dich nicht mehr lähmen.

... on n'oublie jamais rien on vit avec.

Dienstag, 8. März 2016

Aus der Praxis – Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum



Foto: AW

Wir alle sind durch unsere Erziehung, unsere Erfahrung und unsere Biografie konditioniert, bzw. determiniert. Dadurch entsteht ein sich selbst stabilisierendes und sich selbst aufrecht erhaltendes System, in dem wir in unseren Reaktionstendenzen eingeschränkt sind, bzw. beschränkt sind auf alte Muster, die uns in bestimmten Situationen in den immer gleichen Reaktionsmodus fallen lassen, obwohl wir das nicht wollen und eigentlich besser wissen, wie wir angemessener reagieren könnten.

Aus unseren im Gehirn abgespeicherten Erfahrungen und Konditionierungen heraus reagieren wir automatisch auf alles was uns begegnet und widerfährt. Mit anderen Worten: Wir reagieren “gelernt“ auf die Welt. Wir tun das unbewusst. Wie ein Computer spulen wir gegen unseren Willen immer wieder die  auf unserer Festplatte installierten alten  Programme ab. Auch wenn wir immer noch glauben wollen, dass wir einen freien Willen haben, wir haben ihn nicht – unsere Willensfreiheit ist durch unsere Prägungen, unsere Glaubensmuster und Überzeugungen sogar stark eingeschränkt. Diese Wahrheit begegnet mir in Veränderungsprozessen meiner Klienten und in meinem eigenen immer dann, wenn es trotz besserer Einsicht nicht gelingt Verhaltensveränderungen umzusetzen.

Sind wir jetzt aber auf Gedeih und Verderb unseren Programmen ausgeliefert? Ist Veränderung nicht möglich oder nur sehr schwer?
Die Erfahrung sagt: Ja. Leider ist es bei den meisten Menschen  so. Zwischen wollen und können liegt eine schier unüberwindbare Grenze. Und nur wenige Menschen schaffen es diese zu übertreten um neues, hilfreiches Verhalten zu lernen und zu leben.

„Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. In unserer Reaktion liegen unsere Entwicklung und unsere Freiheit“, schrieb der Psychoanalytiker Viktor Frankl. Und um diesen Raum geht es – den Raum, den wir selbst schaffen müssen um uns von alten Reaktionsmusterm zu befreien, um freier zu werden von uns selbst und unseren destruktiven Programmen.

Wie geht das?
Mit Achtsamkeit. Achtsamkeit zeichnet sich dadurch aus, dass wir uns selbst gewissermaßen selbst wie von außen betrachten können. Wir achten auf uns. Wir achten darauf was wir denken, was wir fühlen, was wir tun. Wir wechseln in einen anderen Blickwinkel, nehmen eine andere  Perspektive zu unserem emotionalen Erleben ein. Wie werden uns klar: „Wir haben ein Gefühl, aber wir sind nicht das Gefühl", wie es der Begründer der transpersonalen Psychologie Roberto Assagioli formulierte und „Disidentifikation“ nannte. Was heißt: Wir identifizieren uns nicht mehr mit dem Gefühl, als seien wir ganz und gar dieses Gefühl. Wir schauen es uns an unser Gefühl - die Angst, den Schmerz, die Scham, die Schuld, die Trauer, die Wut, die Ohnmacht, die Verzweiflung. All die schmerzhaften Gefühle, die dazu führen, dass ihr Reiz uns reagieren lässt, meist nicht in einem Sinne der hilfreich für unser Seelenheil ist.

Das heißt nicht, dass wir diese Gefühle wegdrücken – im Gegenteil -  wir nehmen sie an und wir beobachten sie, wir beobachten was sie mit uns „machen“. Sie mit uns. Und wir lernen zu entscheiden, was wir mit ihnen machen können, indem wir sie beobachten und uns nicht in sie hineinfallen lassen, bis wir nur noch das Gefühl sind. Denn das ist nicht hilfreich.

