Sonntag, 24. August 2014
Gedankensplitter
ehen werden aus angst geschlossen
und in angst beendet.
beziehungen werden aus liebe eingegangen
und in liebe beendet.
Freitag, 22. August 2014
Gedankensplitter
Die
Macht des Unterbewussten ist die Macht der Konditionierungen, der Überzeugungen
und Glaubensmuster die man uns über uns selbst beigebracht hat. Es ist die
Macht der gefühlten Erinnerungen und Erfahrungen von Kindesbeinen an, die uns
beherrscht und mit der wir uns identifizieren. Solange wir nicht wissen, wer
wir fernab dieses vom Außen geformten und geprägten Menschen sind, solange wir
uns nicht auf dem Weg machen, uns selbst kennen zu lernen, denken und handeln
wir fremdgesteuert. Wir bleiben uns selbst und unserem wahren Wesenskern fremd.Die
Macht des Unterbewussten bestimmt unser Denken und Handeln solange, bis wir
beginnen uns selbst zu beobachten, um uns bewusst von diesen Identifikationen
zu lösen. Solange
wir nicht wissen, wer wir fernab dieses vom Außen geformten und geprägten
Menschen sind, solange wir uns nicht auf dem Weg machen, uns selbst kennen zu
lernen, denken und handeln wir fremdgesteuert und bleiben uns selbst und
unserem wahren Wesen fremd.
Donnerstag, 21. August 2014
Aus der Praxis: Über Sex spricht man nicht – oder doch?
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| Gemälde: Angelika Wende |
Über Sex spricht man nicht, den hat man oder man hat ihn nicht. Es ist ein heikles Thema diese schönste Nebensache der Welt, so heikel, dass Menschen genauso wenig darüber sprechen wie über das Geld, das man hat oder eben nicht. Jedes Gespräch über Sex ist bei den meisten Menschen, so modern und aufgeklärt sie sich auch glauben oder geben, mit Gefühlen von Unsicherheit, Angst bis hin zu Scham besetzt und auch die, die so frei tun, sind von diesen Gefühlen nicht frei, wenn man sie fragt, was macht eigentlich dein Sexualleben? Ja, wie es darin aussieht geht niemand was an. Nicht einmal den Partner in den meisten Fällen und das ist fatal.
Viele
Paare, besonders Paare die lange zusammen sind, spielen den mangelnden Sex in
ihrer Beziehung herunter. Viele Paare haben keinen Sex mehr oder nur
noch sehr selten. Solange Beide kein
Problem damit haben und solange
Zärtlichkeit und liebevolle Berührungen stattfinden, ist das kein Problem. Aber
es gibt
es Paare, die wie Geschwister miteinander leben, oder wie beste Freunde. Sie
lieben sich, sind vertraut miteinander, haben eine große Schnittmenge an gemeinsamen
Interessen, aber manchmal seit Ewigkeiten keine sexuelle Begegnung mehr. Das
kann ein Leben lang gut gehen. Virginia Woolf und ihr Ehemann Leonard Woolf
führten, glaubt man den Aufzeichnungen der Schriftstellerin, eine glückliche
Ehe ganz ohne Sex. In
Leonard fand Virginia sie einen Mann, der sie nicht nur liebte,
sondern auch ihre sexuellen Beziehungen
zu Frauen mit Gelassenheit hinnahm und ihre Frigidität ihm gegenüber ertrug.
Was Leonard allerdings tat um seine sexuellen Bedürfnisse zu befriedigen, ist
nirgendwo nachlesbar. Nun sind die meisten Menschen aber so nicht gestrickt.
Die Basis
für eine befriedigende Partnerschaft ist nicht nur eine geistige und seelische
Verbindung, es sind Emotionen und die stecken eben auch im Körper.
