Samstag, 21. Juni 2025
Freitag, 20. Juni 2025
Es muss nicht permanent alles in Ordnung sein
Es gibt keine Sicherheit, es gibt keine Kontrollierbarkeit, keine dauerhafte Stabiltität, keine festgefügte Identität. Es gibt das Dasein, das alles umfasst, vor allem den Wandel und die Vergänglichkeit. Alles ändert sich, alles geht vorüber, alles vergeht, am Ende auch wir selbst.
Besser wir akzeptieren das.
Tun wir es nicht, werden wir dauerhaft leiden.
Wir werden weiter der Illusion hinterherlaufen, alles muss doch irgendwann gut sein und unser Leben glücklich. Wir werden weiter auf einen Retter hoffen, der uns die Hand reicht, wenn wir am Abgrund stehen. Wir werden weiter der Illusion der bedingungslosen Liebe hinterherrennen, die es schon in der Kindheit nicht für uns gab, weiter hoffen, dass ein anderer uns von unserer Angst, unserer inneren Leere und unserer Einsamkeit befreit, weiter der Illusion nachhängen, dass es, wenn wir nur gut sind, auch gut für uns wird, weiter glauben, dass, wenn wir alles perfekt machen, alles perfekt wird. Wir werden weiter mit dem Schicksal hadern und es für unser Leid verantwortlich machen, wir werden weiter andere für unser Unbehagen verantwortlich machen. Wir werden weiter vor uns selbst und unseren Schatten weglaufen.
Wir werden mit all dem weiter auf dem Holzweg sein.
Und was ist die Lösung?
Ich könnte es nicht besser formulieren als die buddhistische Nonne Pema Chödrön in ihrem Buch „Die drei Versprechen“: „Vielleicht ist es unser Widerstand gegen die grundlegende Unsicherheit unserer Situation. Das Unbehagen resultiert aus all unseren Bemühungen, Boden unter die Füße zu kriegen und unseren Traum zu verwirklichen, dass permament alles in Ordnung sein müsste.“
Mittwoch, 18. Juni 2025
Der Mensch leidet an sich selbst, weil er mit sich selbst am Schlechtesten umgeht.
Ich habe mich oft geirrt und oft die gleichen Fehler gemacht. Ich habe sie gemacht, weil ich es nicht besser wusste und nicht besser konnte. Den größten Fehler, den ich gemacht habe, habe ich immer weiter gemacht, ich habe mich selbst nicht gut behandelt. Heute weiß ich, dieser Fehler zieht viele andere nach sich. Ich weiß aber, indem man sich den wesentlichen Fehler anschaut, das, was man wieder immer tut und was einem nicht gut tut, begreift man mit der Zeit, dass alle Wiederholungen von Erfahrungen die uns in immer neuer Gestalt begegnen, Zeichen sind, die uns auf den wesentlichen Fehler aufmerksam machen wollen. Es ist ein langer Prozess, bis man wird sich bewusst wird, wo der Urgrund der Dinge liegt, der wie eine Quelle all das sprudeln lässt, was zu dem, was wir erfahren haben geführt hat und immer wieder hin führt zu dem, was wir erfahren.
Die Quelle unseres größten Fehlers ist, dass wir Menschen uns selbst nicht genug zu lieben, nicht genug wertschätzen. Weil uns das nicht gelingt, behandeln wir uns nicht gut. Ich kenne Menschen, die sogar in Momenten des größten Glücks und der intensivsten Freude diesen destruktiven Teil in sich hören, der ihnen zuflüstert: „Das hast du nicht verdient!“
Das Glück und die Freude verwandelten sich so in Angst das Schöne und Gute wieder zu verlieren. Ich habe mit dieser Überzeugung über mich selbst im Leben viel verloren. Es wurde mir nicht genommen, ich habe es mir selbst genommen. Ich habe Dinge und Umstände gestaltet, ich habe mir Ziele gesetzt und sie sogar verfolgt, und als ich sie vor Augen hatte, sie ganz nah an der Erfüllung waren, habe ich sie nicht wahrgenommen, unbewusst aus der Überzeugung heraus: „Das hast du nicht verdient!“ Er hat gesiegt, der Teil in mir, der es mir nicht erlaubt hat, der mich den Fehler machen ließ das Gute nicht anzunehmen, weil ich es ja nicht verdient habe.