Dieses Beobachten und sich disidentifizieren entspricht der gefühlsdistanzierten Haltung des Buddhismus. Wir können also im ersten Schritt aus dem momentanen Aktivierungszustand aussteigen und auf eine höhere Regulationsebene, bzw. in eine andere Perspektive wechseln. Das braucht Übung. Immer wieder und wieder. Im Grunde ist dies eine bewusst herbei geführte Spaltung. Eine Spaltung wie sie auch in der Arbeit mit der „Inneren Bühne“ gemacht wird. Diese Arbeit macht Sinn, sagt die Erfahrung. Sie macht Sinn, weil sie uns nach und nach hilft Herr im eigenen Gefühlshaus zu werden, uns zu schützen, bevor dieses Haus über uns einstürzt.

Desidentifikation funktioniert, indem wir den spontanen Impuls desaktualisieren bzw. loslassen und Raum für die Beobachterposition schaffen, indem wir uns neu orientierten, bevor wir wie gewohnt automatisch auf unsere Gefühle und Gedanken reagieren. Dieser Raum zwischen Reiz und Reaktion lässt uns wieder angemessen agieren, anstatt emotional überflutet nur zu reagieren. Dieser Schritt der Disidentifikation in der therapeutischen Bewegung entspricht wie gesagt der buddhistischen Haltung und wir wissen, wie gelassen Menschen sind, die Achtsamkeit praktizieren. Die meisten von ihnen jedenfalls.

Ohne den Raum für einen achtsamen inneren Beobachter freizumachen können wir nicht auf diese Selbstreflexionsebene wechseln um uns dem Sog der automatischen Reiz - Reaktionshandlung, sprich dem spontanen Handlungsimpuls,  zu entziehen. Gelingt es uns nicht im Moment der sich zusammenbrauenden emotionalen Aktivierung zu erleben was gerade in uns reagieren will, können wir nicht rechtzeitig sinnvoller als gewohnt reagieren, bzw. handeln. Wir werden zum Opfer unserer alten Denk. Gefühls- und Verhaltensmuster. Wir wissen dann zwar hinterher, was wir gerne gesagt oder getan hätten, aber wem nutzt das etwas?

Mit anderen Worten: Wir müssen mit unserer Bewusstheit gewissermaßen online sein um alte destruktive Reaktionsmuster durch neue hilfreiche zu ersetzen. Man könnte das auch Geistesgegenwart nennen, oder wie es Viktor Frankl formulierte: Wir können uns die „Trotzmacht des Geistes“ zum Freund und Helfer machen um aus der Reiz-Reaktionsfalle zu entfliehen, hin zu mehr innerer und dadurch auch äußerer Freiheit.

Montag, 7. März 2016

Gedanken über Jesus


"Ichthys" AW

Jesus weiß, wie es ist, wenn die Eltern einen nicht verstehen.
Jesus weiß, was es heißt, ein Außenseiter zu sein.
Jesus weiß, was es heißt, einsam zu sein.
Jesus weiß, was es heißt, verraten zu werden.
Jesus weiß, was es heißt, enttäuscht zu sein.
Jesus weiß, was es heißt, zu leiden.
Jesus weiß, was es heißt, sein Kreuz zu tragen.
Jesus weiß, wie es ist, wenn sein Vater ihn verlässt.
Jesus weiß, was es heißt, Gottes Plan zu vertrauen.
Jesus weiß, was es heißt: Dein Wille geschehe.
Jesus weiß, was es heißt, wieder aufzu(er)stehen.
Jesus weiß, trotz allem, zu vertrauen, zu lieben, zu helfen, zu heilen und zu trösten.





Sonntag, 6. März 2016

Über das Schreiben



Foto: AW

Schreiben ist eine Brücke zwischen Innen und Außen, zwischen unserer Innenwelt und der Außenwelt. Schreiben ist eine künstliche Brücke – und zugleich ist es eine künstlerische Brücke. Schreiben ist ein Gang über eine virtuelle Brücke zwischen der Innenwelt des Schreibenden und der Welt des Außen, in der seine Worte gelesen werden.
Schreiben ist eine geistige Brücke, eine fragile Brücke, gebaut aus Gedanken und Wörtern.
Der Schreibende weiß nicht, ob das Geschriebene am anderen Ende ankommen wird. 
Und doch ist es genau das, warum Menschen schreiben: Sie wollen eine Brücke bauen, zwischen Innen und Außen, mit dem Ziel gegenseitiger Berührung.
Das gilt ebenso für alle anderen Künste. 
Kunst, wahrhaftige Kunst, will berühren. 