Weil
eine Liebesbeziehung auf Eros basiert und sie ohne den Pfeil Amors erst gar
nicht zustande käme, und der zielt und trifft in erster Linie auf körperliche
Anziehung, kommt naturgemäß die körperliche Lust ins Liebesspiel. Nicht nur die
Verbindung zweier Seelen auch die Verbindung zweier Körper baut eine intime
Gemeinschaft auf. Nur so kommt es zu dem von vielen Menschen so tief ersehnten
„Wir-Gefühl“, das Sicherheit, Halt und Geborgenheit schenkt und eben auch das
unvergleichlich schöne Gefühl mit dem anderen körperlich zu verschmelzen. Der Mensch ist
eben nicht nur Geist, er hat eine Seele und einen Körper. Und auch mit ihm will
er geliebt und begehrt werden.
Was gibt es Schöneres als dieses Schmetterlinge-im-Bauch-Gefühl, das uns im ersten Verliebtsein beflügelt. Wir sprühen vor Lebensfreude und die Glückshormone prickeln im Bauch und anderswo. Einem Rausch gleich schweben Hirn, Herz und Körper in anderen Sphären. Nicht umsonst spricht man von Wolke 7. Der Absturz allerdings folgt unabwendbar. In der Regel beendet unser Hirn den hormonalen Drogenrausch der Verliebtheit ziemlich genau nach 36 Monaten, dann folgt, glaubt man den Statistiken, bei den meisten der Beziehungskater, sprich - die Blase im Kopf löst sich auf und die Realität zeigt ihr wahres Gesicht, nämlich den Partner wie er wirklich ist ohne den rosa Nebel des Glückshormoncocktails. Und puff, der gute Sex ist weg.
Warum? Weil guter Sex nur mit Spannung spannend bleibt. Weil sich ein Übermaß Harmonie, Gewohnheit und auf Kuscheln im Jogginganzug nicht mit aufregendem Sex verbinden lassen. Das ist das eine. Das andere: Der Partner wird, nachdem wir erschöpft vom positiven Selbstdarstellungsmarathon sind, nicht selten zum seelischen Mülleimer, der sich all unseren alten und neuen Gefühlsmüll reinziehen muss. Mal ehrlich, wer will schon mit jemanden leidenschaftlichen Sex haben, der einem ständig seine Probleme überkippt, die er sehr gut auch selbst lösen kann, der einem ständig erzählt wie verletzt sein inneres Kind ist oder wie beschissen es seiner Ex geht, wie erniedrigend sein Chef ihn wieder mal behandelt hat und wie dröge der Tag war?
Das Problematische, das Dröge, Frust und miese Laune machen nicht sexy. Die gemeinsamen Nächte im Doppelbett inklusive aller Körpergeräusche des anderen übrigens auch nicht wirklich. Sich gehen lassen, was wir alle nur zu gerne tun, wenn wir endlich in einer Beziehung den rettenden Hafen in unserer einsamen Meer gefunden haben, macht unattraktiv. Damit verblasst sogar der kostbare Erinnerungswert all des Schönen, was da am Anfang war, als sich beide noch Mühe gaben dem anderen zu gefallen.
Richtig problematisch wird es, wenn nur einer von beiden über
einen längeren Zeitraum keine Lust hat. Das kann viele Ursachen haben.
Fakt ist, um Lust zu spüren muss unser Kopf in
Stimmung kommen, denn sexuelle Lust ist die körperliche Reaktion auf
lustmachende Gedanken und Fantasien. Unser Hirn spielt also wieder mal die
entscheidende Rolle. Es ist unmöglich, sexuell erregt zu sein und uns
gleichzeitig in Gedanken mit Problemen und Sorgen beschäftigen. Aus diesem Grund funktioniert
es bei Männern auch nicht, wenn sie Versagensängste haben und bei Frauen nicht,
wenn sie ihren Körper ablehnen und es geht auch nicht, wenn der Körper des
Partners nicht mehr als attraktiv empfunden wird.