Der Mensch leidet an sich selbst, weil er mit sich selbst am Schlechtesten umgeht.
Menschen bauen auf und zerstören. Es ist ein Trieb, so sind wir angelegt. Aber manchmal zerstören wir aufgrund unbewusster Überzeugungen das Gute. Aber wir sind auch so angelegt, dass wir uns das Unbewusste bis zu einem gewissen Grad bewusst machen können. Wir haben einen Verstand und wir besitzen die Fähigkeit zu entscheiden. Das bedeutet wir haben die Wahl. Unabhängig vom großen Plan, haben wir die Möglichkeit zu wählen, auch wenn sich am Plan vielleicht dadurch nichts ändert. Das Entscheidende ist die Bereitschaft sich nicht wehrlos einem Schicksal unterzuordnen, von dem wir glauben, so ist es für uns bestimmt, weil wir es nicht besser verdient haben.
Vielleicht ist es ja gerade der Plan, dass wir lernen aus all den vermeintlichen schicksalhaften Geschehnissen, dass wir gerade durch sie aufgefordert sind unser Schicksal zu wandeln. Ein Mensch bei dem alles glatt läuft, dessen Leben kaum Höhen und Tiefen hat, wird sein Schicksal nicht wandeln wollen. Er lebt, wahrscheinlich ohne viel darüber nachzudenken, im Einverständnis mit dem Plan. Jeder aber, dem das Leben Schweres auferlegt, hat vielleicht genau die Bestimmung das Schwere zu wandeln. Wenn er es nicht tut, verliert die Weltenseele möglicherweise das Interesse.
Montag, 16. Juni 2025
Die Lösung ist Selbsterforschung
Wenn wir an unseren Gedanken festkleben sind wir gefangen. Sie beherrschen uns und unsere Gefühle und wir fühlen uns machtlos.
Sie werden zu Gewohnheiten und wir stecken ewig fest.
Jede Gewohnheit wird zur Gewohnheit durch Wiederholung.
Was ist die Lösung?
Die Lösung ist: Selbsterforschung.
Und wenn wir uns selbsterforscht haben wenden wir Mittel an um unsere Gewohnheiten zu ändern.
Wir verpflichten uns, uns selbst gegenüber, unseren Geist von all dem Müll zu reinigen, der uns nur geschadet hat.
Wir unterlassen, was uns schadet.
Klingt einfach.
Ist es nicht.
Alles was uns schadet, tun wir, weil wir damit etwas für uns erreichen wollen.
Wir wollen uns entlasten, wir wollen uns betäuben, wir wollen uns besser fühlen, wir wollen fliehen, uns verstecken, nicht fühlen, was wir fühlen könnten, wenn wir all das weglassen, was uns daran hindert zu fühlen, was wirklich ist.
Wir wollen zum Beispiel die Wut nicht fühlen, die seit ewigen Zeiten in uns brodelt und kippen sie anderen über, wir wollen andere wütend machen, um mit unserer Wut nicht allein zu sein, anstatt die Wut in uns selbst zu fühlen und zu entdecken, dass Schmerz dahinter liegt und Ohnmacht und Trauer.
Wie schwach würden wir uns fühlen ohne den Schutzpanzer der Wut. Wie klein und ohnmächtig kämen wir uns vor, ohne die Wuternergie, die sich aufbläst im Inneren um den Kern der Wut zu ersticken. Wie viel Schmerz und Trauer wären da plötzlich.
Und wie damit umgehen?
Und so machen wir weiter, gefangenen im Käfig eines unklaren Geistes, der zu einem unklaren Dasein führt, einem Dasein ohne Mitgefühl für uns selbst und ohne Mitgefühl für andere, verbarrikadiert hinter dem Bollwerk all der Gefühle, die nicht fließen dürfen.
