Von Fernado Pessoa stammt der Satz: "Wenn das Herz denken könnte, stünde es still." Darin liegt so viel Schmerz, dass mir das Herz beim Lesen weh tut.
"Ich kann mein Herz nicht mehr öffnen, weil ich verletzt wurde", diesen Satz höre ich oft in der Praxis und auch sonst. Ich selbst fühlte das nach einer tiefen Verletzung durch einen geliebten Menschen auch so. Denke und glaube ich so, bleibe ich an meinem Schmerz haften. Ich bleibe an denen oder dem haften, die ihn mir zugefügt haben. Ich füge mir selbst über den Schmerz hinaus Leid zu. Ich mache aus Schmerz Leiden, im Glauben mir eine schützende Rüstung um mein Herz legen zu müssen, auf dass mich nichts und niemand mehr berührt und verletzt. Aber, in dieser Rüstung lebt es sich nicht gut. Sie ist hart und eng. Sie macht Atmen schwer, Bewegung schwer, trennt mich von allen, die mir nah kommen wollen. Sie macht allein. Aus Selbstschutz wird Selbstkasteiung.
Es ist schwer sich aus der Verhaftung mit einem alten Schmerz zu herauszulösen, schwer die schützende Rüstung abzulegen im Wissen – jetzt bin ich wieder verletzbar. Schmerz ist wieder möglich. Neuer Schmerz. Manchmal kann es sogar soweit kommen, dass die Rüstung so vertraut oder sogar so liebgeworden ist, weil sie als Schutz für mein verletztes Herz gute Dienste leistet. Das Herz aber wird leiden. Es wird an der Enge langsam ersticken. Es wird an Einsamkeit, an Verbitterung, an Resignation erkranken.
Der fanzösische Philosoph Blaise Pascal schrieb einst: "Es gibt eine Vernunft des Herzens, die der Verstand nicht kennt. Man erfährt es bei tausend Dingen." Und: "Wir erkennen die Wahrheit nicht allein mit der Vernunft, sondern auch mit dem Herzen."
Ein verletztes Herz, das sich verschließt, verschließt sich nicht nur der Wahrheit, es verschließt sich der Liebe und der Möglichkeit wieder zu lieben. Es erfährt keine Verbundenheit, nicht mit den Mitmenschen, nicht mit dem Transzendentem, dem Urgrund allen Seins. Es wird hart und zu echtem Mitgefühl ist es nicht mehr fähig. Mitgefühl ist eine Herzensqualität, die Selbstliebe und Liebe zu anderen mit einschließt. Mitgefühl gehört zur Herzensbildung. Und damit verbunden ist die Haltung uns anrühren und berühren zu lassen. Es usn ans herz zu legen, was usn anrührt. Herzensbildung hat mit rationalem Wissen nichts zu tun, es geht um die Freude am Sein, um das Teilen der Freude am Sein, um Verständnis für uns selbst und andere, um die Entfaltung unserer Menschlichkeit in unserem Alltag.
Wandle dein Herz, dann wandelt sich dein Sinn!
Wer mit verschlossenem Herzn durch das Leben geht wird immer nur das sehen, was ungut ist, er wird sich als ausgestoßen, getrennt empfinden oder sich sogar bedroht fühlen. Er wird Menschen und Welt durch eine dunkle Brille sehen und nur noch das Ungute seiner Mitmenschen durch diesen Filter wahrnehmen. Seine Aufmerksamkeit wird all dem entzogen, was gut ist. Er wird blind für das Licht, hart und verurteilend anderen gegenüber, die ihm im Grunde nur den Schatten spiegeln, den er selbst in sich trägt, aber nicht sehen kann.
Um die Rüstung abzulegen und im Herzen zu gesunden, bedarf es der Verantwortungsübernahme für das eigene Leben. Und das bedeutet, uns zu öffnen für das Leben, wieder und wieder, auch wenn wir verletzt sind und auch wenn wir die Gefahr eingehen wieder verletzt zu werden.
„Das Leiden, die Not gehört zum Leben dazu, wie das Schicksal und der Tod“ , schreibt Viktor Frankl. Es gibt immer schmerzvolle Dinge und Umstände, denen wir als Mensch unausweichlich begegnen. Es gibt das Schicksal, das manchmal ein Arschloch ist. Es gibt so vieles, was nicht in unserer Hand liegt. Es gibt Erfahrungen, die uns alles abverlangen und denen wir uns stellen können oder nicht. Es gibt Dinge, die unveränderbar sind, egal wie sehr wir uns dagegen wehren. Es gibt Menschen, die uns enttäuschen und verletzen. Es gibt so vieles, was unser Herz kränken kann. Ich kenne fast alles. Aber niemals habe ich mein Herz verschlossen, weil ich weiß, ein verschlossenes Herz wird auf Dauer krank und weil ich das Leben liebe, trotz allem, was es an Ungutem gibt. Immer wieder, wenn ich raus gehe, mich in mein Lieblingscafé setze, habe ich schöne Begegnungen. Gesetern hatte ich eine solche Begegnung mit einer Frau meines Alters. Wir hatten ein wunderbares Gespräch, ich fühlte eine tiefe Verbundheit. Am Ende ging sie zum Bezahlen ins Café. Sie kam heraus und machte mir ein kleines Geschenk. Eine köstliche Tafel Schockolade. "Danke", sagte sie und ging mit einem Lächeln. Ich ging mit einem Lächeln, dankbar für diese Begegnung.
Ich erzählte es meinem Sohn, der sagte: "Wahnsinn, Mama, was du immer für Begegnungen hast."
Wie wir mit einem erletzen Herzen umgehen, wie wir wählen damit umzugehen, liegt in unserer Hand. Was wir damit machen, liegt in unserer Hand. Das entscheiden wir selbst. Jeden Tag haben wir neu die Wahl, angesichts des Schmerzes, den wir fühlen zu resignieren oder aus dem Schmerz heraus unser Leben neu zu gestalten, indem wir den Sinn im Erfahrenen zu erkennen suchen, indem wir uns fragen: Aus welchem Grund bin ich in dieser Lage? Was will das Leben jetzt von mir? Worin könnte meine Aufgabe, meine Herausforderung liegen?
„Es ist das Leben, das uns die Fragen stellt, wir haben zu antworten und diese Antworten zu ver-antworten“, Nichts anderes kommt uns Menschen zu!“, schreibt Frankl weiter.
Was heißt das?
Es heißt die Herausforderung anzunehmen indem wir uns zu fragen: Wozu fordert mich mein verletztes Herz heraus?
Und: Welche Antwort will ich geben?
Will ich mein Leid vermehren oder es wandeln?
Wandlung hat einen Preis, nämlich den, die scheinbar sichere Rüstung abzulegen, den Schmerz irgendwann sein zulassen, die Verbitterung und die Resignation loszulassen und aufhören zu sagen: "Ich kann mein Herz nicht mehr öffnen, weil ich verletzt wurde." Denn das wird zu einem das Herz verhärtenden Gluabenssatz.
Auch ein verletztes Herz kann wieder ganz werden, nicht mehr ganz so ganz wie es einmal war, aber mutiger, weicher, wissender, weiser, mitfühlender, ehrlicher und wahrhaftiger sich selbst und damit anderen gegenüber.
Wir könnten die Rüstung ablegen und uns fragen:
Was will ich aus meinen Herzen heraus in die Welt geben?
Angelika Wende