Versagensängste, Ablehnung, Widerwillen gegenüber dem eigenen Körper oder dem des Anderen sind enorme Lustkiller. Lust will nämlich Genuss und zwar mit allen Sinnen, so entsteht sexuelle Begierde. Die Libido entsteht zudem im Kopf oder etwas platter ausgedrückt: If you don´t fuck my brain, you never fuck my body. Und letzterer muss eben auch begehrenswert auf die Libido wirken, nur dann passt es. Voraussetzung dafür, Lust auf Sex zu haben, ist, dass wir uns und unseren Körper akzeptieren und mögen, unseren Partner sexuell attraktiv finden, uns begehrenswert und begehrt fühlen und gerne fantasieren, wie schön es ist, Sex miteinander zu haben.
Versagensängste, Ablehnung, Widerwillen gegenüber dem eigenen Körper oder dem des Anderen sind enorme Lustkiller. Lust will nämlich Genuss und zwar mit allen Sinnen, so entsteht sexuelle Begierde. Die Libido entsteht zudem im Kopf oder etwas platter ausgedrückt: If you don´t fuck my brain, you never fuck my body. Und letzterer muss eben auch begehrenswert auf die Libido wirken, nur dann passt es. Voraussetzung dafür, Lust auf Sex zu haben, ist, dass wir uns und unseren Körper akzeptieren und mögen, unseren Partner sexuell attraktiv finden, uns begehrenswert und begehrt fühlen und gerne fantasieren, wie schön es ist, Sex miteinander zu haben.
Lust lässt sich nicht erzwingen. Alles, was uns in eine negative Gefühlslage bringt, lässt die Libido erst gar nicht aufkommen.
Gefühle wie Angst, Wut, Trauer und Depressionen, führen
zu Libidoverlust. Aber auch existentielle Sorgen, Lebenskrisen,
Dauerbelastung, Burn-Out, Arbeitslosigkeit, ständiger Streit, Stress,
Konflikte, Eifersucht, ein klammernder Partner, ein Partner der sich gehen
lässt oder zu viel trinkt, Betrug und Kränkungen in der Beziehung setzen die Lust
Schachmatt.
Besonders intensive Lustkiller sind negative Gedanken wie: Ich müsste häufiger Lust auf Sex haben, ich muss mit ihm/ihr schlafen, ich bin nicht gut im Bett, ich kann meinen Partner nicht befriedigen, ich habe abnorme sexuelle Bedürfnisse, ich muss dafür sorgen, dass er /sie einen Orgasmus bekommt. Unbewusste destruktive Glaubensmuster aus der Kindheit wie „ alle Männer sind Schweine“ oder“ Frauen sind wie meine (verhasste) Mutter“ lassen eine befriedigende Sexualität erst gar nicht aufkommen. Daneben sind auch Medikamente wie etwa Betablocker, Antidepressiva, Blutfettsenker, Kortison und bestimmte Kombinationen von Gestagen und Östrogen Lustkiller. Vor allem aber negativen Gedanken führen dazu, dass wir uns unter Druck fühlen, uns selbst oder den anderen ablehnen und Frust statt Lust empfinden. Zwingen wir uns trotzdem den mit dem Partner zu schlafen, dann ist der Akt eine halbherzige Pflichtübung und die sichere Garantie, dass er null Freude macht und wahrscheinlich kaum noch oder nicht mehr vorkommen wird.
Besonders intensive Lustkiller sind negative Gedanken wie: Ich müsste häufiger Lust auf Sex haben, ich muss mit ihm/ihr schlafen, ich bin nicht gut im Bett, ich kann meinen Partner nicht befriedigen, ich habe abnorme sexuelle Bedürfnisse, ich muss dafür sorgen, dass er /sie einen Orgasmus bekommt. Unbewusste destruktive Glaubensmuster aus der Kindheit wie „ alle Männer sind Schweine“ oder“ Frauen sind wie meine (verhasste) Mutter“ lassen eine befriedigende Sexualität erst gar nicht aufkommen. Daneben sind auch Medikamente wie etwa Betablocker, Antidepressiva, Blutfettsenker, Kortison und bestimmte Kombinationen von Gestagen und Östrogen Lustkiller. Vor allem aber negativen Gedanken führen dazu, dass wir uns unter Druck fühlen, uns selbst oder den anderen ablehnen und Frust statt Lust empfinden. Zwingen wir uns trotzdem den mit dem Partner zu schlafen, dann ist der Akt eine halbherzige Pflichtübung und die sichere Garantie, dass er null Freude macht und wahrscheinlich kaum noch oder nicht mehr vorkommen wird.