Wenn wir uns selbst erforschen und uns unserer Gefühle bewusst werden, wenn wir sie mit Neugier und Mitgefühl betrachten, erkennen wir, mit welchen unheilsamen Gewohnheiten wir uns gegen das wappnen, was wir nicht fühlen wollen, und wir erkennen, wie sehr sie uns das von uns selbst und unseren Nächsten entfernt. Und dann wenden wir Mittel an um das zu ändern.
Sonntag, 15. Juni 2025
Zu einem emotionalen Ausbeuter gehört ein emotional Ausbeutbarer
Emotionale Ausbeuter, kurz beschrieben, sind Menschen, die versuchen mit manipulativen Taktiken die Emotionen anderer zu nutzen, um sie zu ihren eigenen Zwecken zu benutzen.
Das funktioniert aber nicht mit jedem von uns.
Es funktioniert bei denen von uns, die emotional ausbeutbar sind. Kurz beschrieben sind dies Menschen, die ein geringes Gefühl für ihren eigenen Wert haben und ihre eigenen Bedürfnisse übergehen um geliebt und gebraucht zu werden, wobei sie gebraucht werden oft als Ersatz für Liebe nehmen.
Von der unbewussten Angst vor Zurückweisung, Ablehnung und einem starken Bedürfnis nach Harmonie angetrieben, tun sie alles um anderen zu gefallen, um anderen zu helfen, um die Bedürfnisse und Erwartungen anderer zu erfüllen. Gelingt ihnen das, gibt ihnen das ein Gefühl von wertvoll und liebeswert zu sein, was sie in sich selbst nicht spüren können. Die Bestätigung von Außen fungiert wie eine Belohnung und das führt dazu, dass sie immer wieder wiederholt wird und andere Möglichkeiten nicht mehr gesehen werden.
Viele dieser emotional Ausbeutbaren sind empathisch, sie haben Mitgefühl, sie geben und helfen gerne, wenn sie sehen, das andere Unterstützung brauchen oder leiden.
Sie geben anderen, was sie selbst so nötig brauchen.
Die Falle ist: Sie sind gefällig, um zu gefallen.
Wenn diese Menschen dann Hilfe brauchen, sind sie oft allein.
Und dann fragen sie sich: Wie kann das sein, ich bin doch immer für andere da?
Was ist mit Karma?
Tja, Karma ist so eine Sache.
Fritz Pearls hat dazu eine Meinung: „Zu erwarten, dass einen die Welt gerecht behandelt, weil man ein guter Mensch ist, kommt dem gleich, zu erwarten, dass ein Stier einen nicht angreift, weil man Vegetarier ist.” Das ist die brutale Wirklichkeit.
Also wie kann es sein, dass Karma uns nicht für unsere Bereitschaft zu geben, im Ausgleich belohnt wenn wir auch eine „milde“ Gabe benötigen? Wie kann es sein, dass es oft genau diese Menschen sind, die emotional leer ausgehen?
The more you give, the more they take.
Das ist das mit dem kleinen Finger und der ganzen Hand.
Menschen sind so gestrickt, dass sie nehmen, was sie kriegen können. Besonders dann, wenn sie nichts dafür tun müssen.
Sie haben einen Instinkt dafür, wo sie die ganze Hand greifen können, nachdem ihnen der kleine Finger gereicht wurde. Und sie schämen sich auch nicht dafür. Wieso auch?, die Hand wird ihnen ja hingestreckt.
Wer ständig die Hände öffnet und ständig gibt, setzt das Signal: Nimm nur, bediene dich, ich verschenke was du brauchst - for free.
„For free“ kann zur einer Falle der emotionalen Selbstausbeutung werden, denn Menschen gewöhnen sich daran viel zu bekommen ohne etwas zurückzugeben oder auch nur danke zu sagen.
Zudem setzt dieses bedingungslose Geben das Signal: Ich bin (mir) nicht wichtig. Ich bin nicht von Bedeutung.
Wer nicht wichtig ist, ist uninteressant für andere. Um es hart auszudrücken: Er ist gänzlich unattraktiv. Worum sich der Mensch nicht bemühen muss, wonach er nicht „jagen“ muss, ist für ihn wertlos.