Donnerstag, 3. März 2016

Sei du selbst!

Erkenne dein wahres Selbst! Sei du selbst!
Das sind Aufforderungen, denen sich mehr und mehr Menschen unterworfen fühlen. Das Selbst, von dem keiner weiß, was es wirklich ist, das Selbst über das in der Psychologie, der Philosophie, im Buddhismus usw, unendlich viel gedacht und geschrieben wurde und wird. Das Selbst ist, wie es scheint, eine nicht fassbare Größe und gerade deshalb für viele von uns enorm erstrebenswert.
Ich will ich selbst sein.
Aber was bedeutet das?
Wir können unendlich viel darüber lesen und werden es nicht begreifen können. Im Grunde aber ist es einfach, das "Ich selbst sein. "
Die Dinge sind nicht so kompliziert wie wir sie gerne machen. Wir alle haben ein Selbst, es ist längst da, in uns, all das, was wir sind, das ist das Selbst, das sind wir selbst.
Mit jedem Tag, mit jeder Erfahrung entdecken wir ein Stück unseres Selbst.
Wir spüren es, wenn wir lernen uns selbst anzunehmen, so wir wir im Moment sind.
Genauso wie wir Jetzt sind.
Wenn wir wir selbst sind, bedeutet das: Wir akzeptieren uns wie wir jetzt sind. Mit dem was war, mit dem was ist, mit unserer eigenen Geschichte, mit unseren Gefühlen und unseren Gedanken, ohne zu trennen in "gut" und "ungut". Wir akzeptieren es und uns genauso wie es ist. Wir akzeptieren uns selbst mit unseren Schwächen und unseren Stärken, wir akzeptieren unseren Körper in gleicher Weise wie wir unser geistiges, emotionales und spirituelles Sein akzeptieren - jetzt, in diesem Moment. Das sind wir selbst. Und das müssen wir nicht suchen, denn genau diese Suche nach etwas anderem als dem, der wir sind, entfernt uns von uns selbst.
"Sei du selbst!" bedeutet nichts anderes als SEIN.

Dienstag, 1. März 2016

Ist gebraucht werden das, was ich wirklich brauche?


"Caput" Malerei: AW


Manche von uns landen immer wieder im gleichen emotionalen Projekt. Es heißt: Ich muss mich um kaputte Menschen kümmern, ich muss ihnen  helfen, ich muss ihre Probleme lösen, ich muss für sie da sein, ich muss für sie leben. Wenn wir immer wieder in einem solchen Projekt landen, könnten wir uns fragen: Ist gebraucht werden das, was ich wirklich brauche? Bringt gebraucht werden mir, was ich wirklich brauche?
Und dann könnten wir die Antwort abwarten. Zum Beispiel indem wir darüber meditieren. Sitzen und darüber meditieren.
Über diese Fragen:
Ist gebraucht werden das, was ich wirklich brauche?
Bringt gebraucht werden mir das, was ich wirklich brauche?
In der Stille sitzen, eine Weile und abwarten, ohne Druck, ohne Erwartung, abwarten was kommt.
Und wenn dann kommt: Lass mal den emotionalen Ballast anderer fallen. Lass mal ein Vakuum entstehen. Für eine Weile, vielleicht sogar für eine lange Weile.
Mach den Raum frei, lass Platz in deinem Leben. Ohne zu erwarten, einfach den Raum frei machen vom ewigen Kümmern.
Und wenn wir das tun, wird Erstaunliches passieren, denn das Universum mag kein Vakuum. Es wird den Raum füllen mit etwas, das uns besser dient, als immer nur anderen dienlich zu sein.

 ...
 
Dir verTRAUEN. Auf Deinen eigenen Füßen stehen. Mit Deinen eigenen Augen sehen. Deine eigenen Wege gehen. Mit Deinen eigenen Händen begreifen. Mit Deinen eigenen Gedanken bedenken. Mit Deinen eigenen Gefühlen fühlen. Mit Dir selbst leben. Dich selbst achten. Dich selbst lieben.

Meditationstext von Werner Sprenger