Wenn wir mit dem Sex unangenehme Erfahrungen verbinden, Sex als Pflichtübung ansehen und unsere Bedürfnisse nicht aussprechen, wirkt das lusthemmend.
Die große Leidenschaft ist selten dauerhaft. Nach langen Jahren schläft sie ein. Dann kommen Gedanken wie: Ich könnte es doch mal mit jemand anderem probieren.
Das wir den anderen ein ganzes Leben Lang begehren ist möglich, aber selten. Und ob wir, egal ob Mann oder Frau, zur Monogamie wirklich geschaffen sind? Ich wage es zu bezweifeln, wenn ich meinen Klienten zuhöre. Sex ist wichtig.
Guter Sex ist etwas wunderbares, aber ob er ein langes Beziehungsleben überlebt? Die Erfahrung zeigt: selten. Vielleicht ist das etwas womit sich auch Romantiker abfinden müssen. Alles, alles ist vergänglich - eben auch die Leidenschaft füreinander. Sollte man deshalb die Beziehung in Frage stellen oder sogar beenden oder gibt es anderes was sie wertvoll und wichtig macht? Oder wird Sex gar überbewertet? Das sind Fragen, die jeder und jedes Paar für sich selbst klären sollte. Wenn sich keine Antworten finden lassen, ist der Gang zum Paartherapeuten ein guter Ansatz.
Lets talk
about Sex.
Es so wichtig in der Beziehung auch über Sex zu sprechen. Denn
nur so besteht die Möglichkeit herauszufinden, warum wir keine Lust mehr haben und
was helfen kann um wieder mehr Lust zu
verspüren. Auch wenn das Thema schambesetzt ist, was wir nicht aussprechen, schlucken wir runter, im Zweifel so lange, bis wir daran emotional zu ersticken drohen. Dann
kann es passieren, dass wir immer noch nicht sagen, was uns fehlt oder worunter
wir leiden und uns schließlich einen anderen suchen, der dieses Leid beenden
soll. Damit sind der Seitensprung oder das Ende der Beziehung vorprogrammiert. Wir
sind schließlich nicht alle eine Virginia oder ein Leonard Woolf. Übrigens, auch bei
den beiden bin ich mir nicht so sicher, was da wirklich der Lustkiller war.
Mittwoch, 20. August 2014
Gott kommt nur zum Weinen nach Afghanistan
Ich habe das Talent mein Leben kompliziert zu machen,
dachte ich, während ich ins Bistro des ICE ging, um mir einen Kaffee zu holen. Ich
bestellte einen Espresso und setzte mich auf eine der Bänke vor den Fenstern.