Wer das Signal setzt, nicht wichtig zu sein, den achtet man nicht, den benutzt man, den nutzt man aus für die eigenen Bedürfnisse. Geht doch! Der braucht ja nichts für sich selbst.
Auch ein Signal, das wir setzen, wenn wir anderen grenzenlos gefällig sind, wenn wir grenzenlos geben und keine Grenzen setzen.
Wer keine Grenzen setzt ist grenzenlos.
Für alle Überschreitungen offen.
Emotional Ausbeutbare leben in diesem Anpassungsverhalten und je länger es aufrecht erhalten wird, desto mehr verfestigt es sich in den neuronalen Bahnen des Gehirns und wird dann automatisch abgerufen. Zugleich lernt das Gehirn, dass eigene Bedürfnisse nicht wichtig sind und sendet dazu keine Signale mehr. Daher kommt auch der Satz: "Ich spüre mich nicht mehr," den ich in Sitzungen mit emotional ausbeutbaren Menschen oft höre. Sie nehmen sich selbst nicht wahr. Kein Wunder, wenn sie ständig gegen sich selbst und ihre Bedürfnisse handeln. Manche bis zur totalen Erschöpfung.
Diese Menschen dürfen sich bewusst machen, wie wichtig es ist, sich selbst wieder oder endlich wichtig zu nehmen um nicht in Co-Abhängigkeit, Selbstaufgabe und Selbstverlust zu enden. Sie dürfen lernen - sie erreichen mit ihrem bedingungslosen Geben nicht das, was sie sich ersehen, nämlich Wertschätzung, Anerkennung und Liebe. Sie erreichen oft genau das Gegenteil: Man melkt sie wie eine Kuh und wenn die Kuh keine Milch mehr gibt, oder die Milch anderswo besser schmeckt, tauscht man sie aus und lässt sie alleine im Stall stehen.
„Nach Lieben ist Helfen das schönste Zeitwort der Welt“, schrieb einst die Aktivistin und Schriftstellerin Bertha von Suttner.
Aus vollen Herzen mein Ja, ... aber!
Liebe ist wunderbar, Helfen ist wunderbar, aber nicht aus Motiven heraus, die (unbewusst) dazu dienen die Liebe, die wir in uns selbst und für uns selbst nicht empfinden im Außen zu finden. Helfen ist wunderbar, wenn es nicht der untaugliche Versuch ist durch Helfen, gesehen, gewertschätzt und geliebt zu werden.
Emotionale Ausbeutbarkeit ist die Folge eines erlernten Verhaltensmusters aus der Kindheit, wo es immer darum ging, dass die anderen zuerst kommen, die anderen wichtiger sind, die anderen mehr Rechte haben und man den anderen zu Gefallen sein muss. Daraus wird: Die anderen kommen zuerst, ich komme zuletzt. Viele emotional Ausbeutbare erlebten zudem eine Kindheit, in der es keine bedingungslose Liebe gab, sondern immer ein Sein, Tun und Handeln „UM“ - um gesehen und um geliebt zu werden. Gelungen ist es schon damals nicht.
Ich war eine emotional Ausbeutbare. Meine Geschichte habe ich aufgeschrieben für alle, die es auch sind und es nicht mehr sein wollen. Hier ist der Link zum Buch: https://buchshop.bod.de/weil-ich-endlich-geliebt-sein...
Samstag, 14. Juni 2025
Verzweiflung ist der schlimmste Affekt
Verzweilfung ist der schlimmste Affekt.Verzweiflung ist ein komplexes emotionales und psychologisches Phänomen, das häufig in Situationen intensiver Belastung, nach einem schweren Verlust oder angesichts auswegloser Umstände auftritt. Psychologisch betrachtet ist Verzweiflung eine Reaktion auf eine wahrgenommene Diskrepanz zwischen den eigenen Erwartungen, Bedürfnissen oder Zielen und der aktuellen Realität, die als unerträglich oder unüberwindbar erlebt wird. Aus neurobiologischer Sicht sind bei der Verzweiflung sogar Veränderungen in den Hirnregionen beteilig. Diese Veränderungen können dazu führen, dass die Person sich hilflos, ausgeliefert und ohne Kontrolle fühlt, was die emotionale Belastung verstärkt. Psychologisch spielt die Verzweiflung eine zentrale Rolle in verschiedenen Theorien der Bewältigung und Resilienz. Sie kann als eine Krise der Sinnfindung betrachtet werden, bei der der Mensch den Glauben an eine positive Zukunft verliert. In solchen Momenten kann die Wahrnehmung der eigenen Hilflosigkeit dominieren, was die Motivation zur Problemlösung erheblich beeinträchtigt.