Hinter den verklebten Scheiben zog das Draußen in Sekundenschnelle an mir
vorbei. Die Unruhe in mir rüttelte an meiner Bodenhaftung, riss mich
von einem Augenblick zum Anderen gedanklich irgendwohin. Seit ich denken kann hatte immer das Gefühl
nirgendwo anzukommen und wenn ich dann doch an einem Platz angekommen war, suchte ich
bereits den Nächsten. Ich war keine verlässliche Größe, weder für mich selbst,
noch für andere. Dabei wünschte ich mir
etwas zu finden, einen Ort, einen Menschen, etwas, das mir die Sicherheit gab
bleiben zu dürfen, ohne mich selbst aufgeben zu müssen. Woher kam dieser plötzliche Wunsch nach Dauer? Wohl weil mir klar wurde, dass wir ohne sie nichts schaffen und nichts verwirklichen können. Dieser illusionäre
Wunsch nach Ewigkeit, der wesentliche Impuls, der uns zum Handeln antreibt, hatte in meinem
Denken nie Raum gefunden. Und plötzlich sehnte
ich mich nach Ruhe, wollte anhalten, ankommen. Ich hatte den Impuls etwas tun zu müssen, um
meine Gedanken zu sortieren. Ich nahm mein Heft heraus und den silbernen Füller, dann holte ich mir einen zweiten Espresso und
begann zu schreiben. Im Zugbistro war es heiß, die Luft war stickig. Ich schrieb bis meine Hand schmerzte. Dann schraubte ich den Füller zu, schüttelte meine Hand aus und sah mich um. Mein Blick
traf den stahlblauen Blick eines jungen Mannes.
Er machte eine nickende Kopfbewegung und grinste
mich unverschämt an. Verwirrt sah ich auf mein Heft, dann wieder hoch. Der stahlblaue
Blick fixierte mich noch immer aus einer grünen Bundeswehruniform heraus. "Wat schreiben se denn da?", fragte der Junge.
Er brüllte es fast. Die anderen Fahrgäste verstummten für Sekunden. Mit einem Ruck stand er auf, griff seine Bierflasche, kam zu mir herüber und setzte sich direkt neben mich. Ich musste ein
Stück zur Seite rücken, um ihn nicht zu berühren. In seinen Augen steckten
kleine tiefschwarzen Punkte. Er hat gekifft, dachte ich. „Sind se
Schriftstellerin oder so was Ähnliches?“, fragte er mich. "So was Ähnliches", nickte ich und holte, wie um den Beweis antreten zu müssen,
mein Buch über die Angst aus der Tasche, das ich bei mir trug. Er sah sich den Umschlag an.
„Angst kenn ich nicht. Aber ich kenne eine Schriftstellerin, hab sie in
Afghanistan kennen gelernt, die hat ein Buch geschrieben, das heißt „Gott kommt
nur zum Weinen nach Afghanistan“. Habs gelesen, das ist hart, härter als
ihres da.“
Die Worte schossen staccatoartig aus seinem Mund, knallten wie
Gewehrschüsse über seine fleischigen Lippen. Er nahm sich kaum Zeit zwischen
den Sätzen Luft zu holen, so als habe er es eilig, als sei jemand hinter ihm
her, bereit ihn zu stoppen, bevor er sie alle losgeworden war. „Was haben Sie in Afghanistan gemacht?, fragte ich ihn. "Na, ik war da unten, im
Krieg", schoss es mir entgegen. „Aber, du bist doch noch so jung", sagte ich. „Ik bin
dreiundzwanzig, wat denkst´n du?“ Es klang so, als sei er vierzig oder noch
älter. "Das ist schon in Ordnung so, wir Jungen hatten es leichter, wir haben ja
nichts zu verlieren. Die Alten, die mit die Kinder und ne Frau zu Hause hocken,
für die war das echt hart, von denen sind viele schon nach einer Woche wieder
Heim geflogen. Aber die Anderen, die haben wir mit unserer Naivität und unserer
Leichtigkeit angesteckt.“
Ich dachte an die Leichtigkeit und wie es überhaupt
möglich war im Krieg Leichtigkeit zu empfinden und dass der Junge Schlüsse zog, die ihm das Erlebte erträglicher machten.
Ich bewunderte ihn, weil mir das nie gelang. „Ik hab mir das mit dem Bund nicht ausgesucht,“
sagte er, als wolle er sich vor mir rechtfertigen. „Ik hasse den Laden, aber ik
hatte die Wahl zwischen Knast und Armee. Willste meine Geschichte hören?“ Er
warnte mich: „Ik kenne die Schriftsteller, schreiben
alles uff, denen kannste nix anvertrauen. Mach det
Heft zu", sagte er, erhob sich, zog den Bund seiner Hose nach oben, rückte sein
Glied mit dieser typisch männlichen Geste unter dem Stoff zurecht
und ging Richtung Tresen. „Willste och en Bier?“ Ich schüttelte den Kopf.
Er kam zurück, setze sich, rückte mit seinen kräftigen Körper dicht an mich heran. „Ik hatte schon
mit vierzehn irre viel Kohle, hab gedealt, nur weiche Drogen, aber det lief
echt gut. Hab nur Boss und Armani Klamotten getragen. Meiner Alten hab ik jede
Woche nen Hunderter in die Hand jedrückt. Die wusste das, hat nur gesagt, dass ich nicht werden soll wie mein Vater, der im Knast wohnt." Er grinste mich breit an. Ich dachte an meinen Sohn und an seinen Vater und
dass ich auch nicht wollte, dass mein Sohn wie er wird. Der Junge fuhr mich an: "Hey, hörste noch zu?“. „Ja, sicher, ich höre dir zu,“
beruhigte ich ihn."Irgendwann ham se mich dann erwischt. Kapiert haben die nichts. Die Kids, die gehen abends in
die Clubs, vierzehn, fünfzehn sind die. Die Mädchen, die sind so
zugeschminkt, dass du nicht siehst wie alt die wirklich sind. Die gehen
schicken, nur das interessiert die. „Was machen die? Sie machen sich schick,
oder was meinst du?, fragte ich. „Schicken, det bedeutet, die jagen sich das Zeug in den
Hals oder in die Nase, egal was, Hauptsache et brummt im Kopp. Die große Blase im Hirn, wo du nichts mehr wahrnimmst wie
es ist. Die machen das jedes Wochenende und keiner merkt was oder tut was
dagegen.“ Er sah mich mit unbeteiligtem Blick an währende er einen Schluck aus der Flasche nahm.
Mir
fiel die Kinnlade herunter, ich muss lächerlich ausgesehen haben. In
seinen Worten waren weder Wut, noch Empathie, noch Enttäuschung. Er erzählte,
als erzähle er, was er gestern zum Abendessen gegessen hatte. „Warum machen die
Kids das?“, fragte ich ihn. „Na, wenn die dann drauf sind, Ecstasy, Speed, oder weiß der Geier was, dann quatschen die stundenlang mit einem völlig Fremden, als sei er ihr
bester Freund oder sie liegen sich in den Armen und halten einander fest, die
sind dann gut drauf. Die suchen Zuwendung, um die kümmert sich doch keiner. Bei
mir war det genauso. Vater im Knast, Mutter den ganzen Tag am malochen und ich
hab mir nach der Schule das Essen in die Mikrowelle geschoben, Schlüsselkind halt.
Bis ich dreizehn war, dann bin ich nicht mehr Heim Mittags. Hab rumgehangen
mit den Anderen, auf die auch keiner gewartet hat und mir die Joints reingezogen
und dann wars ruhig im Kopf und warm im Bauch. Und irgendwann hab ich gedealt.