Oft sind Menschen in ihrer Verzweiflung emotional nicht mehr erreichbar. Der Verzweifelte befindet sich in einem tiefen emotionalen Ausnahmezustand. Er zieht sich zurück um mit den intensiven Gefühlen irgendwie umzugehen. Verzweiflung ist eng mit depressiven Zuständen verbunden, da sie oft von Gefühlen der Hoffnungslosigkeit, Wertlosigkeit und innerer Leere begleitet wird. Diese Gefühle können in einem Teufelskreis enden in dem negative Gedankenmuster die emotionale Lage weiter verschlechtern. Wenn ein Mensch vollkommen vereinsamt ist und niemanden hat, kann das die Verzweiflung noch verstärken.
Da ist Angst, da ist Ohnmacht, da ist Hoffnungslosigkeit.
Niemand, der sich seinem Leid zuwendet.
Der Verzweifelte bleibt allein zurück, allein in seinem Schmerz und untröstlich.
Leere.
Der Fall in ein tiefes Loch.
Verzweiflung macht sich breit und breiter. Sie überschattet das Leben.
Nichts macht mehr Freude, nichts hat mehr Bedeutung.
Nur noch Einsamkeit innen.
Eine existenzielle Einsamkeit, die sich eingräbt und bleibt.
Der Verlust von Sinn.
Der dänische Philosoph Sören Kierkegaard wagte um die Mitte des 19. Jahrhunderts die Behauptung, kein Mensch lebe oder habe gelebt, ohne dass er verzweifelt gewesen sei. Daher sei es keine Seltenheit, dass jemand verzweifelt, sondern - im Gegenteil - das Seltene, ja sogar das sehr Seltene sei, dass jemand nicht verzweifelt ist. Und er behauptete weiter: „Sich nicht bewusst zu sein, dass man verzweifelt ist, heißt noch lange nicht, nicht verzweifelt zu sein.“
In der Sinnkrise wird die Verzweiflung ins Unbewusste verlagert. Die Leere, die gefühlt wird, ist nichts anderes als schiere Verzweiflung am Verlust des Lebenssinns, die Verzweiflung am eigenen Sein, das wirkungslos geworden erstarrt und als nutzlos empfunden wird.
„Zweifeln“ heißt zweifachen Sinnes sein, sich in der Schwebe zwischen zwei oder mehreren Möglichkeiten halten. So mündet zweifelndes Denken im besten Falle aus dem wogenden Meer der Möglichkeiten in den sicheren Hafen. Das Ziel des Denkens geht vom Ungewissen über das Mögliche zum Ziel hin. Wer aber am Leben verzweifelt erlebt den Verlust aller Möglichkeiten und damit den Lebenssinn.
Wir alle können den Sinn verlieren, auch ich kenne das. Immer wieder gab und gibt es Momente in meinem Leben in dem die Verzweiflung wie eine riesige Welle über mir zusammenbricht. Momente, in denen sie mich wie ein schwarzer Schatten überfällt. Dann schwimme ich um aus der Tiefe der Welle wieder nach Oben zu kommen. Das erfordert Kraft und führt auch immer zu Kraftlosigkeit, aber es bedeutet: Überleben, trotz und mit der Schwäche, die immer noch ausreicht um einen Sinn zu finden, auch da wo der alte verloren ist.
Sinn suchen und uns Sinn geben, das können nur wir selbst.