Sagt einem ja och keener wat passiert, wenn man druff iss. Die haben keene
Ahnung wie det Zeug wirkt, die Psychologen", berlinerte er. Er grinste verächtlich: "Die
haben höchstens mal dran gezogen, wat wissen die schon?“ Aber wer soll die Kids
dann aufklären?, fragte ich ihn.“ Na, die, die das Zeug konsumieren, die rauchen, die die Trips
und die Pillen einwerfen, die wissen was das mit einem macht, nur die wissen das.“ „Du meinst,
die Süchtigen selbst?“ “Logisch, wer
sonst, das Gequatsche von diesen Psychoheinis, die Aufklärungsplakate, keine
Macht den Drogen und so, alles fürn Arsch. Und kriminell is et och noch. Det is besonders cool, is illegal, det gibt den Kick, den Reiz, verstehste?“
Ich nickte sprachlos. „Und wer nicht mitmacht ist draußen. Wer will
das schon sein? Außenseiter sind einsam, da hat doch keener Bock druff. Die
Welt ist kalt genug. Was haben die denn für ne Perspektive?“ Er starrte auf seine
Bierflasche. „Ik habs geschafft damals. Entzug, sechs Wochen schwitzen wie ein
Schwein und die Träume nachts. Du wirfst dich von einer Seite auf die
Andere, dein Kopp fängt an zu arbeiten. Die Blase löst sich auf und du siehst zum ersten Mal wieder was da draußen los ist und die Welt sieht dich mit eiskalten Augen an. Scheiss Gefühl, sag ich dir, wenn du siehst, dass du nichts mehr auf die Reihe kriegst. Du ik hab da drüben
im Osten Leute gesehn, die saßen schon dreißig Jahre auf der selben Couch und
keine Aussicht auf einen neuen Fernseher wenn der alte den Geist aufgibt. Keine
Kohle, allet versoffen oder verkifft, nichts außer dem wat se am Arsch haben.
Ich will mit meiner Frau essen gehen können, oder ins Kino und ne ordentliche
Bude haben. Mehr will ich nicht, das ist doch was, oder nich?“
"Ja", antwortete ich, "das ist was." Ich fragte mich, was das für eine Mutter war, die dem Sohn predigte nicht kriminell zu werden
wie sein Vater und das Geld nahm, das er auf illegale Weise
beschafft hatte. Hatte der Junge jemals eine Wahl gehabt? Lag die Ursache allen Übels in der Keimzelle Familie, wer war schuld, der Vater, die Mutter oder die
Gesellschaft? Was war ich für eine Mutter, war ich besser als sie? Ich war verwirrt, fühlte mich angegriffen, ertappt. Würde mein Sohn eines Tages einer Frau in einem Zug eine
ähnliche Geschichte erzählen? „Da guckste, hättste nicht gedacht von mir, so wie ik da sitze mit der feschen
Uniform von der Deutschen Bundeswehr. Ich scheiss aufs Vaterland. Geht sowieso
alles den Bach runter, da ist es doch völlig egal was du machst. Aber ich hab Freunde, das
zählt. Mit denen treff ich mich heute Abend im Görlitzer Park, da gehts dann
ab, saufen, bis du alles vergißt. „Ich kenne den Park, ich
war da schon mal, aber der ist ziemlich dreckig, antwortete ich. „Dreckig? Weißt du was dreckig iss?
Dreckig sind Leute die dich anlügen, det is dreckig.“ Er sah mich an,
eindringlich, ernst. „Und du, wat machst du auf dem Wrangelkietz? Du bist doch
ne feine Dame, oder seh ik det falsch?“ „Ich bin verliebt.“ Er lachte laut: "Nicht
zu fassen, die Liebe, die ist auch nur eine Lüge.“ „Ich will wissen ob es so ist,
deshalb gehe ich auf den Wrangelkietz, mein Freund lebt dort. Er schlug sich auf die Schenkel und lachte
jovial: „Genau so sind se die Schriftsteller, wollen allet
wissen. Na denn, allet Gute bei de Recherche.“ Er nahm seine Bierflasche vom Tisch und verließ, ohne sich noch einmal
umzudrehen, das Zugbistro. Ich dachte über den Krieg nach, über den Jungen und über die Liebe. Vielleicht war sie doch nur eine Illusion, wie alles, was wir an einem anderen festmachen. Als ich
am Ostbahnhof ausstieg und mir auf dem Bahnsteig eine Zigarette anzündete, spürte ich wie meine Finger zitterten.
Montag, 18. August 2014
Freitag, 15. August 2014
Gedankensplitter
die meisten leute wissen nicht, wer sie sind.
ohne die aufmerksamkeit und anerkennung anderer
verschwindet plötzlich jede vorstellung über sich selbst.
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