Wir finden ihn nicht indem wir Vorgedachtes und Vorgelebtes übernehmen. Den Sinn des Lebens darf jeder selbst für sich suchen und finden, und im Zweifel auch wieder verlieren und wieder neu finden. Der Mensch ist Schöpfer, der sich zu jedem Zeitpunkt seiner Biografie selbst aus der Taufe hebt, wenn er sich dessen bewusst ist. Es ist an uns selbst den Sinn in das eigene Leben hineinzulegen, um ihn dann herauslesen zu können. Das ist Sinngebung und dieser folgt Sinnempfinden. Den Sinn des eigenen Lebens finden, heißt: sich in Zusammenhänge hinein zu denken. Dem eigenen Leben Sinn zu geben heißt: die Zusammenhänge in unserer Biografie erkennen, den roten Faden erforschen, ihn weiter zu spinnen und zwar an unserem eigenen Spinnrad und nicht die Fäden den Händen anderer zu überlassen.
Kierkegaard behauptet nicht, dass der Zweifel notwendigerweise zur Verzweiflung führt. Er behauptet aber, dass der Zweifel sich dann in Verzweiflung ergibt, wenn er an einen Punkt gelangt, an dem er nicht mehr weiter weiß. Solange wir noch zweifeln, verzweifeln wir nicht, dann gibt es noch Alternativen und Möglichkeiten. Erst wenn diese restlos ausgeschöpft sind, macht sich die Verzweiflung breit, dann ist der Mensch erschöpft – es kommt zum Bruch zwischen Ich und Welt.
„Ich gehe davon aus, dass es sich bei der Verzweiflung um eine bestimmte phänomenale Ausdrucks-und Erlebnisqualität einer psychischen Befindlichkeit handelt, die den ganzen Menschen in leiblichen, emotionalen, motivationalen und kognitiven Hinsichten erfasst, und die sich von der phänomenalen Qualität anderer Befindlichkeiten unterscheiden lässt. Um auf diese Art und Weise zu erkennen, ob man selbst oder jemand Anderes verzweifelt ist, muss man dann zwar bestimmte phänomenale Qualitäten introspektiv oder am Verhalten des Anderen wahrnehmen, aber man muss nicht wissen, was sich kausal oder funktional, hormonell oder neuronal in Gehirn und Nervensystem dieses Menschen abspielt.“ Schreibt Friedhelm Decher in seiner Monographie "Verzweiflung. Anatomie eines Affektes."
Der Affekt der Verzweiflung stellt sich Decher zufolge dann ein, wenn sich ein Mensch in einer absolut hoffnungs-und ausweglosen Lage befindet, die sich dadurch kennzeichnet, dass er keine Wahl mehr hat, dass ihm jegliche Freiheit der Entscheidung genommen ist. Verzweiflung wäre demzufolge der Verlust von Wahl-und Entscheidungsfreiheit.
Für mich ist Verzweiflung auch der Moment, wo wir das Gefühl haben nicht mehr weiter zu wollen, obwohl es Möglichkeiten gäbe. In der Verzweiflung können wir sie zwar durchaus noch sehen, aber sie nicht mehr ergreifen. Wir sind emotional dazu nicht mehr fähig, warum auch immer. Das ist der Moment in dem wir Hilfe brauchen um mit dieser Hilfe nach Etwas zu suchen, was uns aus dem tiefen Meer der Verzweiflung herauszieht.
"Wessen wir am meisten im Leben bedürfen ist jemand, der uns dazu bringt, das zu tun, wozu wir fähig sind", schreibt Ralph Waldo Emerson.
Ein verzweifelter Mensch braucht ein Gegenüber, das ihn versteht, seine Verzweiflung annehmen kann und nicht vor ihr zurückschreckt aus dem Gefühl eigener Hilflosigkeit heraus. Jemand, der vor der Wucht der Verzweiflung des anderen nicht flieht. Wir brauchen jemanden, der uns aktiv hilft, indem er uns Denk- und Handlungsalternativen anbietet, die uns zu einer neuen existentiellen Einstellung verhelfen. Wir brauchen eine neue Sinngebung. Diese beginnt mit der Bereitschaft unsere Gewordenheit, mit allem, was uns ausmacht, anzuerkennen, mit dem was, war Frieden zu machen, Verantwortung für unseren bisherigen Lebensweg zu übernehmen und daraus die Konsequenzen für unseren weiteren Lebensweg zu ziehen.
Wenn es uns gelingt die Vergangenheit anzuerkennen und, ganz gleich wie sie war, produktiv auf unsere Gegenwart zu beziehen, können wir lernen, angemessen mit der Gegenwart umzugehen und zuversichtlich in die Zukunft zu blicken. Dann sehen wir wieder Möglichkeiten, die uns aus der Verzweiflung auferstehen lassen wie Phönix aus der Asche.
Trotz ihrer überwältigenden Natur ist Verzweiflung in den meisten Fällen kein dauerhaftes Gefühl. Alle Wege um sie zu überwinden zielen darauf ab, negative Denkmuster zu erkennen und zu verändern, um wieder Hoffnung und Handlungsfähigkeit zu entwickeln, auch wenn es schwer ist.
Hoffnung bedeutet hier: Die Möglichkeit zu akzeptieren, dass sich die Situation verändern kann.
Verzweiflung ist eine menschliche Erfahrung, die tief in unserer psychischen Struktur verwurzelt ist. Sie ist immer ein Signal, dass eine Veränderung dringend notwendig ist. Sie bietet die Chance, durch professionelle Unterstützung und ehrliche Selbstreflexion neue Wege zu finden, um mit diesem bedrohlichen Affekt umzugehen.
Donnerstag, 12. Juni 2025
Aus der Praxis: Scham
Starke Scham ist ein Dämon, dessen Existenz wir gerne verleugnen. Scham hat eine zerstörerische Macht. Scham kann uns wie eine Sucht beherrschen. Wer sich schämt, tut alles um dieses zerstörerische Gefühl zu unterdrücken, doch solange es unterdrückt wird, ist da Leugnen und Abwehr. Scham ist eine der zerstörerischen Kräfte in unserem Leben. Erst wenn wir die Scham benennen können, ohne sie zu verurteilen, verliert sie ihre Macht über uns.
Gesunde Scham ist kein schlechtes Gefühl, sie macht uns menschlich, sie zeigt uns unsere Grenzen, sie sagt uns, wo wir Acht geben müssen, um nicht über das Ziel hinauszuschießen. Sie bewahrt uns davor zu verletzen und zu zerstören.
Starke Scham aber ist zerstörerisch. Sie zerstört unser Selbstbild und zeigt sich in Süchten, Pathologien, Zwängen, Angststörungen, Phobien und Neurosen. Sie kann zur Hoffnungslosigkeit führen und schwächt unsere Lebenskraft.
Scham erzeugt nicht nur das Gefühl in den Erdboden versinken zu wollen – Scham erzeugt auch Wut. Über das zu sprechen wofür man sich schämt, macht wütend, gerade weil man sich schämt. Das Gefühl der Scham, wird es nicht aufgelöst, führt zu einer chronischen Beschämung, und kann zu einer Art "Scham-Wut" führen. Diese Wut ist oft eine Abwehrreaktion auf das Gefühl der Ohnmacht und der Unzulänglichkeit, das mit der Scham verbunden ist. Scham kann auch zu chronischem innerem Stress und Kampf- oder Flucht-Reaktionen führen.
In der Scham verleugnen wir uns selbst, wir fühlen uns, als hätten wir unser Gesicht verloren.
In der Scham fragmentiert sich unser Innerstes. Wir sind bedrückt von der Angst man könne uns entdecken und bloßstellen. Wir verstecken uns vor uns selbst und vor der Entdeckung anderer. Wer sich schämt führt oft ein Leben in seelischer Isolation.
Scham macht scheu - wir scheuen das Licht.
Wir möchten am liebsten in den Boden versinken, wir muten uns keinem zu, wir fürchten Nähe, weil wir fürchten entlarvt zu werden.
Wer unter starken Schamgefühlen leidet steht mit sich selbst im Konflikt und dadurch steht er mit der Welt in Konflikt. Scham ist wie ein eiserner Vorhang, der vom Leben trennt. Scham konfrontiert uns mit unseren vermeintlichen Mängeln, mit Gefühlen von Schuld, Schlechtsein, Fehlerhaftigkeit, Schmutzigsein und Wertlosigkeit. Scham suggeriert: „Du bist nicht liebenswert. Du bist schlecht und somit bist du auch schlecht für andere.“
Scham ist Gegenstand der Selbstverachtung.
Sie ist eine Qual, ein Leiden der Seele.
Scham führt zum Schämen aufgrund der Scham.
Scham führt dazu uns selbst nicht zu achten und zu vertrauen.
Das Gefühl der Scham hat seine Ursachen oft in der Kindheit.
Scham wird internalisiert, wenn sich Bindungspersonen schamlos verhalten, auf welche Weise auch immer, und Kinder zu Zeugen dieses schamlosen Verhaltens werden. Sie übernehmen die Scham stellvertretend für die, die sie nicht empfinden. Scham wird internalisiert, wenn ein Kind gedemütigt, missbraucht, in seinem So-sein nicht geliebt und angenommen wird. Scham wird internalisiert, wenn einem Kind die Existenzberechtigung abgesprochen wird. Man raubt ihm die Menschenwürde.
Ein Kind, das gedemütigt oder missbraucht wird, verliert sein wahres Selbst. Es spaltet es ab. Damit hört es auf seelisch zu existieren. Es verliert seine vitale Lebensenergie, es entfremdet sich von sich selbst. Sich von sich selbst entfremden bedeutet, dass wir Teile unseres Selbst als fremd und nicht zu uns gehörig empfinden. Ein Teil in uns selbst wird zum Objekt der (Selbst)Verachtung. Wer sich selbst verachtet ist sich selbst nicht gut.
Starke Scham kann zu innerer Lähmung, zu innerem Rückzug und affektiver Passivität führen. Ein Leben, das von Scham beherrscht wird, gibt sich nicht die Erlaubnis frei zu sein, frei zu leben. Immer ist da das Gefühl nicht dazuzugehören. Immer ist man auf der Hut. Immer meint man, man ist den anderen lästig oder zu viel.
Der Psychoanalytiker Léon Wurmser schrieb einmal sinngemäß: Menschen sehen ihre Scham gleichsam „im Blick der tausend Augen“ der anderen. Der Blick der „tausend Augen“ ist für Menschen, die unter starker Scham leiden, bedeutsam. Sie leben ständig in der Angst herabgesetzt, herabgewürdigt, ausgegrenzt, gedemütigt und neu beschämt zu werden. Dies führt dazu, dass sie sich immer weiter in sich selbst zurückziehen. Sie bauen Mauern um sich, mauern sich ein in einer Welt, die ihnen Schutz verspricht. Doch dieser Schutz hat den Preis der emotionalen Isolation. Nicht selten führt unbewältigte Scham zur Sucht. Sucht hat immer auch mit einem gespaltenen Selbst zu tun und der Überzeugung ein Mensch zu sein, der mit Makeln behaftet ist und dem Gefühl dem Leben nicht gewachsen zu sein. In der Sucht liegt der Versuch das Gefühl des Schmerzes zu betäuben. Die Sucht und ihre Folgen führen wiederum zu neuer Scham. So erzeugt Scham immer wieder Scham.
Ein Teufelskreis.
Um krankhafte Scham zu überwinden bedarf es immer einer Veränderung des Selbstbildes.
Dazu gehört zunächst die Akzeptanz des Schamgefühls, auch wenn es weh tut.
Dazu gehört: Selbstmitgefühl entwickeln.
Dann heißt es, das Gefühl der Scham zu erforschen, es zu identifizieren und zu hinterfragen um sich von dem Gefühl zu disidentifizieren.
Was war der Auslöser?
Was oder wer hat mich derart beschämt?
Weiter geht es darum Bewältigungsstrategien zu entwickeln.
Im Tiefsten geht es darum die eigene Würde wieder zu erlangen.
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